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TSCHECHOSLOWAKEI / ZENSUR Marsch der Elefanten

aus DER SPIEGEL 39/1968

Die zensierte Presse mit ihrer Heuchelei. ihrer Charakterlosigkeit, ihrer Eunuchensprache, ihrem hündischen Schwanzwedeln ... ist ein zivilisiertes Ungeheuer, eine parfümierte Mißgeburt. Die Regierung hört nur Ihre eigene Stimme ... So tötet die Zensur den Staatsgeist. Karl Marx, »Debatten über die Prellfreiheit« (1842).

Sie konnten niemanden nennen, der

sie gerufen hatte. Sie konnten keinen der 40 000 Konterrevolutionäre vorweisen, die Moskaus »Prawda« in der CSSR gezählt haben wollte. Und sie konnten in der CSSR auch keine einzige antisozialistische Parole finden -weder vor noch nach ihrem Einmarsch.

Die 650 000 Invasoren verteidigten nicht den Warschauer Pakt -- sie brachen vielmehr selbst dessen Nichteinmischungs-Klausel. Sie marschierten auch nicht, wie die »Prawda« behauptete, weil der einzige Pra-

* Eine Explosion zerstörte am 31. August die Fensterscheibe.

ger Pakt-Kritiker, Generalleutnant Prchlik, nicht gerügt worden Sei -- Prchlik war längst entlassen.

Was immer die Sowjets als Begründung für ihren Einmarsch in die CSSR anführten -- es war ein Vorwand. Der Feind, gegen den sie und Ihre Verbündeten aus Polen und Ungarn, Bulgarien und der DDR in Wahrheit marschierten, war das freie Wort, war die Pressefreiheit. Denn die Prager Reformer hatten -- erstmals in einem kommunistischen Land -- im März die Pressezensur aufgehoben und im Juni per Gesetz die Pressefreiheit garantiert.

»Es ging nicht mit Aufruhr auf den Straßen los«, räumte Walter Ulbrichts »Neues Deutschland« ein, »es begann mit unbegrenzter Pressefreiheit.« Und: Der »Konterrevolution« standen in Prag »der Apparat der Presse, des Rundfunks, des Fernsehens fast vollständig zur Verfügung«.

Fünf Monate lang hatten die CSSR-Journalisten -- seit 20 Jahren gezwungen, nur als Stimme der stalinistischen Regierung zu dienen -- die neue Freiheit genossen.

Keiner von ihnen wandte sich gegen den Sozialismus, alle schrieben für einen besseren Sozialismus. »Wenn wir die Pressefreiheit haben, wenn wir die Redefreiheit verteidigen, wenn wir unbarmherzig alles abschaffen wollen, was nicht zum Sozialismus beitrug, sondern ihn im Gegenteil diskreditierte, dann dienen wir damit dem Fortschritt«, glaubte die CSSR-Gewerkschaftszeitung »Práce« im Juli,

Dennoch brachte die demokratischsozialistische CSSR-Presse Gefahr -- für die von Zensoren, Polizisten und Panzern abgesicherten Parteibürokraten der anderen roten Staaten, deren Intellektuelle -- wie der Sowjet-Schriftsteller Solschenizyn und der Atomphysiker Sacharow -- nun auch daheim ein Ende der Zensur verlangten.

Alarmiert forderten Sowjets und Bulgaren, Ungarn, Polen und DDR-Deutsche Im Juli in Warschau von den Tschechoslowaken, »die Leitung der Massenmedien -- Presse, Rundfunk, Fernsehen -- durch die Partei zu sichern«.

Sanft rügte Dubcek daraufhin seine Redakteure, die Partei-Rügen nicht mehr hören mochten: Kaum gedämpfter schallten ihre Worte -- brisanter als Panzer und Raketen -- hinüber in die UdSSR.

Die Parteischreiber der Sowjet-Agentur »Novosti«, in Demut gegenüber dem Zensor erzogen, sammelten emsig Prager Zeitungsausschnitte« aus denen sie herauslasen, daß

* »die Tschechen von den Nazis gut behandelt worden seien«,

* »der Widerstand der Völker der Tschechoslowakei gegen die deutschen Besatzer 'nichts als eine Legende' gewesen sei«,

* »die Sowjetarmee, obwohl sie bekanntlich das Land vom deutschen Faschismus befreite, der Tschechoslowakei die sozialistische Ordnung »aufgezwungen«, das »fremde Joch« gebracht habe«,

* der »Beitrag der US-Armee zur Befreiung der westlichen Tschechoslowakei und der Stadt Pilsen auf geradezu groteske Weise« betont worden sei.

Für Rußland, ein Land ohne demokratische Traditionen, war das unfaßbar. »Mündlich und vor allem auch in der Presse«, klagte »Novosti«, »wurde eine Kampagne entfesselt« um all das in Mißkredit zu bringen, was in der Tschechoslowakei nach 1948 geleistet wurde. Mißtrauen wurde gegen alle ausgestreut, die in diesem Zeitraum irgendwie bedeutsame Ämter in Partei und Staat bekleideten, Tausende von ehrlichen Kommunisten wurden als »konservativ« bezeichnet und so mit einer Art Bannfluch belegt.«

Massenmedien, so steuerte das »Neue Deutschland« als Beweismaterial bei, konnten »nicht nur führende politische Persönlichkeiten bis zum Premier und bis zum Präsidenten hinauf kritisieren, sondern sogar von sich aus Protestversammlungen gegen das 'Establishment' organisieren«.

Den Sowjets war das Grund genug, ihre Invasions-Armee -- größer als die US-Streitmacht in Vietnam -- für die Zensur marschieren zu lassen. Doch die CSSR-Journalisten gingen in den Untergrund, schrieben in Geheim-Quartieren und betrieben versteckte Sender. Illegale Zeitungen riefen zum passiven Widerstand auf und kämpften mit Karikaturen gegen Kanonen und Panzer. Eines dieser Blätter erschien für den Gebrauch der Besatzer: unter dem vertrauten Zeitungskopf der Moskauer »Prawda«. Auf den Bildschirmen der ganzen Welt mußten sich die Okkupanten von der öffentlichen Meinung kontrollieren lassen.

Als erstes besetzten sie Redaktionen, Verlage und Rundfunkgebäude, zerstörten technische Einrichtungen und beschlagnahmten Abonnenten-Karteien. Die Redakteure des Prager Parteiorgans »Rudé právo« fanden bei der Rückkehr aus dem Untergrund ihr persönliches Eigentum nicht wieder, dafür aber zwei im Keller eingeschlossene Sowjetsoldaten.

Mit den Sowjets kamen auch die im Juni arbeitslos gewordenen Zensoren zurück. 1967, im Jahr vor der Reform, hatten sie nach Sowjet-Vorbild 1300mal Artikel von den Redaktionen streichen oder ändern lassen. In den tschechoslowakischen Postämtern wurden 292 500 ausländische Druckwerke überprüft, über 14 000 konfisziert oder an den Absender zurückgeschickt.

Jetzt trat Josef Vohnout, ein ehemaliger Journalist, an die Spitze einer neuen Regierungsbehörde für Presse und Information. Der künftige Chef-Zensor versprach, bei der Kontrolle seiner Ex-Kollegen »nicht zu den bürokratischen Methoden der alten Zensur zurückzukehren«, und versuchte es mit Sprachregelungen an die Chefredakteure.

Doch die Journalisten -- soweit sie sich nicht verborgen hielten oder geflüchtet waren -- sprachen zwischen den Zeilen zu ihren Lesern. So eröffnete das Regierungsfernsehen in Prag seine Sendungen mit einer Nachricht über den Völkermord in Biafra. Die Ansagerinnen traten fortan in Trauerkleidung auf.

Die Wochenschau zeigte zehn Minuten lang rollende Panzerkolonnen und kommentierte die Bilder mit einem einzigen, ständig wiederholten Satz: »Das Leben normalisiert sich, das Lehen normalisiert sich« -- musika-

* Die Überschrift des linken Artikels wendet sich an die »Sowjetischen Soldaten und Offiziere«, die rechte fragt »Potschemu?« (Warum?)

lisch untermalt vom Zirkus-Schlager »Marsch der Elefanten«.

Prager Zeitungen druckten kommentarlos westliche KP-Blätter wie den Londoner »Morning Star« nach, der geschrieben hatte, »daß der Eingriff der fünf ein tragischer Fehler war, der ernste Folgen für die internationale Arbeiterbewegung zeitigen wird«.

Ohne Kommentar erschien auch die Agentur-Meldung, polnische Besatzer seien dekoriert worden. Den Titel des Polen-Ordens brachte »Práce« ironisch als Schlagzeile: »Für die Verteidigung des Vaterlandes«.

Die Prellburger »Pravda« zählte über ihrer Kopfzeile -- wie einst »Bild« nach dem Bau der Mauer -- die Tage der Okkupation und veröffentlichte täglich ein Prominenten-Wort als Losung. Etwa: »Es ist nötig, an dem neuen Weg zu arbeiten. Dies ist unverhältnismäßig schwer, aber durchaus nicht ohne Hoffnung -- W. 1. Lenin.«

Und am 14. Tag: »Eines aber ist sicher: Das siegreiche Proletariat kann keiner fremden Nation irgendeine Beglückung aufzwingen, wenn es nicht seinen eigenen Sieg untergraben will -- Engels«, zitiert nach der russischen Ausgabe.

Die Brünner Parteizeitung »Rovnost« flüchtete sich In die Parabel: »Ein Quadrat wird immer ein Quadrat sein. Schwarz bleibt immer Schwarz, Weiß stets Weiß. Eine Vorschrift ist eine Vorschrift, und Recht bleibt Recht. Die Wahrheit ist und bleibt die Wahrheit ...«

Doch die Geheimsprache der Schwejk-Schreiber wurde auch von den Russen verstanden. Tschechoslowakische Zeitungen. so beschwerte sich die Moskauer »Prawda«, seien neuerdings mit einer »äsopischen Sprache« ausgerüstet und führten voller Andeutungen ein »Katz-und-Maus-Spiel«. Noch immer seien »die Luft und die Seiten der Zeitungen mit Verleumdungen und sowjetfeindlichen Bemerkungen« angefüllt.

Die Kreml-Führer zitierten den CSSR-Premier Cernik zum Sieben-Stunden-Rapport am vorletzten Dienstag nach Moskau. Die Russen -die sich auch noch im Moskauer Diktat vorn 27. August zur Nichteinmischung in innere Angelegenheiten verpflichtet hatten -- legten dem Tschechen einen Stapel Papier vor: Ausschnitte aus der CSSR-Presse, die ihnen nicht gefielen. Schroff forderten sie endgültige Abhilfe.

Eilig versicherte Kreml-Kompromißler Husák, Partei- und Regierungschef der Slowakei: »Es müssen im Informationswesen Maßnahmen getroffen werden, die dem Sozialismus dienen und bewirken, daß keine antisowjetischen und antisozialistischen Berichte mehr gedruckt werden ... Wir müssen und werden das erzwingen.«

Die Nationalversammlung der CSSR beschloß ein neues Zensurgesetz. Auf rosafarbenem Papier ließ Zensor Vohnout vervielfältigen, was fortan neben Hunderten von Tabu-Themen vor allem unterdrückt werden muß: > Kritik an der Sowjet-Union und den anderen Warschauer-Pakt-Staaten, Polemik gegen Moskaus Sozialismus-Version, eingeschlossen Zitate der ausländischen Presse;

* Kritik an den Besatzungstruppen, Verwendung der Bezeichnungen »Okkupation«, »Okkupanten«, »Aggression«, »Invasion«;

* Diskussion einer Neutralität oder eines Eingreifens des Uno-Sicherheitsrats.

Persönlich verantwortlich für Folgsamkeit sind die Chefredakteure. Bei Bruch der Bestimmungen drohen Geldbußen bis zu 12 500 Mark und Verbot der Zeitung bis zu drei Monaten.

»Wir, die tschechoslowakischen Kommunisten, haben es nicht leicht gehabt«, schrieb 1942 der Prager Journalist Julius Fucik in der damals zum erstenmal illegal herausgegebenen Parteizeitung »Rudé právo«. »Wir wurden verfolgt, verhaftet, all unsere Zeitungen und Zeitschriften wurden verboten, man lieferte uns der Gestapo aus ... Aber hat man uns vernichtet? Nein!«

Im September 1943 wurde Fucik in Berlin-Plötzensee hingerichtet; selbst seinen Abschiedsbrief zensierte die Gestapo.

Im September 1968 finden im ganzen Ostblock Gedenkfeiern für Fucik statt. »Vor seiner Größe verneigen sich die Völker«, schrieb das »Neue Deutschland«. Und: »Seine Worte sind noch Immer aktuell.«

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