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Martins Keuschhusten

Aus dem Chemie-Thriller »Das leise Gift« hat Regisseur Erwin Keusch einen sentimentalen Alchimisten-Krimi gemacht. *
aus DER SPIEGEL 36/1984

Werksphotograph Martin Vogel (Peter Sattmann) ist ein tragischer Held mit Husten. In Erwin Keuschs Film »Das leise Gift« - am Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD - hallt Martins Bellen laut durch die Etagen der Galag-Chemie. Seine flüchtigen Affären mit der Gauloise enden immer, Schall und Rauch, mit einem sensationellen Erstickungsanfall.

Martin ist zudem verschnupft, weil er seit Jahren für die Betriebszeitschrift »Galag-News« nur »neue Direktoren, Musterpackungen und gedopte Mäuse« ablichten muß. Da verschafft ihm ein Unfall auf dem Werksgelände endlich eine Sensation: Explosionen eines Druckbehälters haben zu einem Brand geführt; dräuend quillt der Rauch zum Firmament.

Martin ist vor Ort, den Fall zu knipsen - für die Versicherung, gibt er dem Werkschutz an. Doch gewitzt durch die letzten Chemie-Skandale, wittert Martin eine chemische Schweinerei.

So findet er fast eine Leiche im Keller: Der Forscher Dr. Goll liegt mit verrutschtem Alchimistenkittel da, wie von der chemischen Keule getroffen. In der

Hand hält er ein Fläschchen Gelbes und ein aufschlußreiches Diagramm.

Martin blitzt die Szene. Als Beweisstück seiner bösen Ahnung bewahrt er das Fläschchen in seinem Kühlschrank auf. Sorglos, als ob es sein karges Abendmahl bereichern sollte, geht Martin mit dem giftigen Gebräu - es handelt sich tatsächlich um eine dioxinhaltige Flüssigkeit - um.

Sein Husten wird heftiger, sein Schnupfen zum chronischen Begleiter. Auf Martins mattem Teint brechen Pusteln wie bei einem Pubertierenden auf; Fingernägel verformen sich. Im Bett seiner Freundin hinterläßt der schlappe Mann nur noch sein Haupt-Haar. Klar, daß das Gift an Martin nagt.

Nachdem Martin einen Teil der gelben Flüssigkeit einem Chemiker-Kollegen zur Analyse übergeben hat, kommt der bei einem Unfall um. Mysteriös, dann fehlen auch Martins Unterlagen. Im Kampf um die Wahrheit erpreßt nun Martin seine Firma.

Vom Dioxin und vom Ehrgeiz zerfressen, den chemischen Knall zu klären, kränkelt Martin fortan durch die Geschichte. Der Schweizer Erwin Keusch hat sie fürs deutsche, schweizerische und österreichische Fernsehen nach dem Buch seines Landsmanns Marcus P. Nester inszeniert - merkwürdig behutsam und voll unfreiwilliger Komik.

Nesters »spannender« Roman ("Süddeutsche Zeitung") über eine fiktive Umweltkatastrophe in einer ganzen Region ist bei Keusch zum sentimentalen Fall des Werksphotographen verkommen.

Der, zuerst aufmüpfig und scharf auf die Klärung des Unglücks, erscheint im Film mit einemmal korrupt wie ein levantinischer Beamter: In Obervolta, Schwamm drüber, wird er das Büro der »Galag« übernehmen.

Ehe Martin freilich vor seiner Firma kuschte, hatten ihm womöglich verschiedene Fernsehredakteure den Schneid längst abgekauft.

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