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SPANIEN Marx im Herzen

Die spanischen Sozialisten wollen Marx nicht abschwören -- und verloren darüber ihren Parteichef.
aus DER SPIEGEL 22/1979

Der spanische Premierminister Adolfo Suárez machte sich Sorgen um seine Opposition.

Aufgeregt rief er, am Morgen des vorigen Montag, im Hause des tags zuvor zurückgetretenen Generalsekretärs der Sozialistischen Partei, Felipe Gonzälez, an und drängte auf ein Treffen. Der lehnte ab: Sein Rücktritt und die Auseinandersetzungen, die dazu geführt hätten, seien eine parteiinterne Angelegenheit.

Doch das sind sie ganz und gar nicht. Denn der schwere Ideologiestreit, der Spaniens zweitgrößte und älteste Partei auf ihrem 28. Kongreß erschütterte, schwächt eine politische Kraft, die »für die Stabilität und die Absicherung des demokratischen Systems in Spanien«, wie die Madrider Tageszeitung »El Pais« schrieb, »heute unentbehrlich ist«.

Dabei hatte Felipe González mit 37 Jahren Europas jüngster Sozialistenführer, seine Partei im 100. Jahr ihrer Gründung nur vom »alten Mief« befreien wollen, so der Gonzälez-Vertraute Guillermo Galeote. Die PSOE, schlug der Generalsekretär den 1018 Parteitagsdelegierten vorletzte Woche vor, solle auf die Bezeichnung »marxistisch« im neuen Parteiprogramm verzichten. Drei Viertel jener über fünf Millionen Spanier, die der Partei bei den letzten Wahlen ihre Stimme gegeben haben, seien keine Marxisten.

Die Begründung schien logisch genug, zumal die Bezeichnung »marxistisch« überhaupt erst beim vorigen Kongreß im Jahre 1976, als die PSOE noch illegal war, ins Parteiprogramm aufgenommen worden war. Seit damals aber hat sich die Zahl der Mitglieder auf heute 200 000 verzehnfacht. Die meisten der neuen Genossen entstammen der bürgerlichen Mittelschicht.

Doch Gonzälez verrechnete sich gründlich: 61 Prozent aller Delegierten des 28. Parteitages lehnten den Programmvorschlag ihres Parteivorstandes ab und beharrten darauf, die PSOE als »marxistische, demokratische, föderalistische Klassenpartei« zu definieren.

Als der Generalsekretär daraufhin am letzten Tag des Sozialistentreffens erklärte, nun aus »ethischen und moralischen Gründen« nicht mehr für den Parteivorsitz kandidieren zu wollen, wurde freilich offenbar, daß sich hinter dem Streit um Marxens Bart mehr verbirgt als nur ein Kampf zwischen Linken und Rechten: Die überwältigende Mehrheit eben jener Genossen, die dem González-Programm gerade eine Abfuhr erteilt hatten, beschworen Felipe nun, gelegentlich unter Tränen, die Partei weiter zu führen.

»Die meisten von uns wissen gar nicht genau, was Marxismus ist«, gestand der Delegierte Fernando Cascón, Arbeiter und seit 27 Jahren PSOE-Mitglied, »aber wir fühlen Marx doch in unseren Herzen.« Denn in Marxens Namen waren viele Altgenossen nach dem verlorenen Bürgerkrieg während der Franco-Diktatur in die Gefängnisse und ins Exil gegangen -- ein Gefühlspotential, das der junge Parteiführer offensichtlich unterschätzt hat.

Unterschätzt hat er wohl auch den Groll der Basis gegen einen Parteivorstand, der vielen als »zu diktatorisch, zu zentralistisch und undemokratisch« erschien, so der PSOE-Delegierte Ignacio Ortiz Pino aus Almeria.

Unter dem Druck, innerhalb von zwei Jahren nach der Legalisierung der Partei zwei Parlamentswahlen und eine Gemeindewahl bestreiten zu müssen, setzte sich der Parteivorstand oft rücksichtslos über die Belange der einfachen Genossen hinweg.

Vor allem der für Organisationsfragen zuständige Parteisekretär Alfonso Guerra, Andalusier wie Felipe, regierte von Madrid aus mit eiserner Faust -- aus der nicht unbegründeten Furcht heraus, die Kontrolle über die so rapide wachsende Partei zu verlieren.

»Wir hatten keine Möglichkeit, uns zu verteidigen«, klagte etwa ein Sprecher des »Nationalen Komitees der PSOE-Ausgeschlossenen«, in dem rund 200 wegen marxistischer Tendenz aus der Partei Verstoßene sich zusammengetan haben. »Die meisten von uns wurden ohne weitere Formalitäten rausgeschmissen, sie bekamen einfach einen Brief, der vom Genossen Alfonso Guerra unterschrieben war.«

»Bezahlte Bürokraten« schimpften Parteitagsabgeordnete jetzt ihren Vorstand -- und nutzten die Chance, mit Hilfe der Marxismus-Abstimmung »dem Vorstand mal kräftig eins auszuwischen«, so Ignacio Ortiz.

Dabei schossen sie allerdings wohl ein Eigentor. Denn den Wortführern der Linken gelang es nicht einmal, eine eigene Vorschlagsliste für einen neuen Vorstand aufzustellen. Kommissarisch übernahm der Parteitagspräsident José Federico de Carvajal die Geschäfte.

Ein weiterer Versuch der Linken in der PSOE-Parlamentsfraktion, dem Ex-Generalsekretär auch den Fraktionsvorsitz zu nehmen, scheiterte vergangenen Mittwoch kläglich.

Nur ein einziger der rund 200 Genossen stimmte gegen den bisherigen Parteichef, sechs enthielten sich. Bis zum Sonderparteitag innerhalb der nächsten sechs Monate wird also weiter Felipe die Geschicke der spanischen Sozialisten lenken -- und die Chancen, daß er dann von einem reumütigen Parteivolk wieder auf den Schild gehoben wird, stehen nicht schlecht.

»Ihr habt mich tief verletzt«, erklärte der Zurückgetretene, »aber die Wunden sind schon vernarbt.«

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