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SLIBAR-ZAUN Masse oder Masche

aus DER SPIEGEL 50/1963

Westdeutschlands Stahlindustrie bangt um ein Geschäft, das bisher als absolut risikolos galt: den Verkauf von stählernen Leitplanken an die Straßenbaubehörden von Bund, Ländern und Gemeinden.

Allein im Jahre 1962 wurden an bundesdeutschen Straßenrändern 2000 Kilometer Leitplanken montiert, die aus den Walzwerken an Rhein und Ruhr stammen. Ähnliche Absatzchancen erhofften sich die Stahlbosse auch für die Zukunft.

In dem aus Wien gebürtigen und neuerdings wieder in Wien ansässigen Hochschulprofessor Dr. Alfred Slibar, 42, haben die Plankenlieferanten jedoch unverhofft Konkurrenz bekommen. Der Maschinenbauer hat das Rezept für einen Schutzzaun entwickelt, der - so sein Erfinder - »unter Verwertung von elementaren Gesetzen der Mechanik« mehr Sicherheit auf den Straßen, besonders aber größeren Schutz gegen Fahrbahnwechsel- und Schleuderunfälle auf den Autobahnen verheißt als die starre Leitplanke.

Obwohl der Slibar-Zaun noch längst nicht reif für die Serienproduktion ist, sahen sich die Stahlfirmen bereits veranlaßt, Alarm zu blasen: Sie senkten den Preis ihrer Stahlleitplanken und ließen eine Interessenorganisation der Stahlwirtschaft, die Studiengesellschaft für Stahlleitplanken e.V., zum Gegenangriff auf den einfallsreichen Professor antreten.

So beschwerte sich die im Siegener Haus der Wirtschaft residierende Studiengesellschaft in einem Brief an Slibar über »die Art und Weise, in der Sie in der Öffentlichkeit Stahlleitplanken ungeniert als Irrsinn bezeichnen«.

Im gleichen Schreiben wiesen die Stahlplänkler den Zaun-Professor darauf hin, daß in ihren Kreisen »wiederholt« erwogen worden sei, mit Hilfe einer Einstweiligen Verfügung gegen den Kritiker und Konkurrenten vorzugehen.

Seither betrachtet sich Slibar, der vom Wintersemester 1957 bis zum Sommersemester 1963 als ordentlicher Professor für technische Mechanik an der Technischen Hochschule Stuttgart tätig war, als einen Unglücklichen, »der das Pech hatte, daß ihm etwas einfiel«.

Slibars Pechsträhne begann mit einem Auftrag des Gaues Württemberg im Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC). Die Motorsportler, die alljährlich ein Rennen auf dem schnellen, kurvenreichen Solitude-Waldkurs bei Stuttgart veranstalten, engagierten den jungen Ordinarius als Nothelfer, nachdem ihnen das baden-württembergische Innenministerium zur Auflage gemacht hatte, am Solitude-Ring die optimale Sicherheit für Fahrer und Zuschauer zu gewährleisten.

Dank gründlicher Solitude-Forschungen, aber auch praktischer Erfahrungen am Steuer, kam Professor Slibar zu der Überzeugung, daß »starre Verbauungen und Schutzeinrichtungen großer Masse« als »mechanisch sinnlos« abzulehnen seien.

Er entwarf statt dessen einen leichten, an Drahtseilen verspannten Maschendraht, der die Bewegungsenergie eines über den Fahrbahnrand schleudernden Kraftfahrzeugs so auffängt, daß es

- auf der Straße und seinen vier Rädern bleibt,

- wieder in seine Fahrtrichtung gedreht wird,

- nach dem Aufprall nicht auf andere

Fahrzeuge zurückschleudert,

- am Drahtgitter, zum Stehen kommt,

- obendrein nur wenig beschädigt wird und seine Insassen unverletzt bleiben.

Für die praktische Erprobung seines Prinzips besorgte sich der Professor auf

Autofriedhöfen alte, aber noch fahrtüchtige Vehikel und jagte sie auf einer ausgedienten Flugplatzpiste eigenhändig gegen seinen Zaun.

Später halfen auch die Rallye- und Rennfahrer Moll und Herrmann Erfahrungen sammeln. Sie steuerten Personenautos gegen Slibars Maschen und konnten ihre nur wenig beschädigten Wagen unversehrt verlassen.

Dem ADAC imponierten die Versuchsergebnisse so sehr, daß er am Solitude-Kurs mehrere Kilometer Slibar -Zaun anbringen ließ. Der Zaun bestand dort bereits zahlreiche Bewährungsproben:

Ein Formel-I-Rennwagen, der den Schutzzaun im 100-Kilometer-Tempo tangierte, verlor nur einen Auspuffstutzen und raste weiter.

Ein privater Fahrzeuglenker geriet bei einer Geschwindigkeit von 110 Kilometer in der Stunde von der Fahrbahn und wurde vom Zaun aufgefangen.

Einem Go-Kart-Renner versagten in einer Kurve bei voller Fahrt die Bremsen. Er fuhr seitlich den Slibar-Zaun an und berichtete später: »Außer einigen Prellungen und Abschürfungen war nichts festzustellen. Der Zaun hatte in der Art eines Sicherheitsnetzes für Zirkuskünstler nachgegeben.«

Die für den Straßenbau Verantwortlichen mochten sich indessen noch nicht dazu entschließen, auch für die bundesdeutschen Fernverkehrsstraßen Sicherheitsnetze knüpfen zu lassen.

Voreingenommenheit gegenüber seinem Zaun vermutet Slibar bei einem Kollegen aus Stuttgarter Tagen, dem TH-Honorarprofessor Alfred Böhringer, der hauptberuflich Ministerialrat im Stuttgarter Innenministerium und oberster Straßenbaubeamter des Landes Baden-Württemberg ist.

Während sich Slibar nicht erklären kann, »was Böhringer eigentlich gegen die Sache hat«, meint Böhringer: »Slibars Behauptung, sein Zaun sei sozusagen das Letzte und Höchste, ist noch nicht bewiesen.«

Böhringers Skepsis stützt sich auf die bisherigen Ergebnisse eines großen Leitplanken- und Slibar-Zaun-Tests, den die baden-württembergische Verkehrsverwaltung zur Zeit im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums für 300 000 Mark in Sindelfingen vornimmt.

Wie Slibars Maschendraht dabei im ersten Versuch abschnitt, beschreibt Professor Böhringer so: »Das Ergebnis war eine Katastrophe.«

Daß sich die Stahlleitplanken bei den Sindelfinger Erprobungen besser bewährt haben sollen als sein Zaun, hat den Professor Slibar nicht erstaunt: Nach eigenen Angaben benötigt er 100 000 Mark, um die »umwälzende Sache« (Slibar) zur optimalen Leistung bei hohen Auffahrgeschwindigkeiten und zur Produktionsreife zu bringen.

Dieses Geld konnte Slibar bisher noch nicht auftreiben. Bei Behörden und Industriefirmen, Verbänden und Versicherungen klopfte der Maschendraht -Enthusiast vergebens an.

Die mangelnde Hilfsbereitschaft führt der ergrimmte Wiener vor allem auf die Aktivität der Stahl-Lobby zurück: »An einem Meter Stahlleitplanke sind nämlich rund 14 Kilogramm Stahl. Ein Meter meines Zauns wiegt hingegen nur etwas über ein Kilo.«

Zaun-Erfinder Slibar

Verringerte Gefahr ...

... für schleudernde Autos?: Testwagen im Sicherheits-Zaun

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