Zur Ausgabe
Artikel 29 / 86

HOCHSCHULEN Massenhaft bekämpfen

Mit Faustschlägen und einem Fenstersprung begann das Jahr an Berlins Freier Universität. Doch zum alten Stil kam neues Erleben: Erstmals kollidierten linke Tagungsteilnehmer mit Linken, die diese Tagung störten.
aus DER SPIEGEL 4/1972

Das neue Jahr ging gerade in die zweite Woche. da war an der West-Berliner Freien Universität wieder alles beim alten: Studenten blockierten Hörsaal-Eingänge und rangelten mit Kommilitonen. Ein Professor sprang, weil Studenten ihm den Ausgang verwehrten, durchs Parterre-Fenster ins Freie, ein anderer handelte sich einen Bauchtritt ein.

»Die jüngsten Störaktionen«, so empfand es West-Berlins Wissenschafts-Senator Professor Werner Stein, seien »ein Rückfall in die Taktik der Gewaltanwendung«. West-Berlins »Tagesspiegel« registrierte besorgt »eine neue Eskalation«, und die städtische »Junge Union« schließlich sah die FU zum neuen Jahr erneut »in einer schweren Krise«.

Den Rückfall verdankt die FU -- mit 18 000 Studenten und 3000 akademischen Lehrern Berlins größte Bildungsstätte -- wieder einmal der Aktivität einiger hundert linker Extremisten. voran Mitglieder der in Auflösung begriffenen Roten Zellen und Anhänger des Mao-orientierten »Kommunistischen Studentenverbandes« (KSV).

Innerhalb einer Woche machten die roten Kader gleich viermal von sich reden, Sie

* zwangen den wissenschaftlichen Assistenten Hubert Gburek, eine Übung im Anglistischen Seminar abzubrechen -- der Übungsleiter hatte sich geweigert, ein gegen ihn gerichtetes Flugblatt zu diskutieren;

* nötigten den Wirtschaftswissenschaftler Professor Jürgen Zerche zu einem Sprung aus dem Fenster seines Hörsaals -- er hatte erklärt, erst über eine ihm unbekannte 20seitige Links-»Dokumentation eines Skandals« diskutieren zu können, wenn er das Papier gelesen habe;

* ließen eine Sitzung des Fachbereichsrats 10 (Wirtschaftswissenschaften) platzen, nachdem sich in einer Berufungsdebatte keine Mehrheit für den von ihnen favorisierten Marxisten Ernest Mandel fand.

Von diesen Vorfällen erfuhr die Öffentlichkeit letzte Woche aus Meldungen der »Notgemeinschaft für eine freie Universität«, einer Art konservativ professoraler FU-Wacht, die Übergriffe von links mit eigenem Fernschreibanschluß publik macht.

Der spektakulärste Fall freilich -- der Versuch von 200 KSV-Mitgliedern, die Internationale Politologen-Konferenz zum Thema »Herrschaft und Krise« zu blockieren -- sprach für sich selbst und bedurfte besonderer Verbreitung weder durch Notgemeinschaft noch Reform-Professoren: Diesmal lamentierten auch linksorientierte Politologen über die Behinderung der Krisen-Konferenz, die zeitweilig vom FU-Gelände in die polizeilich gesicherte Kongreßhalle exmittiert werden mußte.

Denn ausgerechnet ihr Otto-Suhr-Institut, einst Keimzelle der linken Studentenbewegung, hatte zu dem Symposium geladen. Und die Veranstalter hatten -- vom Marxisten Elmar Altvater bis zum technokratischen US-Wissenschaftler Ted R. Gurr -- für eine ausgewogene Teilnehmerliste gesorgt.

Das gerade aber nahmen die KSVer übel. Die Tagung, so räsonierten sie, solle das »ramponierte Image der FU als führende Pflegestätte bürgerlicher Wissenschaften« aufpolieren. Sie rückten, rund 200 Mao-Mann stark, kurzerhand Tische vor die Eingänge des Tagungslokals. bildeten Sperriegel, verteilten Hiebe und stießen laut »Tagesspiegel« einen Professor drei Treppenstufen hinunter.

Auch die Jung-Kommunisten kassierten Schläge: Per Flugblatt schimpften sie auf Mitglieder der orthodox-marxistisch-leninistischen Hochschulgruppen. die sich »nicht scheuten, mit Faustschlägen gegen fortschrittliche Studenten vorzugehen«.

Das FU-Präsidialamt geriet durch diesen Zwischenfall so aus der Fassung, daß der sonst eher großzügige Präsident Rolf Kreibich diesmal ebenso wie der Senat und sonst eher konservative Professoren protestierte. Kreibich forderte öffentlich dazu auf, solches Vorgehen »massenhaft zu bekämpfen«.

Die Massen blieben zwar aus. Statt dessen aber handelten die Gäste. Die für letzten Mittwoch vorgesehenen Referenten der Tagung, die skandinavischen Friedensforscher Professor Johan Galtung und Lars Dencik, verzichteten auf Vortrag in der mit einer Polizei-Hundertschaft gesicherten Kongreßhalle und bestanden auf »Universitätsöffentlichkeit ... notfalls unter freiem Himmel«.

Der Kongreß zog um und hatte, als endlich auch die KSV-Späher den Ortswechsel gewahr wurden, bereits Plätze in einem Hörsaal des Otto-Suhr-Instituts belegt -- nun in der Lage. nach dem Exkurs in die Praxis die »Bedrohung des politischen Systems« auch theoretisch zu diskutieren.

Zur Ausgabe
Artikel 29 / 86
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.