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SEUCHEN / TRICHINOSE Matt vom Mett

aus DER SPIEGEL 38/1967

Am 18. Juli stellte Margarete Blecha, 27, eineinhalb Pfund Hackepeter auf den Abendbrottisch -- rohes angemachtes Schweinemett aus der Metzgerei Horst Blum ("Seit 1739") zu Diez an der Lahn.

Fünf Tage später verging der Familie Blecha der Appetit. »Mit einemmal«, so die Hausfrau aus Fachingen im Unterlahnkreis, »hatten wir alle Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und waren matt.«

Ehemann Peter Blecha, 31, und seine Mutter Marie, 54, bekamen Fieber, Schweißausbrüche und Nackenschmerzen. Und auch dem Studenten Helmut Euteneuer, 24, Bruder der Hausfrau und Gast beim Hackepeter-Mahl, wurde »ganz komisch«.

Nur Vater Anton Blecha, 55, ging es gut -- er mag kein Hackfleisch. Anton Blecha rief einen Arzt, der freilich schon sehr beschäftigt war, denn komisch und matt fühlten sich um den 20. Juli in Diez und Umgebung gut 100 Menschen.

Die Diezer Ärzte deuteten die Beschwerden zunächst als typische Sommerleiden wie Magenverstimmung, Darmgrippe oder gar Paratyphus. Auch in den Krankenhäusern zu Koblenz, Mainz und Gießen, wo die schwersten Fälle behandelt wurden, lautete die Diagnose nicht anders -- bis Professor Wolfgang Gerok, 41, Oberarzt der zweiten medizinischen Universitätsklinik in Mainz, und sein Mitarbeiter Dr. Hans Heinrich Hennekeuser im Muskelgewebe eines Patienten aus Diez unterm Mikroskop Schmarotzer entdeckten, die in Europa nahezu ausgerottet sind und allenfalls bei Haus- und Wildschweinen vorkommen: Trichinen.

Damit war, fast vier Wochen nach den ersten Erkrankungen, klar, welche Ursache die Sommerbeschwerden hatten. Die Patienten, Anfang letzter Woche waren es schon 196, leiden an Trichinose -- einer Seuche, von der beispielsweise der Diezer praktische Arzt Dr. Heinz Stein »nur im Krieg mal in Afrika gehört hatte«.

Die Infektionsquelle war binnen Stunden ermittelt. Wie die Blechas hatten auch alle anderen Erkrankten Hackepeter, Wurst oder Schinken aus der Metzgerei Blum verzehrt. Wie die Trichinose-Epidemie ausbrechen konnte, wird dagegen -- so Ministerialdirektor Alois Schreiner vom rheinland-pfälzischen Innenministerium - »sicher nie mehr offenbar werden«. Schreiner, Stellvertreter des Innenministers August Wolters, CDU: »Da war menschliches Versagen im Spiel. Das kommt halt immer mal vor.«

So wurde eine Untersuchungszentrale, in der sich die trichinenverdächtige Bevölkerung beraten und behandeln lassen kann, erst eine Woche nach der Gerok-Diagnose eingerichtet. So erhielten die Hausärzte erst mit 14tägiger Verspätung aus dem Innenministerium Informationen über die ambulante Behandlung mit dem kaum erprobten amerikanischen Trichinose-Medikament »Mintezol«. Und so unterblieb eine Aufklärung der Bevölkerung über die Trichinose.

Ermittlungen der Kriminalpolizei heilten überdies merkwürdige Praktiken bei der sogenannten Trichinenschau in Diez auf. Laut Gesetz hat diese Trichinenschau »im Anschluß an die Schlachtung ... in dem Gehöft (beziehungsweise in der Metzgerei) stattzufinden, in dem die Schlachtung ausgeführt worden ist«. Der in Diez mit der Parasiten-Fahndung beauftragte Tierarzt außer Diensten, Dr. Karl Wilhelm Dressler, 74, dagegen untersuchte die vornehmlich dem Zwerchfell entnommenen Gewebeproben zu Hause -- und zwar, nachdem er die Tiere zuvor trichinenfrei« gestempelt hatte. Dressler.« Ich mache jetzt 46 Jahre Fleischbeschau und habe noch nie eine Trichine gesehen.«

Auch am 10. Juli, als nachweislich erstmals trichinöses Fleisch in der Metzgerei Blum verarbeitet wurde« hatte der mittlerweile suspendierte Veterinär -- wie er der Kripo versicherte -- »unmittelbar nach meinem Eintreffen alle Proben« die ich mit nach Hause genommen habe, unverzüglich untersucht«. Dressier: »Wenn ich Trichinen gefunden hätte, wäre ich sofort zu der Metzgerei gelaufen, um die Tierkörper zu beanstanden.« Vorgesetzte des Fleischbeschauers haben inzwischen seine Geräte und Tagebücher überprüft und keinen Anlaß für Beanstandungen gefunden.

So müssen Polizei und Aufsichtsbehörden vermuten, daß ein anderer Trichinen-Beschauer gepfuscht hat: Denn theoretisch könnte die Krankheit auch durch eine von sechs Schweinehälften eingeschleppt worden sein, die Metzger Blum am 10. Juli als »Tot-Vieh« von der »Fd-Großeinkauf AG« in Koblenz bezogen hat. Diese halben Schweine waren in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein untersucht worden.

Zwar ist mittlerweile nach Meinung von Professor Paul Schölmerich, 51,

* Im Muskelgewebe eines Diezer Patienten; etwa 500fach vergrößert.

dem Direktor der zweiten medizinischen Klinik der Universität Mainz, ein Ende der Seuche abzusehen ("In einem Vierteljahr ist die Sache vergessen"): Bis Mitte letzter Woche waren bei zwölf von 24 in seiner Klinik behandelten Trichinen-Kranken die sogenannten Fadenwürmer im menschlichen Gewebe nach der Behandlung mit dem Darmparasitenmittel Mintezol abgestorben oder degeneriert. Doch verhalten sich die Trichinen im Körper »wie Unkraut im gejäteten Garten«, und Schölmerich räumt ein: »Wir sind nie sicher, ob alle vernichtet sind.«

Tatsächlich können Trichinen im Körper von Schweinen, Hunden und Katzen« aber auch im menschlichen Körper jahrzehntelang am Leben bleiben: Bei der Verdauung von trichinösem Fleisch werden die Larven frei« die im Darm in wenigen Tagen die Geschlechtsreife erlangen. Die Männchen gehen nach der Begattung zugrunde, die Weibchen setzen in der Darmwand ihre Brut, mehr als tausend Junglarven, ab. Ober das Lymph- und Blutgefäß-System wandern diese Larven in die Muskelfasern. Nach dem Auswachsen rollen sich die Trichinen zu Spiralen, kapseln sich innerhalb von 35 bis 40 Tagen ein, umhüllen sich Monate später mit Kalk und sind so praktisch unangreifbar.

Tödlich verlaufen kann die Trichinose in den ersten beiden Stadien -- einmal wenn sich die Weibchen in der Darmwand festsetzen und choleraähnliche Beschwerden auslösen; zum andern« wenn die wandernden Larvenschwärme etwa in das Zwerchfell eindringen und so die Atmung lähmen, Eingekapselte Larven können chronische Leiden wie Anämie und rheumatische Schmerzen hervorrufen.

Als die Trichinose von Diez entdeckt wurde, hatte bei den meisten Kranken schon die Wanderphase begonnen. Inzwischen verkapseln sich die Fadenwürmer in den Muskeln -- sofern Mintezol die Schmarotzer nicht zerstört hat.

Umstritten ist, ob das Medikament noch in der Wanderphase wirkt. Und sicher ist aufgrund von tierexperimentellen Untersuchungen des Zoonosen-Instituts der Universität Frankfurt -- so teilte das Innenministerium den Diezer Ärzten mit -, daß »im Stadium der Abkapselung der Trichinen in der Muskulatur praktisch keine Wirksamkeit mehr vorhanden« ist.

Diese Information wie auch die Mitteilung der Gesundheitsabteilung im Ministerium, wonach die Mintezol-Behandlung nur -, in den ersten zwei bis drei Wochen nach dem Genuß von trichinösem Fleisch ... empfehlenswert« sei, erreichte die Praktiker freilich erst am 26. August -- sechs Wochen nachdem erstmals Blum-Kunden Trichinen-Hackepeter gegessen hatten, zwei Wochen nachdem die Trichinen-Seuche offenbar geworden war.

Und als sich der im Umgang mit Mintezol unerfahrene Diezer Hausarzt Dr. Jürgen Beckby vom Gesundheitsreferenten im Mainzer Ministerium, Regierungsdirektor Dr. Hermann Sattler, »zur Rückendeckung eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für das Medikament« erbat, beschied ihn dieser: »Das müssen Sie alles selbst verantworten. Denn es ist Ihre Sache, sich zu informieren.«

Zu verantworten haben Beckby und seine Praktiker-Kollegen nun vor allem, was mit dem Dutzend schwangerer Patientinnen geschehen soll. Ihnen darf Mintezol nicht verabreicht werden. Beckby: »Und was geschieht vor allem mit den ungeborenen Kindern? Was ist, wenn sie geschädigt zur Welt kommen?«

Der Mainzer Chefarzt Schölmerich hält es zwar »für höchst unwahrscheinlich, daß Trichinose-Erscheinungen im Leben des Fötus auftreten«. Doch: »Ob die Kinder Schäden haben werden -- darüber liegen keine Erfahrungen vor.«

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