Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 22 / 59

OSTAFRIKA Mau-Mau oder Harambee?

aus DER SPIEGEL 51/1963

Auf der Ehrentribüne saß Prinz Philip neben der Witwe Lumumbas, Bonns Wohnungsbauminister Lücke neben Pekings Außenamtsleiter Tschen Yi.

78 Nationen, die Uno und der Vatikan hatten Minister und Höflinge, Botschafter und Buschkrieger ins Uhuru (Freiheits)-Stadion bei Nairobi entsandt. Kenia, Großbritanniens letzte bedeutende Ostafrika-Besitzung, wurde um null Uhr in der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche Afrikas 35. unabhängiger Staat (Bonner Entwicklungshilfe: 35 Millionen Mark jährlich).

Hunderttausend schwarze Kenia-Bürger, im Stadion und auf den umliegenden Hügelhängen zusammengepfercht, feierten in dieser Stunde ihren ersten farbigen Regierungschef, den Medizinmann-Enkel Jomo ("Flammender Speer") Kenyatta.

Vor 70 bis 73 Jahren - er selbst weiß sein Geburtsjahr nicht - wurde Kenyatta als Sohn eines Landarbeiters aus dem Bauernstamm der Kikuyu am Fuß des Mount Kenya geboren.

Vor elf Jahren, im Oktober 1952, steckte Großbritanniens Kolonialpolizei den »Flammenden Speer« ins Gefängnis. Er wurde beschuldigt, Anführer jener Mau-Mau-Rebellen zu sein, die nach nächtlichen Schwüren bei Ochsenblut und toten Katzen Vieh und Frauen weißer Siedler zerhackten und schwarze Mau-Mau-Feinde massakrierten.

1740 Negern und 89 Weißen schlitzten die Mau-Mau bis Januar 1960 die Bäuche auf. 11 500 Terroristen aus dem Kenyatta-Stamm der Kikuyu wurden von den Briten getötet. Kenyatta wurde zu sieben Jahren Gefängnis und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Insgesamt neun Jahre Haft machten Kenyatta zum Märtyrer und National -Helden. Seine wirkliche Rolle beim Mau-Mau-Aufstand wurde nie geklärt.

Seit vergangener Woche ist er Diktator über neun Millionen Neger und 56 000 weiße Siedler.

Als Nationalist und Revolutionär hatte er jahrelang in illegalen Eingeborenenversammlungen die Vernichtung der weißen Farmer gepredigt: »Wir dürfen nicht zögern, unser Land mit dem Preis unseres Blutes zurückzuerobern.« Neuerdings mahnt er zur Mäßigung und prägte ein neues Schlagwort: »Harambee« - Zusammenarbeit mit den Weißen.

»Wir wünschen, daß ihr in unserem Land bleibt«, rief er kürzlich vor 350 weißen Siedlern aus, »und gute Farmer seid.« Er braucht auf absehbare Zeit die Weißen, die das Land zur Blüte gebracht haben und heute 75 Prozent der landwirtschaftlichen Exportproduktion

erzeugen, der wichtigsten Devisenquelle seines Landes.

Ohne Hilfe der weißen Farmer und ausländischer Mächte ist Kenyatta zum Scheitern verdammt. Doch die Engländer trauen weder ihm noch seiner Parole »Harambee«. 600 Weiße, meist Frauen und Kinder, verlassen monatlich das Land.

Europäische Verwaltungsbeamte und Händler drängen aus den Randsiedlungen Nairobis ins Zentrum der Stadt. Der Preis."sicherer« Wohnungen hat sich in den letzten Wochen vervielfacht.

Die Befürchtungen der weißen Minderheit wurden am Montag vergangener Woche, drei Tage vor der Unabhängigkeitsfeier im Uhuru-Stadion, jäh bestärkt: Jomo Kenyatta umarmte öffentlich den für seine Bestialitäten berüchtigten militärischen Führer der Mau-Mau-Rebellen, der sich nach zehn Jahren Untergrundleben im Busch jetzt im souveränen Staat Kenia feiern läßt: Mau-Mau-»Feldmarschall« Mwariama.

Kenias Kenyatta, Mau-Mau-Marschall Mwariama: Ochsenblut und tote Katzen

Zur Ausgabe
Artikel 22 / 59

Mehr lesen über