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CHINA Mauer aus Eisen

Der erste US-Flottenbesuch in der Volksrepublik seit 1949 sollte ein Warnzeichen für Moskau und Nordkorea sein. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Die Kapelle spielte »Happy days are here again«, als die amerikanischen Kriegsschiffe in Tsingtau einliefen. Zum ersten Mal seit 1949 flatterte am Pier drei des chinesischen Marinehafens wieder das Sternenbanner der Vereinigten Staaten. US-Matrosen flanierten durch die Straßen des Seebads an der Südküste der Schantung-Halbinsel.

Die sechstägige Visite des Lenkwaffenkreuzers »Reeves«, des Zerstörers

»Oldendorf« und der Fregatte »Rentz« vorige Woche war der erste Besuch eines US-Verbandes seit Gründung der Volksrepublik China. »Das ist ein historisches Ereignis«, freute sich James A. Lyons, Oberbefehlshaber der US-Pazifikflotte, beim Händedruck mit seinem Kollegen Admiral Ma Xinchun.

Von geschichtlicher Bedeutung ist der Besuch der US-Schiffe schon deshalb, weil Tsingtau früher ein amerikanischer Stützpunkt war: Nach der Kapitulation der Japaner 1945 versorgten die USA von dort aus die nationalistischen Truppen Tschiang Kai-scheks mit Nachschub. US-Pioniere bauten den Hafen aus und legten ein Flugfeld an, bis sie vor den vorrückenden kommunistischen Truppen fliehen mußten - im Mai 1949 verließ als letztes das Reparatur-Schiff »Dixie« den Hafen.

Anders als die deutsche Kolonialzeit, deren architektonisches Erbe - Gouverneurspalast. Bahnhof und Kathedrale - auch heute noch das Erscheinungsbild der Stadt bestimmt und bei den zwei Millionen Einwohnern zuweilen nostalgische Gefühle heraufbeschwört, hat die US-Besatzungszeit ein wenig freundliches Andenken hinterlassen.

An das amerikanisch beherrschte Tsingtau, das damals wegen seiner zahllosen Bordelle als das »Sündenbabel Asiens« galt, erinnern sich viele Chinesen mit Bitterkeit.

»Die Sun-Jat-sen-Straße hier war die Welt der Amerikaner«, erzählt Liang, einst Antiquitätenhändler und heute Verkäufer im Staatsladen für Kulturgüter an der Hauptgeschäftsstraße der Stadt: »Hier nahmen wir nur die grünen Scheine.«

»Die Amerikaner töteten, vergewaltigten und verhafteten die Menschen«, behauptet Pastor Wang von der protestantischen Gemeinde. »Aber wir Chinesen«, fügt er hinzu, »können vergessen. Die Amerikaner von heute sind nicht die von damals.«

Das war auch die Parole, mit der die Stadtverwaltung per Rundschreiben alle Betriebe, Läden und Verwaltungen zu Wohlverhalten gegenüber den US-Gästen anhielt. Über 1000 Sicherheitsbeamte wurden aufgeboten, um »unglückliche Zwischenfälle« zu vermeiden.

Statt des fehlenden Nachtlebens boten die Gastgeber den US-Matrosen diesmal Ausflüge nach Peking und zu Konfuzius' Geburtsort an; sie organisierten die Besichtigung von Teppichfabriken, Stickereien und eines Kunstgewerbebetriebes für Muschelschnitzerei. Chinesische und amerikanische Militärkapellen bliesen und trommelten in Tsingtaus »Halle des Volkes« um die Wette.

So viel völkerverbindende Folklore ließ fast vergessen, daß dem Flottenbesuch ein langes politisches Feilschen vorausgegangen war. Die ursprünglich schon für den Sommer 1985 in Schanghai geplante Visite war zunächst wieder abgesagt worden, nachdem KP-Generalsekretär Hu Yaobang Reportern aus Australien und Neuseeland erzählt hatte, die US-Schiffe wollten während ihres Besuchs in China auf die Mitführung von Atomwaffen verzichten. Das Pentagon, das aus Prinzip keine Auskunft über die Art der Ausrüstung von US-Kriegsschiffen gibt, dementierte - der Flottenbesuch fiel ins Wasser.

Daß er jetzt in Tsingtau, nach über einjähriger Verspätung, doch noch zustande kam, lag am Einlenken der Volksrepublik: China verzichtete darauf, nach Atomsprengköpfen zu fragen.

Die Ursache der Kompromißbereitschaft: Die Chinesen sind - trotz zarter Entspannungspolitik gegenüber Moskau - über die wachsende militärische Präsenz der Sowjets im Pazifik besorgt. Pekings Strategen mißfallen vor allem die sowjetischen Schiffe im vietnamesischen Flottenstützpunkt Cam Ranh. Da konnte der Flirt mit der anderen pazifischen Großmacht als Warnzeichen für Moskau benutzt werden.

Verstimmt sind die Chinesen auch über Nordkorea, das der sowjetischen Luftwaffe seit neuestem Überflugrechte einräumt. US-Admiral Lyons sprach gar von »aggressiven sowjetischen Aktionen« bis hinein in die Gelbe See, bei denen sowjetische »Kampfbomber Nordkorea überfliegen und an verschiedenen Punkten Angriffe simulieren«.

Die Nordkoreaner, so wollen westliche Diplomaten in Peking wissen, hätten der sowjetischen Marine im August gar angeboten, den Hafen Nampo anzulaufen. Anders als der Marinestützpunkt Wonsan, in dem Sowjet-Schiffe schon früher anlegten, liegt Nampo nicht an der Japan zugewandten Seite der koreanischen Halbinsel, sondern direkt vor der nordchinesischen Küste.

Von einer solchen »koreanischen Verbindung« allerdings wollten die US-Militärs nichts wissen. Allein nautische Besonderheiten seien für die Wahl des Zielortes ausschlaggebend gewesen: Der 7800-Tonnen-Zerstörer »Oldendorf« hätte die tückischen Fahrwasser vor Schanghais Marinehafen nicht gefahrlos meistern können.

Ähnlich gedämpft hatte sich auch US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger bei seinem jüngsten Auftritt in Peking geäußert. Statt wie bei seinem Besuch 1983 die »strategische Partnerschaft« mit der Volksrepublik zu beschwören,

wertete er den Flottenbesuch lediglich als »sehr klaren, deutlichen Beleg für die wachsenden militärisch-militärischen Beziehungen«.

Die Präsenz der US-Marine in Tsingtau stellte den bisherigen Höhepunkt einer militärischen Kooperation dar, die gleich nach der Besetzung Afghanistans durch die Sowjet-Union im Dezember 1979 begann. Schon einen Monat später verfügte Präsident Carter Exporterleichterungen für militärisch und zivil nutzbare Geräte nach China. Nach einem regen Besuchsverkehr zwischen Peking und Washington wurden noch im selben Jahr 400 Exportlizenzen genehmigt: China durfte Lastwagen, Transportflugzeuge, Hubschrauber, Luftbildkameras und Flugsimulatoren in den USA bestellen.

Im Gegenzug durften die USA Anfang der 80er Jahre in Xingjiang, im Nordwesten Chinas, Lauschposten zur Überwachung sowjetischer Raketentests beziehen. Die Stationen sind für Washington besonders wertvoll, seit die USA nicht mehr vom Iran aus in die Sowjet-Union hineinlauschen können.

Heute ist China - neben Jugoslawien - das einzige kommunistische Land, dem die USA militärische Technik verkaufen. So ist ein 98-Millionen-Dollar-Auftrag für eine Fabrik zur Herstellung von großkalibriger Artilleriemunition erteilt; am 30. Oktober bestellten die Chinesen für 550 Millionen Dollar moderne US-Elektronik, um 50 chinesische F-8-Kampfflugzeuge für Nachtflüge auszurüsten. Die chinesische Marine kaufte bei den Amerikanern antriebsstarke Gasturbinen sowie moderne Geschütze und verhandelte über die Produktion von Torpedos nach US-Lizenzen.

Die Seestreitkräfte, die 12000 Kilometer Küste verteidigen müssen, brauchen die Modernisierung dringend. Mit 16 Zerstörern, 26 Fregatten, über 100 U-Booten und 800 Schnellbooten nimmt sich die Armada aus insgesamt 1850 Schiffen zwar imposant aus. Aber mangels moderner U-Boot-Abwehr und fehlender Deckung aus der Luft taugt die als »große Mauer aus Eisen« gepriesene Flotte nur beschränkt als Bollwerk.

Wie veraltet die chinesische Flotte ist, zeigten die Einheiten, die neben den US-Schiffen in Tsingtau festmachten - ein Zerstörer, eine Fregatte und ein U-Boot. »Gepflegt, aber hoffnungslos rückständig«, meinte ein US-Marineoffizier nach erstem Augenschein.

Um technische Hilfe oder gar Verkaufsaufträge ging es diesmal nicht. »Freundschaft« war angesagt, dafür hatten Läden und Restaurants sogar bis neun Uhr abends geöffnet.

Tsingtaus Bürger nahmen das wenig martialische Auftreten der 900 US-Seeleute in den tiefblauen Uniformen mit Zurückhaltung auf. Nur ein kleines Mädchen war durch den Anblick der »ausländischen Freunde« sichtlich verstört: »Mutti«, rief es erschrocken, »die amerikanischen Teufel kommen.«

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