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ITALIEN Mauer des Schweigens

Der Geheimdienst konspirierte mit dem erpresserischen Chef der Freimaurer-Loge P 2 und ist in einen Mordfall verwickelt.
aus DER SPIEGEL 31/1981

Vier Stunden lang verhörte ein Mailänder Untersuchungsrichter den Oberstleutnant Luciano Rossi von der Finanz- und Zollpolizei: ob er wohl wisse, wer die vertraulichen Dokumente der Finanzer in das Archiv der Freimaurerloge »Propaganda 2« geschmuggelt habe?

Rossi, einst im Geheimdienst der »Finanzieri« tätig, antwortete ausweichend. Nach dem Verhör aber wurde er nervös. »Ich fühle mich verantwortlich, schrecklich verantwortlich«, beichtete er seinem Anwalt. Am 5. Juni schoß er sich eine Kugel in die Schläfe.

Der Selbstmord des Oberstleutnants ist nur eines von vielen Ereignissen, durch die Italiens Geheimdienste neuerdings wieder ins Gerede gerieten. Ende Mai mußten die Chefs der Nachrichtendienste Sismi und Sisde, die Generäle Santovito und Grassini, einen »längeren Erholungsurlaub« antreten, weil herauskam, daß sie der Intrigantenloge »Propaganda 2« angehörten.

Am 16. Juli legte der Präfekt Pelosi sein wichtiges Amt als Koordinator von Sismi und Sisde nieder, weil ihn die Staatsanwaltschaft beschuldigt, im Auftrag des zwielichtigen Logenmeisters Licio Gelli einen sozialistischen Minister ausspioniert zu haben. Und gegen vier Ex-Geheimdienstler in Uniform, darunter einen Admiral, laufen Ermittlungen, denn sie zettelten angeblich mit Gelli eine »politische Verschwörung« an.

»Unsere 007-Männer«, klagte ein Beamter des Innenministeriums, »haben zum Teil leider eine unbändige Freude an dunklen Manövern, die mit Staatsschutz nichts zu tun haben und dem demokratischen System schaden.«

Die trüben Manöver begannen schon in den fünfziger Jahren. Damals bespitzelte der militärische Nachrichtendienst Sifar verfassungswidrig zahllose Italiener und legte 157 000 Dossiers an. Den Vorwand dazu lieferte eine Zusatzklausel des Nato-Vertrages, wonach »Kommunisten oder Personen, die der Ideologie des Marxismus anhängen«, keinen Zugang zu militärischen oder strategischen Informationen haben dürfen.

Zu den Marxisten zählten nicht nur KPI-Boß Togliatti und Linkssozialist Nenni, sondern auch der Sozialdemokrat und spätere Staatspräsident Saragat. Überwacht wurden alle, die angeblich oder tatsächlich mit Marxisten Umgang hatten, darunter sogar Bischöfe und Kardinäle.

7000 Agenten schnüffelten für Sifar. Sie stellten genaue Recherchen über die sexuellen Neigungen der »Verdächtigen« an und liehen auch schon mal Dossiers über Oppositionelle an Regierungspolitiker aus.

Verantwortlich für das Spitzelsystem war Sifar-Chef General Giovanni De Lorenzo, die wohl umstrittenste Persönlichkeit unter den Militärs der jüngsten italienischen Geschichte. Im Sommer 1964, so enthüllte später die römische Wochenzeitung »Espresso«, plante De Lorenzo einen Staatsstreich, um eine Linksregierung zu verhindern.

Aufgrund von Sifar-Listen sollten »gefährliche Personen«, meist Linke, nächtens verhaftet und in geheime Konzentrationslager gebracht werden. Nur weil im letzten Moment in Rom eine neue Koalitionsregierung zustande kam, unterblieb der Staatsstreich. De Lorenzo, versteht sich, bestreitet alle Putschpläne. Der schneidige Monokelträger zog später für die Monarchisten ins Parlament ein.

An der Manie, innenpolitische Nachrichten zu sammeln und Prominente aller Stände zu beschatten, hielt der militärische Geheimdienst auch unter De Lorenzos Nachfolgern fest. 1966 entließ Verteidigungsminister Tremelloni deshalb den Sifar-Chef Allavena und gab dem Nachrichtendienst einen neuen Namen: Sid (Servizio Informazioni Difesa).

Kurz darauf stellte sich heraus, daß etwa 20 Dossiers über bekannte Politiker verschwunden waren. Der geschaßte General Allavena behauptete prompt: Er selbst habe vor Räumung seines Schreibtisches die brisanten Akten durch den Papierwolf gedreht.

Aber bald darauf kursierten die angeblich vernichteten Dossiers im ganzen Land. Das Wochenblatt »L''Europeo« veröffentlichte sogar Tischgespräche des Präsidenten Saragat, die Geheimdienstler aufgenommen hatten.

Daß ein Teil des Sid mit reaktionären Umstürzlern sympathisierte, erwies sich ab 1969, als ultrarechte Gruppen mit einer »Strategie der Spannung« den Staat bekämpften:

* Nach dem Mailänder Bombenattentat vom Dezember 1969 (Bilanz 16 Tote) vertuschte der Sid Spuren, die zu den faschistischen Drahtziehern hätten führen können. Sid-Agent Giannettini kungelte mit zwei rechten Verschwörern. Die Linke sprach deshalb vom »staatlichen Blutbad«.

* Im Dezember 1970 plante Fürst Junio Valerio Borghese, Mussolini-Fan und Chef der »Nationalen S.101 Front«, einen Staatsstreich. Seine Anhänger besetzten das Innenministerium. Angeblich wollten auch Sid-Männer mitputschen. Doch »wegen unvorhergesehener Schwierigkeiten« blies Borghese kurzfristig zum Rückzug.

Sid-Chef Vito Miceli kam wegen dieses Zwischenfalls 1974 sogar vorübergehend hinter Gitter. Zum erstenmal seit der Einigung Italiens muß ein General wegen Hochverrats ins Gefängnis, erschrak der »Corriere della Sera«.

Der Fall Miceli und weitere Putschgerüchte verstärkten das Klima des Mißtrauens in dem durch Attentate und Entführungen ohnehin verunsicherten Südstaat. Italiens Presse lieh sich -- um die Verwandtschaft der landeseigenen mit den südamerikanischen Putschisten zu zeigen -- ein Wort aus dem Spanischen aus: golpe, der Umsturz. Miceli galt somit als »golpista«.

Zwar wurde der General später freigesprochen (er sitzt inzwischen als neofaschistischer Abgeordneter im Parlament), doch der Sid blieb verrufen.

Die Vorwürfe richteten sich nicht bloß gegen den Sid, sondern auch gegen die sogenannte »Abteilung für vertrauliche Angelegenheiten« im Innenministerium. »Bei den Geheimdiensten ist allerhand faul«, wetterte der sozialistische Abgeordnete Riccardo Lombardi. »Sie müssen endlich unter parlamentarische Kontrolle gebracht werden.«

Zugleich forderten viele Italiener, die Staatsschützer sollten ihren Kampf gegen den Terrorismus besser koordinieren. Folge der anhaltenden Kritik: Im Mai 1978 kam es zur Reform der Geheimdienste. Zwei neue Institutionen entstanden:

* Der Sismi, Nachfolger des Sid, untersteht dem Verteidigungsminister. Er ist für militärische Sicherheit und Spionageabwehr zuständig. Etwa die Hälfte der 2000 Mitarbeiter kommt von den Carabinieri.

* Der Sisde, dem deutschen Verfassungsschutz vergleichbar, hat die Hauptaufgabe, Terroristen und Umstürzler zu bekämpfen. Nur etwa 800 der 1300 Posten sind besetzt.

Die Aufgabenteilung der beiden Nachrichtendienste steht freilich bloß auf dem Papier. Beispiel: Ist bei einem Terroranschlag auf eine Kaserne der Sismi oder der Sisde zuständig? Antwort: Beide. Kompetenzstreit und Eifersüchteleien waren somit beinahe schon vorprogrammiert.

Ob die Geheimdienstler im Kampf gegen den Terrorismus viel leisten, ist umstritten. 1979 lobte der damalige Ministerpräsident Andreotti Sismi und Sisde: Dank ihrer Hilfe sei es gelungen, viele Terroristen zu verhaften, mehrere Umstürzlergruppen zu unterwandern und verschiedene Sprengstoffanschläge zu verhindern. Aber andere Christdemokraten tadelten, die Geheimagenten würden sich hauptsächlich gegenseitig bekriegen.

Nach der Bombenexplosion 1980 im Bahnhof von Bologna (Bilanz: 85 Tote) argwöhnten italienische Linke, daß sich die Staatsschützer bei der Aufklärung absichtlich keine Mühe gäben, weil sie eventuell verantwortliche faschistische Gruppen schonen wollten. »Die sind auf dem rechten Auge unheilbar blind«, stichelte ein römischer KPI-Funktionär.

Manche Geheimdienstler haben für ihren eigentlichen Job ohnedies wenig Zeit, denn sie sind vollauf damit beschäftigt, gegen andere »Sicherheitsorgane« zu intrigieren und brisante Dossiers an ihre Freunde zu verteilen. So gab 1980 der Vizechef des Sisde, Silvano Russomanno, einem Reporter des römischen »Messaggero« die geheimen Verhörprotokolle des reuigen Terroristen Patrizio Peci zur Veröffentlichung -- er kam deswegen ins Gefängnis.

Noch mehr Aufsehen erregte ein anderer Dossier-Schmuggel. Mitte der siebziger Jahre nämlich war der damalige Geheimdienst einer gigantischen Bestechungsaffäre bei der Finanzpolizei auf die Spur gekommen: Mehrere Ölhändler hatten mit Hilfe bestechlicher Finanzer den Staat um angeblich vier Milliarden Mark Steuergelder betrogen. Die Dokumente über diesen Skandal gab der Sid zunächst nicht den Justizbeamten, sondern spielte sie dem Journalisten Mino Pecorelli zu, der sie zum Teil in seinem Blättchen »OP« veröffentlichte. Titel: »Erdöl und Handschellen«.

Pecorelli lebte von Verleumdungskampagnen, die er auf Wunsch bestimmter Cliquen im Staatsapparat gegen andere Cliquen führte -ein typischer Vertreter des in Rom üppig blühenden Intriganten-Dschungels. Am 20. März 1979 wurde Pecorelli vor seinem Büro ermordet. Die Ermittlungsbehörden sind überzeugt: Der Täter gehört zu jenem Personenkreis, den Pecorelli in »OP« attackierte oder den er erpreßte.

Jetzt, über zwei Jahre nach dem Mord, hofft die Staatsanwaltschaft, im Fall Pecorelli weiterzukommen. Denn der Name des Skandal-Schreibers steht auf dem im März 1981 beschlagnahmten Mitgliederverzeichnis der Freimaurerloge P 2, um die es den umfassendsten Skandal seit Jahrzehnten gibt.

Pecorelli besaß belastendes Material über die einstige Aktivität des Logenchefs Licio Gelli als Doppelspion im Zweiten Weltkrieg -- hat er versucht, den »ehrwürdigen Meister« der Loge zu erpressen? Staatsanwalt Domenico Sica glaubt dies. Der mafiaartige Geheimbund S.102 P 2, vermutet er, habe den Tod Pecorellis beschlossen. Deshalb wird in dem Mordfall nun gegen Gelli und den einstigen Sid-Beamten Oberst Antonio Viezzer ermittelt.

Logenbruder Viezzer, von seinen Kollegen respektvoll »der Professor« genannt, sitzt ohnehin schon in Untersuchungshaft, weil er Licio Gelli Geheimdokumente zuschanzte. Bei den Verhören der P 2-Männer kam Sica allerdings nur mühsam voran: »Er stieß auf eine Mauer des Schweigens« (so das Magazin »Panorama").

Aber zumindest Gelli selber hatte anscheinend ehrgeizige Pläne für einen Rechtsruck. Ende 1977 forderte er die seiner Loge angehörenden Generäle auf: »Man muß mit allen Mitteln verhindern, daß die Kommunisten an die Regierung kommen.«

Der »Messaggero« sieht deshalb schon als erwiesen an: Mit Hilfe der Militärs und des Sid »plante Gelli einen golpe«.

S.101Im Sommer 1980.*

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