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Kriminalität Mauer des Schweigens

In Berlin und Ostdeutschland liefern sich konkurrierende Vietnamesen-Banden mörderische Kämpfe. Bei den Fehden geht es um das illegale Millionengeschäft mit unversteuerten Zigaretten, Schutzgeldern und Glücksspiel. Um den hart umkämpften Markt zu verteidigen, schleusen vietnamesische Bandenchefs Killer aus der Heimat ein.
aus DER SPIEGEL 1/1996

Gefunden wurde das junge Opfer nachts gegen 23 Uhr von den Geschwistern: Die Vietnamesin Tay Lin Nguyen, 12, lag tot in der Badewanne der mütterlichen Wohnung in Berlin-Schöneberg.

Der Mörder hatte dem Mädchen die Kehle durchschnitten. Hals und Oberkörper waren mit Messerstichen übersät.

Der Mord an Tay Lin, begangen in der Vorweihnachtswoche, ist nur eine der Bluttaten aus jüngster Zeit, deren Hintergründe Fahnder im brutalen Milieu rivalisierender Vietnamesen-Banden vermuten. Wahrscheinlich wurde die Schülerin Opfer einer Vergeltungsmaßnahme an ihrer Familie, der zwei Asia-Imbißstände in Charlottenburg gehören.

Drei Tage später lieferten sich verfeindete vietnamesische Zigarettenhändler am S-Bahnhof Treptower Park eine Schießerei: Ein Toter, zwei Schwerverletzte sind die Bilanz des Feuergefechts, bei dem mindestens 30 Schüsse fielen. Ein 44jähriger Passant erlitt zudem einen Streifschuß an der Wade, ein Geschoß verfehlte den Kopf eines Autofahrers nur um wenige Zentimeter.

Der getötete 29jährige Vietnamese war von seinen Landsleuten regelrecht hingerichtet worden: »Es hatte den Charakter einer Exekution, da auf das Opfer aus nächster Nähe ein Kopfschuß abgefeuert wurde«, sagt ein Kriminalbeamter.

Die Viet-Gangs führen in Deutschland einen grausamen Verteilungskrieg. Meist geht es bei den Auseinandersetzungen um den Handel mit unverzollten Zigaretten, aber auch um Glücksspiel und Schutzgelderpressung.

Allein 750 Millionen Mark verdienen bestens organisierte Banden jährlich mit dem Straßenverkauf der Glimmstengel in der Bundesrepublik, schätzen Fahnder. Der Konkurrenzkampf zwischen den Gangstern ist entsprechend mörderisch. Bundesweit sind in den letzten drei Jahren über 30 Vietnamesen von Landsleuten bestialisch umgebracht worden, meist bei Fehden ums Geschäft: *___Im Wohnheim der Berliner Plattenbausiedlung Marzahn ____erschoß Ende März 1995 ein vietnamesisches ____Killerkommando fünf Landsleute auf einmal. *___Im sächsischen Treuen zogen vietnamesische Mörder ____ihrem Opfer Stücke der Haut ab. _(* Ende März 1995 vor einem Wohnheim ) _(im Stadtteil Marzahn. ) *___In Halle massakrierten Vietnamesen zwei Landsleute ____mit Samurai-Schwertern.

»Die wollen ihre kriminellen Claims abstecken und ziehen ihre Strafaktionen ganz gezielt am Mann durch«, sagt Uwe Kranz, Chef des thüringischen Landeskriminalamts (LKA). Sein sächsischer Kollege Peter Raisch sieht eine »brutale Parallelität zur Cosa Nostra«.

Der Krieg zwischen den Banden tobt vor allem in den neuen Bundesländern. Ähnlich wie die italienische Mafia im Amerika der zwanziger Jahre haben die streng organisierten Kriminellen im Immigrantenmilieu ihrer Landsleute ein rüdes Regime errichtet.

Von den einst 60 000 Vertragsarbeitern, die Vietnam in die ehemalige DDR entsandte, um dem sozialistischen Brudervolk vor allem Drecksarbeiten abzunehmen, sind noch Zehntausende im Land - die meisten werden nur geduldet und müssen mit Abschiebung rechnen. Allein in Berlin leben nach Schätzungen der Behörden neben rund 7000 gemeldeten Vietnamesen weitere 20 000 illegal.

In den Wohnheimen sind die Mieten hoch und die Lebensumstände erbärmlich. Heimbewohner mit Job müssen noch wie zu DDR-Zeiten zwölf Prozent ihres Salärs an die vietnamesische Botschaft abführen - als Rücklage für die Heimfahrt. In den tristen Blocks finden kriminelle Clans jede Menge Nachwuchs, der auf der Straße Schmuggelware vertreibt.

Nach Expertenmeinung zählen die ehemaligen Vertragsarbeiter jedoch nur selten zum harten Kern der Szene: »Die besonders Gewalttätigen unter den Vietnamesen sind aus der zweiten und dritten Nachzugsgeneration und erst nach der Wende in die Bundesrepublik eingereist«, sagt Wolfgang Göbel, Vizepräsident des Thüringer Landeskriminalamtes.

Schläger und Mörder kämen nicht selten für konkrete Aufträge nach Deutschland. Sie werden illegal über die grüne Grenze geschleust oder kommen mit gefälschten Ausweisdokumenten - oft auf Bestellung eines lokalen Bandenchefs.

Wie schon die Schnaps-Mafia im alten Chicago liefern die Asia-Mobster den braven Bürgern begehrte Ware: Die Billigpackung Camel ohne Steuerbanderole für wenig mehr als den halben Kioskpreis ist vor allem im Osten Deutschlands beliebt, Plakatkampagnen gegen den verbotenen Konsum ("Lieber verzollt als verknackt!") nützen kaum: Wende-verdrossene Ostler schmauchen den illegalen Stoff gar demonstrativ als »Soli-Zigarette« - für die armen Ex-Brüder und gegen den westdeutschen Finanzminister Theo Waigel.

Nach Schätzungen von Bundesregierung und Industrie schlagen die Banden jährlich 240 Millionen bis 300 Millionen Schachteln um - bei der gegenwärtigen Steuerlast von rund 2,80 Mark pro Schachtel geht der Verlust für den Staat demnach beinahe in Milliardenhöhe.

Die Tabakindustrie gibt die Stange Zigaretten für rund 11 Mark ab. Deutsche, polnische und russische Großhändler stellen den Verteilern pro Stange etwa 15 Mark in Rechnung. Bei einem Straßenpreis von bis zu 30 Mark bleibt da eine ausreichende Gewinnspanne für die Clans der Vietnamesen.

Um ihre Organisation zu finanzieren, erpressen die Banden zudem Schutzgelder von Zigarettenverkäufern, Restaurantbesitzern und Textilhändlern. »Es gibt fast keinen vietnamesischen Unternehmer, der nicht bezahlt«, ermittelte der Erfurter LKA-Chef Kranz.

Schutzgelder sind zwar selten höher als 1000 Mark im Monat. Doch wer nicht löhnt, muß mit harten Konsequenzen rechnen: In Erfurt wurde ein zahlungsunwilliger Textilhändler von sechs bewaffneten Landsleuten überfallen, zusammengeschlagen und bedroht, daß seine Frau und Kinder umgebracht würden, wenn er sich nicht an die »Vereinbarung« halte.

In Berlin stockte die Polizei ihre Ermittlungsgruppe Vietnam nach den jüngsten blutigen Auseinandersetzungen jetzt auf 14 Beamte auf. In Erfurt recherchiert die Sonderkommission »Samurai« bereits seit drei Jahren systematisch die Struktur der Szene.

Die Banden, so fanden die Beamten heraus, sind streng hierarchisch und meist nach Herkunft geordnet. Jeweils 15 bis 20 Clan-Soldaten unterstehen in der Regel einem Chef und seinen bis zu vier Stellvertretern.

Während sich Gruppen wie die Nghe-Tinh-Gang, die ihre Mitglieder aus den Provinzen um den 17. Breitengrad rekrutiert, zunächst auf den Zigarettenhandel konzentrierten, bemerkte die Polizei bei Landsleuten aus der Provinz Hanoi im Norden schon sofort nach der Wende eine wesentlich höhere Gewaltbereitschaft: Sie kaprizierten sich vor allem auf Glücksspiel und Erpressung.

Bei der Abwehr der Nord-Banden sind aber auch die Südländer nicht zimperlich. Eine Gang namens »Bund der Wohltätigkeit« brachte im Jahr 1993 führende Gangster aus Hanoi um und vertrieb auf diese Weise für eine Zeit die Nordvietnamesen aus dem Raum Berlin.

»Unterdrückung hat ihre Grenzen, und anschwellendes Wasser läßt die Ufer bersten«, konterte daraufhin eine Bande namens »Vereinte Nordprovinzen« in blumigen Drohbriefen und setzte ihrerseits Süd-Gegner auf die Todesliste.

Mafiatypisch nutzen Banden aus beiden Landesteilen jeweils diverse Einnahmequellen. »Da ist fast jedes Delikt aus dem Strafgesetzbuch vertreten«, sagt der Kriminaler Kranz.

Neben Erpressung, Menschenhandel und Bordellbetrieb gehört längst auch Geldwäsche dazu. Ein vietnamesischer Küchengehilfe aus einem Chinarestaurant in Sachsen etwa verblüffte Bankangestellte durch Eröffnung eines Festgeldkontos, auf das er sofort 190 000 Mark in bar einzahlte.

Informationen aus dem Milieu fließen jedoch nur spärlich, die Vietnamesen-Ghettos umgebe eine »Mauer des Schweigens«, klagt das Bundeskriminalamt in einer Analyse. Aus Angst vor Rache sei »das Anzeigeverhalten der geschädigten Vietnamesen zögerlich«, stellt das sächsische LKA fest. Denn spätestens vor Gericht werden Zeugen etwa, unbemerkt von deutschen Beamten, von Dolmetschern bedroht, die »oftmals selbst in Straftaten involviert sind« (LKA).

Deshalb greifen sächsische Vernehmer inzwischen zu einem simplen Trick: Sie trennen gern Dolmetscher und Zeugen durch spanische Wände voneinander, damit die Vietnamesen ohne Angst ungesehen aussagen können.

Die Methode hat sich bewährt: Amerikanische FBI-Kollegen nutzen sie seit den zwanziger Jahren bei Cosa-Nostra-Fällen. Y

»Da ist fast jedes Delikt aus dem Gesetzbuch vertreten«

* Ende März 1995 vor einem Wohnheim im Stadtteil Marzahn.

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