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Kriminalität Mauri und der dicke Max

Wegen Versicherungsbetrugs wurde Fußballprofi Maurizio Gaudino zu einer Bewährungsstrafe und 180 000 Mark Geldbuße verurteilt. Das Gericht rätselte über die Motive eines Mannes, der 500 000 Mark netto im Jahr verdiente und für 8000 Mark Provision zum Straftäter wurde: Der Star gefiel sich als Wanderer zwischen den Welten.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Eigentlich wollte Uve Kämmerer, Richter am Amtsgericht Mannheim, nur die Begründung seines Urteils gegen den Fußballprofi Maurizio Gaudino verlesen. Doch dann geriet ihm der formale Akt zur persönlichen Abrechnung mit den Zeitläuften.

»Schreckliche Laxheit« habe sich breitgemacht in Deutschland, hub Kämmerer an, kürzlich habe ihm gar ein Staatsanwalt den Vogel gezeigt. Ein junger Schriftführer, bei dem er moniert habe, daß »Einlassung« mit nur einem »s« geschrieben worden sei, habe ihn der Pedanterie geziehen. Politiker würden das Geld im Wahlkampf verschleudern, so daß eben nichts mehr da sei für eine vernünftige Ermittlung. Und dann sitze da, nur einen Monat vor Beginn seines Ruhestandes, auch noch so ein prominenter Angeklagter wie der Herr Gaudino vor ihm.

»Gar keine Zweifel« hat der Richter Kämmerer, daß Gaudinos Vermittlertätigkeit beim Versicherungsbetrug mit Luxusautos »eine große Sauerei war«. Aber irgendwie seien der Rechtsprechung die rechten Maßstäbe abhanden gekommen: »Zwei Jahre mit Bewährung sind ja inzwischen so etwas wie eine Einheitsstrafe geworden in Deutschland.« Da könne er an dem ehemaligen Nationalspieler kein Exempel statuieren, nur weil der bekannt sei.

So lautet denn das Urteil wegen Anstiftung zum Betrug, der Vortäuschung einer Straftat sowie der Mittäterschaft bei einem versuchten und einem vollendeten Betrug jeweils in Verbindung mit Beihilfe zum Vortäuschen einer Straftat auf zwei Jahre Freiheitsstrafe, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird, und 180 000 Mark Geldbuße. Und während Richter Kämmerer noch über eine Gesinnung räsonierte, »die nicht mit Recht und Ordnung zu vereinbaren ist«, freute sich Profi Gaudino schon wieder »auf mein nächstes Spiel«.

Warum sich auch lange aufhalten mit so einer Vorstrafe? Des Kickers wahre und einzige Bestimmung ist der Ball. Alles andere kommt, wenn nur die Fußfertigkeit stimmt: Glanz, Glamour, Ruhm und ein fürstliches Gehalt. Das Talent puscht einen wie Gaudino in die besseren Kreise, da wo Ferrari und Porsche vor der Tür stehen und das ganze Leben zum Spiel wird.

In den Umkleidekabinen der Bundesliga trifft sich ein ganz besonderes Völkchen neureicher Aufsteiger, die ungehemmt die Rabattmentalität der Vergangenheit ausleben. Ob Kühlschrank, Hi-Fi oder Hund - für alles gibt es Adressen, wo »mindestens 25 Prozent« rauszuholen sind. Sogar das offizielle Mitteilungsblatt der Profigewerkschaft VdV liest sich wie das Who's who des Schnäppchenmarktes.

Die meisten richten sich im frühen Luxus ein. Ausgerechnet Gaudino, der wie kaum ein anderer in der Bundesliga mit dem Ball am Fuß über den Platz stürmen konnte, wurde zum Wanderer zwischen den Welten.

Nie hat Gaudino den Kontakt zu den Kumpels seiner Jugend abgebrochen; er wolle »ja nicht arrogant wirken«, gab er zu Protokoll.

Mannheim-Rheinau ist nach Einschätzung des Gaudino-Verteidigers Heinz Düx »das Armenviertel der Stadt«. Hier, im Haus Nummer 16 der kleinen Straße Dänischer Tisch, wo auch heute noch die Eltern leben und der berühmte Name an der Klingelleiste zu finden ist, wuchs Gaudino als Sohn eines neapolitanischen Gastarbeiters auf. Hier bolzte er auf der Straße, ging zur Schule und begann eine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker.

Die Rheinau ist weniger Ghetto denn gewachsenes Malocher-Viertel. Allerdings haben sich in Rheinau viele Italiener angesiedelt, der Stadtteil gilt neben Mannheim-Jungbusch als ein Zentrum des organisierten Verbrechens in Deutschland. Vor zwei Jahren wurde hier ein Mafia-Killer verhaftet. Und daß nicht alle Anwohner allein auf den Arbeiterlohn angewiesen sind, lassen die zahlreichen am Straßenrand abgestellten Porsches und Ferraris vermuten.

Wenn Gaudino mit seinen edlen Schlitten in die Kindheit reiste, traf man sich in einer Eisdiele auf der Relaistraße, der Hauptverkehrsader des Viertels. Oder gegenüber im Restaurant Matera, einer leicht angeschmuddelten Pizzeria mit Plastikdeckchen, Billigdrucken an der Wand und Standard-Speisekarte.

Es wurde offensichtlich nicht nur über Fußball und flotte Flitzer geredet im Hinterzimmer und in der Küche. Sie wisse nichts, sagt eine Bedienung, »wenn der Gaudino da war, habe ich die Augen zugemacht und nichts gesehen«.

Seine Jugendbekanntschaften reichen völlig aus, um bei den Kollegen vom VfB Stuttgart und später bei Eintracht Frankfurt, wie Anwalt Düx feststellt, »den dicken Maxen« zu machen.

Gaudino, erinnert sich der damalige Ersatztorwart Eberhard Trautner, habe in der VfB-Kabine gern und im Flachs mit seiner neapolitanischen Herkunft kokettiert. Das imponierte den Mitspielern, die die Mafia allenfalls aus ihren Videos kannten; Mauri aber, so vermuteten sie, kenne leibhaftige Mafiosi.

Einen ähnlichen Reiz übt der Profi auch auf den heutigen Hauptbelastungszeugen Richard Schweifer aus, der als Mechaniker beim Stuttgarter Ferrari-Händler Lais Power schafft und irgendwie nicht begreifen mag, warum es seinen Kunden so viel besser geht als ihm. »Du mußt eben mitnehmen, was du kriegen kannst«, hat ihm Gaudino da verraten, und fortan ist Schweifer Hofmechaniker bei Mauri und darf auch dessen Katze und Wohnung versorgen.

Doch vorm Mitnehmen muß Schweifer erst mal seinen BMW M3 loswerden, die Reparaturen gehen zu sehr ins Geld. Während Schweifer mal wieder an Gaudinos Ferrari 348 TB schraubt, rät der Profi seinem Freund, den Wagen zu dem ihm bekannten Schrotthändler Salvatore Ferro in den Mannheimer Hafen zu fahren und ihn dann als gestohlen zu melden.

Schweifer verwechselt in der Dunkelheit die Schrottplätze - aber auch an der falschen Adresse ist er richtig, der Wagen wird ihm klaglos abgenommen. Die Versicherung zahlt 28 582,80 Mark.

Die Verwechslung der Schrottplätze bringt Schulfreunde wieder zusammen. Schweifer und Gaudino sind quasi aus Versehen in die hochkriminelle Mannheimer Szene geraten. Einer der Köpfe ist hier ein Deutscher: Thomas Hering, ein Klassenkamerad Gaudinos aus der Grundschule.

Wie tief Maurizio Gaudino eingetaucht ist in dieses Milieu, mag keiner sagen. Bereicherung, trägt der zweite Gaudino-Anwalt Wilhelm Barabas im Prozeß vor, könne kaum als Motiv in Frage kommen. Immerhin habe sein Klient in den letzten drei Jahren je 500 000 Mark netto verdient - so einer werde doch nicht wegen 8000 Mark Provision zum Straftäter. Um »das schnelle Geld«, wie es der Helfer Schweifer verdienen wollte, könne es Gaudino doch kaum gegangen sein.

Natürlich hatte Gaudino genug Geld, sein Image als Freund schneller Autos zu pflegen. Immer wieder brüstete sich der leidenschaftliche Raser damit, die Autobahnstrecke Stuttgart-München in weniger als einer Stunde zu schaffen.

Aus Mannheim kommt er mitunter langsamer zurück - weil er bepackt ist wie ein fahrender Händler. Einmal, erzählt Trautner, habe er einen Kleiderständer voller Skianzüge dabei gehabt. Nach dem Werberuf: »Billig, billig, im Laden kostet das doppelt soviel« ging es in der VfB-Kabine zu wie am Wühltisch beim Winterschlußverkauf. Selbst der damalige VfB-Manager Dieter Hoeneß habe zugegriffen, »weil er zwei Wochen später in den Skiurlaub fuhr«. Ein Deal, an den sich Hoeneß allerdings nicht mehr erinnern kann.

Und immer wieder Autos. Wer welchen Wagen fuhr, erzählt Trautner, habe keiner mehr gewußt. Sie hätten solch günstige Leasingraten gehabt, daß sie die Autos wechselten wie andere die Jeans. »Und der Mauri noch öfter, das meine ich genau so.« Gaudino hatte schon früh einen geleasten Nobel-Mercedes in Neapel und seine Harley-Davidson in Stuttgart als gestohlen gemeldet.

Doch warum sollte man sich darüber wundern? Über zehn Milliarden Mark haben die deutschen Versicherer im Jahr 1993 für Voll- und Teilkaskoschäden erstattet. Ein erklecklicher Teil der Summe, so vermuten sie, an betrügerische Kunden. In einer Umfrage der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung gaben acht Prozent der Autofahrer an, ihre Versicherung schon mal behumst zu haben.

Als Gerhard Jeske, der frühere Physiotherapeut des VfB Stuttgart, in finanzielle Schwierigkeiten gerät, will er sein Cabrio zu Geld machen. Doch der rote Golf mit dem weißen Kunstleder erweist sich als unverkäuflich.

Der um Rat gefragte Trautner empfiehlt dem Masseur »den Fachmann für Autofragen«, eben Gaudino. Der löst das Problem auf seine Weise: »Ich hab' zwei Kumpels, die machen das.« Die Schlüssel, die Jeske in einem Umschlag zusammen mit 3000 Mark Gaudino zukommen läßt, werden nachgemacht. In der Nacht zum 20. Januar 1993 wird das Auto vom Hof des Händlers geholt, bei dem es zum Verkauf steht - einen Monat später wird das ausgebrannte Wrack in einem Waldstück bei Kronau gefunden. Die Versicherung wird mißtrauisch, verweigert die Zahlung.

Überhaupt leidet die Autoflotte der Stuttgarter Fußballer in der Gaudino-Ära unter unerklärlichen Abgängen. Anfang 1993 vermißt auch Thomas Strunz, damals beim VfB unter Vertrag, seinen Wagen. In seiner Heimatstadt Duisburg war das Auto vor dem Haus seiner Schwiegereltern verschwunden, während der Kicker im Süden urlaubte. Als Strunz den Diebstahl seiner Versicherung meldete, wunderte sich die Sachbearbeiterin: »Das ist ja schon der dritte Fall beim VfB.«

Auch der damalige VfB-Trainer Arie Haan und der gerade vom VfB zu Inter Mailand gewechselte Matthias Sammer hatten den Verlust ihrer Autos gemeldet. Die Untersuchungen der Kripo Stuttgart ergaben nur eine Parallele: Die Halter befanden sich zum Zeitpunkt des Diebstahls an weit vom Tatort entfernt liegenden Plätzen. Die Ermittlungen wurden eingestellt.

Während Gaudino behauptet, »reinen Tisch gemacht« zu haben, ist die Staatsanwaltschaft Mannheim skeptisch, ob im Prozeß wirklich alle Verstrickungen des labilen Kickers - Anwalt Düx hebt auf den Streß und den immensen öffentlichen Druck ab, unter dem ein Fußballprofi zu leiden habe, was sogar Gaudino sichtlich peinlich ist - zur Sprache kamen.

In der Stuttgart-Mannheimer Szene, das wissen die Ermittler, hat sich der Autoklau nach dem Kettenbriefsystem verbreitet. Da wurden in Werkstätten von teuren Autos, die zur Reparatur reinkamen, Nachschlüssel gefertigt. Die Adresse des Besitzers, bei dem der Luxusschlitten später gefahrlos abgeholt werden konnte, stand dann auf der Rechnung. Mal wurden eigene Karossen gegen den Baum gefahren, mal wurde ein kleines Nebengeschäft mitgenommen - eine entfernte Verwandte ließ sich ihre Boutique zum Schein ausräumen.

Und war Franco Pazzanese, Gastwirt aus Rottenburg und VIP-Mitglied des VfB, wirklich der einzige, der beim Small talk von Star zu Edelfan das Gute in »Mauri« weckte? Der Pizza-Bäcker hatte Anfang 1993 dem Landsmann nach einem Heimspiel sein ganz spezielles Leid geklagt. Lange habe er sich an seinem Porsche Carrera Cabrio gefreut. Doch nun würden selbst die teuren blauen Ledersitze die harte Federung des Sportwagens nicht mehr genügend auffangen. Die Schmerzen an der Bandscheibe seien unerträglich, nur ein neuer Mercedes SL könne sie mildern.

Gaudino schickte seinen Schweifer vorbei, die Versicherung erstattete 170 000 Mark. Fürs Geld, wenn auch nur Kleingeld, trat wieder Gaudino auf den Plan. Im Tübinger Restaurant Lustnauer Mühle, versicherte Pazzanese im Prozeß, habe er dem Tipgeber Gaudino 5000 Mark Provision gezahlt.

Da half dann auch nicht mehr, daß sich der Angeklagte vor Gericht demonstrativ den richterlichen Werten von Sitte, Anstand und Moral unterwarf. Kein Brilli, seine persönliche Insignie des erfolgreichen Fußballers, zierte das Ohr, die ansonsten obligatorische dynamische Lederjacke hatte er gegen ein graukariertes Sakko getauscht, und statt wie sonst zu plaudern, schwieg er betreten. Nur mit ein bißchen Styling-Creme im Haar zollte er den modernen Zeiten Tribut.

Richter Kämmerer wünschte seinem prominenten Angeklagten, für den er nach achtmonatiger Untätigkeit dann innerhalb von Minuten eine schnelle Hauptverhandlung anberaumte, jovial »alles Gute weiterhin«. Wo doch der Profi schon am Donnerstag wieder nach Mexiko flog, wohin er ausgeliehen ist und bis zum Saisonende kicken muß.

Dann will er wieder nach Europa zurück, doch hier ist sein Ruf nachhaltig ramponiert. In Manchester, wo er im Sommer ein kurzes Gastspiel gab, erzählt man sich noch diesen Gaudino-Witz: Nach einem Auswärtsspiel kommt das Team in die Kabine. Plötzlich ruft der Betreuer: »Wo ist denn unser Bus?« Alle schauen Gaudino an, doch der strahlt: »Ich habe ein Alibi, ich habe gespielt.« Y

»Ich hab' zwei Kumpels, die machen das«

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