Zur Ausgabe
Artikel 35 / 132
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

POLIZEI Maximale Gefahr

Mit einem Schuß tötete eine Beamtin zwei Männer. Ein Unschuldiger könnte noch leben - wenn Fahnder mit geeigneter Munition schießen dürften.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock des Mietshauses an der Münchner Karlstraße fuchtelte Robert T. mit einem Küchenmesser herum. Mehrere Ritzer hatte sich der psychisch gestörte Mann am linken Arm schon beigebracht. Seinen Bruder Leon, der die Polizei gerufen hatte, schrie er an: »Dich stech' ich auch noch ab.«

Die ersten beiden Streifenbeamten, die am vorvergangenen Samstag bei den Brüdern eintrafen, forderten Verstärkung an. Acht Kollegen rückten in Dienst-BMW an - darunter »Isar 4212« mit einem Polizisten und einer 23jährigen Kommissar-Anwärterin. Aus der Wohnung drang Geschrei. Einer der Polizisten trat die Tür ein. Drinnen war kaum etwas zu sehen.

Plötzlich erschien Robert T. Das Messer in der rechten Hand, bewegte er sich auf die Polizistin zu. Dabei stach der Lebensmüde auf seinen Bruder ein, der ihn aufzuhalten versuchte. »Waffe weg, sonst schieße ich«, rief die junge Beamtin.

Doch der Mann kam näher, schüttelte seinen Bruder ab. Die Polizistin warnte noch einmal. Dann feuerte sie. Der Angeschossene kam immer noch näher. Der zweite Schuß durchschlug seinen Körper und bohrte sich in die Schläfe des kleineren, hinter ihm stehenden Bruders.

Leon T. war sofort tot, sein Bruder Robert T. starb auf der Intensivstation. »Ein tragischer Fall«, sagt Oberstaatsanwalt Manfred Wick. Dabei könnte der zu Hilfe geeilte Leon T. vermutlich noch leben, wenn deutsche Polizisten mit anderer Munition schießen dürften. Aus Angst vor einer makabren Debatte rüsten deutsche Politiker und Polizeiführer ihre Beamten mit Geschossen aus, die das Leben unschuldiger Bürger gefährden können.

Bundesweit schießen Polizisten derzeit noch mit sogenannten Vollmantelgeschossen vom Kaliber neun Millimeter Parabellum. Die Bleiprojektile sind von einer harten Stahlschicht umschlossen und verformen sich deshalb beim Aufprall kaum. Sie können leicht 70 Zentimeter an organischem Gewebe durchschlagen. »Ein bedenklicher Overkill«, sagt Bernd Karger vom rechtsmedizinischen Institut der Universität Münster: »Ein solcher Schuß könnte theoretisch drei hintereinander stehende dünne Erwachsene töten« - im Jargon der Waffentechniker eine »maximale Hinterlandgefährdung«.

Seit Jahren streiten Rechtsmediziner und Polizeivertreter dafür, die Bereitschaftseinheiten statt dessen mit sogenannten Teilmantelprojektilen auszurüsten. Deren Bleispitzen ermöglichen eine Vergrößerung der Geschosse beim Eindringen ins Gewebe von 9 auf 13 oder 14 Millimeter Durchmesser. Projektile dieser Art verursachen größere Wunden, bleiben aber früher stecken. Robert T. wäre wohl auch an einem solchen Schuß gestorben, seinen Bruder hingegen hätte ein Teilmantelgeschoß gar nicht erst erreicht.

Doch das Thema ist hierzulande offiziell tabu. Die Spezialeinheiten, die Politiker bei Reisen und Auftritten schützen, schießen zwar im Ernstfall mit einer Munition, die Teilmantelgeschossen entspricht - schließlich müssen sie zur Not auch im Publikumsgetümmel einen Attentäter niederstrecken können.

Aber die Innenminister der Länder, die für die Polizeibewaffnung zuständig sind, fürchten eine heikle Auseinandersetzung über die sogenannte Action-Munition. »Da kursieren Horrorvisionen«, sagt Wolfgang Dicke von der Gewerkschaft der Polizei, »von Geschossen, die kleinen Sprengköpfen gleich im Körper explodieren und dort riesige Krater reißen.«

Doch derartige Projektile, im Volksmund Dumdumgeschosse genannt, entsprechen längst nicht mehr dem Stand der Technik. »Der Grad der Verformung und damit die Eindringtiefe«, sagt Experte Karger, könnte bei der Herstellung bestimmt werden. Polizeieinheiten in den USA bestellen ihre Deformationsmunition quasi nach Maß. Holländische und österreichische Polizisten benutzen ähnliche Geschosse.

Auch juristisch, sagt Gewerkschafter Dicke, spreche nichts mehr gegen die Action-Munition. Die Haager Konvention von 1907 verbietet es, Waffen zu benutzen, die unnötige Leiden verursachen. Darunter fallen zerplatzende Dumdumprojektile. Längst aber können die erlaubten Vollmantelprojektile, die sich mit bis zu 1200 Stundenkilometern im Körper quasi überschlagen, grausamere Verletzungen verursachen als schwarzpulvergetriebene Bleibatzen der Jahrhundertwende.

Die rabiate Munition in ihrem Magazin könnte das Gewissen der Münchner Todesschützin entlasten. Es wird derzeit nicht formal gegen sie ermittelt, Kollegen prüfen allerdings, ob sie sich strafbar verhalten hat.

Die junge Beamtin, ranghöchste der eingesetzten Truppe, ist beurlaubt und wird psychologisch betreut. Ein Trost für die Polizistin: Am Montag vergangener Woche wurde sie zur Kommissarin ernannt. Die Beförderung stand planmäßig an. BETTINA MUSALL

Zur Ausgabe
Artikel 35 / 132
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel