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»Maximale Gewinne erzielen«

aus DER SPIEGEL 19/1991

Nur ein schlichtes Schild wies auf das Unternehmen, und auch der Standort im märkischen Bauerndörfchen Mühlenbeck schien auf den ersten Blick wenig beeindruckend: Die Firma »Kunst und Antiquitäten GmbH« (KuA) gab sich bescheiden wie diskret.

Doch die weiß gestrichenen Lagerhallen beherbergten ein Handelshaus besonderer Art. Auf grüner Flur, zwei Kilometer hinter der Berliner Stadtgrenze, betrieb der chronisch finanzschwache Honecker-Staat gegen harte Währung seinen kulturellen Ausverkauf.

Der Deal mit Gemälden und Geschmeide, Barockengeln und Büsten, Möbeln und Militaria brachte allein 1989, im Jahr der Wende, 37 Millionen West-Mark cash in die KoKo-Kasse. Mit Hilfe der KuA betrieb Schalck, schreibt der ostdeutsche Kunstwissenschaftler Günter Blutke, 56, eine kriminelle »landesweite Ausplünderung zur Devisenbeschaffung« - unterstützt von Stasi, Kulturfunktionären und einer SED-gesteuerten Steuerverwaltung, die gnadenlos private Kunstfreunde zur Herausgabe ihrer Sammlungen zwang**.

Der Raubzug begann 1973 mit einer Verfügung des damaligen Ministerpräsidenten Willi Stoph. Um die Staatsfinanzen aufzubessern, ordnete Stoph an, aus dem staatlichen Museumsfonds für »55 Millionen Valutamark« Kunst »auszusondern«. Für dieses Geschäft wurde die »Kunst und Antiquitäten GmbH« gegründet, unter der Regie des seit 1967 amtierenden KoKo-Chefs Alexander Schalck-Golodkowski. Gesellschafter: Horst Schuster, ein Schwiegersohn des DDR-Wirtschaftsgewaltigen Günter Mittag, und Dieter Uhlig, ein kaufmännischer Karrierist. Der frühere Schalck-Mann ist heute einer der Chefs der Ko-Ko-Nachfolgerin Berliner Handels- und Finanzierungsgesellschaft (BHFG).

Zwei KuA-Nebenbuhler, »Staatlicher Kunsthandel« und »Buchexport«, wurden auf Weisung des damaligen Außenhandelsministers Horst Sölle ebenso ausgeschaltet wie später ein privates Konkurrenzunternehmen. Vom 1. Januar 1974 an besaß die Schalck-Firma das alleinige Recht auf den »Export und Import von Antiquitäten, bildender und angewandter Kunst, Volkskunst sowie Gebrauchtwaren mit kulturellem Charakter«. Der Gewinn im ersten Geschäftsjahr: ** Günter Blutke: »Obskure Geschäfte mit _(Kunst und Antiquitäten«. LinksDruck ) _(Verlag Berlin; 184 Seiten; 38 Mark. * An ) _(ihrem Arbeitsplatz am Tegernsee. ) immerhin elf Millionen West-Mark.

Auf der stetigen Suche nach neuen Devisenquellen für seinen ewig klammen Staat ließ Schalck in den Hallen seiner KuA bald auch Billigwaren feilbieten - im Zeitalter zahlreicher werdender Trödelmärkte ein lohnendes Valutageschäft. Schäbige alte Küchenschränke, in der DDR bei einer Haushaltsauflösung für 30 Mark (Ost) erworben, brachten im Westen an die 300 D-Mark.

Sogar alte Pflastersteine und ausrangierte S-Bahn-Vehikel verhökerten die KuA-Manager in den Westen, ein Triebwagen (Typ A 2) kostete um die 20 000 D-Mark, der einfache Waggon um die 5000. Ein solches Gefährt, warben DDR-Akquisiteure zynisch beim Klassenfeind, sei »bestens für westdeutsche Kommunen als Eiskiosk im Schwimmbad geeignet, um die Verbundenheit mit der DDR zu demonstrieren«.

Nach gängiger DDR-Praxis wurde das Kulturgut in drei Kategorien eingeteilt. Zur ersten gehörten Arbeiten von hohem kunsthistorischen Wert, die in den offiziellen Sammlungen verbleiben mußten, zur zweiten Kunstwerke, die dem Museumsfonds nicht verlorengehen durften. Nur Gegenstände der dritten Kategorie konnten »an Zahlungs Statt«, als »museumsunwürdig« den KuA-Händlern übergeben werden.

Doch wo Schalck seine Goldfinger reinsteckte, waren Verordnungen und Gesetze wenig wert. Als die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Westen unbedingt das Bild »Männer am Meer« von Erich Heckel zurückkaufen wollten, das 1937 als »entartete Kunst« aus der Elbestadt-Galerie entfernt worden war, lehnte das Kulturministerium in Ost-Berlin ab - Devisenmangel.

Schalck schlug den Dresdnern statt dessen einen Deal vor: Die Sammlung solle »museumsunwürdige« Bestände liefern, die dann im Westen für den Heckel-Ankauf versilbert würden. Dresden schickte 372 Gemälde - darunter nach Ansicht von Experten auch solche, die nach der offiziellen Liste gar nicht ausgeführt werden durften.

Das Geschäft platzte, weil das Heckel-Bild inzwischen nicht mehr auf dem Markt war; die Bilder aus Dresden aber hatten Schalcks Kunsthändler zu diesem Zeitpunkt längst verscherbelt. KuA teilte lapidar mit, der Sammlung stehe ein Teil des Erlöses zu, genau 68 495 Mark.

Zur Profitmaximierung setzte Schalck jenseits von Recht und Gesetz auch seine Kumpels von der Stasi ein. Eine »Zentrale Arbeitsgruppe VII/13« des Ministeriums für Staatssicherheit, intern die »Kunstfahnder« genannt, durchforschte die DDR bis in die letzten Provinzwinkel nach valutaträchtigen Kulturgütern.

Mit welchen Methoden, darüber gibt es kaum Unterlagen. In den MfS-Archiven sind keinerlei Belege für die Existenz der Stasi-Abteilung VII/13 gefunden worden; »schriftliche Beweise für vermutete Beschaffungseinbrüche« oder »Erpressungen von Kunstsammlern«, befürchtet Blutke, seien »in den Aktenbergen« auch nicht mehr vorhanden. Offenbar hat der Reißwolf ganze Arbeit geleistet.

Doch es gibt Zeugen. Am 31. März 1982 etwa fallen Steuerfahnder und KuA-Gutachter ins Dresdner Heim des privaten Kunsthändlers Helmut Meissner, damals 79, ein. Die Aktion ist gut vorbereitet. Für 8.30 Uhr hat ihn die Kriminalpolizei, obwohl gegen ihn offiziell nichts vorliegt, »zwecks Klärung eines Sachverhaltes« bestellt; der staatliche Stoßtrupp steht um acht vor seiner Wohnung, einer wedelt mit dem Durchsuchungsbefehl.

Frau Meissner will niemanden hereinlassen, weil »mein Mann nicht da ist«. Einer sagt: »Das wissen wir. Er ist bei uns.«

Stundenlang inventarisieren die Eindringlinge, angeblich zwecks Steuerprüfung, Meissners Besitz, den er über 55 Jahre hinweg voller »Liebe und begeisterter Hingabe« ersammelt hatte: Malereien, Grafiken, Fayencen, Möbel, Münzen und Kostbarkeiten aus der Porzellanmanufaktur Meißen.

Darunter ist auch Meissners Lieblingsstück, ein Birnkrug aus dem Jahre 1722/23, zugeschrieben dem Prozellanmaler Johann Christoph Horn. Auf der Welt gibt es, nach Expertenschätzung, nur vier, höchstens fünf solcher Krüge.

Die »Zeitwertfestsetzung« des Meissnerschen Eigentums dauert Monate, und in dieser Zeit steigt die Forderung durch den Fiskus beständig - von ursprünglich 2 Millionen auf exakt 6 552 598 Mark. Natürlich kann der alte Mann nicht zahlen - er muß den Besitz freigeben »zur Verwertung an Zahlungs Statt«.

Der Birnkrug wird im Standardwerk »Meißner Blaumalerei aus drei Jahrhunderten« ausführlich beschrieben. Über seine Herkunft heißt es lapidar: »1985 erworben von der Kunst und Antiquitäten GmbH, Berlin, vorher im Besitz von Kunsthändler Meissner, Dresden.«

Die KuA-Bosse kümmerten sich nicht nur um Kunst und Trödel. Auf dem Mühlenbecker Gelände ließ das MfS auch Waffen und Munition für den Nahen Osten, »gedeckt in Mercedes-Tankfahrzeugen«, verladen, wie aus MfS-Unterlagen hervorgeht. Und im Dezember 1984 nahm KuA-Generaldirektor Joachim Farken von Schalck-Vize Manfred Seidel »treuhänderisch« 20 Millionen Mark entgegen, um mit dem Geld »in der Schweiz durch Börsengeschäfte bei Edelmetallen . . . maximale Gewinne zu erzielen«. Das klappte. Allein 1986 warf die Spekulation fast 3,3 Millionen Mark ab.

Schalck-Ehefrau Sigrid blieb nach der Wende dem lukrativen Metier treu: Am Tegernsee jobbt sie in einem Antiquitätengeschäft.

** Günter Blutke: »Obskure Geschäfte mit Kunst und Antiquitäten«.LinksDruck Verlag Berlin; 184 Seiten; 38 Mark. * An ihremArbeitsplatz am Tegernsee.

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