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Bundeswehr Maz nach EI Paso

Die Armee stellt Fernseh-Aufzeichnungen her und bereitet ein eigenes Kassetten-TV vor. Erste Konserven werden schon in Kasernen gezeigt.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Die Bundeswehr hat einen Feldwebei, auf den das deutsche Jungvolk gerne hört: Horst Tempel moderiert bei Radio Luxemburg mehrmals in der Woche das fast dreistündige Funkmagazin »Mensch ärgere Dich nicht«.

Noch plaudert Feldwebel Tempel nur aushilfsweise für den Kommerz-Sender. Im Dezember zieht er nach sieben Jahren Kommiß die Uniform aus, ab Januar ist Disk-Jockey Horst bei der Pop- und Schnulzen-Station im Großherzogtum fest unter Vertrag.

Die Armee läßt den Sergeanten mit der samtenen Stimme ungern ziehen. Oberstleutnant Joachim von Wilmsdorff, Chef der »Lehr- und Versuchsdienststelle Truppeninformation": »Ein sehr guter Mann.«

Tempel war bislang Starsprecher in der Baracken-Kaserne »Butzweilerhof« zu Köln-Ossendorf. wo Wilmsdorff seine 30-Mann-Truppe mit Funk-Versuchssendungen beschäftigte. Im Frühjahr wurde das Programm anspruchsvoller: Die Ossendorfer produzieren Fernsehaufzeichnungen für den internen Bundeswehrgebrauch. Auch hier sollte der Feldwebel den Sprecher spielen.

Beim ersten Truppenbesuch des neuen Verteidigungsministers Georg Leber am 21. Juli in Wetzlar fielen die Bild-Soldaten mit zwei modern ausgerüsteten Obertragungswagen (Beschriftung; »Info-German -- für deutsche Soldaten im Ausland") ihren zivilen Kollegen auf. Ein ZDF-Kameramann befürchtete ungeachtet der eindeutigen Aufschrift: »Jetzt senden die in Deutschland Bundeswehr-TV.«

Sie senden nicht. Seit 1961 schon steht den Militärs ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Weg, mit dem damals Konrad Adenauers Fernsehpläne blockiert wurden. Nach dem Spruch der Karlsruher Richter liegt »die Gesetzgebungs- und Verwaltungskompetenz für die Veranstaltung von Rundfunksendungen« allein bei den Ländern, ein bundeswehreigenes Rundfunk- und Fernsehprogramm ist damit ausgeschlossen.

Trotzdem gaben die Bundesverteidiger 200 000 Mark aus, um vom Süddeutschen Rundfunk einen zehn Jahn alten Ü-Wagen-Zug mit den dazugehörigen Kameras (Neupreis 1962: 4,2 Millionen Mark) zu kaufen. Die Stuttgarter Anstalt verramschte den Bildwagen mit drei Super-Orthikon-Kameras und den Magnetaufzeichnungswagen an die Telemänner in Uniform, weil das eigene Gerät auf Farbe umgestellt wurde.

Für die Hardthohe kam die Okkasion gerade zur rechten Zeit. Die größte deutsche Auslands-Garnison in El Paso (Texas) an der mexikanischen Grenze klagte über zunehmende Entfremdung von zu Hause. Die etwa 3000 -- oft jahrelang drüben stationierten -- Militärs und ihre Angehörigen waren bis vor kurzem auf 300 alte Zeitungen angewiesen, die einmal wöchentlich eingeflogen wurden.

Wilmsdorffs Fernsehcrew schließt die Informationslücke mit Hilfe von ARD und ZDF. Die großen Brüder genehmigten den Kölnern kostenlose Mitschnitte von Tagesschau und Heute, von Welt- und Wochenspiegel, von Magazinsendungen und vor allem von Sport-Übertragungen. Kapitän zur See Hans-Joachim Müller-Belau, im Hardthöhen-Führungsstab zuständig für staatsbürgerliche Bildung und Truppeninformation, hat »denen natürlich auch das Fußballspiel Deutschland -- Rußland geschickt. Sport interessiert immer am meisten«.

Alle vierzehn Tage nimmt seit April die regelmäßige Kuriermaschine eine halbstündige Magnetaufzeichnung (Fachjargon: Maz) mit in die texanische Wüste. Die Luftwaffen-Soldaten der Raketenschule sehen die Kölner Mischung auf einem der zwanzig Sony-Video-Recorder. die die Bundeswehr für ihre Kasernen-Kundschaft gekauft hat. El Paso-Oberleutnant Heinemann fand »besonders die Aktualität zu loben«. Oberfeldwebel Ulrich Förster beurteilte »alle Beiträge, ohne Ausnahme, gleich gut«.

Die militärische TV-Truppe ist meist nur mit kurzen Berichten aus der Bundeswehr an den »Info German«-Bändern beteiligt. Manipulation der Meinungen, etwa im Sinne der in Bonn gerade regierenden Partei, schließt Müller- Belau ("Die Verantwortung für den Inhalt trage ich") aus: »Wir kommentieren nicht, wir informieren.«

Den Verdacht, daß die Informationen einseitig sein könnten, halten die Kölner für unberechtigt. Ein ziviler Fernsehingenieur der Wilmsdorff-Crew: »Wenn der erste SPD-Feldwebel sich beschwert, das sei ein CDU-Band gewesen oder umgekehrt, dann ist hier der Teufel los.«

Das Team im Butzweilerhof entwickelt daneben auch ein neues Kassettenfernsehen für die Armee. Zwei Magnetbänder ("Macht im Griff«, Teil 1 und 2) für den staatsbürgerlichen Unterricht in den Kompanien sind fertig. Kommödchen-Kabarettist Ernst Hilbich hilft, die trockene Rekruten-Belehrung mal als Ludwig XIV., mal als Parlamentarier oder als Richter aufzulockern.

Noch juxt Hilbich in Schwarzweiß. Die Video-Krieger hoffen schon auf Farbbilder, die freilich fünfmal so teuer sein werden. Hardthöhen-Kapitän Müller-Belau weiß, was die Truppe braucht: »Die Soldaten sind von Buntfilm und Farbfernsehen so verwöhnt, daß sie bei Schwarzweiß einschlafen.«

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