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Medium zwischen Volk und Regierung

aus DER SPIEGEL 32/1972

Er ist der Muster-Mann des DDR-Sports. Wo immer Zeitschriften Leserumfragen nach den meistgenannten Vorbildern des DDR-Nachwuchses veranstalten, steht sein Name an der Spitze: Gustav Adolf (»Täve«) Schur, zweimaliger Straßenradsport-Weltmeister.

Seine Karriere hat schon frühzeitig den sozialistischen Legenden-Schatz bereichert. Der Mann, der einst Brunnenbauer werden wollte, gilt der SED als ideales Modell der Identifizierung von Sportlern und Regime, von Bevölkerung und Sportlern. Der Meisterathlet als Medium zwischen Volk und Regierung -- das ist die Geschichte des Täve Schur.

Am Anfang steht die Anekdote vom sowjetischen Soldaten, der dem Jungen 1945 ein beschlagnahmtes Fahrrad schenkt. Wahr oder nicht -- die Geste ist im Sinne der Partei symbolisch: Großer Bruder verhilft begabtem Arbeiterkind zum notwendigen Produktionsmittel.

Bei einem Erstlings-Rennen fällt Schur 1950 einem Trainer auf. Der steckt ihn in die Radsport-Sektion der Betriebssportgemeinschaft (BSG) »Aufbau Bürde«. Der Magdeburger Maurer-Lehrling übertrifft die Norm, erhält ein Stipendium, studiert (zehn Jahre) an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig und trainiert im Leistungszentrum der Straßenfahrer.

Als erstem DDR-Fahrer gelingt ihm schließlich ein internationaler Erfolg: Schur siegt bei der »Friedensfahrt« 1955, dem bedeutendsten Etappenrennen für Amateure. Drei Jahre später erspurtet er die Weltmeisterschaft. Die SED holt ihn als Mitglied und schickt ihn viermal hintereinander in die Volkskammer.

1959 glückt Schur, was vor ihm noch keiner geschafft hat: die zweite Weltmeisterschaft in Reihenfolge. Zum erstenmal erlangt die DDR auf einem Sektor, im Straßenradsport, Weltgeltung. Schurs Bravourleistungen bei Olympischen Spielen (zwei Medaillen), Weltmeisterschaften und bei der Friedensfahrt (zwei Einzel- und fünf Mannschaftssiege) formen aus ihm das erste wirkliche Idol der Republik -- vergleichbar mit Westdeutschlands Franz Beckenbauer.

»Das dritte Buch über Achim« von Uwe Johnson schildert die »spezifische soziale Funktion eines Sportlers in der DDR, nämlich seine Vermittlung zwischen den Regierten und den Regierenden im verschenkten oder benutzten Ruhm, wo also Liebe des Publikums und Strategie der Administration unverhofft einander begegnen«.

Als Vorbild Johnsons schillert Schurs Biographie durch: »Plötzlich, jetzt! erscheint ein umgekehrter Mützenschirm, zieht einen Nacken nach, geht als krummer Rücken kleiner werdend in die rechte Bildseite, er trägt Achims Nummer, das ist Achim, sofort strähnen die vordersten Fahrer des Pulks hinterher, das Feld hat einen Kopf von halber Straßenbreite bekommen, der in zähen Rucken zusammenwächst, sie haben ihn fast eingeholt, sind krampfhaft neben seinem Hinterrad gebückt, so daß auf der linken Fahrbahnseite zwei Fahrer von Achims Mannschaft unbeachtet davonziehen können.«

In der Tat ließ Schur 1960 bei der Weltmeisterschaft auf dem Sachsenring seinen weniger spurtstarken Mannschaftsgefährten Bernhard Eckstein vorbei, beschattete dann den besonders spurtschnellen Belgier Vandenberghe und begnügte sich damit, im Endspurt hinter dem davongefahrenen Eckstein den zweiten Platz herauszustrampeln.

Bei der gesamtdeutschen Olympia-Ausscheidung 1960 in Erfurt verfolgten 500.000 DDR-Bürger seine Fahrkünste. »Ich höre noch im Schlaf »Täve, Täve, rufen«, erzählte er einem Reporter. »Von ihm haben wir die taktischen Kniffe gelernt«, schwärmte noch der DDR-Flüchtling Hartmut Scholz.

Drei Bücher erschienen über Schur in der DDR. Nationalpreisträger Professor Bert Heller porträtierte nach Hanna Weigel und Bert Brecht den Meister aller Gangschaltungen. Übersetzt auf hüben hieße das: Kokoschka porträtiert Weltmeister Rudi Altig. »Hellers besonderes Anliegen«, interpretierte die Ost-Berliner »National-Zeitung«. sei es gewesen, »Schurs große Volkstümlichkeit in ihrer politischen Ausstrahlung zu offenbaren«.

DDR-Täve zeigte sich stets dem Regime verbunden. »Ich verdanke alles unserem Arbeiter-und-Bauernstaat«, bestätigte er immer wieder. Bei einem West-Auftritt, einem »Sportler-Forum« in Castrop-Rauxel, wetterte er gegen die »Alleinvertretungs-Anmaßung«, in Gütersloh hinderten ihn westdeutsche Funktionäre am Start, weil er nicht, wie vereinbart, das Hammer-und-Zirkel-Emblem überdeckt hatte.

Nur wenn das Regime einmal nicht seinen Erwartungen entspricht, wird er ungeduldig. Eine Prüfungskommission ließ den Aufsteiger durch die Jagdprüfung fallen. Schur rebellierte. Die Kommission mußte ihr Urteil umstoßen.

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