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Hochschulen Retter aus dem Netz

Das Gesundheitssystem droht an seine Grenzen zu stoßen. Angehende Mediziner wollen helfen – zu Tausenden.
aus DER SPIEGEL 14/2020
Medizinstudentin in Kieler Krankenhaus: Organisator auf dem Dachboden

Medizinstudentin in Kieler Krankenhaus: Organisator auf dem Dachboden

Foto: Frank Molter/ DPA

Die Mühlen der Bürokratie mahlen schnell in diesen Tagen. Eine Stunde nachdem Anna Kurzeck ihre Bewerbung per Mail abgeschickt hat, läutet ihr Telefon, eine Frau von der Bezirksregierung ist dran: Wann sie denn anfangen könne?

Am selben Nachmittag, so erzählt die Medizinstudentin am Telefon, habe sie sich ins Auto gesetzt und sei von ihrem Elternhaus im oberpfälzischen Tirschenreuth zum Landratsamt gefahren, um ihren Vertrag zu unterschreiben. Gleich am nächsten Tag habe sie mit der Arbeit begonnen: Kontaktpersonen von Coronavirus-Infizierten anrufen, zu Symptomen befragen und anhand eines Leitfadens entscheiden, ob sie in Quarantäne müssen und getestet werden.

Auch an einer mobilen Teststraße habe sie schon mitgeholfen. 400 Menschen seien in ihren Autos auf den Parkplatz des Tirschenreuther Gymnasiums gefahren, ein Arzt habe am Autofenster den Abstrich vorgenommen. Kurzeck kontrollierte, in Schutzmontur, dass niemand auftauchte, der nicht einbestellt worden war und sich trotzdem testen lassen wollte.

Die Studentin steht kurz vor dem dritten Staatsexamen und dürfte damit zu den Helfern mit dem größten Fachwissen zählen. "Nur wenige hier sind Ärzte", sagt sie, "viele kommen aus dem Landratsamt oder aus der Kreismusikschule, die jetzt geschlossen ist."

DER SPIEGEL 14/2020
Foto:

cgs

Wie kommen wir da wieder raus?
(ohne uns anzustecken oder zu ruinieren)

Auswege aus dem Corona-Albtraum

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Die Gesundheitsämter sind derzeit stark gefordert, manche sind überlastet, das System droht in der Coronakrise an seine Grenzen zu stoßen. Der bayerische Wissenschaftsminister und die Ärztlichen Direktoren der sechs bayerischen Unikliniken haben Medizinstudierende zu freiwilligen Einsätzen aufgerufen. Andere Krankenhäuser und Gesundheitsämter veröffentlichten ähnliche Gesuche. Und viele Studierende wollen helfen.

Allein im Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München hätten sich bereits 300 Medizinstudierende gemeldet, sagt der Ärztliche Direktor Karl-Walter Jauch. Die ersten 100 würden gerade geschult, sie sollen an der Telefonhotline arbeiten oder auf den Stationen aushelfen. Die anderen 200 werde man kontaktieren, wenn die Personalnot größer werde. Je nachdem, wie weit im Studium sie seien, würden sie als wissenschaftliche Hilfskräfte angestellt oder bekämen ihren Einsatz als Famulatur angerechnet.

Andere Studierende starten gleich eigene Initiativen, damit Institutionen und Hilfswillige leichter zusammenfinden. Amandeep Grewal, Medizinstudent im zwölften Semester, gründete eine Facebook-Gruppe, um sich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen zu vernetzen. Er nannte sie "Medizinstudierende vs. Covid-19", das Interesse ist groß. Inzwischen hat die Gruppe rund 20 000 Mitglieder.

Ein Kommilitone legte eine Website an, auf der Grewal und sein Team die Jobangebote nach Bundesländern sortiert veröffentlichten. Am Donnerstag stellten sie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden ein neues Angebot online. Auf "match4healthcare" können Studierende und Menschen aus anderen Gesundheitsberufen sich eintragen – und Kliniken können mit einem Filtersystem nach passenden Arbeitskräften suchen.

Wir sind alle mit der Facebook-Gruppe und der Website beschäftigt.

Ursprünglich habe er selbst in einer Klinik helfen wollen, sagt Grewal, doch dafür fehle ihm nun die Zeit. Auf dem Dachboden seiner Eltern habe er ein paar Kisten weggeräumt und sich ein provisorisches Büro eingerichtet, um ungestört telefonieren zu können. "Im Moment sind wir alle Vollzeit mit der Facebook-Gruppe und der Website beschäftigt, auch am Wochenende", sagt er.

Die Reaktionen auf die verschiedenen Initiativen waren positiv. Die Pflegekammer Niedersachsen allerdings äußerte Kritik an einem Aufruf des niedersächsischen Wissenschaftsministers. Aber auch Nora Wehrstedt, die stellvertretende Kammerpräsidentin, sagt: "Wir brauchen jede helfende Hand, keine Frage." Ihre Kritik entzündete sich daran, dass der Minister davon gesprochen habe, Studierende als Pflegekräfte einzusetzen. "Pflege kann nicht jeder", sagt Wehrstedt, "es hat einen Grund, dass es dafür eine dreijährige Ausbildung gibt." In anderen Bereichen könnten Studierende sehr wohl einen wichtigen Beitrag leisten: Essen austeilen, Wäschewagen auffüllen, Blutproben ins Labor bringen.

Auch das Robert Koch-Institut hat Helfer gesucht, sogenannte Containment Scouts, die im nächsten halben Jahr in Vollzeit Covid-19-Erkrankte zu möglichen Kontaktpersonen befragen und diese kontaktieren sollen. Die Ausschreibung richtete sich "vor allem an Studierende, die bereit sind, ein Urlaubssemester einzulegen". Die Ausschreibung war nach drei Tagen offline, obwohl die Bewerbungsfrist noch längst nicht abgelaufen war.

"Über das Wochenende haben uns knapp 10.000 Bewerbungen erreicht", heißt es nun auf der Website. Leider könne man einfach keine weiteren annehmen.

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