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UNO / JUBILÄUM Meer von Worten

aus DER SPIEGEL 44/1970

Zum Geburtstag waren Gäste nicht willkommen, gefeiert wurde im Familienkreis -- unter dem Schutz von 8000 Polizisten in Streifenwagen, Booten und Hubschraubern.

Immerhin: Das Weltkind ist noch am Leben. Doch selbst die Familie der Vereinten Nationen erschien nicht vollzählig zum Feiern. Die Patriarchen blieben zu Haus oder schauten höchstens auf einen Sprung vorbei.

Denn viel Grund zum Feiern gab es nicht am 25. Geburtstag der Uno, der Weltorganisation, die nicht einmal drei Viertel der Welt vertritt.

25 Jahre nach ihrer Gründung in San Francisco sind die Vereinten Nationen zwar von 50 auf 127 Mitglieder angewachsen, doch der volkreichste Staat der Welt, Rot-China, ist in der Uno ebensowenig vertreten wie die Kleinstaaten Schweiz, Liechtenstein, Monaco, San Marino, der Vatikan oder die geteilten Staaten Deutschland, Vietnam und Korea.

Die meisten der jungen Mitgliedstaaten sind klein und bevölkerungsarm. In der Vollversammlung aber haben sie getreu dem Grundsatz »Jeder Staat eine Stimme« dieselben Rechte wie die Grollen und Reichen, von denen die Organisation eigentlich getragen, vor allem finanziert wird.

Entscheidende politische Resolutionen bedürfen der Zweidrittel-Mehrheit. Und so sind wichtige Beschlüsse gegen den Widerstand einer ideologisch oder regional bestimmten Koalition von Staaten kaum noch durchzusetzen. Zuweilen überstimmen die Mini-Staaten auch alle Großen. So lehnten sie beispielsweise mit Mehrheit den von den Großmächten in Genf ausgehandelten Vertrag über die Freihaltung des Meeresbodens von Atomwaffen ab. Ein Unterausschuß der Uno, der Vorschläge für eine Neuregelung der Mitgliedschaft von Mini-Staaten ausarbeiten sollte, fand keine praktikable Lösung.

Die Großmächte lassen sich durch Mehrheitsbeschlüsse der Uno-Vollversammlung allerdings nicht beeindrucken -- sie verständigen sich außerhalb der Weltbund-Bühne über Krieg und Frieden.

Zwar versuchten sich auch die Generalsekretäre der Uno in über 30 bewaffneten Konflikten als »Reisende in Sachen Frieden« (so der zweite Generalsekretär Dag Hammarskjöld), doch fast immer ohne Erfolg. Lediglich in Griechenland, in Indonesien und im Kaschmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan halfen sie mit, einen Waffenstillstand auszuhandeln.

Internationale Konflikte werden auch nicht vom Internationalen Gerichtshof oder vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gelöst. Denn entweder sind die beteiligten Mächte -- wie im jetzigen Indochinakrieg -- gar nicht Mitglied der Uno, oder aber das Weitgewissen schweigt, weil es sich -- wie beim Biafra-Krieg -- angeblich um die inneren Angelegenheiten eines Mitgliedstaates handelt.

Zwar stehen heute noch 2969 Uno-Soldaten auf Zypern, doch aus dem Nahen Osten zog U Thant seine Blauhelme 1967 widerspruchslos ab, als Ägyptens Nasser nur den Wunsch äußerte. Es folgte der Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und den Arabern.

Als wirklich einmal -- während der Kongo-Krise 1960/61 -- eine Uno-Streitmacht ausrückte, beendeten Hammenskjöldis 20000 Soldaten und Polizisten wohl die Sezession Katangas, handelten der Uno aber zugleich eine Finanz- und Existenzkrise ein: Die Sowjet-Union weigerte sich, ihre Beiträge zu entrichten, was beinahe zum Verlust des Stimmrechts in allen Uno-Organen geführt hätte. Erst 1965 wurde die Krise durch einen Kompromiß beigelegt.

»Sinn für Realität« (so die Liberianerin Angle Brooks, im vorigen Jahr Präsidentin der Vollversammlung) haben bisher nur die Unter- und Sonderorganisationen der Uno bewiesen.

So verminderte die Unesco, Sonderorganisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, in Teilen Lateinamerikas und des Mittleren Ostens die Analphabetenrate auf weniger als 50 Prozent (gegenüber 80 bis 85 Prozent im Jahre 1950). 60 bis 70 Prozent der Kinder zwischen acht und 15 Jahren besuchen heute in diesen Staaten eine Schule.

UNDP und FAO, die Uno-Organisationen für Entwicklung und Ernährung, starteten in den Hungerländern der Welt eine »grüne Revolution«. Ihre Experten gewannen Eiweiß aus Algen, erkundeten Fischgründe, entwickelten Zwittergetreide und verbesserten die landwirtschaftliche Nutzung. Indien zum Beispiel erreichte mit ihrer Hilfe 1969 eine Ernte von nahezu 100 Millionen Tonnen Getreide und hofft darauf, sich 1972 mit 130 Millionen Tonnen selbst versorgen zu können.

Die Unicef, Kinderhilfs-Organisation der Uno, nährte und unterrichtete Millionen Kinder. So wie durch ihre Hilfe in der Bundesrepublik zwischen 1947 und 1950 etwa 2,5 Millionen Kinder täglich Kakao und Fleischgerichte erhielten, werden heute durch die Unicef die Kleinen in Entwicklungsländern versorgt. Unicef kämpft gegen Säuglings- und Kindersterblichkeit, sorgt für Waisen aus Vietnam, Nahost und Biafra.

Für die Erwachsenen der Welt lieferte die Uno jedoch allenfalls Rekorde im Reden, im Verwalten, im Tagen. Resolutionen und Reden füllten schon 1966 über eine halbe Milliarde Seiten. »Die Uno«, »sorgte sich Kanadas Außenminister Mitchell Sharp, »versinkt in einem Meer von Worten.« Allein der Druck der Protokolle kostet jährlich 2,85 Millionen Dollar.

In 25 ordentlichen Perioden, fünf Sonder- und fünf Notstandssitzungen tagte die Vollversammlung mehr als 1685mal. Vorbereitet wurden die Sitzungen von jeweils 14 Ausschüssen und 144 Ad-hoc-Komitees. Bei diesen Anstrengungen konsumierten die Delegierten wöchentlich mehr als 3200 Liter Orangensaft, 1100 Kisten Limonade und Coca-Cola »sowie 320 Kisten Bier. Jährlich wurden in den Uno-Kantinen eine halbe Million Mahlzeiten ausgegeben.

Der Sicherheitsrat tagte 1532mal, Dabei machte die Sowjet-Union 105 mal von ihrem Vetorecht Gebrauch, die USA nur einmal: als eine afroasiatische Resolution Großbritannien zwingen sollte, mit Waffengewalt gegen Rhodesien vorzugehen.

Den Verwaltungsapparat, der laut Ex-Uno-General Carl von Horn von »einer Leidenschaft zum Formalismus« erfüllt ist, leiteten bislang drei Generalsekretäre. Für ihre 8682 Angestellten wenden die Vereinten Nationen mehr Haushaltsgelder auf (75,5 Millionen Dollar) als für das in der ersten Entwicklungsdekade beschlossene Industrialisierungsprogramm (10,4 Millionen).

Über die Projekte der zweiten Entwicklungsdekade sind die Mitgliedstaaten zerstritten:

* Die Vollversammlung beschloß zum Beispiel ein Aktionsprogramm zur Solidarität mit Befreiungsbewegungen in Kolonialgebieten. Doch zwei Uno-Großmächte« die USA und Großbritannien, stimmten dagegen. > Der Rechtsausschuß billigte den Entwurf eines Weltgesetzbuches, in dem zahlreiche Grundsätze des internationalen Rechts neu formuliert sind und auch der Begriff »Nichteinmischung« definiert wird: Kein Staat, so der Entwurf, darf »terroristische oder bewaffnete Tätigkeiten, die auf den gewaltsamen Sturz des Regimes eines anderen Staates gerichtet sind, organisieren, unterstützen, finanzieren, anstacheln oder tolerieren«. Doch die Sowjet-Union und die arabischen Staaten lehnen diese Klausel ab. > Die Internationalisierung der Freiwilligendienste -- ein Vorschlag Irans -- ist noch nicht gebilligt. 1300 Jugendliche sollen im Namen der Uno in UNDP-Projekten Entwicklungsdienste leisten.

So wird die Uno vermutlich auch künftig in einer »crisis of effectiveness«, einer Krise ihrer Wirksamkeit (U Thant), weiterleben -- für die Großmächte ein machtloses Forum für Friedensbeteuerungen, für die Kleinen ein Mittel, die eigene Bedeutung herauszustreichen.

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