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Stasi Mehr auf Umwegen

Moderator Lutz Bertram hat als IM »Romeo« Freunde und Musiker bespitzelt. Die Akten zeichnen das Bild eines eitlen Überzeugungstäters.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Der Gast im Schminkzimmer des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburgs (ORB) verlangte Ungewöhnliches - »mehr Blässe«. Der verdutzten Visagistin schob er die Begründung gleich hinterher: »Ich muß jetzt leidend aussehen.«

Starmoderator Lutz Bertram, alias IM »Romeo«, inszenierte seine Enttarnung als schrilles Fernsehspektakel. Im TV-Studio gab sich der blinde Journalist vor zwei Wochen als Opfer aus.

Er habe als Redakteur des DDR-Jugendsenders DT 64 mit der Stasi kooperiert, um endlich ein Westvisum zu ergattern. Als er von Mielkes Mannen 1982 angeworben wurde, sei es ihm persönlich dreckig gegangen: »Ich habe damals an nichts geglaubt, nicht an Gott, nicht an die Kirche, nicht an den Staat und nicht an mich.«

Konkrete Aufträge, verteidigte sich Bertram, habe er nicht gehabt, »die sollte ich erst kriegen«. Für Mitglieder der Rockszene habe sich das MfS ohnehin nicht interessiert: »Ich war bei der Hauptabteilung VI, und die war für Grenzkontrollen zuständig.«

Die jetzt in der Gauck-Behörde aufgetauchten Teile der Bertram-Akte zeichnen ein anderes Bild des vor und nach dem Mauerfall bei ostdeutschen Hörern beliebten Moderators. Danach haben Bertram und zunächst auch seine damalige Freundin, vom MfS als IM »Julia« geführt, Freunde und Bekannte sowie Rockmusiker in Ost und West bespitzelt. Der Dank des MfS: Lob und Präsente, mal ein Blumenstrauß, zum Jahreswechsel Spirituosen und Zigaretten, zu Weihnachten »Kantinenware«.

Den ersten Kontakt zum MfS vermittelte Bertrams damalige Freundin Angelika Foth. Am 4. März 1982 erhielt sie überraschend Stasi-Besuch und zeigte wunschgemäß »Verständnis für die Arbeit des MfS«. Sie war »sofort bereit, Unterstützung zu gewähren«.

Zwei Wochen später stellte sie Führungsoffizier Alexander Misch und Oberleutnant Wolfgang Vollmeyer ihrem Freund Lutz vor. Der habe »wie sie selber eine progressive politische Einstellung«, beruhigte sie die skeptischen Emissäre. Und siehe da: Bertram plauderte und plauderte, zwei Stunden lang. Aus dem studierten Musikwissenschaftler war ratzfatz die Kontaktperson (KP) »Musiker« geworden.

Schon beim nächsten Treff diente Bertram, laut Stasi ein Mann, der sich »gern in den Mittelpunkt setzt«, mit Namen und Einschätzungen. Den West-Berliner Rockmusiker, für den die Herren sich interessierten, kenne er bestens. Er »schätzt ein, daß man bei ihm auf Umwegen mehr herausbekommt als auf direktem Wege« und »hätte keine Skrupel, dies auszunutzen«.

Auch ein Motiv für seine Hilfsbereitschaft hatte der talentierte Vielredner parat. Ihn treibe die »Angst vor dem Krieg und der Bombe«. Eitelkeit war gleichfalls im Spiel: »Wenn Sie mich nicht genommen hätten, hätten Sie es sehr bereut«, diktiert Bertram seinem Führungsoffizier am 3. Mai 1982 in den Block.

Selbst als das beantragte Visum für Westreisen abgelehnt wird, zeigt er sich laut Aktenvermerk vom Mai 1982 »sehr einsichtig«. Bertram, notiert Oberleutnant Vollmeyer, scheint »eine längerfristige Zusammenarbeit allmählich normal« zu finden. Am 13. August 1982 führen Kontaktperson und MfS-Mann das vertrauliche Du ein.

KP »Musiker« schwang sich zum Kämpfer gegen die Verwestlichung der DDR-Popmusik auf. Vor allem die in der DDR beliebten Puhdys hätten sich zu sehr an der in der Bundesrepublik erfolgreichen Neuen Deutschen Welle orientiert, was zu »einem Gesichts- und Prestigeverlust der Gruppe« geführt habe. Für die Puhdys und die Rockgruppe Karat sah er im Westgeschäft keine Zukunft mehr.

Die meisten Berichte des Lutz Bertram - der letzte Akteneintrag datiert vom 20. November 1989 - wurden nach der Wende vernichtet. Seine »Berichterstattung zu Gesprächen mit Musikern« der Gruppen Silly, Pankow, City und Mitarbeitern der Plattenfirma Pool Records wurden archiviert - aber nicht mehr gefunden. Auch regelmäßige »Einschätzungen zu führenden Rockgruppen der DDR«, die in den Treffberichten festgehalten wurden, sind spurlos verschwunden, ebenso die »personenbezogenen Aufträge«, die Bertram immer wieder entgegennahm.

Fest steht: Auch Freunde waren vor dem KP »Musiker« nicht sicher. Im März 1983 meldete er zwei Bekannte weiter, die sich hilfesuchend an ihn gewandt hatten. Beide waren von der Stasi zur Mitarbeit ermuntert worden und hatten sich ratsuchend an Bertram gewandt. Der Freund wurde zum Verräter.

Der Kampfauftrag Bertrams und seiner Freundin war auf vier Punkte konzentriert: Beide sollten »Angriffe des Gegners auf dem Bereich der Unterhaltungskunst« abwehren, Kontakte zu Kulturschaffenden aus dem Westen und aus dem Osten halten und weitermelden.

Besondere Aufmerksamkeit galt, so die Zielstellung des MfS, all jenen »Personen und Personengruppen aus dem Bereich der Kunst und Kultur, die sich mit der Stellung eines rechtswidrigen Ersuchens auf Übersiedlung in die BRD befassen«.

Die Akten des Spitzel-Duos rühmen immer wieder die vorbildliche Haltung von Bertram und Foth, die inzwischen geheiratet hatten. KP »Lehrerin« Foth war durch einen »festen politischen Standpunkt« aufgefallen, galt als »anpassungsfähig« und habe der Parteiideologie stets »positiv gegenüber« gestanden.

KP »Musiker« wird vom Führungsoffizier ausdrücklich als Mann mit Tatkraft gelobt. Alle Aufgaben und Aufträge habe er »in guter Qualität und mit viel Initiative« erledigt. Der Journalist besitze eine »ausgeprägte Kontaktfreudigkeit«, für die der Führungsoffizier eine plausible Erklärung fand: »Das ist auch berufsbedingt.«

Aus der Kontaktperson wurde ein Inoffizieller Mitarbeiter. Der »Werbungstreff« dafür fand am 7. Juli 1983 von 16 bis 18 Uhr in Bertrams Wohnung statt. Angelika Foth unterschrieb die Verpflichtungserklärung, die sie als »gut formuliert« lobte. Der blinde Bertram sprach sein Jawort zur Zusammenarbeit mit dem MfS auf Tonband, sagen die Akten. Bertram bestreitet das.

Nur eines störte den Hobby-Spion laut MfS-Akten: daß er gegenüber Freunden »mit seinen Erfolgen nicht klappern kann«. Doch nach fast anderthalbjähriger Zusammenarbeit, so Bertram am 18. August 1983 zu seinem MfS-Mann, habe er auch das im Griff gehabt: »Es ist keine Versuchung da, auch wenn man mal einen zuviel getrunken hat, sich einem mitzuteilen.«

Auch Julia hatte mit dem Stillhalten Anfangsprobleme. Zu gern, so die Akten, hätte sie sich wenigstens ihrer Mutter offenbart. Die Lust am Wichtigtun verschwand erst allmählich. Nach einiger Zeit, notierte der einfühlsame Führungsoffizier, sei der Stasi-Kontakt »für sie zu etwas Normalem geworden«. Die Mutter blieb ahnungslos.

Die anfänglichen Sorgen vor Enttarnung machten mit der Zeit dem Übermut Platz. Bertram juxte sich, daß »gerade sein Bekanntheitsgrad« ihn vor Verdächtigungen schütze. Auch seine Erblindung komme ihm »in dieser Hinsicht entgegen«.

Seit letzter Woche ist die Euphorie verflogen. Bertram begab sich mit einer Kreislaufkrise ins Krankenhaus. Y

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