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KIRCHE Mehr BB

Wegen eines Mädchenakts ließ Kardinal Döpfner 270 000 Exemplare einer Urlauber-Illustrierten einstampfen. Entstandener Schaden: 100 000 Mark.
aus DER SPIEGEL 21/1971

Zu ungewöhnlicher Stunde, am Montagabend vergangener Woche, läutete beim evangelischen Landesbischof Hermann Dietzfelbinger in München das Telephon. Am Apparat war der katholische Erzbischof Julius Kardinal Döpfner höchstselbst.

Der Kirchenfürst, dessen hochbeiniger Birkenschreibtisch gewöhnlich mit theologischen Papieren und Druckschriften überladen ist, war bei der Lektüre hauseigener publizistischer Projekte unversehens auf den Rückenakt einer rotblonden Dame gestoßen und klagte nun dem evangelischen Bruder in Christo: »Wenn das erscheint, kann ich abtreten und nach Elba gehen.«

Der Bußgang bleibt dem Kardinal erspart. Denn am nächsten Tag, früh um acht, beschlossen die Spitzengremien der katholischen wie der evangelischen Kirche Bayerns in getrennten Sitzungen, doch in ökumenischer Eintracht, wieder zu tilgen, was sie zuvor, ebenfalls im Zeichen der Ökumene, gemeinsam geschaffen hatten.

270 000 Exemplare der kirchlichen Gratis-Illustrierten »Unterwegs«, die zu Beginn der Sommerferien an Urlauber in Bayern verteilt werden sollten, dürfen nach dem Willen des Kardinals und des Bischofs nicht mehr ausgeliefert werden.

Auf Seite 12 hatten Döpfner und Dietzfelbinger den Urlaubern »Gottes Segen und Geleit, viel Entspannung und gute Erholung« gewünscht. Gegenstand des Banns der vereinten Oberhirten waren die Seiten 14 und 15 des christlichen Reise-Magazins, auf denen sich in voller Länge zwischen Heidelbeersträuchern und Farnen eine nackte Frau hinstreckte. Auszüge aus dem 139. Psalm ergänzten das großformatige Farbphoto: »Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe, du weißt es ... Ich danke dir dafür, daß ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, Herr.«

Das wunderbare Werk samt Psalm war das Resultat gemeinsamer Anstrengung der Diözesen München, Freiburg und Rottenburg wie der evangelischen Landeskirchen Bayern, Württemberg und Baden. Die drei Redakteure des 40-Seiten-Magazins, der Münchner evangelische Theologe Claus-Jürgen Roepke, der Journalist Helmut Winter ("Sonntagsblatt für die evangelisch-lutherische Kirche in Bayern") und der Graphiker Gerd Drahn ("Eltern"), hatten schon letztes Jahr die erste Ausgabe von »Unterwegs« (Auflage damals: 200 000) hergestellt. Und sie hielten sich bei ihrer Arbeit auch 1971 wieder streng an kirchliche Richtlinien.

So heißt es in der im Januar veröffentlichten evangelischen »Denkschrift zu Fragen der Sexualethik« (Pfarrer Roepke: »Das war unser Bezugspunkt"): »Die Darstellung des Nackten in Wort und Bild kann informationsfördernd sein und zur Bereicherung der Beziehungen von Mann und Frau beitragen.« Selbst in »erotisierenden Darstellungen« könne der »Versuch gesehen werden, zu einem befreiten Umgang mit der Sexualität zu gelangen«.

Die Abgesandten der sechs Diözesen und Landeskirchen, die »Unterwegs« herausbringen, einigten sich überdies bei zwei vorbereitenden Sitzungen Ende vergangenen Jahres auf die redaktionelle Richtlinie: »Das Thema Sex ist vom Evangelium her zu behandeln.« Der federführende Herausgeber, Pfarrer Erwin Haberer, Leiter des Amtes für Gemeindedienst in Nürnberg, präzisierte: »Da muß mehr BB rein -- mehr Busen und mehr Bibel.«

Trotz dieser unzweideutigen Anweisung hielt das Redakteurs-Trio vorsichtshalber weiter Kontakt mit den katholischen und evangelischen Herausgebern. So wurde dem mitverantwortlichen katholischen Tourismus-Pfarrer Georg Schneider im Münchner Erzbischöflichen Ordinariat schon im Februar ein Photo der Dame in Originalgröße vorgelegt. Der Pfarrer, der sich selber nur noch an »einige sehr lockere Vorbesprechungen« erinnern kann, vertiefte sich zwei Stunden lang in das »Meditationsbild zum Thema Sex« (Roepke) und verlangte dann zu der Nackten lediglich »eine Spalte erklärender Worte« -- so jedenfalls erinnert sich Graphiker Drahn.

Die außerbayrischen »Unterwegs«-Partner waren vorsichtiger. Sie ließen in ihrer Teilauflage von 300 000 Exemplaren statt des Akts ein Landschaftsbild einrücken; Roepke: »Frau raus, Wüste rein.« Der Münchner Priester Schneider aber blieb standhaft. Gegenüber dem Grußwort Döpfners und Dietzfelbingers fand er die von ihm gewünschte »theologische Hinführung« auf das Aktphoto. Textprobe: »Was ist zu diesem Bild zu sagen? Es ist schön und ein klein wenig romantisch.« Und: »Wer Freude am Körper bejaht, bekennt sich zu seinem Schöpfer.«

Schneider war es zufrieden und fand, daß mit diesem Text »Verständnis für das Bild erweckt werden kann«. Der Priester hatte allerdings die Verständnisbereitschaft seines Oberhirten falsch taxiert. Mit seinem abendlichen Telephonat am Montag stoppte Kardinal Döpfner die nackte Welle -- freilich ein wenig zu spät: »Unterwegs« war schon unterwegs.

Die Nürnberger Druckerei Maul + Co. hatte bereits 40 000 Exemplare packenweise an einzelne Pfarrämter verschickt. Denn 120 Pfarreien, denen zuvor Ansichtsnummern zugegangen waren, hatten binnen vier Tagen Nachbestellungen aufgegeben.

Da technisch ein Ersatz des beanstandeten Mädchens nur durch Neudruck der ganzen Illustrierten möglich ist, haben sich die Magazin-Männer bereits die Kosten einer Neuauflage von 270 000 Stück errechnet. Pfarrer Roepke: »Die Dame kostet halt alles in allem 100 000 Mark.«

Insgeheim hofft Roepke, daß schon bald das teure Mädchen noch teurer wird. Am Dienstagabend letzter Woche räumte er ein Auslieferungs-Depot der Illustrierten im Prodekanat München-West und schleppte 2000 Exemplare in seine Wohnung: »Die werden doch mal antiquarisch wertvoll.«

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