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USA/IRAN Mehr Geduld

Im Teheraner Geiseldrama ist Jimmy Carter bescheiden geworden. Schon einen möglichen Wechsel der Bewacher hielt er für einen »positiven Schritt«. In den USA wächst der Zorn über die Demütigung durch die Perser.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Der kalifornische Kongreßabgeordnete Robert Dornan erinnerte seine Kollegen an ein trauriges Jubiläum.

»Amerika als Geisel] 150. Tag] Erster April]« rief er vorigen Dienstag im Repräsentantenhaus und fügte resigniert hinzu: »Wer hätte je für möglich gehalten, daß sich diese große Nation 150 Tage lang in den April schicken läßt]«

Die große Nation mußte sich am 1. April besonders genarrt fühlen.

Am frühen Morgen erfährt sie aus Teheran: Irans Regierung beabsichtige, die 50 US-Geiseln aus der Gewalt der Botschaftsbesetzer zu übernehmen -bis das frühestens im Juni zusammentretende Parlament über das Schicksal der Gefangenen entscheidet.

Diese Ankündigung, in der die Freilassung der Geiseln noch nicht einmal angedeutet ist, nennt Präsident Jimmy Carter, bescheiden geworden, auf einer eilends einberufenen Pressekonferenz einen »positiven Schritt« und läßt die gegen den Iran vorgesehenen Sanktionen abblasen.

Sofort stößt Teheran nach. Am gleichen Abend verkündet Persien-Präsident Banisadr: Die Regierung der USA müsse vor der Übernahme der Geiseln durch den Revolutionsrat schriftlich versichern, »feindliche Erklärungen und feindliche Aktionen« gegen den Iran zu unterlassen -- ein Maulkorb für Amerika.

Verärgert mußte die Supermacht zur Kenntnis nehmen, daß der chaotische Schiiten-Staat Iran wieder einmal die Bedingungen diktierte:

Die Perser können als »feindliche Aktion« brandmarken, wenn etwa Washington seine Verbündeten drängt, sich an Wirtschaftssanktionen gegen Teheran zu beteiligen.

Sie können als »feindliche Erklärung« verurteilen und Zusagen zurückziehen, wenn etwa Jimmy Carter Erklärungen abgibt wie vergangenen Dienstag vor Gewerkschaftern: »Niemand aus der Regierung der Vereinigten Staaten hat sich bei der Regierung des Iran entschuldigt, und niemand S.154 wird sich entschuldigen, denn es gibt keinen Grund dafür.«

Und was für Zugeständnisse hatten die Iraner eigentlich gemacht? Der republikanische Senator Hayakawa fühlte sich über den jüngsten Akt im fünf Monate andauernden Geisel-Drama »als Amerikaner erniedrigt«.

Wie könne die Regierung einen »positiven Schritt« begrüßen, fragte er, wenn die Geiseln lediglich neuen Bewachern unterstellt werden sollten? Wenn hingenommen werde, daß sie mindestens zwei weitere Monate in Haft gehalten würden?

150 Tage lang wurden die Amerikaner seit der Teheraner Botschafts-Erstürmung zwischen Hoffnung und Verbitterung hin- und hergerissen. Denn eine auf Rettung ihrer Bürger bedachte Regierung mußte die Anwendung ihrer militärischen Macht ausschließen.

Sie mußte unter schwierigen Umständen mit einem Gegner kommunizieren, der in sich zerstritten und regierungsunfähig ist -- und anscheinend doch am längeren Hebel sitzt. US-Karikaturisten zeichnen denn auch Uncle Sam als gefesselten Riesen, auf dessen mächtigem Leib winzige Ajatollahs herumtanzen.

Doch nicht nur Wut über iranische Impertinenz braut sich zusammen, sondern auch über Jimmy Carters Management der Iran-Krise. Es wurde Ende März erstmals von einer Mehrheit der Amerikaner (53 Prozent) negativ beurteilt.

Aufgeschreckt beschloß Jimmy Carter, aktiv zu werden. Zwei Briefe gingen an das Revolutionsregime in Teheran ab, die ebenso versöhnliche wie bedrohliche Sätze enthielten:

Wenn der Iran bis zum 31. März Schritte ankündige, die auf eine Lösung der Geiselfrage hinzielten, seien die Amerikaner bereit, ein freundschaftliches Verhältnis zu Chomeinis Staat herzustellen und auch über die Vergangenheit unter dem Schah zu sprechen.

Käme aber kein positives Signal, würden die wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen gegen den Iran verstärkt. Die Post an die Perser ließ die US-Regierung über die Schweizer Botschaft befördern und forderte gleichzeitig die westlichen Verbündeten auf, sich ebenfalls für die Freilassung der Geiseln einzusetzen.

Gemäßigten Kräften in Teheran um Präsident Banisadr und Außenminister Ghotbsadeh, die ebenfalls ein Ende der Konfrontation anstreben, kamen die Briefe nicht ungelegen. Aus innenpolitischen Gründen aber ließen sie nur die versöhnlichen Passagen veröffentlichen -- und die schmückten sie auch noch kräftig aus.

So war in der in Teheran verbreiteten Version der Briefe von Verständnis für die Jugend des Iran die Rede, welche die Botschaft besetzt habe, und von der amerikanischen Schuld in der Vergangenheit.

Solche Sätze aber mußten für Jimmy Carter zu Hause katastrophale Folgen haben, denn der US-Präsident befindet sich »wie Mister Banisadr in den Wehen eines Wahlkampfes, ... in dem beide um ihr Überleben kämpfen«, so der »Christian Science Monitor«. Carters Sprecher Jody Powell erklärte forsch: »Der Präsident hat Chomeini keine Botschaft geschickt. Punktum.«

Doch als die Schweizer bestätigten, zwei Briefe übermittelt zu haben, wurde Powell weicher: »Solche« Botschaften (wie sie die Iraner veröffentlichten) habe niemand geschrieben.

Tatsächlich werden zwischen den Amerikanern und Persern ständig Botschaften ausgetauscht. Es gibt öffentliche und geheime Kontakte über reguläre und irreguläre Kanäle. Und neben Vermittlern mit Auftrag von der einen oder anderen Seite mischen auch selbsternannte Friedensstifter mit.

Die Carter-Administration bat die arabischen Linksregierungen Algeriens und Syriens um Vermittlung in der Geiselfrage und akzeptierte ein Angebot von Arafats PLO.

Die »Washington Post« warnte daraufhin Präsident Carter: Die PLO böte ihm »die Möglichkeit, einem Dilemma zu entfliehen, sich dafür aber ein anderes einzuhandeln« -- nämlich im Erfolgsfalle unter Anerkennungsdruck zu geraten. Die Sorge war ungerechtfertigt. Arafats Sonderbotschafter bei Chomeini, Abu Walid, erreichte nichts.

Mit ungewöhnlichem Elan engagierte sich Uno-Generalsekretär Kurt Waldheim persönlich und später mit seiner Fünf-Mann-Kommission. Das Magazin »U. S. News & World Report« will das Motiv für Waldheims Eifer kennen: Er fürchte, daß der rechte, Uno-feindliche Ronald Reagan Amerikas nächster Präsident werden könnte, und will mit der Geiselbefreiung Jimmy Carter helfen, die Wahlen zu gewinnen.

Der US-Regierung helfen auch die Botschaften der neun EG-Länder in Teheran, die im Rahmen der europäischen politischen Zusammenarbeit Vorschläge ausarbeiten. Westliche Staaten übermitteln zudem auf bilateraler Ebene den Amerikanern ihre Diplomatenberichte aus dem Iran.

Besseren Zugang zu Persiens Politikern als Westdiplomaten haben Persönlichkeiten wie der Ägypter Mohammed Heikal, einst Nasser-Vertrauter und »Al Ahram«-Chefredakteur und heute Sadat-Kritiker, sowie der irische Friedensnobelpreisträger Sean Mac-Bride, ehemaliger Uno-Kommissar für Namibia.

Eine geheimnisvolle Nebenrolle in der Irankreise spielten die Pariser Anwälte Bourquet, Cheron, Vallette: Sie berieten Ajatollah Chomeini und andere Anti-Schah-Perser im französischen Exil und verfügen nun über beste Beziehungen nach Teheran. Carters Stabschef Hamilton Jordan, so halten sich Gerüchte in Washington, soll die Pariser Perser-Anwälte getroffen haben.

Doch alle Kanäle führten bisher zu keinem Ergebnis. Carters Außenpolitik bleibt durch die Iran-Affäre paralysiert.

»Die Befreiung der Geiseln«, kritisierte der rechte Kolumnist William F. Buckley, »sollte ein Nebeneffekt unserer Außenpolitik sein und nicht ihr Antrieb.«

Und: »Mr. Carter ist der Präsident der Vereinigten Staaten und nicht Vorsitzender eines Komitees Freiheit für die Geiseln.«

Soviel ist sicher: Die 50 Amerikaner, die seit dem 4. November vergangenen Jahres in der Teheraner US-Botschaft festgehalten werden, bleiben auf absehbare Zeit gefangen.

Ezzatollah Sahabi, ein Abgesandter des Revolutionsrates, der die Geiseln kürzlich besuchte, schildert ihren Zustand so: »Nach allem, was ich gesehen habe, werden sie keinen dauernden psychischen Schaden davontragen. Ich kann mit Sicherheit sagen, daß sie viel besser behandelt werden als ich seinerzeit, als ich im Gefängnis saß. Jedermann sollte ein wenig mehr Geduld beweisen.«

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