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»Mein Gott, das ist mein Sohn«

Oberst Gaddafis Fremdenlegion soll die Dritte Welt befreien
aus DER SPIEGEL 15/1980

Mir geht es gut«, schrieb Rauf Amida am 13. Oktober an seine Eltern. »Ich habe euch zwei Uhren, eine Nähmaschine, einen Schlafanzug für Vater und einen für meinen Bruder geschickt.« Dann wurde es still um Rauf.

Erst am 1. Februar gab es wieder ein Lebenszeichen. In den Abendnachrichten des tunesischen Fernsehens lief das Bild eines schlaksigen jungen Mannes in Handschellen über die Mattscheiben, dem man am aufgedunsenen Gesicht ansehen konnte, daß er geschlagen worden war. 120 Kilometer südlich von Tunis, in einem kleinen Haus am Ortsrand von Sousse, brach eine Frau vor dem Fernseher zusammen: »Mein Gott, das ist mein Sohn.«

Raufs Liebesgaben sind in Sousse nie angekommen. Und sie werden auch nicht mehr ankommen. Denn Rauf wird keine Pakete mehr verschicken: Er wurde Ende März in Tunis zum Tode verurteilt -- Strafe für seine Teilnahme an einem vom Nachbarland Libyen aus gesteuerten Nacht-und-Nebel-Angriff gegen die tunesische Stadt Gafsa.

Dem gescheiterten Januar-Coup folgte routinemäßig der übliche arabische Theaterdonner: Drohgebärden, Schimpfkanonaden übers Radio, Abzug der diplomatischen Vertreter.

Die Franzosen, die Tunesiens Präsident Burgiba zu Hilfe geeilt waren, bekamen für ihre »freche Aggression« (Radio Tripolis) noch extra eins drauf. Ein gut trainierter Mob stürmte die französische Botschaft in Tripolis und setzte sie in Brand. Auf der Weltkarte hinter dem Nachrichtensprecher im libyschen Fernsehen, die schon vorher schwarze Löcher zeigte, wo anderswo Israel, Ägypten, Großbritannien und die USA liegen, ist seither auch Frankreich schwarz gestrichen.

Das tunesische Fiasko läßt Gaddafi ansonsten unberührt. Denn Libyen, so weiß die Zeitschrift »Jeune Afrique«, »wimmelt von Freiwilligen ... die bereit sind, das Banner der Revolution in Tunis oder anderswo in Afrika oder der arabischen Welt zu entfalten«.

Der Libyer hat System in seine grenzüberschreitenden Rankünen gebracht. Erstmals kam in Tunesien eine Einheit seiner »Fremdenlegion« ("Jeune Afrique") zum Einsatz, die in Libyen für revolutionäre Aufgaben in aller Welt gedrillt wird. Einzelheiten über S.174 den Gafsa-Coup und über die Organisation der multinationalen Fünften Kolonne kamen jetzt beim Verhör Rauf Amidas und seiner Genossen heraus.

Rauf war illegal als Tourist nach Libyen eingereist und vor seinem Landsmann Ibn Saad Asus für eine Tischlerei in der Hauptstadt angeworben worden. Doch seine Erwartungen wurden enttäuscht. Statt Hämmern und Hobeln gab's Handgranaten und Maschinenpistolen. »Für die Befreiung Tunesiens vom Joch Burgibas«, erklärte Saad.

Als Rauf sich weigerte mitzumachen, drohte ihm Saad mit dem »schwarzen Pferd«, dem Gefängnis an der Flughafenstraße in Tripolis. Denn Rauf hatte keine Arbeitsgenehmigung. So wurde er Mitglied der Brigade »Amir Ibn el-Ass«, die für den Umsturz in Tunesien ausgebildet wurde.

Raufs Einheit kam Anfang Januar dieses Jahres zum Einsatz. 28 junge Männer, die meisten arbeitslose und gestrandete Tunesier, die wie Rauf zum Waffendienst gepreßt worden waren, starteten, als Leichtathleten getarnt, mit einer Maschine der »Libyan Arab Airlines« nach Rom. Sie stiegen um nach Algier.

Dort wurden sie in Busse verfrachtet, die sie nach Tebessa an der tunesischen Grenze brachten. Der Umweg war sorgfältig überlegt. Operationsleiter Esedine Scherif, der das Unternehmen mit einem Kostenaufwand von acht Millionen Mark zwei Jahre lang vorbereitet hatte, wollte den Verdacht im Fall des Mißlingens auf Algerien lenken. Deshalb wählte er als Angriffsziel Gafsa an der algerischen Grenze.

In Gafsa sollte das Expeditionskorps eine »befreite Zone« abstecken und dann die libysche Armee gegen den »Burgiba-Imperialismus« zur Hilfe rufen. Das tunesische Volk, hieß es, sei auf ihrer Seite. Es warte nur »auf ein Signal in Form eines Schusses«.

Es fielen reichlich Schüsse in Gafsa. Hinterher wurden 41 Tote gezählt. Aber das Volk hielt sich raus. Während sich die Exiltunesier im Haus Nummer 109 im Vorort Mualla verbarrikadierten, flog die Armee Truppen nach Gafsa ein. Gut 24 Stunden später war der Angriff abgeschmettert.

Esedine Scherif, der sich mit zwei Genossen in seinem Geburtshaus gegenüber der Polizeistation verbarrikadiert hatte, leistete noch bis zum Nachmittag des 29. Januar Widerstand. Dann waren alle Mitglieder der Brigade Amir Ibn el-Ass entweder tot oder gefangen.

Für das Burgiba-Regime ist die Gefahr damit nicht behoben. Denn in Libyen warten weitere 1500 Exiltunesier auf ihren Einsatzbefehl. Sie stellen das stärkste Kontingent der »Fremdenlegion«, mit der Coup-Treiber Gaddafi wesentliche Teile der Dritten Welt aus den Angeln heben will.

Insgesamt werden über 7000 Terror-Eleven aus anderthalb Dutzend Ländern in zwanzig Ausbildungslagern für den Aufstand gedrillt. Die Camps sind über das ganze Land verteilt. Die Tunesier exerzieren in grenznahen Gebieten im Nordwesten, in Sinauen, Dschud el-Daim, Saura und Bab Asisia, die Ägypter in Baida und Tobruk nahe der ägyptischen Grenze.

Die Anti-Sadat-Kämpfer müssen vor der Aufnahme in den Rache-Orden ein Gelübde ablegen, in dem sie sich verpflichten, sich bei passender Gelegenheit »Sadats Haut zu holen«.

Weitere Ausbildungscamps, für Sudanesen, Algerier und Nordjemeniten S.176 liegen in Sirte, Sebha und El Sauiah. In Sundschur und Ghadames im tunesich-algerisch-libyschen Grenzdreieck sind zwei Brigaden Polisario-Kämpfer stationiert, die über die »Gaddafi-Piste« ihre Kampfgefährten in der marokkanisch besetzten West-Sahara mit Waffen und Material versorgen.

Das Rückgrat von Gaddafis Terror-Internationale bilden alte Kämpen von der »Palästinensischen Befreiungsorganisation« (PLO). Sie geben den hospitierenden Kampfgenossen den paramilitärischen Schliff.

Neuerdings freilich duldet Gaddafi nur noch Altfrontkämpfer aus dem Lager der Radikalen als Ausbilder. Die Mitglieder von Jassir Arafats »Fatah«, die nach libyschen Maßstäben schon als gemäßigt gelten, mußten Ende letzten Jahres die Koffer packen. Um die für seinen Geschmack zu schlappen Revolutionäre in Schwung zu bringen, hatte der Gastgeber Anfang Dezember das PLO-Büro in Tripolis von »Volkskomitees« stürmen lassen. Ein paar Tage darauf wurden PLO-Repräsentant Suleiman el-Schurafa gewaltsam ins Flugzeug nach Beirut gestopft und eine unbekannte Anzahl von Fatah-Mitgliedern ins Gefängnis gesteckt.

Die Krise zwischen PLO-Führung und Gaddafi schwelt seit Jahren. Daß sie nun in einen offenen Konflikt umschlug, ist auf die Weigerung von Arafat-Vize Abu Ijad zurückzuführen, die gemäßigten arabischen Regierungen durch forcierten Terror in die offene Konfrontation mit den USA zu treiben. PLO-Kommandos sollten angeblich Ölquellen am Persischen Golf und Schiffe in der Straße von Hormus und im Suez-Kanal sprengen.

Seit dem Hinauswurf des PLO-Establishments residieren im »Palästina-Haus« an der Omar-el-Moktar-Straße die Ultras um Georges Habasch, Ahmed Dschibril und Najef Hawatmeh, die auf einem Radikalengipfel im Januar unter Gaddafis Aufsicht noch einmal versicherten, das Israel-Problem sei nur mit Waffengewalt zu lösen.

Doch die starken Sprüche können nicht verschleiern, daß auch in den radikalen Gruppen mehr Maulhelden und Schnorrer dienen als engagierte Befreiungskämpfer. Von den finanziellen Zuwendungen, mit denen Gaddafi den Palästinenser-Terror schürt, fließt ein Großteil in die Nachtklubs in Rom und längs der Cote d'Azur.

Weil ihm die Araber nicht zuverlässig genug arbeiten, läßt Gaddafi wichtige Sonderaufträge gern von erfahrenen europäischen Profis erledigen. Den durch den Krach mit der PLO verursachten personellen Kahlschlag, so meldete Mitte März die libanesische Wochenzeitung »El Hawadess«, habe er zum Teil durch die Anwerbung von Berufskillern der italienischen Mafia ausgeglichen.

Vor dem Londoner Kriminalgericht Old Bailey stehen seit Mitte März der irische Geschäftsmann William Bryce und sein Sohn Trevor unter Anklage, weil sie angeblich den ehemaligen libyschen Premier Mahmud el-Maghrabi hatten entführen wollen.

In Tripolis, so erklärten Vater und Sohn Bryce dem Gericht, hätten sie mit Gaddafi-Vetter Said Gaddafi Adam auch über bezahlte Mordkomplotte gegen den nach Ägypten geflüchteten libyschen Ex-Minister Omar Meheischti und gegen Präsident Sadat verhandelt. Im Gespräch waren zwölf Millionen Mark Honorar. Natürlich, so Bryce senior, hätten sie nie die Absicht gehabt, die Aufträge auszuführen. Sie hätten sich nur mit einem »gigantischen Gaunerstück« sanieren wollen. »Ein sehr, sehr gefährliches Spiel«, wie der Staatsanwalt anmerkte.

Auch Deutsche sind mit von der Partie. Das Landeskriminalamt Hannover ermittelt gegenwärtig gegen den Piloten Klaus-Dieter Leers und den Autohändler Paul Koch, die 15 ausgediente Piloten und Techniker der Bundesluftwaffe für eine »Desert Air Service Ltd. Benghazi, Libyen« angeworben hatten.

Statt Fluggerät hatten die deutschen Söldner jedoch nur ein desolates Wüstencamp, 30 Kilometer südlich der Hafenstadt Sirte zu sehen bekommen. Dort sollten sie für 5250 Dollar Monatsgehalt libysche Rekruten zu Nahkampfspezialisten ausbilden. »So nach S.178 Hitler-Manier«, berichtet einer der Ausbilder. »Jemand sagte, daß es auf ein paar Tote nicht ankommt.«

Der Generalstab des staatlich dirigierten Untergrunds besteht aus drei lose integrierten Operationsleitstellen:

* dem für die Logistik zuständigen »Arabischen Verbindungsbüro« im »Palast des Volkes« unter Ramadan Abdallah;

* dem gleichfalls im »Palast des Volkes« residierenden »Büro für Auslandsbeziehungen« unter Said Gaddafi Adam, das sich um die Nachwuchsrekrutierung kümmert und in Zusammenarbeit mit den libyschen Botschaften die im Ausland tätigen Kommandos betreut;

* dem von Parteiideologe Ahmed Salem geführten »Büro für den Export der Revolution«, dem von Kubanern verstärkten Braintrust des Apparats, der die Einsatzpläne für die großen Auslandsoperationen vom Gafsa-Format entwirft.

Die Strategie jedoch bestimmt nur einer: Oberst Muammar el-Gaddafi, »Held der Septemberrevolution« (Radio Tripolis), »Meister der Meuchelmörder« (so die Londoner »Times") und »kopfloser Irrläufer« (so Marokkos König Hassan II.).

Das Feinbild des »Staubteufels« (so das US-Nachrichtenmagazin »Newsweek") paßt in kein Schema. Er hält es mit den Nordiren gegen die protestantischen Briten, mit den moslemischen Freischärlern auf den Philippinen gegen deren katholischen Staatschef Ferdinand Marcos, mit äthiopischen Marxisten gegen eritreische Moslems.

Wo auf der Welt gebombt oder geputscht wird, da schimmert sehr oft die »Libyan Connection« durch: in Malaysia und Thailand, in der Türkei und auf Korsika, im Iran und im spanischen Baskenland. Von den spektakulärsten Terroranschlägen der siebziger Jahre führte fast immer eine heiße Spur nach Tripolis. »So schlecht kann keine Sache sein«, glaubt der britische »Guardian«, »daß Oberst Gaddafi sich nicht mit ihr einließe.«

Wenn er gefragt wird, weiß er von nichts. Die Baader-Meinhof-Gruppe, die jahrelang enge Kontakte zur libyschen Terrorszene hatte, will er nie gekannt haben. Flugzeugentführungen, die er aktiv unterstützt hat, sind für ihn »Raubakte und Verbrechen«. Und von dem Terror-Champion Carlos, der zeitweilig in Tripolis lebte, weiß er nicht einmal, »aus welchem Land er kommt« (so Gaddafi 1976 zum SPIEGEL).

Fallengelassen hat Gaddafi inzwischen die alten Kameraden der westdeutschen Terrorszene. Die deutschen Terroristen, so ließ er Ende 1978 seinen Innenminister Belgassim erklären, seien »krank im Kopf«. So kritisch ist Gewaltmäzen Gaddafi allerdings erst gegenüber der westdeutschen Stadtguerilla, seit das Wiesbadener Bundeskriminalamt Geheimpolizisten aus Tripolis ausbildet, die unter anderem in der Bundesrepublik libysche Studenten und Geschäftsleute überwachen.

Zum Jahrestag der Revolution ließ Gaddafi am 1. September vergangenen Jahres in Bengasi erstmals Einheiten seiner »Fremdenlegion« öffentlich paradieren. Der Ansager kommentierte enthusiastisch: »Jetzt kommen die Befreier der Dritten Welt.«

Hauptstoßrichtung der libyschen »Befreiungs«-Bewegung ist die nahöstliche Hemisphäre. Kaum ein Araber-Scheich, -König oder -Präsident, der noch nicht in die Intrigenmühle des panarabischen Erlösers geraten wäre. Ägyptens Staatschef Anwar el-Sadat unterhält eigens eine kostspielige Stabsabteilung zur Abwehr libyscher Agenten, die mit Flugzeugentführungen und Attentaten das verhaßte Regime am Nil aus den Angeln zu heben versuchen.

Am meisten haben die südlichen Nachbarstaaten, die Gaddafi als Bestandteile eines »islamischen Sahel-Staats« verplant hat, unter dem »bösen Geist« (so König Hassan) zu leiden.

Im Tschad schürte er mit Geld und Waffen so lange den Aufstand der Tubu-Rebellen aus dem Tibesti-Gebirge gegen die Zentralregierung in Ndjamena, bis Rebellenchef Gukuni Keddei schließlich die Macht im ganzen Tschad erobert hatte.

Aber Frieden war damit noch lange nicht. Weil Gukuni es an der erwünschten Vasallentreue ermangeln ließ, baute Gaddafi eine neue Rebellentruppe auf, die nun ihrerseits die neue Zentralregierung verunsichert. Allein in der vergangenen Woche forderte der »Bürgerkrieg, in dem jeder gegen jeden steht« (so der Pariser »Figaro") rund tausend Menschenleben. Ganz unbemerkt von der Außenwelt, nutzten die Libyer die Tschad-Querelen, um das potentiell uranreiche Ausu-Gebiet im Tibesti-Gebirge kampflos zu erobern. Die Besitzstandssicherung läßt sich Imperialist Gaddafi einiges kosten. Entlang der libyschen Ostgrenze entsteht gegenwärtig zum Preis von fünfeinhalb Milliarden Mark eine rund tausend Kilometer lange Mauer, die Libyen vor einer Wiederholung der verheerenden ägyptischen Strafexpedition von 1977 schützen soll.

Wo zurückgeschossen wird, haben Gaddafis Legionäre und Soldaten keine großen Chancen. Anfang vorigen Jahres wurde ein tausend Mann starkes Expeditionskorps, das Gaddafi zur Unterstützung des ugandischen Killerpotentaten Idi Amin am Äquator hatte aufmarschieren lassen, von einer schlecht ausgerüsteten tansanischen Invasionsarmee zu Paaren getrieben.

Die Expeditionssoldaten fühlten sich in zweifacher Hinsicht verraten. Erst waren sie unter Vorspiegelung eines falschen Reiseziels -- angeblich Malta -- ins Flugzeug gelockt worden. Dann lehnte es Gaddafi ab, sie aus tansanischer Gefangenschaft freizukaufen.

Der entthronte Gewaltherrscher Amin hat es besser. Nachdem er mehrfach auf der Flucht vor Reportern und angeblichen israelischen Agenten hatte umziehen müssen, setzte sich Big Daddy vor wenigen Wochen mit zwei Ehefrauen, zwanzig Kindern und umfangreichem Gefolge in einer alten Kaserne bei Tripolis vorläufig zur Ruhe. Für die laufenden Ausgaben hat ihm Gaddafi eine lebenslange Rente von jährlich 175 000 Dollar ausgesetzt.

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