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MEIN HAUS IST DIE SYMBOLFIGUR DER BUNDESREPUBLIK

Am 8. Februar 1968 gab Axel Springer sein erstes Fernseh-Interview. Ursprunglich hatte er es dem Programmdirektor des Südwestfunks, Günter Gaus, versprochen. Das Gespräch kam jedoch nicht zustande. Statt von Gaus ließ sich Springer vom Chef des 5. Fischer Verlages, Klaus Harpprecht, betrogen. Dazu der Journalisten-Pressedienst »kress report": »Harpprecht bohrt weicher und nicht so tief.«
aus DER SPIEGEL 8/1968

SPRINGER: Im Laufe der Zeit zeigte es sich, daß unser Haus geradezu eine Symbolfigur dieses Establishments der Bundesrepublik ist, mit all ihren großen Vorzügen und auch ihren Schwächen ... Und, Herr Harpprecht, jetzt fällt mir beim Sprechen etwas ein, das möglicherweise zeitungsgeschichtlich als ein Phänomen zu verzeichnen ist. Ich glaube, es hat immer Zeitungshäuser gegeben, die Epochen begleitet haben. Sagen wir einmal August Scherl, überhaupt nicht zu verwechseln mit Hugenberg, begleitete Kaiser Wilhelm, das Ullstein-Haus ist gewesen, was repräsentativ für die Weimarer Republik stand, dann Franz Eher Nachfolger, der die tausend Jahre mit Hitler nicht ganz durchhielt. Und heute würde ich sagen, daß dieses Ullstein-Springer-Haus zu der Symbolfigur der Bundesrepublik gehört ...

HARPPRECHT: Sie haben sich -- ich zitiere hier -- als staatsloyal, wenn auch nicht unbedingt als regierungsloyal bezeichnet. Sie betrachten also diese Bonner Republik als die uns angemessene Staatsform?

SPRINGER: Ja, ja. Herr Harpprecht, es sitzt vor Ihnen ein Mann, der ist 55 Jahre alt und der ist unter schwarzweißrot geboren, unter schwarzrotgold aufgewachsen, unter dem Symbol des Hasses, des Hakenkreuzes, gelinde gesagt, hat er sich nicht wohl gefühlt und hat dann den Weg des Mannes unter schwarzrotgold betreten ... Und ich muß Ihnen sagen, bei aller Kritik im einzelnen glaube ich, daß dieser Staat, der 59 Millionen Menschen Brot und Arbeit gegeben hat, ein Fülle von Freiheit -- ich hoffe immer, daß wir diese Freiheit richtig zu nutzen verstehen -, eine Fülle von Freiheit gegeben hat, der uns einen Wohlstand beschert hat, wie wir ihn vorher nicht gekannt haben: Ich glaube, daß ein solcher Staat verteidigungswert ist, Das ist meine Überzeugung ... das ist der Ausgangspunkt der Betrachtungen unseres Hauses für diesen Staat ...

HARPPRECHT: Mich würde es interessieren, wie Sie selbst Ihre politische Grundüberzeugung definieren würden, als liberal, als konservativ oder als liberal-konservativ?

SPRINGER: Herr Harpprecht, man hat ja -- im letzten halben Jahr ist es etwas abgeklungen -, aber man hat mir ja häufig den Vorwurf gemacht, das Haus Springer hätte einen Rechtsruck gemacht. Sie wissen das? HARPPRECHT: Ja.

SPRINGER: Und darf ich vielleicht einmal so anknüpfen und dann Ihre Frage beantworten. Wissen Sie, lassen Sie mich mal rechts und links -- wir wissen, das sind Begriffe, die wir nicht immer gelten lassen wollen, aber die immer wieder da sind. Und erlauben Sie mir den Kunstgriff, daß ich mal rechts und links ins Englische übertrage und sage: links heißt Labour und rechts heißt konservativ. Da kann ich nur fragen: Was haben Sie gegen Winston Churchill, was haben Sie gegen Adenauer? Aber diese Frage ist erlaubt. Und, wissen Sie, so weit reichen meine politischen Erinnerungen zurück, daß wir ja hier in Deutschland gar kein intaktes konservatives Lager gehabt haben. Wir haben ja vielmehr eine pervertierte Rechte gehabt, die ... mit Hitler folgerichtig unter den Schlitten gekommen ist. Und außer der großen Sorge, die man sich heute doch wohl machen muß im Hinblick auf die NPD ... muß ich da sagen, eine andere Sorge sehe ich darin, daß wir auf der ungebundenen linken Seite politisch gesehen wiederum der Gefahr entgegengehen, daß Wandlungen durch Annäherung mit den totalitären Staaten des Ostens gemacht werden sollen. Das ist die andere Möglichkeit, auch wieder unter den Schlitten zu kommen. Das zu rechts und links. Ich habe mal in einem Vortrag in Hamburg vor dem Übersee-Club von der breiten konservativen Mitte gesprochen, die unser Haus einnimmt. Man könnte genausogut sagen die allgemeine demokratische Mitte -- und, meine sozialdemokratischen Freunde mögen es mir verzeihen, ich .beziehe sie mit ein -, der stehen wir insgesamt zur Verfügung. Kritisch, fördernd, das ist die Politik unseres Hauses.

HARPPRECHT: Nun war also der Verleger Axel Springer nicht immer in dieser ausgeprägten Weise ein politischer Verleger. Sie begannen mit »Hör zu« und mit dem »Abendblatt«, und das »Bild« hatte eigentlich in seinem Beginn auch einen eher unpolitischen Akzent und appellierte eher an das Gemüt ·des Lesers. Mich würde interessieren., wann ist die Schwenkung oder die Wandlung zu einem politisch bewußt agierenden Verleger erfolgt, und wann haben Sie die politische Abstinenz aufgegeben?

SPRINGER: Ach, ich habe sie ja in dem Sinne gar nicht besessen; denn ich habe mir natürlich ein politisches Weltbild gemacht in den tausend Jahren. Aber ich bin heute noch der Meinung -- jedenfalls ist mein persönlicher Lebensweg, daß 45 in dieser großen Freude auf die Demokratie für mich jedenfalls erst mal ganz vordergründige Dinge zu meistern waren. Ich glaube, auch unsere so oft von sogenannten intelligenten Leuten belächelte Parole »Seid nett zueinander« war ganz ernsthaft gemeint in dieser Zeit des Zusammenbruchs, auch des seelischen Zusammenbruchs. Wir haben auch »diese Parole gar nicht beibehalten. Und im Laufe der Zeit wird wohl jedermann, der in seinem Land lebt, für das er sich verantwortlich fühlt, mehr oder weniger politische Einsichten bekommen und dementsprechend handeln. Ich glaube, das ist der Entwicklungsgang eines Mannes.

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