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SPD-GESCHICHTE Mein lieber Ede

Die SPD will einen ihrer verdrängten Theoretiker rehabilitieren -- den Marx-Kritiker Eduard Bernstein.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Der Unmut der Genossen war nahezu einhellig. Die Partei, so konstatierten sie in einer mit 203 gegen 31 Stimmen angenommenen Resolution, sei es leid, sich immer wieder zu »einseitiger Selbstkritik« ermahnen zu lassen.

Viel lieber wolle sie sich wieder auf ihr eigentliches Ziel besinnen: die Zerschlagung der bürgerlichen Gesellschaft und den Sturz der kapitalistischen Ausbeuterklasse.

Der Tadel, ausgesprochen von den Delegierten des Lübecker Parteitags der SPD im September 1901, galt einem Mann, der es gewagt hatte, sich an den geheiligten marxistischen Grundlagen des Sozialismus zu vergreifen: dem »Revisionisten« Eduard Bernstein.

45 Jahre nach seinem Tod und mehr als ein dreiviertel Jahrhundert nach dem Höhepunkt des Glaubenskampfes, den er mit seinen Attacken auf die revolutionäre Hoffnung der SPD, ihr Vertrauen auf den »naturnotwendigen Zusammenbruch« des Kapitalismus und ihre Erwartung einer zu nehmenden »Verelendung« der Arbeiterschaft vom Zaun gebrochen hatte, steht Bernstein wieder auf der Tagesordnung eines sozialdemokratischen Parteitags: Auf dem Hamburger SPD-Konvent im November will der fränkische Bundestagsabgeordnete und SPD-Rechte Bruno Friedrich die Genossen per Antrag zu einer Besinnung auf die verschüttete Tradition des Marx-Kritikers verpflichten.

Friedrichs Vorstoß ist keine belanglose Feuilleton-Einlage. In der SPD, scheint es, bahnt sich eine Bernstein-Renaissance an:

* Die parteinahe Friedrich-Ebert-Stiftung fragte Ende September auf einem wissenschaftlichen Kongreß in Freudenberg nach Bernsteins »historischer Leistung und aktueller Bedeutung«,

* der sozialdemokratische Dietz-Verlag registriert wachsendes Interesse an Büchern von und über Bernstein,

* SPD-Organe wie die Wochenzeitung »Vorwärts« und die theoretische Monatszeitschrift »Neue Gesellschaft« führen eine intensive Bernstein-Debatte.

Die späte Wiedergutmachung ist nicht unumstritten. Denn für viele Sozialdemokraten, allen voran die Jungsozialisten, ist der Rückgriff auf Bernstein eine glatte Provokation -- hinter der sie weniger historisches Interesse als einen ideologischen Rollback-Versuch der Parteipragmatiker um Bundeskanzler Helmut Schmidt vermuten.

Noch immer sind die Blessuren nicht gänzlich verheilt, die der Revisionismus-Streit der SPD vor dem Ersten Weltkrieg geschlagen hat.

Während in der Wolle gefärbte Marxisten in Bernstein den Sündenbock für das Abweichen der Partei vom revolutionären Weg sehen, rühmen eher konservative Sozialdemokraten in ihm den Realisten, der überfällige Zweifel an der marxistischen Ideologie ausgelöst und den theoretischen Anspruch der SPD mit ihrer reformistischen Praxis in Einklang gebracht habe.

Bundeskanzler Helmut Schmidt: »Bernstein war nicht nur intellektuell redlicher als (seine Widersacher) -- sondern er war auch viel mehr Demokrat als Marx.«

Bernstein, 1850 als siebtes von 15 Kindern eines jüdischen Lokomotivführers in Berlin geboren, schloß sich 1872 nach Abschluß einer Banklehre August Hebels Arbeiterpartei an. 1878, kurz bevor Bismarck die SPD mit dem Sozialistengesetz unterdrücken ließ, ging er nach Zürich -- als Privatsekretär des sozialistischen Publizisten Karl Höchberg zunächst, dann, nach einem gemeinsamen Besuch mit Bebel bei Marx und Engels in London, als Redakteur des in der Schweiz erscheinenden, illegal im Reich verteilten »Sozialdemokrat«. 1888 zog er nach London um und lebte dort in enger Vertrautheit mit Engels, der ihn, zusammen mit Bebel, zu seinem literarischen Nachlaßverwalter bestellte.

Obwohl ihn zu dieser Zeit schon erste Zweifel an der Richtigkeit der Marxschen Kapitalismus-Analyse beschlichen hatten, blieb er bis zu Engels' Tod im Jahre 1895 nach außen hin orthodoxer Partei-Marxist -- aus Furcht vor Schelte durch den strengen Meister.

Doch dann trat Bernstein in einer Serie von Schriften und Aufsätzen an die Offentlichkeit, in denen er die zentralen, auf Marx selbst zurückreichenden Programmpunkte der SPD einer radikalen Kritik unterzog.

Marx hatte verkündet, daß der Kapitalismus in seiner Entwicklungsdynamik immer größere Massen des Volkes in Proletarier verwandle, die Arbeiterklasse immer tiefer in Verelendung stoße, während gleichzeitig die in der Natur des Kapitalismus liegenden Widersprüche unfehlbar zu regelmäßigen, immer schärferen Wirtschaftskrisen führen müßten.

Es war für Bernstein ein leichtes, mit Hilfe statistisch abgesicherter Zahlen den Finger auf den Widerspruch zwischen Theorie und Realität zu legen: Der Lebensstandard der Arbeiterklasse, so demonstrierte er dem Parteivolk, steige, zwischen Proletariern und Besitzenden entständen neue Mitteischichten, und der Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems sei längst in nebulöse Ferne gerückt.

Seine Folgerung: Die revolutionäre Ideologie sei verfehlt, die Taktik der SPD auf den »großen Kladderadatsch« (Bebel) einzustellen, fruchtlos.

»Ich gestehe es offen«, provozierte er 1898 aus London die Genossen in Deutschland, »ich habe für das, was man gemeinhin unter »Endziel des Sozialismus' versteht, außerordentlich wenig Sinn und Interesse. Dieses Ziel, was immer es sei, ist mir gar nichts, die Bewegung alles.«

Die auf Marx eingeschworene Partei quittierte die ketzerischen Thesen mit einem Entrüstungssturm. Die ideologischen Großinquisitoren Rosa Luxemburg und Karl Kautsky riefen zur Generalabrechnung auf; Bebel drohte mit dem Ausschluß-Knüppel, und der Hannover-Parteitag 1899 bekräftigte feierlich alle Grundanschauungen der sozialistischen Bewegung.

Obwohl Bernstein sich verwunderte: »Ja, nicht ich greife die Theorie an, die Verhältnisse selbst erweisen ihre Unzulänglichkeit. Nicht mein Blick ist getrübt, der Eure ist es«, kritisierte er sich immer mehr in die parteiinterne Isolation.

Selbst Freunde wie der SPD-Funktionär Ignaz Auer, der ebensogut wie Bernstein wußte, daß die deutsche Sozialdemokratie in Wirklichkeit längst zu einer radikal-demokratischen Reformpartei mit nur noch verbalrevolutionärem Anspruch geworden war, rügten die psychologische Ungeschicklichkeit seiner Vorstöße: »Mein lieber Ede, das, was Du verlangst, so etwas beschließt man nicht, so etwas sagt man nicht, so etwas tut man ...«

Von linksextremer Seite lanciert, entstand zudem gegen Bernstein ein Verdacht, den Kommunisten auch heute noch gerne nacherzählen. Als 1890 der Reichstag Bismarcks Sozialistengesetz nicht verlängern mochte und die SPD sich wieder legal betätigen durfte, mußte Bernstein vorerst noch weiter im Londoner Exil ausharren. Gegen den Redakteur des »Sozialdemokrat« existierte ein Haftbefehl, den Reichskanzler Bernhard von Bülow erst 1901 aufhob -- in der Hoffnung, Bernsteins ungehemmtes Wirken in Deutschland werde zu einer Spaltung der SPD führen oder doch wenigstens die reformistische Zähmung der Partei beschleunigen.

Um den bösen Vorwurf zu entkräften, er spiele für die Bourgeoisie die Rolle des Agent provocateur in der Arbeiterbewegung, neigte Bernstein in den Jahren nach seiner Rückkehr dazu, seine Parteiloyalität über seine Überzeugungstreue zu stellen.

Seine kritischen Einlassungen wurden vorsichtiger, er begann, beim Vortragen seiner Argumente auf »den Magen seiner Gäste« Rücksicht zu nehmen, so daß es am Ende fast aussah, als sei er reumütig in den Schoß des Marxismus zurückgekehrt, zumal er selber nie aufhörte, sich als einen -- wenn auch »kritischen« -- Marxisten zu bezeichnen.

Abbitte leistete er allerdings nicht. Denn daß er in der Sache recht behalten würde, schien ihm außer Zweifel. Tatsächlich war seine Absage an jede Revolutionsstrategie und sein Bekenntnis zum reformistischen Weg nichts weiter als die frühe Formulierung eines Sozialismusverständnisses, das in der SPD spätestens mit dem Godesberger Programm 1959 zur offiziellen Doktrin wurde.

»Bernstein«, so durfte der frühere Renommier-Professor der SPD, Carlo Schmid, 1964 in Amsterdam unwidersprochen vor der Sozialistischen Internationale verkünden, »hat auf der ganzen Linie gesiegt.«

Doch stimmt das nicht ganz. Denn zwar ist, wie der französische Sozialismus-Historiker Pierre Angel urteilt, die Entwicklung der SPD »durch die unaufhörlichen Fortschritte des Revisionismus« gekennzeichnet. Aber als Theoretiker blieb Bernstein dem Verdikt Rosa Luxemburgs verfallen: »Aus dem stolzen, symmetrischen, wunderbaren Bau des Marxschen Systems ist bei ihm ein großer Schutthaufen geworden, in dem Scherben aller Systeme, Gedankensplitter aller großen und kleinen Geister eine gemeinsame Gruft gefunden haben.« Seine Auffassungen setzten sich im verborgenen durch, ohne je die formelle Anerkennung der Partei zu finden.

Auch in den Beratungen der Kommission für das Godesberger Programm, in das alle entscheidenden Grundsätze Bernsteins eingingen, spielte sein Werk keine Rolle. In seinem soeben erschienenen Buch über Bernsteins Beitrag zur Theorie des Sozialismus** kommt der Volkshochschul-Dozent und studierte Philosoph Thomas Meyer zu dem Schluß: »In... der Be-

* In Berlin.

** Thomas Meyer: »Bernsteins konstruktiver Sozialismus. Verlag J. H. W. Dietz Nachf. Bonn; 445 Seiten: 25 Mark.

gründung einer eigenen Tradition der offensiven und reflektierten Begründung des Reformismus hat er bis heute keinen Sieg errungen.«

Eine der Ursachen für diese Verdrängung sieht Meyer in einem psychologischen und emotionalen Manko der Bernsteinschen Theorie-Ansätze.

Mit seiner Kritik an Marx habe Bernstein zugleich abgestritten, daß »der Sozialismus als Gesamtsystem einer wissenschaftlichen Begründung fähig« (Meyer) sei. Während bei Marx der Sozialismus Resultat einer Gesetzmäßigkeit ist, die sich aus der Geschichte selbst ergibt, reduzierte ihn Bernstein auf eine moralische Aufgabe, die es Schritt für Schritt zu erkämpfen gelte.

Damit aber fällt ein Glaubenskern des Sozialismus, aus dem seine Anhänger von Anfang an ihren Enthusiasmus und ihre triumphierende Zuversicht schöpften: die Überzeugung von der historischen und ökonomischen Naturnotwendigkeit sozialistischer Erfolge im Weltmaßstab.

Als Ersatz für den revolutionären Optimismus hatte Bernstein nur das mühselige Klein-Klein praktischer Reformarbeit zu bieten -- das sich von den Mandatsträgern der Partei immer schon trefflich als Alibi dafür benutzen ließ, wenig, und auch das nur halbherzig, zu tun.

»Bernstein«, urteilte der ehemalige Juso-Cheftheoretiker Johano Strasser auf der Freudenberger Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung, »zieht den revolutionären Geist auf Flaschen und gibt ihn in kleinen Portionen aus.« Da bleibt der Kater zwar aus -- aber die schwindelnde Lust des Rausches ebenso.

Ob Sozialisten, und wären es demokratische, auf solches Doping verzichten können, scheint zweifelhaft. »Den Resten der Jusos Bernstein als neuen geistigen Vater« anzudienen, hielt der Berliner Senator für Wissenschaft und Forschung, Peter Glotz, in Freudenberg jedenfalls für einen zwar »raffinierten«, doch wenig verheißungsvollen Trick.

»Jeder offensive Versuch« stimmte ihm Juso-Kenner Strasser warnend zu, »Bernstein zum Klassiker des demokratischen Sozialismus zu machen, könnte im Rückschlag einer neuen Orthodoxie enden.«

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