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Frauen Mein Vater, der mich aß

»Marleneken« heißt ein sehenswerter Zweiteiler, den das Zweite Deutsche Fernsehen in dieser Woche zeigt.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Die Geschichte »Von dem Machandelboom« ist wie manche Grimmsche Märchen: blutrünstig und menschenfresserisch. Mit dem Deckel der Apfeltruhe köpft die böse Stiefmutter den ungeliebten Stiefsohn. Aus dem in Stücke gehauenen Opfer macht sie ein Gericht, das der unwissende Vater des Sohnes mit Wohlbehagen verspeist. Nur die Schwester, das Marleenken, trauert um den Bruder, sucht seine Knochen zusammen und legt sie unter einen Baum.

Alsbald erscheint der Bruder als großer schöner Vogel, der - Märchen sind nicht das Leben - die Guten belohnt und die Bösen bestraft: Dem Vater wirft der Gefiederte eine goldene Kette herunter, dem Marleenken schöne Schuhe, und die Stiefmutter bekommt, »bratsch«, einen finalen Mühlstein auf den Kopf.

»Mein Mutter, der mich schlacht', mein' Vater, der mich aß, mein Schwester, der Marlenichen, sucht alle meine * Julia Fromme, Marita Marschall, Hans-Michael Rehberg, Martin Diekow, Nina Hoger. Benichen, bind't sie in ein seiden Tuch, legts unter den Machandelbaum. Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!« jubelt der Märchenvogel in der Geschichte, die die Grimms auf Plattdeutsch in ihre Haussammlung aufnahmen.

Wenn in dieser Woche im ZDF der Zweiteiler »Marleneken« zu sehen ist (Sendetermine: Montag, 19.30 Uhr und Sonntag, 20.15 Uhr), hält die Regisseurin Karin Brandauer (Drehbuch: Eva Maria Mieke) zwar keine Märchenstunde, aber ihr Spiel über Frauenschicksale im geteilten Deutschland hat mit dem Märchen mehr gemein als den titelgebenden Namen und das gelegentliche Zitieren des seltsamen Liedes, das der Vogel singt.

Denn die Welt der Frau um die 50, die da im November 1989 nach Jahrzehnten der Trennung aus der Bundesrepublik zu ihrer todkranken Mutter (eindrucksvoll: Agnes Fink) in die DDR fährt, ist bevölkert von aufzehrenden Eltern, heimlichen Wünschen und bunten Vögeln, die statt schöner Kleider meistens Mühlsteine herabregnen ließen. Jetzt zur Hälfte des Lebens ist für die Frau die Zeit gekommen, die Gebeine der Erinnerungen zu sammeln und anzuschauen. Der Film von Karin Brandauer ist bei seinem Thema: Was macht ein Frauenleben aus ?

Mit hochgeschätzten TV-Filmen wie »Ein Sohn aus gutem Hause« oder »Einstweilen wird es Mittag - die Arbeitslosen von Marienthal« hat sich die Österreicherin, 47, inzwischen einen solchen Namen gemacht, daß Senderankündigungen gelegentlich schon darauf verzichten, sie als Frau des berühmten Klaus Maria Brandauer vorzustellen. Und auch dieser Film vor allem über Frauen dürfte ihren Ruhm befestigen: Soviel Ruhe und Konsequenz bei der Entwicklung der Personen, so eine Souveränität in der Führung der Schauspieler sieht man im Fernsehen nicht alle Tage.

Der erste Teil handelt auf zwei Ebenen von der Fahrt zurück in die Vergangenheit. Da ist einmal die Heldin Marilena (Hannelore Hoger), die mit dem Auto an plötzlich freundlichen Grenzern vorbei Richtung Osten fährt, und da sind die Erinnerungen an die Kindheit, die, je weiter sich Marilena dem heimatlichen Haus der alten Mutter nähert, die Frau aus dem Westen überfallen.

Diese eingestreute Welt der Erinnerung - es ist die Zeit kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs - erzählt Karin Brandauer aus der Perspektive des fünfjährigen Mädchens Marilena, des »kleinen Marleneken«, wie es genannt wird. Das Kind wohnt mit seiner Schwester und der völlig überforderten Mutter (Elisabeth Trissenaar), von den Bomben ausquartiert, in einer Kleinstadt.

Der Streß und die Unzufriedenheit, mit denen die Mutter die Mädchen, vor allem das kleinere Marleneken überzieht, resultieren weniger aus den Kriegsereignissen und dem Elend der Nachkriegszeit. Der Vater, ein Arzt, hat die Familie sitzenlassen. Marleneken reagiert auf den Verlust mit kindlichem Trotz: Es baut sich eine Märchenwelt auf, deren Held nicht ein in einen Vogel verwandelter Bruder, sondern der Vater ist. Je mehr die Mutter den Vater mit Nachstellungen verfolgt und vor den Kindern beschimpft, um so hartnäckiger verklärt ihn das Mädchen.

Diese latente Auseinandersetzung zeigt die Regisseurin zum Teil in Schwarz-Weiß-Bildern wie aus alten Fotoalben. Sie überzeugen, weil sie den Konflikt zwischen Mutter und Tochter nicht im anrührenden Pathos der Kriegs- und Nachkriegs-Ikonographie aus hochgekämmten Entwarnungsfrisuren, Mädchenzöpfen und zu Kostümen umgeschneiderten Armeemänteln untergehen lassen.

Karin Brandauer verdankt die Intensität dieses Erinnerungsbogens auch einem Glücksfall: Mit Daniela Schleicher fand sie ein Kind, das all den von der Rolle geforderten kleinmädchenhaften Eigensinn mit stupender Selbstverständlichkeit spielt.

Groß, bedrohlich und fremd erscheint eines Tages der Vater. Die kleine Marilena starrt ihn an wie das eingetretene Wunder aus dem Märchen. Auch wenn er bald wieder verschwindet, eine andere Frau heiratet und nach West-Berlin geht, für das Mädchen bleibt diese Traumfigur der eigentliche Grund, sich nicht mit der DDR-Wirklichkeit zu identifizieren.

Auch von der Mutter und der Schwester entfremdet sich die Heranwachsende, und der nun hinzukommende Stiefvater, anfangs ein überzeugter Sozialist, später ein resignativer Alkoholiker, schafft ebenso keine Bindung.

Der zweite Teil des Brandauer-Spiels ist die Geschichte der inneren und später auch äußeren Emigration Marilenas aus der DDR (sie wird von der Tochter Hannelore Hogers, von Nina Hoger gespielt). Sartre ist ihr wichtiger als die Linientreue, die Reisen zum Vater nach West-Berlin läßt sie sich nicht verbieten. Als die Mauer kommt, will sie nicht mehr zurück, obwohl der Vater sie nicht bei sich leben lassen will.

Das Leben im Westen - es ist ein Weg, auf den immer wieder die Mühlsteine fallen: Eine Zweckehe geht in die Brüche, der Vater ihrer Zwillinge läßt Marilena sitzen. Mit schier übermenschlichen Anstrengungen bringt Marilena sich und ihre Kinder in West-Berlin durch.

Dann schlägt die Stunde der 68er Revolte. Marilena, die als gebranntes DDR-Kind wenig von der Phraseologie der Revolution hält, emanzipiert sich, * Mit Kameramann Helmut Pirnat. entwickelt sich zur erfolgreichen Fotografin. Diesen Erinnerungsbogen aus der Erwachsenenwelt der Marilena läßt Karin Brandauer zwischen den Szenen am Sterbebett der Mutter aufscheinen. Der Zuschauer erlebt den Konflikt der Schwestern, zwischen Marilena und Marga (Karin Baal), der in der DDR gebliebenen. Sie ist verbittert, weil sie - typisches Schicksal der Älteren - ihr Leben der Pflege der herrschsüchtigen Mutter geopfert hat. Jetzt nach der Wende ist die Welt der parteigläubigen Schullehrerin zerfallen. Sie hat Angst, daß ihre Tochter (Therese Lohner, die Tochter von Karin Baal) in den Westen gehen könnte.

Die DDR als Welt der Dagebliebenen, die sich vom Leben eigentlich etwas anderes gewünscht haben, sich aber nicht trauten, und die Bundesrepublik als Heimstatt der Umgetriebenen, die nach den Odysseen des Lebens Heimat suchen und sie in der DDR nicht mehr finden können? Karin Brandauers Film zeigt eindrucksvoll die inneren Mauern und wie sie fallen: Wenn sich die Schwestern nach dem Streit in die Arme sinken, das von Erfahrungen gesättigte Gesicht der Marilena, wenn die DDR-Nichte begeistert von ihren Lebensplänen spricht (Hannelore Hoger gelingt in ihrem Spiel die Mischung von Güte und Ironie).

Solche erinnerungsschwangeren Geschichten des Wiedersehens jahrzehntelang getrennter Brüder und Schwestern gehören nach dem Fall der Mauer schon der Vergangenheit an. »Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Johr«, fängt das Märchen vom Machandelboom an. So alt ist die Geschichte der Marilena allerdings noch nicht.

Nikolaus von Festenberg

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