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»Mein Vater hätte mich dafür erschossen«

Die Odyssee der Stalin-Tochter Swetlana: Von Moskau in den Westen und zurück _(1985 Time Inc. ) *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Das Gesicht, das sie einer faszinierten amerikanischen Öffentlichkeit zeigte, strahlte vor Glück, als Swetlana, die Tochter Stalins, 1967 in den Vereinigten Staaten eintraf. Die schöne, lebensprühende Frau von 41 Jahren mit gewellten, kupferfarbenen Locken und rosigen Wangen, scheuen blauen Augen und einem gewinnenden Lächeln verbreitete ein Gefühl von Güte und Offenheit.

Ihre Berühmtheit schien sie ebenso zu genießen wie den finanziellen Erfolg ihres ersten Memoirenbands »Zwanzig Briefe an einen Freund«, der ihr 1,5 Millionen Dollar einbrachte. Ihre Gönner schickten ihr ständig Blumen in das Haus, das sie in Princeton, New Jersey, gemietet hatte. Briefe von Verehrern, Geschenke, selbst Heiratsanträge gingen ein. In Akademiker- und Gesellschaftskreisen wurde sie umworben.

Bei soviel Zuwendung schien sie sich um ihre Kinder in Moskau keine allzu großen Sorgen zu machen. Josef ("Ossja"), 22, und Jekaterina ("Katja"), 17, seien bereits erwachsen, erklärte sie. »Das Leben meiner Kinder wird sich nicht ändern.«

Swetlanas Leben aber hatte sich geändert. In ihren letzten Moskauer Jahren war sie nicht mehr das Hätschelkind des Kreml gewesen, sondern hatte seit dem 20. Parteikongreß 1956, auf dem Nikita Chruschtschow die stalinistischen Verbrechen verurteilte, zehn schwere Jahre durchlebt. In Moskau wurde sie als Tochter eines Despoten, dessen Name allein, wie sie es selbst ausdrückte, »bei Millionen Menschen Furcht und Haß erweckte«, weitgehend gemieden. 1957 legte sie den Namen ihres Vaters ab und nahm den ihrer Mutter Allilujewa an.

Ruhm und Reichtum förderten in den USA einige der herrischen Allüren zutage, die Swetlana während ihrer 27 Jahre in Moskau angenommen hatte. Ein älterer schwarzer Hausdiener der Familie, die ihr Haus in Princeton an Swetlana vermietet hatte, war über ihr gebieterisches Wesen bestürzt. Einmal warnte er sie, mit den kostbaren Gegenständen im Hause dürfe sie so nicht umgehen, da herrschte sie ihn an: »Wie können Sie es wagen, mir Vorschriften zu machen! Sie sind doch nur ein Diener!«

In der Sowjet-Union hatten Tragik und Konflikte Swetlanas Liebesleben überschattet. Mit 17 Jahren erkor sie den Film-Dramaturgen Alexej Kapler, 39, zu ihrem ersten Freund; Vater Stalin bestrafte Kapler mit zehn Jahren GULag. Es folgten zwei Ehen und zwei Scheidungen sowie eine außereheliche Verbindung mit Radsch Bridschesch Singh, einem indischen Kommunisten, der 17 Jahre älter war als sie. Nach Singhs Tod 1966 erhielt Swetlana die Erlaubnis, seine Asche nach Indien zu bringen. Auf dieser Reise dann beschloß sie, und zwar spontan, sich in den Westen abzusetzen.

In Princeton verliebte sich Swetlana in den Journalisten und Ostexperten Louis Fischer, der 1970 starb. Der passionierte Frauenheld, 30 Jahre älter als sie, gab ihr manchen Anlaß zu Szenen, die bald stadtbekannt waren. An einem Herbstabend zum Beispiel erschien Swetlana wütend vor dem Haus Fischers, in dem er sich mit seiner Assistentin Deirdre Randall aufhielt. Er ignorierte Swetlanas Klopfen und Rufen. Sie tobte über eine Stunde, weinte und forderte Fischer auf, ihre Geschenke zurückzugeben: einen Reisewecker und zwei Schmuckkerzen.

Als sie schließlich die Fensterscheiben neben der Tür einschlug, um ins Haus zu gelangen, rief Fischer die Polizei. Zwei Beamte kamen, von Swetlanas zerschnittenen Händen tropfte das Blut.

Auf ihren Bruch mit Fischer folgte eine Zeit der Einsamkeit. Swetlana ließ sich auf ein groteskes Abenteuer ein, das mit Briefen einer fremden Verehrerin begann. Absenderin war Olgivanna, die Witwe des Architekten Frank Lloyd Wright. Die Frau - in den Siebzigern - drängte Swetlana, sie in Taliesin West zu besuchen, jener Eremitage, die Wright in der Wüste Arizonas für sein Unternehmen samt einer Architektenschule entworfen hatte. Im März 1970 nahm Swetlana die Einladung an.

Frau Wright wob ein Netz von Hirngespinsten um Stalins Tochter, die sie gleichsam als eine mystische Figur ansah, womöglich die Reinkarnation ihrer eigenen Tochter, die auch Swetlana hieß und bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Die Architektenwitwe, geborene Lazowitsch, war Schülerin des in Rußland geborenen Mystikers Georgij Gurdijew und stammte selbst aus Georgien, der Heimat Stalins. Frau Wright hatte die Vorstellung, Stalins Tochter solle den Witwer der ersten Swetlana heiraten: William Wesley Peters, Chefarchitekt in Taliesin West.

Swetlana verliebte sich prompt in den gutaussehenden, 1,93 Meter großen Peters, damals 58. In weniger als drei Wochen nach Swetlanas Ankunft in Arizona waren beide verheiratet.

Auch dieses Glück Swetlanas war nur von kurzer Dauer. Die egalitäre Atmosphäre in Taliesin West - jeder hatte sich an der Haus- und Gartenarbeit zu beteiligen - erinnere sie, wie sie sagte, an den Kommunismus.

Die beiden waren noch keinen Monat verheiratet, als Geschäftsfreunde des Architekten mit ansehen mußten, wie Swetlana auf einem Bankett ihren Mann ohrfeigte. Auf einer Cocktail-Party schüttete Frau Peters der Gastgeberin den Inhalt eines Whiskey-Glases ins Gesicht und wurde hinausgeworfen.

Frau Wright lenkte das Leben der Bewohner von Taliesin West mit »unsichtbarer Disziplin«, wie sie es selbst stolz nannte. Sie bestimmte, was sie anzogen, worüber sie beim Abendessen diskutierten, ob sie Kinder haben sollten. »Ich verabscheute ihre Macht über andere«, sagte Swetlana. »Diese Frau hatte eine solche Ähnlichkeit mit den schlimmsten Eigenschaften meines Vaters, daß ich mich von ihr zurückzog.«

Ihr neuer Schwager, Samuel J. Hayakawa, der mit der Peters-Schwester verheiratet ist, beurteilt Swetlanas Aversion gegen Frau Wright etwas anders: »Sie und Frau Wright glichen zwei Herrscherinnen ein und desselben Reichs.«

Swetlana versuchte nun, Peters zu überreden, Taliesin West zu verlassen - seit 1938 hatte er dort als Schüler und auserkorener Nachfolger Frank Lloyd Wrights gearbeitet. Peters hielt sie hin. Nach 22 Monaten Ehe stürmte Swetlana schließlich davon, nicht ohne Frau Wright und alles, was sie verkörperte, mit einem Zorn zu verfluchen, der an Stalins Ausbrüche erinnerte. Taliesin West »mit all seiner grauenhaften modernen Architektur«, so Swetlana, möge bis auf die Grundmauern niedergebrannt werden.

Swetlana schied oft mit einem Fluch auf den Lippen. So hatte sie der Sowjet-Union den Rücken gekehrt, so auch sollte sie am Ende den Westen verlassen. Wer ihre Bekanntschaft machte, bekam ihre Abschiedshiebe zu spüren.

In den zehn Jahren nach ihrer Flucht aus Taliesin West versuchte Swetlana, in mehreren Städten Kaliforniens und New Jerseys einen neuen Anfang zu machen. Doch sie stieß die Menschen, die sie freundlich aufnahmen, vor den Kopf. Einem prominenten Intellektuellen schrieb sie: »Du bist taub und dumm. Du bist verloren, ein Versager. Du tust mir leid. Ich verachte dich.«

In anderen Briefen wünschte sie, manche Leute wären tot. Der englische Schriftsteller Malcolm Muggeridge, ein tief religiöser Mann, der sie während eines kurzen England-Besuches bei sich aufgenommen hatte, erhielt ihre Verwünschung schriftlich: »Sie sind eine dieser besessenen, dämonischen Naturen, die um jeden Preis gemieden werden sollten.«

In ihrem täglichen Umgang führte Swetlana sich vernünftiger auf. Neue Bekannte entwaffnete sie oft mit echtem Charme. Die Aufrichtigkeit ihres religiösen Glaubens rührte die Menschen an. »Sie konnte herzlich, reizend und unkompliziert sein«, sagt Margedant Hayakawa, die Schwester von Wes Peters, die ihr als Freundin die Treue hielt.

Swetlana brauchte Freunde. Als sie ihren Mann verließ, nahm sie ihre jüngste Tochter mit, Olga Margedant Peters, die am 21. Mai 1971 geboren war. Swetlana, der erst 1978 die amerikanische Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde, fühlte sich in dem fremden Land verlassen, sie schien den Belastungen einer späten Mutterschaft kaum gewachsen. Bei ihrer Scheidung von Peters 1973 erhielt sie das Sorgerecht für Olga und verbot dem Kind konsequent, seinen Vater in Taliesin West zu besuchen.

Der Architekt besuchte Olga nur selten. Obwohl er mit ihr korrespondierte, blieb er für die Tochter stets ein Mensch, der ihr ferner stand als ihre Tante Margedant. »Tante Marge« war es auch, die Olga in Amerika Wurzeln schlagen ließ. Das Kind blieb bei den Hayakawas in Washington, als der Onkel dort von 1977 bis 1981 US-Senator war.

»Olga ist mein ein und alles«, sagte Swetlana oft. Sie schenkte dem Kind viel Liebe, doch ihr zügelloses Temperament geriet mit ihren liebevollen Absichten in Konflikt. Wo auch immer Mutter und Tochter in den Vereinigten Staaten lebten, gibt es Leute, die sich erinnern, daß Swetlana Olga häufig schlug.

Olgas Erziehung war eine Fallstudie dafür, wie manche Eltern dazu neigen, an ihren eigenen Sprößlingen zu wiederholen, was sie als Kinder selbst erlitten haben. Swetlanas Mutter, Nadeschda Allilujewa, die Stalin 1919 geheiratet hatte, war eine strenge Zuchtmeisterin.

Nadeschda beging Selbstmord, als Swetlana sechs Jahre alt war, und überließ Stalin die Erziehung ihrer Tochter. Swetlana erinnert sich an ihren »Papotschka« als einen Mann, der in ihrer frühen Kindheit zärtlich zu ihr war, ihr »schmatzende, feuchte Küsse« gab und sie »kleiner Spatz« nannte.

Als sie jedoch größer wurde, erbitterte ihn ihr Eigensinn. Er tadelte sie wegen der »Unverfrorenheit«, die ihr im Gesicht zu stehen schien. Er machte ihr eine Szene, weil sie einen engen Pullover trug, und ließ sie viel längere Röcke tragen als die anderen Schülerinnen. Als er erfuhr, daß sie einen Freund hatte, schlug er ihr zweimal ins Gesicht.

Auch Swetlana schlug Olga immer wieder ins Gesicht, wie eine amerikanische Freundin berichtet: »Swetlana brach dem Kind nicht gerade die Knochen, aber regierte es mit eiserner Hand.« Sie beschwerte sich stets, in amerikanischen Schulen gäbe es keine Disziplin. So siedelte sie 1982 denn auch

nach England über, vor allem, um Olga auf ein strenges Internat zu schicken.

Da sie jedoch zu spät im Schuljahr eintraf, um das Mädchen in der traditionellen Bildungsanstalt anmelden zu können, die ihr vorschwebte, mußte Swetlana sich mit einer Quäker-Schule in Saffron Walden zufrieden geben. Swetlana selbst bezog eine Wohnung in Cambridge.

Für Olga, die sich stets mit den Worten vorstellte: »Ich bin Amerikanerin«, war es eine schmerzliche Erfahrung, die Vereinigten Staaten verlassen zu müssen. Die neue Schule jedoch erwies sich als außergewöhnlich liberal, so daß Olga sich dort bald wohlfühlte.

Swetlana aber war entsetzt, als sie feststellte, daß die Schüler nach dem Unterricht allein durch die Stadt bummeln durften.

Fay Black, damals Lehrerin an Olgas Schule, berichtet: »Die Mutter war ihr auf den Fersen wie ein Wächter seinem Gefangenen. Das Kind hatte nur die einzige Hoffnung, wieder zur Schule zu gehen.«

In einem Brief an eine Freundin ihn Cambridge beschwerte sich Swetlana: »Durch meine affektierte, langbeinige, dummköpfige Tochter sind mir Hände und Füße gebunden. Am Sonntag kehrt sie in die Schule zurück. Gott sei Dank! Wenn sie bei mir ist, vermisse ich meine Katja und meinen Ossja (ihre Kinder in der Sowjet-Union) mehr denn je. Sie sind so nett. Sie aber ist ein Dummkopf, verhätschelt und verdorben.«

Während ihres letzten Jahres im Westen litt Swetlana zunehmend an Anfällen von Depression. Der Selbstmord ihrer Mutter machte ihr stark zu schaffen; als Kind hatte sie diese Tat offenbar als Strafe empfunden. »Meine Mutter erschoß sich in der Nacht vom 8. auf den 9. November«, schrieb sie, »da sich dieser Tag bald jährt, ist mir absolut erbärmlich zumute. Die ganze Welt ist mir verhaßt.«

Sie sprach von Verschwörungen, die gegen sie gesponnen würden - genau wie Stalin im selben Lebensalter. »Etwas ist gegen mich im Gange. Mich umgibt eine schlechte Aura, Angst, Klatsch und Gerede. Zwei Regierungen planen gleichzeitig, mich loszuwerden«, klagte sie in demselben Brief. Einer älteren Russin, einer Emigrantin, hielt sie vor: »Sie sind eine doppelte und dreifache Agentin.«

Swetlana wußte sehr wohl, daß Tausende und Abertausende unschuldiger Menschen während des großen stalinistischen Terrors in den dreißiger Jahren auf diese Weise denunziert worden waren.

Trotz ihrer Probleme deutete wenig darauf hin, daß Swetlana versucht sein könnte, in die Sowjet-Union zurückzukehren. Ihr Widerwille gegen das Regime war ungebrochen. 1984 veröffentlichte sie in Indien einen ausgesprochen antisowjetischen Memoirenband mit dem Titel »The Faraway Music« ("Ferne Klänge"). Wenn sie jemanden, der in der UdSSR aufgewachsen war, Russisch sprechen hörte, wurde sie wütend. Olga durfte kein Wort dieser Sprache lernen.

Swetlana stand politisch weit rechts, sie erklärte die konservative »National Review« zu ihrer Lieblingszeitschrift und schickte dem Chefredakteur William F. Buckley 1981 sogar eine Spende von 500 Dollar. Donald Denman, ein emeritierter Professor in Cambridge, lud Swetlana zu einem Besuch des Parlaments in London ein, um ihr die Arbeitsweise der britischen Demokratie vorzuführen. Beim Schlendern durch Westminster bot Denman Swetlana an, sie einigen Abgeordneten vorzustellen. »Ich möchte keine Sozialisten kennenlernen«, sagte sie. »Nur Tories!«

Der Sowjetologe Leopold Labedz, der sie 1968 kennengelernt hatte, stellte erstmals 1981 fest: »Sie ist Papotschka gegenüber nachsichtiger geworden.« Früher hatte sie Stalins persönliche Verantwortung für den Tod von Millionen Menschen anerkannt, jetzt nannte sie ihn einen Gefangenen der kommunistischen Ideologie. Ihr neues Buch enthielt kaum Kritik an ihrem Vater. Wahrscheinlich hatte sie das Gefühl, ihn verraten zu haben. »Mein Vater«, sagte sie oft während ihres letzten England-Jahrs, »hätte mich für das, was ich getan habe, erschossen.«

Inzwischen begann die Sowjet-Union, die sich für die Feiern zum 40. Jahrestag des Siegs über Nazi-Deutschland rüstete, Stalin teilweise zu rehabilitieren, er wurde zum erstenmal seit 1956 als strategisches Genie gepriesen. Die sowjetischen Behörden hielten diesen Zeitpunkt für eine Heimkehr der Stalin-Tochter offenbar für günstig. Sie schalteten als Vermittler ihren Sohn Josef ein, der den Vornamen seines Großvaters trägt.

Kurz vor Weihnachten 1983 kam ein Anruf aus Moskau von Josef, inzwischen 38 Jahre alt und Arzt; seine Schwester Katja, 32, war Geophysikerin. Wie die aufgeregte Swetlana erzählte, hatte sie 17 Jahre lang von ihren beiden Kindern in der Sowjet-Union kaum etwas gehört. Beiden war untersagt worden, zu ihrer Mutter Verbindung aufzunehmen, als die sich in den Westen abgesetzt hatte.

Die Geschenke, die Swetlana ihnen geschickt hatte, waren mit dem Vermerk »Annahme verweigert« zurückgekommen. Bis auf eine gelegentliche Karte oder hin und wieder einmal einen Telephonanruf hatte man sich an das Verbot gehalten. Nach Weihnachten 1983 jedoch rief Josef die Mutter regelmäßig an, und Swetlana selbst durfte ihn auch anrufen.

Als Nächstes erklärte Josef seiner Mutter: »Es wird Zeit, daß wir uns einmal wiedersehen.« Dann teilte er mit, er habe die Erlaubnis doch nicht bekommen. Swetlana war erschüttert.

Im Juli weckte er erneut ihre Hoffnungen mit dem Hinweis, er werde vielleicht noch vor Weihnachten nach Cambridge kommen können. Im August erfuhr sie, daß er sehr krank sei und in einem Moskauer Hospital liege. Diese Nachricht, so sagte sie später, war der Wendepunkt.

Am 10. September 1984 ging Swetlana Peters, geborene Stalina, zur sowjetischen Botschaft in London und bat um

die Erlaubnis zur Rückkehr in die Sowjet-Union. Die Behörden sagten ihr sofort zu, sie werde die sowjetische Staatsbürgerschaft zurückerhalten, auch Olga werde sie erwerben.

Swetlana erzählte Olga davon zunächst nichts. Sie versuchte erst einmal, die Bindungen ihrer Tochter an Amerika zu kappen. Sie mißdeutete auf groteske Weise einen Brief von Margedant Hayakawa, um Olga zu überzeugen, daß ihre Tante sie nicht mehr liebe. Olga unterschrieb daraufhin einen maschinengeschriebenen Brief, sie werde an niemanden aus der Peters-Familie mehr schreiben.

Zumindest eine Zeile dieses Briefes klang mehr nach Swetlana als nach Olga: »Tötet mich, schickt mir eine Briefbombe, wenn Ihr wollt.«

Schon wenige Tage nach ihrer Rückkehr in die Sowjet-Union hatte Swetlana mit Josef Streit. Katja, die auf Kamtschatka lebt, kam gar nicht erst nach Moskau, um ihre Mutter zu sehen. Als Kameraleute vom amerikanischen Fernsehen die finster und wütend dreinblickende Swetlana auf den Straßen der Hauptstadt entdeckten, verlor sie ihre Beherrschung und überhäufte sie mit unflätigen Äußerungen in englischer Sprache.

In ihrer Unzufriedenheit über den kühlen offiziellen Empfang, der ihr zuteil geworden war, ließ sich Swetlana bei den sowjetischen Behörden mehrfach zu Temperamentsausbrüchen hinreißen. Olga, die (wie ihre Mutter) noch die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, weigerte sich, die in einer Moskauer Schule vorgeschriebene Uniform zu tragen. Sie erschien zum Unterricht mit einem Kreuz um den Hals.

Inzwischen haben die Behörden Swetlana aus Moskau abgeschoben, wohl um sie von Diplomaten und anderen Ausländern zu isolieren, bei denen sie sich beschweren könnte. Mutter und Tochter wurden an einen Ort gebracht, der südlich von Tiflis liegt, der Hauptstadt Georgiens, nicht weit von Stalins Geburtsort Gori.

Swetlana wurde eine bescheidene Wohnung zugewiesen, sie erhielt aber weder Auto noch Datscha oder sonstige Privilegien, die Familien der sowjetischen Elite zustehen.

Sie ist wieder daheim, angezogen von einem Geist, dem sie nicht zu entrinnen vermochte. »Es war, als stünde mein Vater im Mittelpunkt eines schwarzen Kreises«, schrieb sie 1963. »Jeder, der sich in diesen Kreis hineinwagte, verschwand, kam um oder wurde auf andere Weise vernichtet.«

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