Zur Ausgabe
Artikel 18 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Meine Leistung spielte null Rolle«

SPIEGEL-Interview mit Münchens CSU-Oberbürgermeister Erich Kiesl *
aus DER SPIEGEL 13/1984

SPIEGEL: Herr Oberbürgermeister, Sie sind bei den Kommunalwahlen nur Zweiter geworden. Was haben Sie falsch gemacht?

KIESL: Wir haben einen Sachwahlkampf geführt. Damit konnten wir unsere Wähler nicht voll mobilisieren, während dieses der SPD mit einem Diffamierungswahlkampf gelungen ist.

SPIEGEL: Lag es nicht auch daran, daß Sie als Vertreter der Großkopferten, der Speziwirtschaft und der Loden-Schickeria empfunden wurden?

KIESL: Ich komme aus einfachsten Verhältnissen, mein Vater war Postsekretär. Ich habe mir mein Studium selber verdient, ich habe mit der Schaufel gearbeitet. Das hat mein Gegenkandidat nie.

SPIEGEL: Hat sich die Bonner CDU/CSU-Politik für Sie in München negativ ausgewirkt?

KIESL: Ich glaube schon, daß die Großwetterlage in Bonn, so wie Strauß das meint, durchaus Einfluß gehabt hat.

SPIEGEL: Apropos Strauß, haben nicht auch dessen außenpolitische Aktivitäten - Stichwort: Milliardenkredit - manchen CSU-Wähler verscheucht?

KIESL: Mit Sicherheit hat sich das nicht ausgewirkt. Die Landespolitik spielt allerdings insofern eine Rolle, als wir in Bayern seit Kriegsende fast ununterbrochen eine CSU-Regierung haben und jetzt auch noch in Bonn die Union die Macht ausübt. Da überlegt sich mancher Wähler, ob das auch noch in der Kommune sein muß.

SPIEGEL: Auch Ihre oft berufene Popularität hilft da nichts?

KIESL: Ich glaube nicht, daß ich je von meiner Popularität gesprochen habe. Ich habe nur gesagt: »I mog d'Leit, d'Leit mögn mi« - und das sage ich nach wie vor, denn ich kann ja die Münchner mögen, ob sie mich nun gewählt haben oder nicht.

SPIEGEL: Viele mögen Sie offenbar nicht mehr.

KIESL: Ich glaube nicht, daß man das so sehen kann. Viele unserer Wähler sind nicht zur Wahl gegangen. Bei emotionalisierten SPD-Wählern aber spielten diesmal Leistungen von meiner Seite oder Popularität null Rolle.

SPIEGEL: Wie wollen Sie die Wähler bis zur Stichwahl am nächsten Sonntag noch mobilisieren?

KIESL: Wir werden dem Bürger klarzumachen versuchen, welche negativen Entwicklungen die Stadt nehmen wird, wenn dem rot-grünen Bündnis nicht wenigstens ein unabhängiger Oberbürgermeister gegenübersteht. Im übrigen hat das Wahlergebnis einen Aufrüttelungseffekt.

SPIEGEL: Was soll denn die Leute plötzlich so aufrütteln?

KIESL: Die Tatsache allein, daß der Oberbürgermeister Kiesl 44,3 und der Herr Kronawitter 48,2 Prozent gehabt hat, und dann vor allem natürlich die Pattsituation.

SPIEGEL: Und die Wachgerüttelten warnen Sie jetzt vor einem rotgrünen Chaos. Was ist das eigentlich?

KIESL: Steuererhöhungen, Stopp des U-Bahn-Baues und des allgemeinen Wohnungsbaues, Ausstieg aus dem Kernkraftwerk Ohu II. Und ich darf nur an die hessischen Verhältnisse erinnern. Es ging doch dort überhaupt nichts mehr.

SPIEGEL: Die haben gemeinsam einen Haushalt beschlossen.

KIESL: Wichtiges anderes ist blockiert worden. Und hier hat die SPD gesagt, daß der Flughafen München-Riem weg soll, aber die Grünen wollen ihn behalten. Wer da dann recht kriegt, das müßten die zwei untereinander ausschnapsen.

SPIEGEL: Die Grünen mögen Sie wohl auch nicht?

KIESL: Einige von ihnen kenne ich. Manche sind in der Form und im Auftreten durchaus ordentlich. Andere sind eher wie die in Hessen. Da kann es sein, daß einer den Schuh auszieht wie weiland Chruschtschow und auf die Bank trommelt.

SPIEGEL: Glauben Sie denn im Ernst, daß sich ein SPD-Oberbürgermeister von sechs grünen Stadtratsneulingen gängeln ließe?

KIESL: Nicht der Herr Kronawitter hat das Sagen, der hat es so und so nicht, ob er gewinnt oder nicht gewinnt. Die wichtigen und mächtigen Leute der SPD sitzen im Hintergrund. Und wenn Herr Kronawitter verliert, dann verschwindet er ja sowieso.

SPIEGEL: Was macht denn Erich Kiesl, wenn er endgültig verliert?

KIESL: Ich nehme mein Stadtratsmandat an, auch wenn ich eine Niederlage in der OB-Wahl erleiden sollte. Was ich dann sonst noch mache, das muß ich erst mit meiner Partei beraten. Diese Beratung wird mit Sicherheit mit dem CSU-Generalsekretär und dem Herrn Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden stattfinden.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 18 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.