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Meine Mission in Moskau

aus DER SPIEGEL 35/1967

1. Fortsetzung

Die Berlin-Krise

Am 10. November 1958 erklärte Nikita Chruschtschow in öffentlicher Rede, daß die Sowjetregierung sich mit der Absicht trage, das Potsdamer Abkommen und die Berliner Vereinbarung aufzukündigen und die ihr aus diesem Abkommen zustehenden Rechte an »die souveräne DDR« zu übertragen.

Seine Erklärung rief in der Bundesrepublik und im gesamten Westen allgemeine Empörung hervor. Ich suchte am darauffolgenden Tag Außenminister Gromyko auf und bat ihn, mir einen genauen Termin der von Chruschtschow in seiner Rede angedrohten Maßnahme mitzuteilen.

Gromyko erklärte trotz meines Insistierens, daß er sich dazu nicht in der Lage sehe. Ich erfuhr jedoch aus einer verläßlichen sowjetischen Quelle, daß »die Sowjetregierung nicht an ein längeres Hinauszögern der Vertragsaufkündigung denke, jedoch vor einer endgültigen Entscheidung über den Termin die Reaktion der Westmächte abwarten wolle.

Am 22. November rief mich der österreichische Botschafter Norbert Baron von Bischoff an und erklärte mir in ungewöhnlich ernstem Ton, daß er mich alsbald sprechen müsse. Wir kannten uns aus gemeinsam verbrachten Jahren in Ankara.

Botschafter von Bischoff war bei den sowjetischen Stellen sehr angesehen und beliebt. Unsere Freundschaft sprach sich in diplomatischen und sowjetischen Kreisen bald herum. Sie gab nun dem Kreml Anlaß, Bischoff als Vermittler zu mir einzusetzen.

Er suchte mich in der Botschaft auf und gab mir den Inhalt einer Unterredung mit Außenminister Gromyko bekannt, die soeben auf Initiative Gromykos stattgefunden hatte. Gromyko hatte meinem Kollegen eine längere Notiz übergeben. Bischoff überließ mir den Text.

Gromyko hatte dem österreichischen Botschafter erklärt, er wäre unterrich-

* Hans Krolls »Lebenserinnerungen eines Botschafters« erscheinen demnächst im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch.

* sein Verlassen des sowjetischen Außenministeriums.

tet, daß Bischoff mit mir befreundet sei, und bitte ihn daher, sich ihm, Gromyko, für diese delikate Mission zur Verfügung zu stellen. Eine Analyse der Notiz ergab etwa folgendes:

Die Sowjetregierung bestehe darauf, daß die Bundesrepublik auf eine atomare Bewaffnung verzichte. Die Bundesregierung werde damit nicht schwächer werden, da der Einsatz dieser Waffen praktisch nicht möglich sei; in diesem Falle wäre die Vernichtung der Bundesrepublik die Folge.

Die Sowjetregierung bestehe auf Verhandlungen über einen Friedensvertrag. Mit dem Abschluß des Vertrages würde man die Schwelle überschreiten und damit an die Regelung des deutschen Problems als Ganzes herantreten können. Moskau schlage eine allmähliche Entspannung und schrittweise Annäherung zwischen der Bundesrepublik und der DDR vor. Moskau sei bereit, etwaige Vorschläge der Bundesregierung als Vermittler weiterzuleiten. Die Sowjetregierung würde eine diplomatische Anerkennung der Oststaaten im Interesse der Entspannung begrüßen. Sie sei der Auffassung, daß alle sachlichen Voraussetzungen für eine enge Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und der Sowjet-Union auf breiter Grundlage gegeben seien und genutzt werden sollten.

Falls die Bundesregierung weitere Anregungen zu machen habe, schlage Außenminister Gromyko vor, daß der deutsche Botschafter sich direkt an Ministerpräsident Chruschtschow wende. Die Sowjetregierung sei somit zur Fortführung des Gesprächs bereit.

Gromyko hatte in seiner Unterredung mit dem österreichischen Botschafter betont, daß für Bonn der jetzige Augenblick möglicherweise die letzte Gelegenheit sei, um ein Gespräch mit der Sowjet-Union über die deutsche Frage aufzunehmen. Sollte diese Gelegenheit nicht genutzt werden, so könne sich eines Tages herausstellen, daß sie hinfällig geworden sei.

Der Mittelsmann erklärte mir hierzu, daß der Außenminister den letzten Punkt in besonders ernster Form unterstrichen habe. Herr von Bischoff legte die Bemerkung in dem Sinne aus, daß für den Fall eines Abbruchs der Besprechungen die sowjetische Seite alle Maßnahmen treffen würde, um Pankow verstärkt in den sowjetischen Machtbereich einzugliedern, so daß man mit idem endgültigen Verlust der Zone in absehbarer Zeit rechnen müsse. Außerdem aber würde der Druck auf Berlin, wie vor 14 Tagen von Chruschtschow angekündigt, alsbald verstärkt einsetzen.

Ich unterrichtete Außenminister von Brentano über meine Unterredung mit Botschafter Bischoff und verständigte ihn, daß ich am darauffolgenden Tage in Bonn zum mündlichen Vortrag eintreffen würde. Noch für den gleichen Abend bat ich um einen Termin.

Herr von Brentano ließ mich umgehend wissen, daß er mich nach meinem Eintreffen in seiner Residenz auf dem Venusberg zum Abendessen erwarte. Er empfing mich in seiner gewohnten herzlich-freundschaftlichen Art und hörte sich meinen ausführlichen Bericht mit gespannter Aufmerksamkeit an. Ich plädierte dafür, das von der Sowjetregierung eingeleitete Gespräch in geeignet erscheinender Weise fortzuführen, um die wirklichen Absichten des Kremls zu erkunden.

Ich verwies dabei auf einen mir übermittelten handschriftlichen Brief Herrn von Bischoffs, in dem er eindringlich betont hatte, daß der Wunsch der Sowjetregierung, mit uns ins Gespräch zu kommen, den Weg zu umfassenden politischen Verhandlungen öffne. Dieser Brief hatte folgenden Wortlaut:

Lieber Herr Botschafter!

Verzeihen Sie mir, dem Außenstehenden und zu keinerlei Ratschlag Berechtigten, wenn ich noch gründlichem Studium des sowjetischen Textes ... Ihnen meine Meinung sage: Ich bin nach diesem Textstudium noch mehr als bisher überzeugt, daß die Russen ernstlichst ins Gespräch kommen wollen. Was hätte denn sonst auch diese ganze Demarche für einen Sinn? Sie wollen Ruhe haben während der 15 Jahre, die sie zum Aufbau des Kommunismus brauchen. Sie wollen daher den Friedens-Vertrag -- übrigens nicht zum ersten Mol (!) -, und sie wollen durch ihn die Öffnung des Weges zur friedlichen Wiedervereinigung. Darum sagen sie, daß der Friedens-Vertrag eine Art Schwelle ist, noch deren Überschreitung das deutsche Problem als Ganzes lösbar wird. Es wäre tragisch, wenn man das als Propaganda oder den Versuch, die Regierung der BRD »hineinzulegen', betrachten würde. Ich bin überzeugt, daß es 100 Prozent ihr Ernst ist: Wer die Wiedervereinigung vor den Friedens-Vertrag stellt, verhindert damit Frieden und Wiedervereinigung. Wer den Abschluß des Friedensvertrages fördert, schafft damit auf allen Gebieten die derzeit völlig inexistenten Voraussetzungen für das Ingangkommen des dann unaufhaltsamen Prozesses der schrittweisen Wiedervereinigung.

Ihr N. von Bischoff

Ich bemühte mich in der langen, mit leidenschaftlichem Ernst geführten Unterredung, Herrn von Brentano für meine Einstellung zu gewinnen. Aber ich hatte, als ich mich gegen fünf Uhr morgens von ihm verabschiedete, nicht den Eindruck, daß es mir gelungen sei, ihn von der Notwendigkeit einer positiven Antwort zu überzeugen.

Er betonte zwar, daß die Entscheidung beim Kanzler liege, aber ich mußte seinen Worten entnehmen, daß er Dr. Adenauer abraten werde, mich zur Fortführung des Gesprächs mit den Sowjets zu ermächtigen.

Die Unterredung mit dem Kanzler fand am darauffolgenden Tag statt. Dr. Adenauer hörte meinen Bericht aufmerksam, aber ohne sonderliche Spannung an und ließ nach einigen wenigen Gegenfragen erkennen, daß er sich von einem Eingehen auf den sowjetischen Vorschlag nichts Positives verspreche.

Deutsch-sowjetische Direktverhandlungen, so erklärte er, würden das stets wache Mißtrauen der Amerikaner in die Verläßlichkeit des deutschen Bundesgenossen erneut beleben und damit in den so entscheidend wichtigen Beziehungen der Bundesrepublik zu den USA eine delikate Lage schaffen. Überdies glaubte der Kanzler nicht, daß die Sowjets bereit seien, von ihren grundlegenden Positionen in der deutschen Frage abzugehen.

Ich versuchte, den Bundeskanzler und Herrn von Brentano zu bewegen, mir zumindest die Möglichkeit zu geben, die konkreten Absichten der Sowjetregierung durch Rückfragen im einzelnen zu erkunden. Ich wies dabei erneut auf den erläuternden Brief des österreichischen Botschafters hin, aber leider ohne Erfolg.

Nach meiner Rückkehr aus Bonn unterrichtete ich Baron Bischoff über den Verlauf meiner dortigen Besprechungen und bat ihn, Außenminister Gromyko entsprechend zu bescheiden. Herr von Bischoff war über meine Mitteilung enttäuscht. »Ihre Regierung hat mit ihrer Ablehnung des sowjetischen Verhandlungsvorschlages eine vielleicht einmalige Verhandlungschance verpaßt. Nun ist die Berlin-Aktion nicht mehr aufzuhalten.«

Der Botschafter sollte recht behalten. Schon wenige Tage später, am 27. November 1958, bat mich Außenminister Gromyko ins Ministerium und übergab mir eine Note, mit der die Sowjetregierung offiziell das Potsdamer Abkommen sowie die Abmachungen über Berlin aufkündigte. Man erklärte sich zwar zu Verhandlungen bereit, setzte dafür aber in geradezu ultimativer Form eine Frist von sechs Monaten.

Die Reaktion im Westen war einhellig und in ihrer Schärfe einmalig. Die Berlin-Krise war nun offen ausgebrochen. Freilich versuchten Chruschtschows nächste Mitarbeiter und Freunde im Präsidium der KPdSU, besonders Mikojan und (der heutige Ministerpräsident) Alexej Kossygin, in Gesprächen mit mir und anderen westlichen Diplomaten beschwichtigend zu wirken.

Mikojan erklärte mir, die Suppe werde nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht werde. Aus den Mitteilungen unserer Gesprächspartner ging hervor, daß im Präsidium der Partei über die Berlin-Aktion heftig gestritten worden war. Die älteren Mitglieder des Präsidiums, besonders Mikojan, Kossygin und Marschall Woroschilow, hatten vor einer Überspitzung des sowjetischen Vorgehens gewarnt.

Es war ihnen offenbar auch gelungen, die härtesten Formulierungen der Note abzubiegen. Sie behaupteten jedenfalls mir gegenüber, daß ihnen dies allerdings erst nach Schwierigkeiten geglückt sei. Mikojan erwähnte, daß man ursprünglich daran gedacht habe, ganz Berlin, also den West- und den Ostsektor, in den Plan der »Freien Stadt« einzubeziehen. Aber der Gedanke mußte wieder aufgegeben werden. Ulbricht wandte sich scharf gegen diese Idee.

Auch Chruschtschow betonte in Unterredungen mit ausländischen Besuchern, daß keinerlei Ultimatum beabsichtigt sei, daß er in der Berlin-Frage eine Lösung »ohne Sieger und Besiegte« anstrebe und zu echten Verhandlungen bereit sei.

Offenbar hatte die von den Sowjets in dieser Schärfe nicht erwartete entschlossene Reaktion der Nato-Mächte auf Chruschtschow Eindruck gemacht und ihm die Gefahr eines zu forschen Vorgehens klar vor Augen geführt.

Es gab nicht wenige Stimmen in Bonn, die den Abbruch der diplomatischen Beziehungen forderten. Aber wenn man auch bei der Regierung und der Mehrheit der sie tragenden Parteien nicht so weit gehen wollte, so war doch eine starke Strömung dafür erkennbar, die Ratifizierung der im April 1958 mit Moskau abgeschlossenen Verträge zu verweigern und damit das deutsch-sowjetische Vertragswerk, dessen Aushandlung so schwierig und zeitraubend gewesen war, zu Fall zu bringen.

Ich war bestürzt, eines Tages von einer maßgebenden Bonner Persönlichkeit zu hören, daß ernsthaft mit der Möglichkeit einer Verweigerung der Ratifizierung durch eine Mehrheit des Bundestages gerechnet werden müsse. Man bat mich um meine persönliche Intervention.

Ich schrieb alsbald an den mir persönlich gut bekannten damaligen Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Bundestag, Dr. Heinrich Krone, einen Brief, in dem ich auf die etwaigen Folgen einer Ablehnung der deutschsowjetischen Verträge durch den Bundestag hinwies.

Die deutsche Wirtschaft war inzwischen in der durchaus berechtigten Annahme, daß die Ratifizierung der Verträge im Grunde eine bloße Formsache sei, mit Aufträgen, die sich in ihrem Wert auf viele hundert Millionen Mark beliefen, in das russische Geschäft eingestiegen. Die Verweigerung der Ratifizierung mußte zu Vertragsbrüchen und enormen Verlusten für die Industrie der Bundesrepublik führen.

Besonders ernst, ja geradezu tragisch mußte sich die Ablehnung der deutsch-sowjetischen Verträge auf das Schicksal der in der Sowjet-Union verbliebenen 20 000 deutschen Staatsangehörigen auswirken, die auf Grund der zwischen Bonn und der Sowjetregierung getroffenen Vereinbarung mit ihrer baldigen Rückkehr in die Heimat rechneten.

Es war zu befürchten, daß die Ablehnung des Vertragswerks durch den Bundestag eine entsprechend harte Reaktion der Sowjetregierung zur Folge haben und der Rückführungsaktion ein abruptes Ende bereiten würde. Damit wäre das Gros der Rückkehrberechtigten dazu verurteilt worden, bis ans Lebensende in der sowjetischen Verbannung zu verbleiben und die Heimat niemals mehr wiederzusehen.

Ich machte Dr. Krone besonders eindringlich auf diese tragische Eventualität aufmerksam und fügte hinzu, daß ich nicht zögern würde, notfalls die an der Ablehnung der Verträge schuldigen Parteien in aller Öffentlichkeit für das grausame Schicksal dieser deutschen Landsleute verantwortlich zu machen. Ich war mir natürlich bewußt, daß dies ein gewagtes Spiel war.

Denn meine Mitteilung an Dr. Krone war mehr als eine Warnung, es war eine klare Drohung. Der Brief hätte zu meiner Abberufung führen können. Es war, nach meinem Konflikt mit Bundeskanzler Adenauer und Herrn von Brentano anläßlich der Demonstrationen vor den beiderseitigen Botschaften im Juni 1958, nun schon das zweite Mal, daß ich meinen Posten aufs Spiel setzte.

Aber ich kannte Dr. Krone, diesen stets sachlich denkenden, vornehmen Menschen, zu gut, um befürchten zu müssen, daß er meine Warnung mißverstehen oder gar zu einer Intrige gegen mich ausnutzen würde. Mit dieser Annahme sollte ich recht behalten. Der Bundestag machte bei der Ratifizierung der Verträge keine Schwierigkeiten.

Der Sowjetregierung war die kritische Einstellung der deutschen Öffentlichkeit und des Bundestages zur Ratifikation der deutsch-sowjetischen Verträge nicht verborgen geblieben. Es zeigte sich alsbald, daß man in Moskau die harte Sprache Bonns verstand. In Unterhaltungen mit sowjetischen Persönlichkeiten merkte man deutlich das Bestreben, uns zu beschwichtigen.

Von einem Ultimatum in der Berlin-Frage war nun nicht mehr die Rede, obschon die sowjetische Note vom 27. November 1958 in klaren Worten eine sechsmonatige Frist für die Annahme der sowjetischen Vorschläge gesetzt hatte. Chruschtschow betonte im Gespräch mit mir, daß man ja doch über alle einschlägigen Fragen reden könne. Wir sollten Gegenvorschläge machen.

Dieser deutsch-sowjetische »Burgfrieden« hielt den ganzen Herbst des Jahres 1959 über an. Ich glaubte, das günstigere Klima ausnutzen zu sollen, um die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern zu intensivieren. Ich machte dafür dem Auswärtigen Amt eine Reihe von Vorschlägen. Vor allem schien es mir angebracht, nunmehr den seit längerer Zeit vorliegenden Einladungen an den Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard und den Bundestag Folge zu leisten. Aber ich stieß bei den zuständigen deutschen Stellen auf wenig Gegenliebe.

Man führte erneut das Argument ins Feld, daß die westlichen Alliierten, besonders die amerikanische Regierung, derartig prominente Besuche als Bestätigung angeblicher Bonner Pläne für eine Verstärkung der zweiseitigen Kontakte mit Moskau mißdeuten könnten. Eine Belastung der deutschamerikanischen Beziehungen müsse jedoch, so schrieb man mir, auf jeden Fall vermieden werden.

Natürlich mußte auch dieses Mal der Rapallo-Komplex wieder als Argument herhalten, obschon in den seit dem Abschluß dieses Vertrages (1922) verflossenen 37 Jahren das Weltbild sich grundlegend gewandelt hatte.

Aber ich konnte mich der Bundesregierung gegenüber noch auf ein stärkeres Gegenargument berufen. Die Beziehungen zwischen den drei Westmächten USA, Großbritannien und Frankreich einerseits und der Sowjet-Union andererseits waren in jenen Jahren wesentlich intimer und enger geworden als die Beziehungen des Kreml zur Bundesrepublik.

Wir konnten daher mit Recht darauf verweisen, daß unsere Bemühungen um eine Normalisierung des deutschsowjetischen Verhältnisses nichts anderes zum Ziel hätten, als dieses Verhältnis auf das gleiche Niveau anzuheben, das zwischen der Sowjet-Union und unseren westlichen Verbündeten seit Jahren bestand.

Niemand konnte uns dies zum Vorwurf machen, es sei denn, daß man aus eigensüchtigen Gründen eine Entspannung zwischen Bonn und Moskau nicht wünschte. Wenn somit jemand Anlaß zu Mißtrauen hatte, so war es die Bundesrepublik.

Ich wurde in diesem Verdacht bestärkt, als ich später im Zusammenhang mit der raschen Zunahme des deutsch-sowjetischen Handels feststellte, mit wie scheelen Blicken diese für uns günstige Entwicklung nicht nur von den drei Siegermächten, sondern auch von Italien, Belgien, Schweden, Österreich und Japan, um nur unsere wichtigsten Konkurrenten zu nennen, betrachtet wurde.

Als die Bundesrepublik in den Handelsbeziehungen des Westens mit der Sowjet-Union vom siebten auf den ersten Platz aufrückte, ließen unsere Verbündeten alle Minen springen, um uns von diesem Führungsplatz wieder zu verdrängen.

Sie setzten sich dabei auch skrupellos über Bestimmungen hinweg, in denen die Nato-Mächte sich verpflichtet hatten, im Handel mit den Ostblockländern Kredite nur bis zur Dauer von fünf Jahren einzuräumen. Die Engländer und Italiener gingen dazu über, den Sowjets langfristige Kredite bis zu zehn, später sogar bis zu 15 Jahren einzuräumen.

Man versuchte natürlich, die entsprechenden Abreden als angeblich private Zugeständnisse der interessierten Firmen zu tarnen, an denen die Regierungen unbeteiligt seien. Aber es gelang mir, Kopien der Vereinbarungen zu beschaffen, aus denen einwandfrei hervorging, daß es sich um Kredite handelte, für die die Regierungen eine Art Ausfallbürgschaft übernommen hatten.

Die am Export nach dem Osten interessierten deutschen Industriekreise kamen dadurch naturgemäß in eine schwierige Lage. Ich unterrichtete die Bundesregierung ausführlich über die Situation, reichte die entsprechenden Beweisunterlagen ein und regte an, die Angelegenheit vor dem Nato-Rat zur Sprache zu bringen.

Nach einigem Zögern entschloß man sich dazu. Aber der Erfolg blieb aus; unsere Delegation vermochte sich gegenüber Engländern und Italienern nicht durchzusetzen.

Da auf diesem Wege eine Gleichstellung der deutschen Industrie mit der britischen und der italienischen Konkurrenz offensichtlich nicht zu erreichen war, schlug ich dem Auswärtigen Amt vor, nunmehr die (nur mit Genehmigung der Bundesregierung ausgegebene) Hermes-Kreditbürgschaft auch auf Exporte nach der Sowjet-Union zuzulassen. Ich konnte nicht einsehen, warum wir als die im Osthandel traditionell führende Macht unsere Exportindustrie schlechter behandeln sollten als unsere Konkurrenzländer die ihrige. Meine Berichte wurden daher immer dringlicher und deutlicher. Ich versuchte, meine Vorstellungen in Privatdienstschreiben an den Außenminister und an Staatssekretär Hilger van Scherpenberg, meinen früheren Mitarbeiter, zu unterstreichen. Ich ermunterte auch den Ostausschuß der deutschen Wirtschaft, im eigenen Interesse bei den zuständigen Stellen der Bundesregierung und, wenn nötig, beim Bundeskanzler selbst vorstellig zu werden.

Aber der Ostausschuß mit seinem Vorsitzenden Wolff von Amerongen fand beim Präsidium des Bundesverbandes der Deutschen Industrie nur eine sehr zaghafte Unterstützung.

Präsident Fritz Berg, am Osthandel persönlich nicht interessiert, hielt es nicht für opportun, sich angesichts der offensichtlichen Unlust der amtlichen Stellen gegenüber Ostkrediten besonders zu exponieren. Man überließ es somit, wie mein Freund Ernst Mommsen von Phoenix-Rheinrohr es ausdrückte, »dem Botschafter, der Industrie die Kastanien aus dem Feuer zu holen«.

Nun schien mir die Kreditfrage in der Tat auch aus allgemein politischer Sicht zu wichtig, als daß ich angesichts der Bedenken der amtlichen Stellen resigniert hätte. Ich regte daher an, die Angelegenheit dem Kabinett zur Entscheidung vorzulegen. Aber dieser Antrag trug mir einen wenig freundlich formulierten Brief des Bundesaußenministers ein.

Nachdem das Auswärtige Amt, so schrieb Herr von Brentano, sich nun einmal endgültig gegen die Gewährung von Krediten für Ostlieferungen entschieden habe, müsse ich mich mit dieser Entscheidung abfinden. Auf jeden Fall gehe es nicht an, daß ein Botschafter, auch wenn er noch so sehr glaube, im Recht zu sein, sich mit dem einmal ergangenen Beschluß seiner vorgesetzten Dienststelle nicht zufriedengebe und die Entscheidung des Kabinetts beantrage. Dies sei zugleich ein Mißtrauensvotum gegenüber dem Außenminister.

Nun, ich nahm den Brief nicht weiter tragisch, da meine Bemühungen schließlich die Förderung allgemeiner deutscher Interessen und nicht persönlicher Wünsche zum Ziel hatten. Ich zögerte nicht, dies Herrn von Brentano in einem ebenso deutlich formulierten Antwortbrief zu erklären.

Ich wurde den Verdacht nicht los, die Ablehnung meiner Anträge sei aus unsachlichen Motiven erfolgt. Ein persönliches Schreiben Herrn van Scherpenbergs bestärkte mich darin. Ich hatte ihn ursprünglich für meine Ansicht gewonnen. Nun aber schrieb er mir, die Hermes-Kredit-Garantien müßten in erster Linie für Lieferungen in solche Länder verwendet werden, die notorisch schlechte Zahler seien. Da die Sowjet-Union aber den Ruf habe, daß sie noch nie einen Wechsel habe platzen lassen, erübrige sich die von mir befürwortete Ausdehnung der Hermes-Ausfallbürgschaft auf Lieferungen nach der Sowjet-Union.

Ein geradezu groteskes Argument! Es fiel mir nicht schwer, es zu widerlegen. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, daß Herr van Scherpenberg, der von wirtschaftlichen Dingen etwas verstand, sein Argument wirklich ernst meinte.

Aber er sah sich angesichts der in Bonn vorherrschenden Einstellung genötigt, amtlich eine Haltung zu vertreten, die er vermutlich genauso wie ich intern für unvertretbar hielt.

Im übrigen war es mir schon seit einiger Zeit aufgefallen, daß bestimmte politische Kreise in der Bundesrepublik es darauf anlegten, die positiven Ergebnisse meiner Moskauer Arbeit systematisch herunterzuspielen.

Man hatte den Bonner Korrespondenten einer führenden deutschen Zei-

* Hinter dem Tisch: Reichskanzler Wirth, Sowjetdiplomat Krassin, Außenkommissar Tschitscherin nach Unterzeichnung des Vertrages von 1922.

** Bei Beginn der Konferenz von 1945.

tung dafür gewonnen, von Zeit zu Zeit Meldungen zu bringen, die nicht nur bestimmte Tatbestände bewußt auf den Kopf stellten, sondern auch die unleugbaren Erfolge meiner Arbeit tendenziös abwerteten.

Die Meldungen setzten häufig die Kenntnis gewisser dienstlicher Vorgänge voraus, so daß ich schließlich annehmen mußte, daß sie von bestimmten, gut informierten Stellen lanciert waren. Ich setzte mich gegen diese Intrigen zur Wehr, weil sie geeignet waren, bei den sowjetischen Stellen Mißtrauen gegenüber unserer immer wieder verkündeten Bereitschaft zur Verbesserung der Beziehungen zu erwecken.

Ich mußte annehmen, daß die deutschen Pressemeldungen über meine Arbeit und meine Person im sowjetischen Außenministerium nicht unbemerkt geblieben waren. Sorin deutete mir gelegentlich an, daß er über die Bonner Interna gut Bescheid wußte.

Ich machte also in meinen Telegrammen auf die betreffenden Meldungen aufmerksam; ich forderte Aufklärung und die Beendigung dieser Machenschaften. Gleichzeitig schrieb ich an Staatssekretär van Scherpenberg, er möge sich persönlich im Interesse der weiteren ungestörten Entwicklung der deutsch-sowjetischen Beziehungen dieser Angelegenheit annehmen und meine ohnehin schwierige Arbeit gegen Querschüsse absichern.

Wie überrascht war ich, in seinem Antwortbrief zu lesen, daß man es in der Tat seit einiger Zeit für richtig gehalten habe, meine Erfolge in Moskau, die man intern dankbar anerkenne, in der Presse bewußt herunterzuspielen, um dem immer wachen Mißtrauen der Amerikaner keinen erneuten Vorwand zu liefern. Nun war es mir endgültig klar, warum man meinen Vorschlägen auch in der Kreditfrage nicht gefolgt war.

Aber dann hätte man es mir offen sagen sollen, daß die Bundesregierung es sich im Interesse ihrer gesamtpolitischen Zielsetzung und vor allem mit Rücksicht auf die Lage in Berlin nicht leisten könne, den amerikanischen Bundesgenossen zu vergrämen.

Dies hätte mich möglicherweise sogar überzeugt. Denn ich konnte vom Auswärtigen Amt nicht verlangen, die Fragen der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit so zu sehen, wie ich es aus Moskauer Sicht gewohnt war.

Die mir von meinen Freunden in Bonn immer häufiger zugehenden Informationen zeigten deutlich und unmißverständlich, daß gewisse leitende Stellen in der Bundesregierung und in den politischen Parteien dazu übergegangen waren, meine Arbeit systematisch zu unterminieren.

Ich mußte die Erfahrung machen, daß im politischen Leben Eifersucht, Mißgunst und die Lust zur Intrige große Bedeutung haben. In meinem Fall trat noch eine weitere Einstellung zutage, die ich mit dem Ausdruck »vorsichtige Unaufrichtigkeit« bezeichnen möchte.

Man konnte es sich aus naheliegenden Gründen nicht leisten, mit offenem Visier gegen mich zu kämpfen, da man im Hinblick auf meine guten persönlichen Beziehungen zum Kanzler Nachteile für die eigene Karriere befürchtete. So nahm man Zuflucht zur Intrige, gab sich den Anschein freundschaftlicher Kollegialität, während man meine Abwesenheit dazu mißbrauchte, Herrn von Brentano und andere Persönlichkeiten mit Lügen und Verleumdungen gegen mich einzunehmen.

So brachte es die Entwicklung mit sich, daß ich in Moskau an drei Fronten zugleich kämpfen mußte: einmal an der sowjetischen Front, um meine Moskauer Gegenspieler von ihrer Deutschlandkonzeption abzubringen und für eine faire, beiden Seiten akzeptable Lösung der deutschen Frage zu gewinnen; dann gegen das Mißtrauen der Amerikaner und anderer westlicher Verbündeter und, last not least, gegen meine Gegner in Bonn.

Mir kam es vor allem darauf an, die deutsch-sowjetischen Beziehungen von dem bisherigen Auf und Ab zu befreien und eine Stetigkeit der Entwicklung sicherzustellen. Ich hatte in diesem Sinne wiederholt Unterredungen mit Chruschtschow, seinem Stellvertreter Koslow, Außenminister Gromyko und vor allem mit Vizeaußenminister Sorin.

Sorin betonte immer wieder die Notwendigkeit, aus dem bisherigen Austausch von gutgemeinten, aber mehr oder minder akademischen Versicherungen zu einer Politik konkreter Aktionen überzugehen.

Als nüchterne Realisten waren wir uns dabei im klaren, daß wir zunächst mit den peripheren, kleineren Problemen, die uns lösungsreif erschienen, beginnen und daß die großen Fragen

* Für die Sowjet-Union bestimmter Ammoniak-Reaktor der Rheinstahl Hüttenwerke AG.

wie Wiedervereinigung und Berlin ausgeklammert werden müßten. Wir erörterten eine Reihe konkreter Vorschläge, die teils von Sorin, teils von mir vorgebracht wurden,

Dabei einigten wir uns unschwer, wenn auch zunächst unverbindlich, da wir erst noch die Zustimmung unserer vorgesetzten Stellen einholen mußten. Unser gemeinsames Aktionsprogramm enthielt völlig neue Anregungen zur Ergänzung der bisherigen Zusammenarbeit und zur Inangriffnahme bisher ungenutzter Möglichkeiten.

Ich legte diese Vorschläge dem Auswärtigen Amt in einem sehr ausführlichen Bericht vor und regte an, eine Abschrift auch dem Bundeskanzler zuzuleiten.

Dr. Adenauer behauptete zwar in einer späteren Unterredung, er habe den Bericht nicht zu Gesicht bekommen. Aber hierin irrte er. Ich ließ mir die ihm zugegangene Kopie vorlegen und stellte dabei fest, daß er meinen Bericht gründlich durchgearbeitet und mit zahlreichen, recht aufschlußreichen Marginalien versehen hatte.

Da meine Anregungen im AA auf wenig Verständnis stießen, war ich gezwungen, mir beim Bundeskanzler und seinen Mitarbeitern die Unterstützung zu suchen, die ich anderswo nicht fand. So kam es ganz natürlich zwischen Dr. Adenauer und mir zu regelmäßigen Begegnungen und mit der Zeit zu einer engen Zusammenarbeit, die auch auf unser früher einmal etwas gespanntes persönliches Verhältnis nicht ohne positiven Einfluß blieb.

Ich stellte fest, daß Adenauer entgegen der landläufigen Annahme durchaus Widerspruch vertrug, vorausgesetzt, daß man eigene Einwände überzeugend begründen konnte. Für leeres Geschwätz hatte er kein Verständnis.

In Bonn verfolgte der eine oder andere meine immer häufigeren Begegnungen mit dem Kanzler nicht ohne Mißtrauen. Man behauptete hinter meinem Rücken, ich würde systematisch das Auswärtige Amt umgehen, obschon ich regelmäßig Herrn von Brentano und den Leiter der Ostabteilung, Ministerialdirektor Georg Ferdinand Duckwitz, über den Inhalt meiner Besprechungen mit dem Kanzler unterrichtete.

Auch stand das Auswärtige Amt keineswegs, wie es gelegentlich in der Presse hieß, sozusagen in geschlossener Front gegen mich. Ich hatte im Gegenteil unter dem leitenden Beamtenstab zahlreiche Freunde, die das unsachliche Verhalten gewisser Stellen bedauerten.

Meine Besprechungen mit dem Kanzler zeitigten ein erstes Ergebnis: Konrad Adenauer entschloß sich, mit Ministerpräsident Chruschtschow in einen persönlichen Briefwechsel einzutreten. Chruschtschow nahm die Idee bereitwillig auf. So entstand im Sommer 1959 ein sich durch Jahre hindurch fortsetzender Briefaustausch zwischen den beiden Staatsmännern.

Schon der erste Brief Dr. Adenauers, den ich Chruschtschow im August 1959 überreichte, zeigte mit seinem persönlichen und so ganz unbürokratischen Stil, daß der Kanzler die Mentalität des sowjetischen Staatsmannes intuitiv erfaßt hatte.

Chruschtschow nahm den Brief sehr freundlich auf und sprach in einer Rede vor Tausenden sowjetischer Zuhörer offen aus, daß er dem deutschen Bundeskanzler in dem gleichen positiven Sinne antworten werde.

Chruschtschow beantwortete den Brief des Kanzlers noch im August. Auch er beschränkte sich nicht auf die Behandlung der bilateralen deutschsowjetischen Fragen, sondern stellte, ebenso wie Dr. Adenauer, seine Ausführungen in den größeren Rahmen der weltpolitischen Lage. Er enthielt

* V. l. n. r.: Sowjetischer Vizeaußenhandeisminister Borisow, Dolmetscher, Scherpenberg, Sowjetbotschafter Smirnow.

sich jeder billigen Polemik, verschwieg aber auch nicht die Unterschiede in den beiderseitigen Auffassungen.

Immerhin stellten die beiden Staatsmänner in zwei Kardinalfragen eine Übereinstimmung der Ansichten fest: Sie anerkannten beide die Notwendigkeit, den Frieden zu erhalten und als Voraussetzung dafür die Abrüstungsfrage zu lösen. Dagegen kam man auch im weiteren Verlauf des Briefaustausches in der Frage der Wiedervereinigung und in der Berlin-Frage zunächst zu keiner spürbaren Annäherung.

Chruschtschow bestand nach wie vor auf dem Abschluß eines Friedensvertrages mit »den beiden deutschen Staaten« und der Errichtung einer »Freien Stadt Berlin«, während der deutsche Bundeskanzler ebenso kategorisch auf der Anwendung des Selbstbestimmungsrechtes auch im Falle Deutschlands beharrte und Chruschtschow unter Zitierung früherer Reden daran erinnerte, er selber habe sich wiederholt für die allgemeine Anwendung des Selbstbestimmungsrechts ausgesprochen.

Es schien mir in erster Linie wichtig, dafür zu sorgen, daß der persönliche Gedankenaustausch zwischen den beiden Staatsmännern nicht abriß.

Ich hoffte, sie durch dieses Zwiegespräch allmählich einander näherzubringen, Mißtrauen und Mißverständnisse auszuräumen und vor allem den Kanzler mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß es im deutschen Interesse läge, Ministerpräsident Chruschtschow zu dem längst fälligen Gegenbesuch nach Bonn einzuladen.

Chruschtschow war einem solchen Besuch keineswegs abgeneigt. Er hatte mir dies wiederholt angedeutet. Die Schwierigkeit lag darin, den Kanzler für eine Einladung zu gewinnen.

Als ich diese Frage das erste Mal anschnitt, lehnte Adenauer brüsk ab. Aber ich war entschlossen, mich nicht entmutigen zu lassen. Ich kam nahezu bei jeder Begegnung darauf zurück. Seine Abneigung war zunächst nicht zu überwinden. Adenauer war überzeugt, daß die deutsche Öffentlichkeit auf einen Besuch des sowjetischen Staatsmannes noch nicht vorbereitet war, seine eigene Partei ihn in ihrer überwiegenden Mehrheit strikt ablehnte und daß überdies zu befürchten war, ein Treffen mit Chruschtschow würde der CDU bei der nächsten Wahl eine beträchtliche Zahl von Stimmen kosten.

Ich mußte mich also gedulden. Aber eines Tages, als ich ihn bei besonders guter Laune traf, nahm ich erneut einen Anlauf: »Sie werden doch zugeben müssen, Herr Bundeskanzler, daß eines Tages ein persönliches Gespräch zwischen dem deutschen und dem sowjetischen Regierungschef unvermeidlich wird. Dieses Gespräch sollte jedoch geführt werden, solange Sie an der Spitze der Regierung stehen.«

»Denn«, so fuhr ich fort, »erstens sind Sie der einzige deutsche Politiker, der durch seine Erfahrung und vor allem seine Härte einem so gefährlichen und robusten Verhandlungspartner wie Chruschtschow gewachsen ist, und zweitens, und dies scheint mir ausschlaggebend, genießen Sie durch Ihre langjährige intime Zusammenarbeit mit der amerikanischen Regierung ein solches Vertrauen in den Vereinigten Staaten, daß man dort eine Begegnung zwischen Ihnen und Chruschtschow nicht mißverstehen wird.«

Dr. Adenauer hörte mich aufmerksam an, äußerte sich aber zunächst nicht. Als ich wenige Wochen später erneut vom Kanzler empfangen wurde -- dieses Mal nahm auch Außenminister von Brentano an der Besprechung teil -, kam ich am Schluß meines Berichts auf die Frage der Einladung des sowjetischen Regierungschefs zurück.

Herr von Brentano unterbrach mich mit allen Zeichen echter Entrüstung: »Sic wollen doch nicht etwa sagen, daß Sie es unserem Bundeskanzler zumuten wollen, Chruschtschow nach Bonn einzuladen?« Ich erwiderte: »Herr Minister, das ist genau das, was ich möchte!«

Dr. Adenauer schwieg. Schließlich sagte er: »Sagen Sie, Herr Kroll, geht es denn nicht auch mit Herrn Mikojan? Das ist ein höflicher und sympathischer· Mann, mit dem ich mich bei seinem Besuch in Bonn im April 1958 sogleich gut verstanden habe.«

Ich sagte: »Wenn Sie jetzt erneut Herrn Mikojan einladen, wird Chruschtschow dies als einen persönlichen Affront auffassen. Außerdem aber kann Mikojan Sie zwar anhören, aber er kann keine Entscheidungen treffen.« Der Kanzler sah dies ein. Dennoch sollten noch Jahre vergehen, ehe es mir nach zähen Bemühungen endlich gelang, seine Zustimmung zu einer Einladung Chruschtschows zu erreichen.

Adenauers Abneigung gegen eine Begegnung mit dem sowjetischen Regierungschef war nicht nur in politischen Motiven begründet. Seitdem er bei den Verhandlungen in Moskau im Herbst 1955 einen schweren, ja geradezu dramatischen Zusammenstoß mit Chruschtschow gehabt hatte, war ihm der sowjetische Politiker mit seinem explosiven, cholerischen Temperament irgendwie unheimlich. Der Kanzler legte Wert darauf, daß man auch bei den härtesten Auseinandersetzungen ruhig und beherrscht blieb.

Ich habe mit Dr. Adenauer manche harte Kontroverse durchstehen müssen. Aber ich habe es nie erlebt, daß er selbst in Momenten offenbarer Erregung ausfällig wurde und seine Beherrschung verlor.

Chruschtschow war in seiner Art das absolute Gegenteil: cholerisch-unbeherrscht, häufig taktlos und verletzend, sarkastisch und von einem wilden Temperament.

Er hatte in seinen Reden den Bundeskanzler und einzelne Bundesminister häufig mit nicht gerade feinen Ausdrücken belegt; er warf ihnen vor, daß sie erneut auf einen Krieg hinarbeiten würden, gegen Frieden und Entspannung seien und im Grunde die Politik Hitlers fortführten.

Chruschtschow rief: »Da ist der deutsche Bundeskanzler. Er hält in der einen Hand das Kreuz und in der anderen die Atombombe. Dabei behauptet er, ein guter Christ zu sein. Aber mit einer solchen Einstellung hat er keine Aussicht, in den Himmel zu kommen. Für solche Menschen ist ein anderer Platz vorgesehen.«

Wenn ich dann bei nächster Gelegenheit Chruschtschow wegen dieser Ausfälle Vorhaltungen machte oder Mikojan bat, doch auf Chruschtschow einzuwirken, diese Gehässigkeiten zu unterlassen, antwortete man mir: »Nehmen Sie das nicht so tragisch. Das ist doch nur Politik. Wir Kommunisten sind halt gewohnt, im politischen Kampf hart zuzuschlagen und unsere Worte nicht auf die Goldwaage zu legen P'

Als Chruschtschow einige Monate später den Bundeskanzler wieder einmal beschimpft hatte, bat ich in Bonn um die Ermächtigung, gegen diese Angriffe offiziell Protest einzulegen. Aber zu meinem Erstaunen winkte Dr. Adenauer ab. In der Politik, so sagte er mir bei unserer nächsten Begegnung, müsse man ein dickes Fell haben. Chruschtschow könne ihn nicht beleidigen.

ich sah die Dinge anders. Chruschtschows häufige Angriffe auf die Bundesregierung und besonders den Kanzler mußten die deutsche Öffentlichkeit auf die Dauer gegen die Sowjet-Union aufbringen und gaben vor allem den Gegnern einer deutsch-sowjetischen Annäherung willkommene Argumente in die Hand.

Ich konnte daher, auch ohne ausdrückliche Weisung, die Dinge nicht so weitertreiben lassen. Bei meiner nächsten Begegnung mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten bat ich ihn, doch künftig seine Angriffe auf den Bundeskanzler zu unterlassen.

»O weh«, entgegnete Chruschtschow, »Sie bringen mich mit Ihren Worten in eine schwierige Lage. Ich muß in den nächsten Tagen eine Rede in Stalingrad halten. Ich habe sie bereits diktiert. Sie enthält auch einige Sätze über Ihren Bundeskanzler, die Ihnen, wie ich befürchte, nicht gefallen werden!«

Ich erwiderte: »Herr Ministerpräsident, dann müssen Sie diese Sätze eben streichen. Sie haben mir zugesagt, mich in meiner ohnehin schwierigen und undankbaren Aufgabe zu unterstützen. Mit Ihren Angriffen auf meinen Regierungschef tun Sie aber das Gegenteil.«

Chruschtschow überlegte einige Sekunden, und dann sagte er: »Nun gut, ich werde diese Sätze streichen.« Er hat sein Wort gehalten. Seine Rede in Stalingrad blieb ohne Angriffe auf Adenauer.

Offenbar hatte Chruschtschow über unser Gespräch im Präsidium der Partei berichtet. Jedenfalls sprach mich Mikojan einige Tage später darauf an und fragte, ob ich Chruschtschows Rede in Stalingrad gelesen hätte. Ich sagte ihm: »Ja, und ich freue mich, daß er meiner Bitte auf Streichung der Angriffe gegen unseren Bundeskanzler entsprochen hat.«

Mikojan machte ein ernstes Gesicht: »Sie haben einen großen Einfluß auf unseren Ministerpräsidenten. Ich will Ihnen auch den Grund sagen. Wir sind nach Jahren der Zusammenarbeit mit Ihnen überzeugt, daß Sie ehrlich um eine Verständigung zwischen unseren beiden Ländern bemüht sind.«

Am 18. Januar 1960 bat mich Chruschtschow zu einer Unterredung in den Kreml. In meinem Tagebuch finde ich über den Verlauf dieser wichtigen, etwa zweistündigen Besprechung folgende Notiz:

Chruschtschow bedankte sich zunächst für den Brief des Bundeskanzlers vom 8. Januar. Er werde ihn in Kürze beantworten. Vom Jahre 1960 erwarte er nicht nur eine Normalisierung, sondern eine entscheidende Besserung der Beziehungen. Er sei nicht nur für Zusammenarbeit, sondern für aufrichtige Freundschaft zwischen den beiden Ländern.

Auf meinen Einwurf, daß dies auch in den öffentlichen Reden und in der Presse zum Ausdruck kommen müsse, erklärte der Ministerpräsident mit Betonung: Er sei für einen Burgfrieden. Es habe nicht an ihm gelegen, wenn dieser Burgfriede im vergangenen Jahr nur einige Monate angehalten habe. Die Sowjetregierung habe auf gewisse Reden des Kanzlers und anderer deutscher Politiker nicht schweigen können. Er, Chruschtschow, sei jedoch nach wie vor bereit, auf der Basis der Gegenseitigkeit künftig den Burgfrieden zu wahren.

* Links: Bulganin, rechts: Chruschtschow. Zweiter von links: Kiesinger.

Chruschtschow fuhr fort: Die zweiseitigen Beziehungen seien zufrieden-Stellend, auf dem wirtschaftlichen Gebiet sogar ausgezeichnet. Besonderen Wert messe er der deutsch-sowjetischen technischen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit bei.

Deutschland habe auf diesem Gebiet bereits die Vereinigten Staaten überflügelt. Er habe der sowjetischen Delegation für die kulturellen Verhandlungen mit der Bundesrepublik ausdrücklich Weisung gegeben, die Besprechungen konstruktiv zu führen.

Die Abrüstungsfrage sei für die Sowjetregierung, so meinte Chruschtschow, das Problem aller Probleme. Er wies in diesem Zusammenhang auf die Verringerung der sowjetischen Mannschaftsstärke um 1,5 Millionen hin.

Ich warf ein, daß dies doch lediglich eine Umrüstung, aber keine Abrüstung sei. Chruschtschow gab dies zu. Die Sowjetregierung beabsichtige, so fuhr er fort, ihre Truppen aus Polen und Ungarn gänzlich abzuziehen und die Streitkräfte in der DDR beträchtlich zu vermindern. Später würden auch aus der DDR alle dort befindlichen Restkontingente abgezogen werden.

Falls der Westen über diese kühne und gewagte Aktion erstaunt sei, da das gegenwärtige System in der DDR angeblich nur auf den Spitzen der sowjetischen Bajonette ruhe, so sei er trotzdem entschlossen, dieses Risiko auf sich zu nehmen.

Sollte eines Tages die Bevölkerung in Mitteldeutschland sich in ihrer Mehrheit für ein nicht-kommunistisches oder selbst nicht-sozialistisches System entscheiden, so würde die Sowjet-Union hierüber zwar nicht gerade glücklich sein, aber die Entscheidung der Bevölkerung hinnehmen. Auf

* Mit dem Schweizer Botschafter Alfred Zehnder (M.).

** Die Regierungschefs Englands, Frankreichs, Rußlands und Amerikas hatten vereinbart, sich Im Mai 1960 auf einer Gipfelkonferenz in Paris zu treffen.

der bevorstehenden Gipfelkonferenz müßten die Fragen Berlin und Friedensvertrag endlich einer Lösung zugeführt werden. Die Sowjetregierung halte an ihren Vorschlägen fest, sei jedoch bereit, auch andere Vorschläge zu diskutieren, die den Interessen der berliner Bevölkerung Rechnung trügen. Voraussetzung sei allerdings, daß das Viermächtestatut in Fortfall komme**.

Ich war mir alsbald darüber im klaren, daß dies die politisch wichtigste Unterredung seit meinem Eintreffen in Moskau war. Besonders wichtig waren Chruschtschows Äußerungen zur Frage der Wiedervereinigung. Wenn sie ehrlich gemeint waren, dann konnten sie den Ansatzpunkt bieten für eine fruchtbare, konstruktive Diskus-Sion.

Chruschtschow hatte seine Erklärung auf meine Bitte hin ausdrücklich Wiederholt. Sie war also wohlüberlegt und nicht etwa improvisiert. Wie war sie politisch zu bewerten? Bedeutete sie, daß die Sowjetregierung sich einem Mehrheitsvotum der Zonenbevölkerung beugen würde, auch wenn diese Entscheidung gegen ihre Interessen ausfiel und in der Konsequenz das Ende des Ulbricht-Regimes zur Folge hätte?

Bei allem Optimismus konnte ich mir eine solche radikale Wandlung in der Haltung des Kreml einfach nicht vorstellen. Aber welchen Sinn hatten dann seine klar formulierten Äußerungen?

Hatte er dabei den Hintergedanken, daß die Bundesrepublik und die DDR sich ja erst einmal über die Modalitäten einer Volksbefragung verständigen müßten, bevor die Bevölkerung der Zone zur Urne gehe und ihre Stimme abgeben könne?

Hatte er mir nicht einmal gesagt, die Wiedervereinigung sei zur Zeit keine praktisch lösbare Frage, da Dr. Adenauer und Ulbricht sich niemals einigen würden? Und selbst den völlig unwahrscheinlichen Fall einer Verständigung zwischen den Teilen Deutschlands vorausgesetzt: Blieb der Sowjetregierung dann nicht immer noch die Möglichkeit, ihren ostdeutschen Satelliten in letzter Minute zurückzupfeifen?

Eine klärende Antwort auf diese Frage hätte nur eine Aussprache zwischen den beiden Regierungschefs geben können. Chruschtschow war hierzu noch vor der für Mai 1960 geplanten Gipfelkonferenz bereit. Aber war es auch der Bundeskanzler? Nach meinen bisherigen Eindrücken mußte ich die Frage verneinen.

Das Echo auf meinen telegraphischen Bericht an das Auswärtige Amt und die weitere Entwicklung gaben mir leider recht. Man hielt In Bonn die Erklärungen Chruschtschows zwar für hochinteressant, maß ihnen aber, jedenfalls soweit die Wiedervereinigung dabei in Betracht kam, keine entscheidende Bedeutung bei.

Man versuchte im Gegenteil, sie in ihrem Wert herunterzuspielen. Sie sei zwar ein recht geschickter taktischer Schachzug, aber politisch für die wirkliche Einstellung der Sowjetregierung ohne reale Bedeutung. Dr. Adenauer schloß sich dieser Interpretation mit einigen Einschränkungen an.

So ließ man sich in Bonn wieder einmal die Chance entgehen, die Sowjetregierung beim Wort zu nehmen und die Äußerungen ihres Chefs in einer persönlichen Aussprache mit dem deutschen Bundeskanzler im einzelnen zu klären.

IM NÄCHSTEN HEFT

Chruschtschow schlägt deutschsowjetische Sonderverhandlungen vor -- Ulbricht muß auf das Wohl Adenauers anstoßen -- Kroll geht mit Chruschtschow baden

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