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SPIEGEL-GESPRÄCH »Meine Tränen kommen von selbst«

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, 53, über Emotionen in der Politik, den Ärger über die Machos in ihrer Partei und die Einsamkeit der Spitzenpolitiker
aus DER SPIEGEL 1/2009

SPIEGEL: Frau Roth, wir wollen mit Ihnen über Emotionen in der Politik reden. Viele Ihrer Parteifreunde sagen nämlich: Die Claudia macht Politik noch mit dem Herzen. Stimmt das eigentlich?

Roth: Ja, mit Gefühl und Verstand. Aber Politik, bei der das Herz wirklich mit dabei ist, kann sehr anstrengend sein. Ich selbst wünsche mir manchmal mehr Distanz zu den Dingen.

SPIEGEL: Was ist das Anstrengende?

Roth: Empathie ist, wenn sie ehrlich ist, immer anstrengend. Ich komme ja vom Theater, Begeisterung vorzuspielen ist weniger anstrengend als echte Begeisterung.

SPIEGEL: Im Jahr 2009 stehen zwei Kanzlerkandidaten zur Wahl, die ziemlich nüchtern wirken, die selten Emotionen zeigen. Warum ist dieser Politikertypus gegenwärtig so angesagt?

Roth: Ich glaube, dass viele Bürger eher irritiert sind, wenn ihre Politiker Emotionen zeigen. Aber bei mir geht es nun mal nicht ohne. Wie soll ich zum Beispiel Sozialpolitik machen, wenn ich nichts empfinde?

SPIEGEL: Wir finden eigentlich, dass ein guter Politiker seine Gefühle im Griff haben und einen nüchternen Blick auf die Dinge bewahren sollte.

Roth: Das muss manchmal sein, ja. Aber im Griff haben heißt doch nicht, Gefühle wegzudrücken oder sie nicht zu zeigen. Allerdings ist es kein selbstloser Akt, wenn ich mit Leidenschaft fordere: Ich will keinen Rassismus in diesem Land und keine Diskriminierung von Homosexuellen und Behinderten. Es geht nicht um den Gutmenschen Claudia Roth, nein, ich fühle mich sonst schlicht nicht besonders. Insofern ist mein Engagement Egoismus pur.

SPIEGEL: Viele Bürger nehmen Sie vor allem als aufgekratztes Huhn oder als Heulsuse wahr. In der »taz« wurden Sie als »existentiell durchlogene Gebrauchtemotionshökerin« bezeichnet. Trifft Sie so etwas?

Roth: Nein, das ist doch einfach nur blöd, das diskreditiert sich selbst.

SPIEGEL: Wiglaf Droste hat Sie mal »intellektuell befreite Zone« genannt.

Roth: Ach, zum Typ Mann à la Droste würde mir auch viel einfallen, aber das lassen wir jetzt lieber ...

SPIEGEL: Sind Sie empfindlich?

Roth: Ich bin nach wie vor wirklich verletzbar. Wenn ich es nicht mehr wäre, dann müsste ich aufhören, dann wäre ich nicht mehr Claudia.

SPIEGEL: Hier ist noch eine schöne Beschreibung: »Eichhörnchen auf Ecstasy«. Wissen Sie, wer Sie so genannt hat?

Roth: Das war Harald Schmidt. Das war super, bei Schmidt vorzukommen ist doch großartig.

SPIEGEL: Was macht einen empathischen Politiker in Ihren Augen besser als einen technokratischen Politiker?

Roth: Ein sehr technokratischer Stil trägt weder zur Glaubwürdigkeit der Politik noch zu deren Nähe zu den Menschen bei. Wenn wir Politiker uns von den Bürgern entfernen, wenn wir uns einmauern in der Zitadelle der Macht, blutleer wirken, nicht mehr mitbekommen, was bei den Leuten draußen los ist, dann ist das ein großes Problem.

SPIEGEL: Emotionsbomben wie Sie sind also gut für die Demokratie?

Roth: Das sind Ihre Worte. Mir jedenfalls graust es vor einem technokratischen Stil, weil ich nicht glaube, dass wir damit in Kommunen, wo nur noch wenige zur Wahl gehen, Vertrauen erzeugen. Im Gegenteil, wir erzeugen Verdrossenheit.

SPIEGEL: Was ist Ihnen lieber: ein aus tiefstem Herzen Konservativer, der Frauen an den Herd zurückwünscht? Oder Angela Merkel, die nüchtern und pragmatisch Politik macht?

Roth: Mir sind gestandene, klare Konservative lieber. Bei denen merkt man wenigstens, dass ihre Forderungen von Herzen kommen. Bei Frau Merkel merkt man davon nichts.

SPIEGEL: Vielleicht ist Frau Merkel deshalb Bundeskanzlerin, und Sie sind nur Grünen- Vorsitzende geworden?

Roth: Merkel macht eine Scheinpolitik, bei ihr ist nichts Herzenssache. Nehmen Sie die sogenannte Klimakanzlerin. Was hat sie sich für ihr Klimaengagement auf Gipfeln feiern lassen. In diesen Wochen erleben wir, dass da nichts dran war, dass ihr die wahre Überzeugung, die Leidenschaft für das Thema fehlten.

SPIEGEL: Und bei Ihnen ist also immer alles echt und nachhaltig?

Roth: Ein Satz, den ich oft höre, ist: »Sie sind zwar furchtbar - aber wenigstens echt!«

SPIEGEL: Das freut Sie, als furchtbar empfunden zu werden?

Roth: Selbst die, die mich nicht leiden können, gestehen mir zu, authentisch zu sein. Schauen Sie sich die Umfragen zur Bindewirkung der Demokratie an: Da wird der Ansehensverlust von Politik überdeutlich. Dass Politiker nicht gerade beliebt sind, hat auch mit dem vorherrschenden technokratischen Politikstil zu tun. Politik ist zu wenig authentisch.

SPIEGEL: Wenn man sich ein Leben lang nicht verändern darf, das ist doch auch furchtbar.

Roth: Ich habe mich selbst ja verändert, und trotzdem muss man ein Gespür dafür behalten, was zu einem passt. Mit meinem Büro gibt es oft Debatten darüber, in welche Fernsehsendung ich gehen soll oder nicht. Ein Beispiel: In diesem Jahr habe ich von RTL eine Einladung zu einer Chartshow bekommen, Titel: »Die erfolgreichsten Rock-Classics aller Zeiten«.

SPIEGEL: Sie sind natürlich hingegangen.

Roth: Ja, ich fand das spannend.

SPIEGEL: Sie gehen immer hin, wenn man Sie einlädt.

Roth: Nein, die meisten Anfragen zu Unterhaltungsshows sagen wir ab, zur Chartshow »Die erfolgreichsten Sommerhits« wäre ich beispielsweise auch nicht gegangen, aber Rock and Roll hat etwas mit meinem Leben und mit mir als Person zu tun. Wie Herr Westerwelle in den Big-Brother-Container zu gehen - das würde ich nicht tun.

SPIEGEL: Der deutsche Fernsehzuschauer hat Sie schon häufig mit Tränen in den Augen gesehen. Müssen Sie eigentlich immer gleich weinen?

Roth: Nicht immer, aber manchmal schon. Zum Beispiel als ich 1999 als Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Bundestags nach Arizona gereist bin, um bei einer Gnadenanhörung für den deutschen Staatsbürger Karl LaGrand zu plädieren, der später hingerichtet worden ist. Ich kam mir vor wie in einem Film, wie in »Dead Man Walking«.

SPIEGEL: Was hat Sie da so erschüttert?

Roth: Der Staatsanwalt wurde in Arizona nur »Mr. Death«, also Herr Tod, genannt. »Die deutschen Hunde haben verdient, dass sie gekillt werden«, hat er gebrüllt. Das waren zwölf Stunden Gnadenanhörung, die nichts mit Gnade zu tun hatten. Als Karl LaGrand dann hingerichtet wurde, stand ich draußen, wo die Kirchengruppen sangen und beteten. Damals liefen bei mir Tränen der Trauer, aber auch Tränen der Wut. Wut über ein System, das Menschen zu Tode verurteilt, ohne ihnen ein faires Verfahren zu geben. Wer kann da nichts empfinden?

SPIEGEL: Sie haben auch mal gesagt: »Wer verlernt hat zu weinen, ist ein armer, kalter Mensch.« Andere Politiker sieht man trotzdem nie öffentlich heulen.

Roth: Die Menschen sind eben verschieden, auch Politiker. Viele drücken Emotionen wie Frust, Trauer und Wut in sich hinein, aber so bin ich nicht. Wenn ich wütend bin, dann sieht man das - genauso wenn ich fröhlich oder tieftraurig bin.

SPIEGEL: Haben Sie schon mal aus Berechnung geweint?

Roth: Na ja, privat will ich das nicht ausschließen. Aber nicht in der Politik, nicht zu politischen Zwecken.

SPIEGEL: Aus Ihrer Partei hört man häufig den Vorwurf: Immer wenn es politisch schwierig wird, lässt die Claudia die Tränen kullern.

Roth: Das ist Unsinn, das soll mir mal jemand ins Gesicht sagen. Natürlich ist Politik eine Bühne, da gehören Maske und Kostüm dazu. Aber auf Knopfdruck heulen? Nein! Bei mir kommen die Tränen ganz von selbst.

SPIEGEL: Gehen Männer in der Politik mit ihren Gefühlen anders um als Frauen?

Roth: Ganz sicher. Die Politik ist immer noch ein Macho-Betrieb, da gilt das Motto: »Indianer weinen nicht.«

SPIEGEL: Tun Ihnen die Indianer deshalb leid?

Roth: Manchmal schon. Schauen Sie sich Leute wie Michael Glos an, den Wirtschaftsminister. Jeder sieht, wie er an seinem Amt leidet. Aber er muss immer weiter funktionieren, er darf nicht raus aus seiner Männlichkeitsrüstung. Armer Glos.

SPIEGEL: Grüne Männer scheinen weniger Probleme mit Gefühlsausbrüchen zu haben. Otto Schily oder Joschka Fischer haben zwar nicht geweint, aber sie waren eruptiv wie Vulkane.

Roth: Ach, beim Otto hatte das nun wirklich nichts mit Gefühlen zu tun. Der schrie rum, weil er niemanden für ebenbürtig hielt. Das war schon so, als ich 1985 Pressesprecherin der Bundestagsfraktion wurde. Der Otto hat einfach kein Benehmen, da darf man sich von Krawatte und Taschenuhr nicht täuschen lassen.

SPIEGEL: Auch Fischers krawalliges Auftreten ist legendär.

Roth: Klar, der Joschka war ein Macho, wie die meisten 68er. Schauen Sie doch nur die Bilder von damals an. All die Typen und dazwischen Uschi Obermaier mit ihren nackten Brüsten. Das sollte revolutionär aussehen, auf mich wirkte es wie ein Bild aus dem Playboy-Kalender.

SPIEGEL: Wie konnte ein Mann wie Fischer so lange die Grünen dominieren, die doch angeblich feministisch und basisdemokratisch sind?

Roth: Klar wollte Joschka Chef sein, aber bei uns hat es immer eine offene Debatte gegeben. Mit einem einfachen »Basta, so wird's gemacht« kam selbst Joschka nicht durch, das wusste er auch. So was funktioniert nur bei der SPD.

SPIEGEL: Sie haben mal gesagt: »Die Grünen stehen für eine moralische Politik.« Ist das nicht anmaßend?

Roth: Wir stehen für eine wertebasierte Politik und gehen nicht den einfachen Weg. Wir sind nicht wie die Konservativen, die das C im Parteinamen führen und dann Kinder abschieben oder einen gesetzlichen Mindestlohn verhindern.

SPIEGEL: Wirklich? Sie haben 1995 gesagt: »Wir wollen eine Außenpolitik, die rein zivil ist.« Dieselbe Claudia Roth stimmte 1999 dem ersten Kriegseinsatz der Bundeswehr zu. Ist das die moralischere Politik, von der Sie sprachen?

Roth: In den achtziger Jahren habe ich mir nicht vorstellen können, dass deutsche Soldaten jemals wieder einen Fuß auf ausländischen Boden setzen. Dass Militär einen Beitrag zur Konflikteindämmung und Friedenserhaltung leisten kann, war ein schmerzhafter Lernprozess für uns Grüne und für mich selbst.

SPIEGEL: Und dann war da noch das geplante Kohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg. Die Hamburger Grünen haben mit dem Versprechen im Wahlkampf geworben, es zu verhindern. Jetzt sitzen sie in der Regierung - und Moorburg wird gebaut.

Roth: Moorburg war eine bittere Niederlage für uns. Die Grünen in Hamburg waren überzeugt, man könnte das Kraftwerk über das Umweltrecht verhindern. Das ging letztlich leider nicht.

SPIEGEL: Ihre hehren Grundsätze scheinen immer an der bösen Realität zu scheitern.

Roth: Ich hab nie gesagt, dass wir keine Kompromisse machen müssen.

SPIEGEL: Sie kommen aber so daher, als käme man in der Politik ohne Kompromisse aus. Müssten Sie nicht langsam mal erklären: Die Grünen sind auch keine besseren Menschen, auch wir sind gezwungen, kleine schmutzige Geschäfte zu machen, um an die Macht zu kommen.

Roth: Nein, so was werden Sie von mir nicht hören. Wir sind nicht die FDP, die sagt, Hauptsache regieren, egal, was dabei rauskommt.

SPIEGEL: Wenn die Grünen moralisch höherwertig sind, warum arbeiten dann so viele ehemalige Grüne in Lobbyistenbüros?

Roth: Viele? Jetzt übertreiben Sie aber.

SPIEGEL: Uns fallen auf Anhieb drei ehemalige Bundestagsabgeordnete ein: Matthias Berninger verdient jetzt sein Geld beim Schokoriegelhersteller Masterfoods, Margareta Wolf macht PR für Atomstrom, und Marianne Tritz ist jetzt Geschäftsführerin der Zigarettenlobby.

Roth: Schön ist das nicht. Aber das fällt vor allem auf die Leute zurück, die solche Jobs annehmen, nicht auf die Partei.

SPIEGEL: Haben Sie es jemals bereut, in die Politik gegangen zu sein?

Roth: Nein. Aber das Leben als Politiker hat einen Preis, keine Frage.

SPIEGEL: Welchen?

Roth: Es war nicht mein Lebenstraum, kinderlos zu bleiben. Aber vor 20 Jahren war es verdammt schwierig, Politik und Kinder unter einen Hut zu bringen.

SPIEGEL: Sind Sie manchmal neidisch auf Ursula von der Leyen und ihr Familienglück?

Roth: Frau von der Leyen hatte nun wirklich eine andere Ausgangssituation, sie konnte sich schon damals die Vereinbarkeit von Familie und Beruf leisten, sie konnte Kindermädchen und Rund-um-die-Uhr-Betreuung bezahlen.

SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, Ihr Privatleben sei keine »Erfolgsstory«. Was meinten Sie damit?

Roth: Es ist sehr schwer, als Politiker überhaupt ein vernünftiges Privatleben zu haben. Sie stehen dauernd im Scheinwerferlicht. Das habe ich selbst gewählt, da beklage ich mich nicht. Aber manchmal fühlt man sich verdammt einsam, gerade wenn sie von vielen Menschen umringt sind.

SPIEGEL: Weil Sie niemandem vertrauen können?

Roth: Nein, weil ich zwangsläufig auch oft allein bin. Abends, wenn ich im Hotelzimmer bin, ist keiner da. Hinzu kommt: Als öffentlicher Mensch kann man sich nicht benehmen, wie es einem gerade passt. Du darfst nicht einfach grantelig sein, wenn du gerade schlecht gelaunt bist, du darfst nicht schweigen, weil du in dem Moment gerade mundfaul bist. Du musst schon auch deine Rolle erfüllen, ohne dich deshalb zu verbiegen. Veronica Ferres hat kürzlich gesagt, wenn sie an einer Flughafenkontrolle stehe und die Menschen sie anstarrten, dann fühle sie sich oft allein und ungeschützt. Dieses Gefühl kenne ich.

SPIEGEL: Frau Roth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Oben: vor der Hinrichtung von Karl LaGrand im Februar 1999; unten: Markus Feldenkirchen und René Pfister im Berliner Kunsthaus Radialsystem.

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