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»Meine Waffe heißt Adolf Hitler«

SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Malanowski über die Tagebücher des Joseph Goebbels / I: Kindheit, Jugend, Studium _(Für die Originalzitate 1987 by Francois ) _(Genoud, Schweiz. ) *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Joseph Goebbels, 47, blickte in das flackernde Kaminfeuer und stöhnte: »Zu spät, zu spät, zu spät.«

Tochter Hilde, 11, umarmte die Mutter: »Ist es denn so schlimm, daß ihr so viel seufzen müßt?«

Für die Mutter, Magda Goebbels, 43, stand schon fest: »Wenn unser Staat jetzt in die Brüche geht, dann ist es auch aus mit uns.«

»Weißt du, Süßing«, versuchte der Ehemann zu trösten, »man muß sich in verzweifelten Situationen wie dieser auf den Standpunkt Friedrichs des Großen stellen, der sich in Gedanken auf einen fernen Stern versetzte, von dem aus die Ereignisse auf unserem kleinen Planeten, so ungeheuer wichtig sie uns selbst erscheinen, ganz unbedeutend wirken.«

Darauf Magda Goebbels: »Du magst recht haben, aber Friedrich der Große hatte keine Kinder.«

Ein Vierteljahr später, am 22. April 1945, die Rote Armee war schon in die östlichen Vororte Berlins eingedrungen, verließen die Goebbels mit ihren sechs kleinen Kindern die Dienstwohnung in der Hermann-Göring-Straße 20 und begaben sich in den Führerbunker, zehn Meter unter der Reichskanzlei, zu »Onkel Führer«, wie die Kinder Adolf Hitler nannten. Zum Gruppenselbstmord. Nun war der Prophet seinem Messias endlich ganz nahe.

Zu Führers letztem Geburtstag, am 20. April 1945, hatte Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, noch über alle verbliebenen Reichssender posaunt: »Der Führer wird seinen Weg bis zu Ende gehen, und dort wartet auf ihn nicht der Untergang seines Volkes, sondern ein neuer glücklicher Anfang zu einer Blütezeit des Deutschtums ohnegleichen.« Da war der junge Goebbels der Sache schon viel näher gewesen, als er zu Anfang seiner Karriere, 1926, in sein Tagebuch die düsteren Worte geschrieben hatte: »Wir werden verbrannt, verglüht, vergessen sein.«

Am 1. Mai 1945, Herr und Frau Hitler waren, frisch vermählt, tags zuvor aus dem Leben geschieden, drängte Magda Goebbels zur Eile: »Die Russen können jede Minute hier sein.« Sie ging zu den Kindern, die schon in den Betten lagen - Helga, 12, Hilde, 11, Helmut, 9, Holde, 8, Hedda, 6, Heide, 4 -, und beruhigte sie: »Habt keine Angst, der Doktor gibt euch eine Spritze, die jetzt alle Kinder und Soldaten bekommen.«

Der SS-Zahnarzt Dr. Helmut Kunz spritzte den Kindern Morphium, und als sie schliefen, zerdrückte Frau Goebbels Zyankalikapseln in ihren Mündern: Jetzt ist Schluß mit allem.« Die Kinder seien, meinte die Mutter, »zu schade für das nach uns kommende Leben«.

Der kleine, spindeldürre Goebbels, nach Hitlers Abtritt einen Tag Reichskanzler, verbrachte seine letzte Stunde mit den letzten Eintragungen ins Tagebuch - für die Nachwelt. Zum letzten Gang, gegen 20.30 Uhr, kleidete er sich wie gewohnt, Trenchcoat, Hut, Handschuhe. Seinem Adjutanten, SS-Hauptsturmführer Günther Schwägermann, der einen Benzinkanister bereithielt, schenkte er zum Abschied ein Hitler-Photo, das allzeit auf seinem Schreibtisch gestanden hatte.

Im Garten der Reichskanzlei - Goebbels wollte der Bunker-Belegschaft die Schererei mit seiner Leiche ersparen - zerbiß das nibelungentreue Ehepaar die Giftampullen, eine Ordonnanz gab Fangschüsse ab und ließ die Toten in Flammen aufgehen.

Das war das endgültige Ende, mit Bedacht vom Propagandaminister inszeniert, fanatisch und fatalistisch, wie so viele Veranstaltungen in den vergangenen tausend Jahren. »Verbrannt, verglüht.«

Der katholische Evangelist Joseph Goebbels hatte sich, wie kein anderer, der nationalsozialistischen Heilslehre verschrieben - und bedient - und sie

einem 70-Millionen Volk eingebleut. Er, der »Demagoge schlimmster Sorte« (Goebbels über Goebbels), der Hohepriester eines magischen Kultes, glaubte zwar nicht alles, was er verkündete, aber er wollte glauben, egal an wen und woran«. _(Alle nicht gesondert gezeichneten ) _(Zitate stammen von Goebbels. )

Aus dem Nichts eines verwirrten, arbeitslosen Jungakademikers hatte er sich, besessen, schwankend zwischen quälenden Depressionen und manischem Überschwang, in den Tiefen wie in den Höhen maßlos und anmaßend, auf den Weg zur Macht um jeden Preis begeben. Er, der Behinderte, wollte nach oben, egal, mit wem, um sich an der »Canaille Mensch« zu rächen, egal wofür- für seine schwächliche Gestalt mit dem zu großen Kopf, dem Klumpfuß?

Er wollte »Apostel« und »Prediger« sein - und wurde es- eine »Mission« erfüllen - und tat es. Der »Trieb zu dieser Mission« brannte in ihm »wie ein Opferfeuer«. Er wollte einen »neuen Menschen«, ein »neues Reich«, eine »neue Welt«, und er war abgrundtief destruktiv. »Lachend« sollte zerstört werden, »was uns einst heilig war als Tradition, als Erziehung, als Freundschaft und menschliche Liebe«. Er nannte das »Soldatsein im Dienst des neuen Weltgedankens«.

Je nach Bedarf faszinierend und abstoßend, geistreich und hemmungslos, verschlagen und charmant wie kein anderer aus der NS-Clique, brach der Propagandist par excellence, von zupackender Energie und hybrider Metaphysik, Hitler und den Nazis die Bahn. Wie kein anderer sicherte er dem Regime die Gefolgschaft; die Gestapo allein hätte das nicht geschafft, er allein aber auch nicht.

Goebbels war der größte Redner des modernen Zeitalters, nach oder neben Hitler. Jedes Wort, jede Geste und Gebärde, jede andächtige Pause wie das treibende Stakkato, waren genau kalkuliert und einstudiert, Claqueure im Saal verteilt, und manchmal wurde vorsichtshalber mit Beifall von Schallplatten nachgeholfen - alles nach dem simplen wie höchst effizienten Motto: »Jede Methode ist richtig, wenn sie Erfolg bringt. Ebenso ist jede Methode falsch, sie mag noch so geistreich sein, wenn sie nicht von Erfolg gekrönt ist.« Denn über ihn, den Prediger, entscheidet »nicht, wie er gewinnt, sondern, daß er gewinnt«.

Doch während Hitler, der Lehrmeister nationalsozialistischer Propaganda, außer sich geriet, wenn die Masse taumelte, meditierte Goebbels mit dem Geist der Masse - diese »schwache, faule und feige Mehrheit« -, aber er hielt sie sich vom Leibe. Hitler spielte Hitler. Goebbels spielte stets eine Rolle. Er übertrug die düsteren Visionen des Auserwählten in propagandistische Technik. Die intellektuell schillerndste Figur des Dritten Reiches setzte das Reich in Szene, oft genug in Ekstase, und veränderte das Bewußtsein des Volkes, eines höchst anfälligen Volkes.

Unermüdlich, um billige Tricks und zündende Einfälle nie verlegen, kreierte Goebbels den Führerkult, der noch strahlte, als es ringsum finster wurde. Er nannte Hitler »Umgestalter der Menschheit«, »auserwählter Führer eines auserwählten Volkes«. Auf diese Weise sicherte er, weit wichtiger als die kitschige Imagepflege an sich, die Herrschaft der strukturell keineswegs je gefestigten Diktatur, aber auch die eigene Position ganz oben.

Der Katholik, der mit seiner Kirche gebrochen hatte, verkündete den Katechismus neuen politischen Glaubens mit religiöser Feierlichkeit. Anleihen aus der katholischen Liturgie, die den jungen Goebbels einst ergriffen hatte, weihten nun seinen Dienst an den neuen Götzen.

Der Priester, der er nach dem Willen der Eltern einmal werden sollte - Jesuit war Goebbels, entgegen vielfachen Behauptungen, nicht gewesen -, sprach von Leidensfähigkeit und Opfergang, verhieß Apokalypse, Erlösung und Auferstehung. Er, Goebbels, der »Christussozialist«, wie er sich selber nannte, »muß den Glauben hochhalten«, an Hitler: »Wann werden wir erlöst werden? Wird die Erlösung auch uns erlösen?«

Früher als den meisten aus Hitlers Dunstkreis kamen ihm Zweifel am Endsieg, den er gleichwohl bis zum Ende prophezeite. Keiner predigte, als die Sondermeldungen verklungen waren, den »totalen Krieg« wie er, um das Kriegsunglück noch zu wenden. Als der Führer schon in seinem unterirdischen _(Hintere Reihe: Goebbels, Hilde, Helga, ) _(Harald Quandt (Magda Goebbels'' Sohn aus ) _(erster Ehe); vordere Reihe: Helmut, ) _(Holde, Magda Goebbels, Heide, Hedda. )

Bunker dahindämmerte und die Zwiesprache mit dem Volk der Deutschen verloren hatte, ersann Goebbels eine Durchhalteparole nach der anderen, an die allerdings nur noch glauben konnte wer, wie er, bedingungslos glauben wollte, und das waren viele.

Im »Delirium von Verrat, das in diesen kritischen Tagen des Krieges den Führer umgibt«, fand er schließlich, in der Nähe des Geliebten, Vollendung; wagnerianische Götterdämmerung; Mord und Selbstmord.

Er hatte, während die Bonzen den Führerbunker fluchtartig verließen, als einziger Wort gehalten: »Mag ein Tag kommen, wo alles zerbricht«, gelobte er schon 1926 seinem Führer, »wir zerbrechen dann nicht. Dann mag eine Stunde kommen, wo der Mob um Sie geifert und grölt und brüllt, ''kreuzigt ihn!'', wir stehen dann eisern und brüllen und singen: »''Hossianah''.«

Ohne Goebbels kein Reichskanzler Hitler, kein Drittes Reich, kein Zweiter Weltkrieg, kein Holocaust? Eine andere Geschichte? Ohne Hitler gewiß nicht dieser Goebbels. Als der ihn in seinen Zirkel zog, verfiel der pathologische Gläubige dem pathologischen Seher ein für allemal: »Ein Stern ist aufgegangen. Ich kann endlich wieder glauben. Ich liebe ihn.«

Goebbels brauchte die Kraft eines anderen, um stark zu sein, und so folgte er einer Erkenntnis, die ihm schon früh gekommen war: »Je größer und ragender ich Gott mache, desto größer und ragender bin ich selbst.« Oder, von dieser Welt: »Meine Waffe heißt Adolf Hitler. »

Die Brüche in der Seelenlandschaft dieses Egomanen und Außenseiters, der er stets geblieben war, auch im Kreise der »Oberbanditen«, wie er sich und andere Nazis zynisch nannte, die Antriebe für seinen exzessiven Aktionismus und aggressiven Irrationalismus enthüllen die Tagebücher, die Goebbels von früher Jugend an bis zu seiner letzten Stunde verfaßte. Da heißt es unter dem 23. März 1925: ''Ich will schlafen gehen. Gute Nacht, du mein liebes Buch, mein sorgsamer Beichtvater. Dir sage ich alles. Alles!« Und, wie so oft, noch eins drauf: »Hier bin ich Mensch, hier darf ich''s sein.«

Die Tagebücher aus den Jahren 1924 bis Juli 1941 werden jetzt vom K. G. Saur Verlag veröffentlicht. Herausgeberin ist die Historikerin Elke Fröhlich im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte. _(Die Tagebücher von Joseph Goebbels. ) _(Sämtliche Fragmente. Herausgegeben von ) _(Elke Fröhlich im Auftrag des Instituts ) _(für Zeitgeschichte und in Verbindung mit ) _(dem Bundesarchiv. K. G- Saur Verlag, ) _(München; 4 Bände; 3308 Seiten; 348 Mark. ) _(Die Tagebücher von August 1941 bis April ) _(1945 sollen 1990 folgen. Der Siedler ) _(Verlag in Berlin bereitet eine gekürzte ) _(Ausgabe vor (1924-1941); ediert wird sie ) _(von dem Hamburger Historiker Werner ) _(Jochmann. )

Verdacht auf Fälschung, der nach dem »Stern«-Skandal mit den angeblichen Hitler-Tagebüchern aufkommen mag lasse sich schnell widerlegen, stellt Historikerin Elke Fröhlich fest, und sie begründet es auf überzeugende Weise.

Das Institut für Zeitgeschichte veranlaßte eine gründliche kriminaltechnische Analyse. Die Prüfung von Alter und Struktur des Papiers der Goebbels-Tagebücher, der Tinte und des Farbbandes erbrachten eindeutige Beweise für die Authentizität. Außerdem ist es »ein leichtes«, so Elke Fröhlich, Goebbels'' »Schriftzüge sowie Schreibweise, seine stilistischen und grammatikalischen Eigenheiten im Tagebuch zu vergleichen mit anderen eigenhändig von ihm geschriebenen Stücken«.

Die handschriftlichen Tagebücher - für die Zeit bis Juli 1941, jene Portion, die jetzt veröffentlicht wird - umfassen rund 4000 Blatt. Ende Marz 1941 ließ Goebbels die bis dahin gefüllten »20 dicken Bande« in die unterirdischen Tresore der Reichsbank schaffen: _____« Sie sind doch zu wertvoll, als daß sie einem evt. » _____« Bombenangriff zum Opfer fallen dürften. Sie schildern » _____« mein ganzes Leben und unsere Zeit. Läßt das Schicksal mir » _____« dafür ein paar Jahre, dann will ich sie für spätere » _____« Generationen überarbeiten. Sie werden draußen wohl » _____« einiges Interesse finden. »

Seit Mitte Juli 1941 diktierte Goebbels seine Aufzeichnungen dem Stenographen seines Ministeriums, Richard Otte, der davon zwei maschinenschriftliche Ausfertigungen (Original und Durchschlag herstellte. Die Leitzordner, rund 200, wurden zunächst in einem Extraraum des Propagandaministeriums verwahrt, bis April 1945 zweimal rund 50000 Blatt.

Ende 1944 ergriff Goebbels weitere Vorsichtsmaßnahmen, um seine Geschichtsschreibung vor dem Zugriff der aus Ost und West anrückenden Feindtruppen zu bewahren. Die maschinenschriftlichen Partien ließ er auf Mikrofiches aufnehmen; er bediente sich dabei einer gerade entwickelten Technik.

Als die Rote Armee sich unaufhaltsam der Reichshauptstadt näherte, wurden Mikrofiches auch des handschriftlichen Tagebuches in eine damals gebräuchliche »Offizierskiste«, die mit Stahlbändern gesichert war, verstaut und von

einem Offizier in der Nähe Potsdams (heute DDR), unweit der Autobahn zwischen Caputh und Michendorf, vergraben; Stenograph Otte will dabeigewesen sein. Die Offizierskiste ist bis heute nicht gefunden worden, wohl tauchten Mikrofiches später in DDR-Materialien wieder auf.

Die handschriftlichen Originalkladden und Teile der maschinenschriftlichen Erstausfertigung wurden auf Goebbels'' Geheiß, kurz bevor der Minister Ende April 1945 in den »Führerbunker« aufbrach, in Aluminiumkisten gepackt in die Reichskanzlei transportiert. Die Zweitschrift sollte Otte in den Reißwolf stecken, was er in der Hektik jener Tage nicht mehr schaffte. Auch seine Bemühungen, sie im Koksofen des Propagandaministeriums zu verheizen, schlugen weitgehend fehl. Das Material blieb, angekokelt, der Nachwelt erhalten.

Nach Krieg und Zusammenbruch lag das Goebbels-Material eine Weile unbeachtet herum. Aufräumungskolonnen konnten sich an den Aluminiumkisten vergreifen und taten es auch. Eine Frau Else Goldschwamm ließ beispielsweise rund 500 Blatt mitgehen, die sie 1961 dem Institut für Zeitgeschichte übergab.

Ähnliches geschah mit Tagebuch-Aufzeichnungen, die im Verkehrsministerium aufgetaucht waren. Der Berliner Altpapierhändler Robert Breyer kaufte davon am 1. November 1946 rund 6400 Kilogramm für 176,28 Reichsmark, darunter 7000 Blatt besonderer Papierqualität - aus Goebbels'' Tagebuch. Er tauschte sie bei einem amerikanischen Geheimdienstoffizier gegen einige Stangen der damals hoch im Kurs stehenden Ami-Zigaretten ein. Heute befinden sich die Dokumente in der Stanford University in Kalifornien.

Weit größere Bestände wurden schließlich von den sowjetischen Besatzern sichergestellt. Die sowjetische Historikerin Jelena Rschewskaja, die sich 1945 in den Trümmern der Reichshauptstadt nach Überbleibseln des Dritten Reichs umsah, berichtet 1967 darüber: _____« Einer unserer bedeutendsten Funde waren die » _____« Goebbels-Tagebücher, ein Dutzend dicke Hefte, gedrängt » _____« mit steilen Buchstaben beschrieben, die eng » _____« aufeinandersitzen - schwer zu lesen... Es verdroß mich, » _____« daß ich mir nicht gleich diese schwer lesbaren Tagebücher » _____« vornehmen konnte. Uns aber fehlte jede Minute, denn vor » _____« uns stand unaufschiebbar die Aufgabe, herauszufinden, was » _____« mit Hitler geschehen war, und ihn zu suchen... »

1969 vermachte ein hoher Besucher aus Moskau dem Bruderstaat DDR 21 Filmrollen als Gastgeschenk. Und die DDR ließ das historische Dokument drei Jahre später über den westdeutschen Journalisten Erwin Fischer dem Hamburger Verlag Hoffmann und Campe verkaufen. Offenbar war akuter Devisenbedarf das Motiv für den sensationellen Handel, wohl aber auch nicht nachvollziehbare politische Überlegungen, die eine Veröffentlichung im eigenen Lande unangebracht erscheinen ließen.

Der Hoffmann und Campe Verlag reichte das Material 1980 an das Bundesarchiv und das Institut für Zeitgeschichte weiter, insgesamt 16000 Blatt aus den maschinengeschriebenen Teilen und die 4000 Blatt des handschriftlichen Bestandes.

Die jetzt vorgelegte Edition weist immer noch auffallende Lücken auf. So findet sich wenig oder nichts darin über so wichtige Vorgänge wie den Reichstagsbrand, 1933, den »Röhmputsch«, 1934, die Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht, 1935, den Einmarsch deutscher Truppen in die nach dem Friedensvertrag von Versailles entmilitarisierte Rheinlandzone, 1936, auch nichts über den »Anschluß« Österreichs und die Münchner Sudeten-Konferenz, 1938, den Einmarsch in die Tschechoslowakei und die Vorkriegsphase 1939. Vielleicht sind die entsprechenden Aufzeichnungen noch nicht gefunden worden, vielleicht halten Lieferanten aus Moskau oder Ost-Berlin sie zurück.

Dennoch vermittelt der überlieferte Bestand einen Einblick in das Innenleben der NS-Herrscher und die Inneneinrichtung der NS-Herrschaft wie, jedes für sich genommen, kein anderes Dokument, Hitlers »Tischgespräche« eingeschlossen. Goebbels selber erscheint darin als Ausgeburt des »gesunden Volksempfindens« vieler Deutscher jener Epoche.

Vor allem die Tagebücher aus der Frühphase - sie waren nicht auf Außenwirkung und Nachruhm berechnet, weder intellektuell verformt noch emotional geschont - zeichnen das Psychogramm schreiender Widersprüchlichkeit, paranoiden Weltenschmerzes und sanguinischen Größenwahns. Dabei hatte im Leben des Joseph Goebbels alles ganz normal begonnen:

Ein katholisches Elternhaus, Geborgenheit und Wärme in einer intakten, frommen Familie, die Goebbels zeitlebens »zu Hause« geblieben ist. Die Verhältnisse waren nicht gerade ärmlich, doch mußte mit dem Pfennig gerechnet werden. Symptome sozialer Entwurzelung, die auf Goebbels'' abartige Entwicklung schließen ließen, sind nicht zu erkennen.

Der Vater, Fritz, strebsam, ernst, aber nicht humorlos, streng, aber beileibe kein Tyrann, unter dem der Sohn zu leiden gehabt hätte, ein, wie Goebbels später äußerte, »guter, wohlmeinender Spießer«, hatte es in einer Dochtfabrik vom Laufjungen zum Prokuristen gebracht. Er arbeitete und sparte fleißig um, wie üblich, seinen Söhnen, vor allem dem aufgeweckten »Jüppche«, wie Joseph zu Hause genannt wurde, den Aufstieg von kleinbürgerlichen in gutbürgerliche Kreise zu ermöglichen. Zielbewußt schenkte er dem Sproß, als der ins Gymnasium kam, ein Klavier, weil das damals dazugehörte.

Fritz Goebbels starb 1929. Der Aufstieg des Sohnes zum Gauleiter der NSDAP von Berlin (1926) hatte zwar zu Spannungen und Zerwürfnissen, nicht aber zu Entfremdung und Bruch geführt.

Goebbels'' Mutter, Katharina, war eine einfache, lebenskluge Frau, die sich mit aller Kraft dem Wohl des Mannes und der Kinder, vor allem dem des kränkelnden Sohnes widmete. Sie stammte aus dem holländisch-deutschen Grenzgebiet und sprach niederrheinischen Dialekt. Joseph liebte und verehrte sie bis zu seinem Tod - »eine göttliche Verschwenderin in allem, vom Gelde angefangen bis zu den lauteren Gütigkeiten des Herzens«.

Die Mutter hielt zu ihm, war Fluchtburg in den vielen Turbulenzen, die er durchzustehen hatte oder einfach inszenierte. Sie glaubte an ihn, was immer auch noch kam, hielt sich raus - und betete. 14 Jahre nach dem Selbstmord des Sohnes starb sie, fast 90 Jahre alt (siehe Seite 159).

Auch in der Schule - keine besonderen Vorkommnisse. Goebbels war stets einer der Besten seiner Klasse, wenngleich er zunächst, wie er sich erinnerte. »ziemlich faul und teilnahmslos« gewesen war. Das gab sich, jedenfalls machte er, Ostern 1917, ein fabelhaftes Abitur: dreimal »sehr gut« (Deutsch, Latein, Religion), ansonsten »gut«. Er schrieb den besten Deutschaufsatz was ihm die Ehre einbrachte, bei der Abschlußfeier die Abiturientenrede halten zu dürfen: »Talentiert sind Sie ja«, lobte der Rektor, »aber zum Redner leider nicht geboren.« Irrtum.

Doch so leicht er sich in der Schule tat, was das Lernen anging, so schwer tat er sich im schulischen Umfeld. »Meine Kameraden liebten mich nicht«, notierte er: »Meine Kameraden haben mich nie geliebt« - die Lehrer auch nicht sonderlich, mit Ausnahme des Religionslehrers. »Damals war ich eigensinnig und eigendenkend genug«, schrieb Goebbels rückblickend, »ein frühreifer Knabe, den kein Lehrer leiden mochte.«

Er galt als verschlagener, arroganter, zynischer Streber. Die Mitschüler nannten ihn »Ulex«, nach Ulixes, Odysseus, der Listenreiche; später wurde es sein journalistisches Pseudonym.

Während des Studiums und in den Jahren danach, als Familie und Kirche ihn nicht mehr im Gleichgewicht halten konnten, kam zum Ausbruch, was an psychischen Verwerfungen, hektischer

Instabilität und trostloser Verzweiflung in ihm steckte. Er geriet aus der Bahn, aus den Fugen. Er verrannte sich trotzig in einer Scheinwelt, die ihm Erlösung verhieß - er mußte nur daran glauben, und das hatte er ja von Kindesbeinen gelernt - und seinem Leben, mit dem er nicht fertig wurde, einen Sinn geben sollte.

In nicht endender Pubertät, leidenschaftlichen, ebenso schwülstigen wie stets quälerischen Liebschaften ("Jedes Weib reizt mich bis aufs Blut; wie ein hungriger Wolf rase ich umher"), in dem Bruch mit der Kirche, in dem Zerwürfnis mit sich und der Welt kehrte sich der innere Zustand des jungen Goebbels nach außen. Die Bitternis unerträglicher Arbeitslosigkeit - »Ich warte bis in alle Ewigkeit auf Stellung und Geld. Verzweiflung! Skepsis! Zusammenbruch«-, finanziell auf die Bettelgroschen vom Vater oder die Almosen der Geliebten und Freunde angewiesen, die Ausweglosigkeit zwischen hehren Zielen- »Mittelpunkt werden, um den sich alles dreht« - und miesen Aussichten- »Wo finde ich Rettung?« - ließen ihn vollends ins Irrationale absacken. Und der Zeitgeist!

Goebbels war auf der Höhe der Zeit - »Unsere Zeit erfüllt sich in mir« - und ihr verfallen: »Wir sind alle krank. Wir werden innerlich aufgefressen. Vom Dämon.«

Das explosive Gebräu aus Frontsoldaten-Romantik, Rachegelüsten und Schmachgefühlen nach dem verlorenen Weltkrieg ("Man hat unser Volk ins Joch gezwängt. Das Herrenvolk der Welt muß Sklavendienst tuen"), aus antidemokratischen Ressentiments und Zivilisationsekel, völkischer Deutschtümelei, Antisemitismus und Führer-Sehnsucht kam in ihm voll zur Wirkung.

In seinen Tagebüchern aus dieser Zeit ebenso wie in seinem aufschlußreichen halb-autobiographischen Tagebuchroman »Michael. Ein deutsches Schicksal«, geschrieben Anfang der zwanziger Jahre, veröffentlicht erst 1929 im nationalsozialistischen Franz-Eher-Verlag, sah sich Goebbels, wie er sich sehen wollte: »Ich schreibe aus dem Herzblut meine eigene Geschichte«, angeblich »ohne Schminke«.

Er verwirklichte sich den Traum von sich selbst. Der Schwächling wird zum Kraftmeier, der Zivilist, von den Soldaten - wegen seines Fußleidens - ausgemustert, zum Helden, der katholische Renegat zum völkischen Apostel.

1924 schrieb Goebbels damals 27, seine »Erinnerungsblätter« über Kindheit und Jugend, die ersten, meist stichwortartigen Aufzeichnungen, die bisher _(Dieses Photo durfte im Dritten Reich ) _(nicht veröffentlicht werden, weil es ) _(Goebbels'' Klumpfuß deutlich zeigt. )

aufgefunden worden sind. Über seine Vita heißt es darin: _____« Geboren am 29. Oktober 1897 in Rheydt ... am » _____« Niederrhein... Der Vater Fritz ist Handlungsgehilfe mit » _____« 150 M Monatsgehalt. Mutter Katharina... Um 1900 kauft der » _____« Vater ein eigenes kleines, unscheinbares Haus ... mein » _____« eigentliches Vaterhaus... In Rheindalen lernten Vater und » _____« Mutter sich kennen und heirateten im Jahre 1892. Ältester » _____« Sohn Konrad, dann Hans, dann ich, dann Elisabeth (+ 1915 » _____« im Alter von 15 Jahren) und als letzte Maria, meine liebe » _____« gute Schwester. In unserem eigenen Haus erwachte ich » _____« eigentlich zum Leben. Aus der frühen Jugend kaum noch » _____« Erinnerungen » _(Konrad wurde später Leiter eines ) _(NS-Verlags in Frankfurt, Hans Direktor ) _(einer Versicherungsgesellschaft in ) _(Düsseldorf, Maria heiratete den ) _(Filmproduzenten Max Kimmich. Beide ) _(Brüder waren Träger des Goldenen ) _(Parteiabzeichens. ) _____« . »

In schlimmer Erinnerung geblieben ist ihm eine langwierige Krankheit ("Lungenentzündung mit grausigen Fieberphantasien, aus der ich als schwächliches Kerlchen nur noch herauskam") - und das Malheur mit dem Fuß, Goebbels: _____« Dann steht vor mir ein Sonntag, an dem wir mit der » _____« Familie einen großen Spaziergang nach Geistenbeck » _____« machten. Am anderen Tag auf dem Sofa bekam ich mein altes » _____« Fußleiden; Mutter dabei am Waschtrog. Schreien. » _____« Wahnsinniger Schmerz. Masseur Schiering. Lange » _____« Behandlung. Fuß fürs Leben gelähmt. » _____« In Bonn in der Universitätsklinik untersucht. » _____« Achselzucken. Jugend von da ab ziemlich freudlos. Eins » _____« der richtunggebenden Ereignisse meiner Kinderzeit. Ich » _____« wurde auf mich angewiesen. Konnte mich nicht mehr bei den » _____« Spielen der anderen beteiligen. Wurde einsam und » _____« eigenbrötlerisch. Vielleicht auch deshalb der ausgemachte » _____« Liebling zu Haus. Meine Kameraden liebten mich nicht . .. » _____« In mein letztes Volksschuljahr fällt meine » _____« Fußoperation im Krankenhaus. Ziemlich verunglückt . . . » _____« Sonntags großen Besuch. Als Mutter wieder heimgehen » _____« wollte, habe ich schrecklich geschrien. Sonst noch in » _____« grausamer Erinnerung die letzte halbe Stunde vor der » _____« Narkose und daß nachts am Krankenhaus die Züge » _____« vorbeiratterten. »

Ob das Leiden von einer Kinderlähmung oder einer Knochenmarkentzündung herrührte oder angeboren war - was letztlich nebensächlich wäre -, ist bisher nicht geklärt, spielte für Goebbels aber eine Rolle. Die Folgen - der rechte Fuß war verformt, das Bein acht Zentimeter kürzer als das linke, der Behinderte mußte eine Schiene tragen, die das kraftlose Gliedmaß abstützte - beschwerten ihn physisch und, vor allem, psychisch, so mächtig er auch wurde.

In sein Tagebuch schrieb er darüber: _____« Kinder können manchmal furchtbar grausam sein. » _____« Besonders körperlichen Schwächen und Unebenheiten der » _____« anderen Kinder gegenüber. Ich weiß ein Liedchen davon zu » _____« singen. » _____« Ich habe viel Schmerzen am Fuß. Schon seit Wochen. » _____« Manchmal vergällt mir das den ganzen Tag. » _____« Zu Hause Bandagist. Neue Schiene angemessen. » _____« Das Verzichten habe ich gelernt. Und eine grenzenlose » _____« Verachtung der Canaille Mensch. »

Dem Abbild blonder, muskelprotzender Germanen. Wie es die NS-Rassenlehre ausmalte, von der er - aus naheliegenden Gründen? - nicht viel hielt, entsprach er, eher romanischer Typus, sowieso nicht. »Geliebt vom Volk werden die Kleinen«, Napoleon etwa, redete er sich ein, aber ein angeborenes Leiden meinte er sich denn doch nicht leisten zu können. Es tat schon weh, daß Klassenkameraden ihn hänselten, sogar manchmal einen »Rabbi« geschimpft hatten und die eigenen Parteigenossen, auch ganz hoch gestellte, über den »Mephistopheles« witzelten, den kleinen Teufel mit dem Bocksfuß.

Besondere Pein bereitete es ihm, was eigentlich Hochgefühl hätte auslösen können, die Formationen angetretener Soldaten oder martialischer SA-Männer abschreiten zu müssen- »die schlimmste Strafe, die sich jemand für mich ausdenken kann... Dann habe ich schon nächtelang Albträume.« Zu gern hätte er das Leiden auf einen Unfall zurückgeführt, am liebsten auf eine Verwundung an der Front 1914/18: »Wir Zerschossenen des Weltkrieges«.

Als der Kriegsfreiwillige gleich bei Kriegsbeginn, noch nicht ganz 17, zur Musterung erschien - »zu den Fahnen«, »allmählich Kameraden weg«, »Klasse fängt an, leer zu werden« -, warf der Militärarzt nur einen flüchtigen Blick auf den Gebrechlichen und winkte ab, ohne ihn erst noch zu untersuchen.

Goebbels, der nach Lage der Dinge mit Einberufung nicht hatte rechnen können, empfand »Schmerz, daß ich nicht mit kann«. Tagelang schloß er sich in seinem Zimmer ein, öffnete nicht einmal der geliebten Mutter, aß nicht und weinte. Während seine Altersgenossen auf dem Schlachtfeld der Ehre schon umkamen, schrieb er »öde Kriegsaufsätze. Warum müssen, wollen und werden wir siegen?«

Im Geiste siegte er mit, und wie. Im »Michael« dichtete er munter drauflos: _____« Ich setze meinen Helm auf, ziehe meinen Degen und » _____« deklamiere Liliencron ». Meine Hände sind schwarz von » _____« Pulverdampf, mein Rock ist rot von Blut . . . Ich bin ein » _____« Held, ein Gott, ein Erlöser. »

Historiker Helmut Heiber, Verfasser der bisher besten Goebbels-Biographie, _(Helmut Heiber: »Joseph Goebbels«. ) _(Colloquium Verlag, Berlin 1962. )

sieht, wie andere Biographen auch, in Goebbels'' körperlicher Verfassung »zweifellos die Quelle all jener Menschenverachtung«; wohl zu Recht. Er führt darauf auch Goebbels'' lebenslange hektische Bemühungen um Frauen« zurück, die den Minister beinahe Amt und Würde gekostet hätten und ihm schließlich den Beinamen »Bock von Babelsberg« eintrugen. In Berlin-Babelsberg

lagen die Filmateliers der Ufa, wo sich der Minister unter den Sternchen schadlos hielt.

Die erste Liebe fiel, wie Goebbels vermerkte, in die Jahre »1912-1914«; als sie begann, war er also 15 Jahre alt. Sie traf ein gleichaltriges Mädchen aus gutem Haus namens Maria Liffers: »Dunkles Sehnen. Eros erwacht. Als Junge schon auf gemeine Weise aufgeklärt.« Es kam deswegen zu »entsetzlichem Krach mit Vater«, »grauenhaftem Lärm zu Hause«. Schließlich kreuzten Marias Eltern bei den Goebbels'' auf und setzten der Jugendliebe ein jähes Ende.

Als nächste, »1915-1918«, kam Lene Krage an die Reihe: »Erster Kuß auf der Gartenstraße. Stark sinnlich... Lene eigensinnig. Mit ihr viel Qual... Viel Gedichte... Wunderbare Jugendseligkeit... Ich küsse zum ersten Mal ihre Brust. Sie wird zum ersten Male zum liebenden Weib... Ich fühle mich als Mann«.

Zwischendurch diese oder jene: »Liebe Agnes... Auf dem Sofa kalter Kuß«; »Liesel liebt mich... Eine Nacht mir ihr in Hassans Zimmer«; »von Hede abgewimmelt«. Eine Direktor-Gattin liebte er »fast wahnsinnig« »Kampf mit dem Geschlecht. Glaube krank zu sein. Bis heute noch nicht wieder geheilt.«

Seine erste große Liebe war die Studentin Anka Stalherm aus Recklinghausen, die er im Sommer 1918 in einem

Hörsaal an der Freiburger Universität kennenlernte - eine »herrliche Frau«, schwärmte er im »Michael": _____« Blondbraunes Haar, weich wie Seide, das in schwerem » _____« Knoten auf diesem wunderbaren Nacken liegt. Der ist wie » _____« aus weißgelbem Marmor gehauen. Sie schaut verträumt zum » _____« Fenster hinaus, durch das sich leise, fast schüchtern ein » _____« spielender Sonnenstrahl stiehlt; ich sehe ein feines » _____« Profil: eine klar gewölbte Stirne, darum ein paar » _____« verirrte Haarkringel, eine lange, scharfe etwas breite » _____« Nase und darunter ein weicher, ungemein schwärmerischer » _____« Mund. »

Nach der Liebe auf den ersten Blick überschlagen sich die Tagebuch-Notizen, die eine noch jauchzend, die nächste schon betrübt: »Der Eros weckt Gott und Teufel in mir.« Emotionale Schwankungen, kitschige Überspanntheit und gelegentliche Seitensprünge beiderseits brachten schließlich beide zur Strecke.

»Wenn etwas aus mir werden sollte, dann will ich dich noch einmal wiedersehen«, schrieb Goebbels später in sein Tagebuch. Als was aus ihm geworden war, sah er sie ein paarmal wieder; sie war unglücklich verheiratet und ließ sich scheiden. Goebbels verschaffte ihr eine Stelle als Redakteurin bei der Frauenzeitschrift »Die Dame«. »Wie dumm sie war«, äußerte er damals, »heute wäre sie die Frau des Propagandaministers. Wie sie sich ärgern muß.«

Bevor er was geworden war, verlobte er sich mit der Lehrerin Else Janke, die er 1922 kennengelernt hatte. Als Hitler ihn zum Gauleiter von Berlin machte, verließ er sie. Else Janke war laut NS-Rassenlehre »Halbjüdin« (siehe Seite

Während Goebbels mit der »Halbjüdin« verlobt war, sie auf gewohnte Weise mit seinen bizarren Nachstellungen hofierte und traktierte, entdeckte er die angebliche Verderbnis der Juden: »Jetzt ist meine Haut doch eine etwas einseitige antisemitische": _____« 27. Juni 1924 » _____« Was ist dieser verdammte Jude für ein heuchlerischer » _____« Schweinehund. Lumpen Schufte, Verräter. Die saugen uns » _____« das Blut aus den Adern. » _____« 2. Juli 1924 » _____« Wenn ich in Deutschland zu sagen hätte, dann würden » _____« Sie (gemeint ist der jüdische Publizist Maximilian Harden » _____« - d. Red.) heute noch im Verein mit . . . etlichen » _____« anderen gelben Lümmeln im Viehwagen über irgendeine » _____« Grenze geschoben. » _____« 4. Juli 1924 » _____« Das Judenpack ... an die Luft setzen. Auch verhauen. » _____« 26. Juni 1926 » _____« Der Jude ist wohl der Antichrist der Weltgeschichte. » _____« Man kennt sich kaum mehr aus in all dem Unrat von Lüge, » _____« Schmutz, Blut und viehischer Grausamkeit. Wenn wir » _____« Deutschland davor bewahren, dann sind wir wahrhaft patres » _____« patriae ("Väter des Vaterlandes« - d. Red.)! »

Im »Michael« kommt der nationalsozialistische Antisemit zum Vorschein. Aber alles spricht dafür, daß der folgende Ausbruch von ihm nachträglich eingefügt worden ist. Inzwischen hatte Goebbels Hitlers »Mein Kampf« gelesen und den perversen »Stürmer«-Herausgeber Julius Streicher kennengelernt: _____« Der Jude ist für mich direkt ein körperlicher Ekel. » _____« Ich bekomme Übelkeitsanfälle bei seinem Anblick . » Ich » _____« kann ihn gar nicht hassen, nur verachten. Er hat unser » _____« Volk geschändet, unsere Ideale besudelt die Kraft der » _____« Natur gelähmt, die Sitten angefault und die Moral » _____« verdorben. Er ist das Eitergeschwür am Körper unseres » _____« kranken Volkstums... Entweder er richtet uns zugrunde » _____« oder wir machen ihn unschädlich. Ein anderes ist da nicht » _____« denkbar. Friede? Kann die Lunge mit dem Tuberkelbazillus » _____« Frieden halten? »

Gleich nach dem Abitur, Ostern 1917, hatte Goebbels in Bonn mit dem Studium begonnen: Altphilologie, Geschichte, Germanistik.

»Zum ersten Mal von Hause«; »dumpfes Hinbrüten. Geldsorgen. Viel Hunger. Stundengeben an unverschämte Jungens«. »Eines Mittags sitzt Mutter in meiner Bude. Mit Anzug und Geld. Ich weine aus Verzweiflung um meine Not«, hielt er im Tagebuch fest, das wenig Auskunft gibt über den Studenten und dessen Studien. Goebbels war vollauf damit beschäftigt, sich seine amourösen Eskapaden von der Seele zu schreiben.

Der Hungerleider - vom Vater erhielt er nur einen kargen Zuschuß von monatlich 50 Mark - richtete ein Gesuch um Studienbeihilfe an den Kölner Diözesenausschuß des Albertus-Magnus-Vereins: »... erlaube ich mir untertänigst die ergebene Bitte...« Wegen seines »Fußleidens« sei er vom »Militärdienst frei«; von den »spärlichen Geldern« seines Vaters ("3800-4000 M im Jahr") könne er »gar nichts beanspruchen«, und so sei er »vollständig auf die Mildtätigkeit« seiner »katholischen Glaubensgenossen angewiesen«.

Der Verein gewährte ein zinsloses Darlehen, zunächst 180, im Laufe des Studiums insgesamt weitere 780 Reichsmark. Bei der Rückzahlung gab es jedoch Schwierigkeiten. Erst konnte, dann wollte Goebbels nicht, bis er schließlich gezwungen wurde. Als er schon Gauleiter und Reichstagsabgeordneter war, kam der Gerichtsvollzieher und pfändete Grammophon und Radio. Anfang 1929 verurteilte ein Berliner Gericht den Säumigen, die Restschuld in vier Raten a 100 Reichsmark abzustottern.

Den ruhelosen Studenten trieb es von einer Universität zur anderen - von Bonn nach Freiburg, Würzburg, wieder nach Freiburg, München, dann nach Heidelberg. Er war, bis 1919, Mitglied _(2. v. r.: Kaisersohn Prinz August ) _(Wilhelm. )

der katholischen Studentenverbindung »Unitas«, die weder Mensuren schlug, was ihm entgegenkam, noch Farben trug.

In Heidelberg ("Promovieren und dann Schluß machen. Pessimismus. Todesgedanken") zog es ihn in die Vorlesung und in den Bann des damals bedeutendsten deutschen Literatur-Historikers, Friedrich Gundolf, eines Juden. Der Gelehrte war, was ihm zusätzliche Bewunderung eintrug, einer der prominentesten und rührigsten Mitstreiter des völkisch-konservativen Propheten Stefan George ("Das neue Reich").

Gundolf stellte dem Kandidaten das Thema für die Doktorarbeit: »Wilhelm von Schütz als Dramatiker. Ein Beitrag zur Ge- , schichte des Dramas der Romantischen Schule.« _(Wilhelm von Schütz, 1766 bis 1847. )

Der eigentliche Doktorvater, war der Literaturwissenschaftler Max von Waldberg, ebenfalls Jude (dies als Hinweis dafür, daß die beiden Hochschullehrer in Goebbels keine antisemitischen Ressentiments weckten).

Von den Romantikern hielt der Doktorand nicht viel, obgleich einige der Epitheta, mit denen er sie belegte, vortrefflich auf ihn selber gepaßt hätten. Sie seien ein »bunter Kreis von Künstlern und verkannten Genies, von Ästheten und Snobisten . . . von Gottsuchern und Gottgenießern, von Mystikern und Ekstatikern«. Diese »Talente schmarotzen« - wie der Propagandist später - von den »reichlichen Schätzen vergangener Jahrhunderte«; sie schrien, hielt er ihnen vor, nach dem starken »Führer«, »aber kein Großer will sich finden, der sie alle in die Arme nehme«.

Goebbels erging es genauso; noch 1924 klagte er: »Ich kenne überhaupt noch keinen völkischen Führer. Ich muß bald einen kennenlernen... So geht''s nimmer... Ich renne schnurstracks in die Verzweiflung.«

Auf der Höhe seiner Zeit - sozusagen im völkisch-präfaschistischen Stadium, in dem schon alle jene Ingredienzien an die Oberfläche getreten waren, die hernach in dem Mixtum nationalsozialistischer Ideologie angeschwemmt wurden - quoll Verquollenes aus dem Doktoranden in die Doktorarbeit.

So formulierte er: »Nur der einzelne, und er allein, findet den Schrei, der sich der schuld- und qualbeladenen Seele entringt, den Schrei aus der Tiefe der Not.« Und, hochaktuell: »Es lebe die Republik! So schreien die draußen. Was geht uns die Republik an? Es lebe Deutschland!«

Mit seinem katholischen Glauben war Goebbels im Wintersemester 1919/20 über Kreuz geraten. Unter dem Einfluß seines Freundes Richard Flisges, anders als er eine imposante Gestalt, noch dazu hochdekorierter Kriegsheimkehrer, ein dilettierender Anarchist und Pazifist, schwenkte er nach links ab, um in einem nebulösen Sozialismus neues Heil zu suchen.

Flisges machte ihn mit den Schriften von Marx, Engels und Lenin bekannt, nachhaltiger noch mit Dostojewskis religiösem Mystizismus. Als der Freund, wie viele der Frontgeneration, im republikanischen Nachkriegsdeutschland nicht zurechtkam, bei der Abiturprüfung war er durchgefallen, stieg er aus, ins Bergwerk. Bei einem Grubenunglück wurde Flisges 1923 getötet.

Ihm widmete Goebbels seinen »Michael": _____« 1923: Du fordertest Dein Schicksal in die Schranken. » _____« Biegen oder brechen! Noch war es zu früh. Deshalb wurdest » _____« Du Opfer. » _____« Deine Antwort war Tod! » _____« 1927: Ich stand an Deinem Grab; im glastenden » _____« Sonnenschein lag ein stiller grüner Hügel. Und predigte » _____« Vergänglichkeit. » _____« Meine Antwort war: Auferstehung. »

Stahlgewitter-Lyrik, ein Schuß Ernst Jünger und viel Courths-Mahler.

Ostern 1918 war Goebbels zum letzten Mal zur Beichte gegangen, im Winter 1919/20 berichtete er seinem Vater von seinem Kampf um den rechten Glauben: »Sage mir«, wollte er wissen, »daß Du mich nicht verfluchst, als den Verlorenen Sohn, der seine Eltern verließ und in die Irre ging.«

Der Vater gab den Sohn nicht verloren, er stand ihm bei in der Gewissensqual: »Kein Mensch, besonders in den jungen Jahren«, bleibe »von diesen Zweifeln verschont«, und alle jene, »die am meisten unter diesen Zweifeln leiden«, seien »bei Weitem nicht die schlechtesten Christen«.

Aber der fromme Vater wollte doch wissen: _____« 1. Hast Du oder beabsichtigst Du, Bücher zu » _____« schreiben, die mit der katholischen Religion nicht zu » _____« vereinbaren sind? » _____« 2. Willst Du vielleicht einen Beruf ergreifen, in den » _____« kein Katholik paßt? »

Im »Michael« tobt Goebbels seinen Glaubenskonflikt aus, wie üblich mit viel Trara. Er fördert dabei jene verquaste Heilslehre zutage, aus der er neue Kraft schöpfte und neuen Glauben, einen Glauben, der sich nicht mehr aus dem Heiligen, sondern aus dem Zeit Geist nährte.

Manchmal dachte er noch an den »stillen, bleichen Mann von Nazareth«, auch noch in den letzten Kriegsjahren, und er pries die Bergpredigt- »es gibt keine gewaltigere Rede«, fügte jedoch gleich hinzu. »jeder Propagandist müßte sie lesen.« Mag sein, daß er sich von seinem Kindheitsglauben nie ganz befreite. Doch fortan predigte er statt Liebe Haß, statt Nächstenliebe Pogrom, statt Auferstehung Ausrottung.

Es müssen bei aller Theatralik für den verlorenen Sohn wohl schlimme Tage und Wochen gewesen sein: »glutende Unrast, Streit mit Gott und Teufel«. Goebbels dachte, wieder einmal, an Selbstmord. Doch diesmal setzte er, am 1. Oktober 1920, sogar ein Testament auf. Er von dem noch keine Zeile gedruckt worden war, bestellte seinen Bruder Hans zum »literarischen Nachlaßverwalter«.

Das deutsche Volk wird im Religiösen einmal herrlich erwachen«, prophezeite Goebbels. Bis es soweit sei, suche sich »jeder seinen Gott auf eigene Art«.

Der »Christussozialist« Goebbels suchte noch eine Weile - bis er Adolf Hitler fand: »Halb Plebejer, halb Gott!«

Im nächsten Heft

Hungerjahre nach dem Studium - Agitator für die Deutsch-Völkischen - Sozialismus oder Nationalsozialismus? - Die erste Begegnung mit Adolf Hitler *KASTEN

»Alle aus demselben Blut«

Tagebuchschreiber Goebbels über Eltern und Geschwister, 1928/29 *

4. Juni 1928

Nachmittags Rheydt... Vater sieht sehr krank aus. Ich glaube, er macht nicht mehr lange mit. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, daß er jetzt, wo er seinen Lebensabend genießen könnte, allmählich ausblutet ... Abends bei Konrad (Goebbels'' Bruder - d. Red.). Konrad ist ganz fanatisch für uns.

8. November 1928

Gestern ein paar Stunden zu Hause. Konrad am Bahnhof. Die gute liebe Mutter. Genau wie früher. Sie ist so rührend besorgt um mich. Maria (Goebbels'' Schwester - d. Red.) wird ein schönes, kluges Mädchen. Ich gönne ihr einen guten Mann . . . Vater geht es etwas besser, aber er ist doch verschlissen. Der treue Fürsorger seiner Familie. Ich habe ihm viel abzubitten.

27. Dezember 1928

Ein Weihnachtsjubel von Gottes Gnaden. Zu Hause. Vater, Mutter. Ich bin ganz glücklich ... Mutter und Maria sind voll Güte. Vater ist gottlob wieder ganz gesund . . . Mutter geht mit Maria mit zur Bahn. Sie dulden nicht, daß ich auch nur ein Stück trage. Sie sind alle so gut zu mir.

4. Juli 1929

Vater ist sehr krank. Ich muß bald wieder einmal nach Hause.

10. Oktober 1929

Mutter öffnet die Türe. Sie fängt gleich an zu weinen. Vater liegt in der Küche auf dem Sofa. Er ist ganz grau und abgemagert. Als ich hereinkomme, laufen ihm die dicken Tränen die Wangen herunter. Mir ist ganz weh, herzzerreißend ist dieser Anblick . . . Ich denke an all das Gute, das er mir tat . ..

Ich bin zu Hause! Vorne im Zimmer stehen neue Möbel. Einfach und nett. Aber Mutter ist ganz stolz. Die gute Mutter. Ich erzähle noch lang mit Vater und sitze abends noch an seinem Bett. Mit den Brüdern noch die halbe Nacht auf. Ja, das sind wir alle, die Goebbels'', alle von verschiedenem Charakter, aber doch aus demselben Blut. Weich wie Kinder und hart wie Soldaten.

29. November 1929

Ab nach Hause. Eine traurige Fahrt voll Sorgen. Konrad erwartet mich. Zu Vater. Mutter weint ganz furchtbar. Vater! Der liegt, ganz verfallen, abgemagert zum Skelett, wimmernd vor Schmerzen. Er erkennt mich kaum noch. Armer Vater. Ich glaube, es bricht mir das Herz. So mager ist er. Und bittet immer nur, man solle für ihn beten . ..

Mutter liegt auf dem Sofa. Übernächtigt und übermüdet, und wartet auf mich, um mir noch ein paar gute Worte zu sagen... Diese Mutter! Die habe ich nur einmal und gebe sie nicht her für alles in der Welt.

7. Dezember 1929

Ich erhalte soeben von zu Hause die Nachricht, daß Vater heute morgen um 6 Uhr verschieden ist. Ich bin voll Schmerz und Gram und kann nicht weinen... Mutter war am Apparat, konnte aber nicht reden. Vater! Ich konnte dir nicht mehr zum Abschied die Hand geben. Leb'' wohl. Wie schwer wird ihm das Sterben geworden sein! Ohne seine Kinder, ganz allein ist er hinübergegangen in die Ödnis des Nirwana . ..

8. Dezember 1929

Jetzt fühle ich erst, wie ich Vater geliebt habe... Ich werde immer alleiner.

11. Dezember 1929

Armer Vater. Von mir hat er immer noch phantasiert. Aber nur im Guten! ... Er war ein ganzer Mann. Ein Kerl! Ein Pflichtmensch. Ein Fanatiker der Arbeit. Ein Berserker der Hingabe an seine Aufgabe, so klein sie auch sein mochte. Hätte er auf dem Preußenthron gesessen, man nennte ihn hinter Friedrich Wilhelm I. Sagt man umsonst, daß ich manchmal an Friedrich erinnere...?

Gute, gute Mutter, wie froh ich bin, daß ich dich noch habe! ... Ich fühle mit Inbrunst das Glück, noch diese Mutter zu besitzen. *KASTEN

»Jedes Weib reizt mich bis aufs Blut«

Tagebuchschreiber Goebbels über seine Verlobte Else Janke *

2. Juli 1924

Mit Else wieder einmal aufs innigste vertragen. Eine köstliche Stunde gegenseitigen Verstehens. Die schärfste Waffe, die die Frau gegen uns führt: ein Tränenstrom. Dagegen sind wir machtlos . ..

Warum gibt das Geschick mir so viel an Liebe? Warum kann ich so viel an Liebe wieder geben? Bin ich anders als die anderen alle? Ein Glückskind gar? Oder darf ich das Leben stärker kosten mit seinen Schätzen, weil ich einmal früh davon scheiden muß? Manchmal habe ich so eine Ahnung!

9. Juli 1924

Else ist lieb zu mir... Gefährlich ist dieses Spielzeug. Nicht für den Starken! Für den ist die Frau ein köstliches Spielzeug...

23. Juli 1924

Das Leben ist doch gemein. Soviel Schmutz, soviel Unmenschlichkeit, so viel haarsträubender Mangel an Güte und Liebe. Ich schäme mich oft vor mir selbst. Könnte ich dich heiraten, Else, dann wäre manches gelöst... Heute bin ich den Frauen gegenüber immer nur ein Halber. Es fehlt mir das Beste und Tröstendste: die Achtung, der Abstand, der Respekt. Wir ziehen uns, einer den anderen in den Schmutz... Ich warte auf Else und mein Herz klopft zum Zerspringen. Eros! Eros!! Eros!!!

28. Juli 1924

Mein Eros ist krank. Ich darf da gar nicht dran denken. In der Liebe sind wir Menschen alle schändliche Egoisten. Für den Phallus opfert man Hekatomben von unsterblichen Seelen.

29. August 1924

Der Eros weckt Gott und Teufel in mir. Er ist neben dem Geld die treibende Weltmacht. Ein Kuß. Ein liebes Tätscheln...

12. Oktober 1925

Der innere Konflikt zwischen uns (wegen Else Jankes jüdischer Abstammung - d. Red.) spitzt sich zu. Wir werden bald auseinandergehen müssen. Mir blutet das Herz! ...

16. Dezember 1925

Warum kann die Frau nicht restlos mit uns gehen? Kann man sie erziehen? Oder ist sie überhaupt minderwertig? Frauen können nur in Ausnahmefällen Heldinnen sein!... Wie weh tut mir das, zu denken, daß sie nun ganz allein steht. Ich habe ihr geschrieben, daß ich Sonntag mit ihr in Düsseldorf zusammentreffen möchte. Wenn sie nicht kommt, dann ist alles aus. Dann kommt jetzt ein Bruch, der einmal doch kommen mußte. Und sonst? Flicken? Scheußlich!

6. April 1926

Es ist so weh in mir. Du armes Elslein! Kopf hoch, mein Kind! Wir haben alle an der Schuld der Väter zu tragen! Tragen wir''s ohne zu klagen! ... Brief von Else. Gut so! Ich werde antworten. »Meine liebe Else!« Das Leben ist ein großes Affentheater. Warum sagen wir nicht die Wahrheit! Mensch! Canaille!

12. Juni 1926

Heute ein Morgen voll Qual und Schimpferei. Dazu schreibt Else mir einen kurzen, sachlichen Abschiedsbrief. Was soll ich machen? Sie hat in allem recht. Wir können uns nicht einmal mehr Kameraden sein. Zwischen uns steht eine Welt. Wir haben uns lange dagegen gesträubt, das einzusehen. Qual draußen und drinnen.

15. Juli 1926

Jedes Weib reizt mich bis aufs Blut. Wie ein hungriger Wolf rase ich umher...

27. September 1926

Ich schlafe den ganzen Tag. Betäubender Schmerz liegt auf mir. Schließlich geht Maria (Goebbels'' Schwester - d. Red.) Else holen. Sie kommt auch. Mit verweintem Gesicht. Dann geht sie zur Bahn. Ein feiner Regen rieselt. Wir warten lange auf den Zug, der nicht kommen will. Es ist Herbst geworden. Der Zug braust herein. »Ist der Packwagen fertig?« tönt unbarmherzig eine Stimme. Ein Zeichen! Der Zug geht los. Else dreht sich herum und weint. Dann schließe ich das Fenster. Auf die Wagendecke fällt Regen! Ich habe Abschied vom Leben der anderen genommen! Das Herz zerbrach! _(Mit Goebbels und einer Freundin Else ) _(Jankes. )

Alle nicht gesondert gezeichneten Zitate stammen von Goebbels.Hintere Reihe: Goebbels, Hilde, Helga, Harald Quandt (MagdaGoebbels'' Sohn aus erster Ehe); vordere Reihe: Helmut, Holde, MagdaGoebbels, Heide, Hedda.Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente.Herausgegeben von Elke Fröhlich im Auftrag des Instituts fürZeitgeschichte und in Verbindung mit dem Bundesarchiv. K. G- SaurVerlag, München; 4 Bände; 3308 Seiten; 348 Mark. Die Tagebücher vonAugust 1941 bis April 1945 sollen 1990 folgen. Der Siedler Verlag inBerlin bereitet eine gekürzte Ausgabe vor (1924-1941); ediert wirdsie von dem Hamburger Historiker Werner Jochmann.Dieses Photo durfte im Dritten Reich nicht veröffentlicht werden,weil es Goebbels'' Klumpfuß deutlich zeigt.Konrad wurde später Leiter eines NS-Verlags in Frankfurt, HansDirektor einer Versicherungsgesellschaft in Düsseldorf, Mariaheiratete den Filmproduzenten Max Kimmich. Beide Brüder waren Trägerdes Goldenen Parteiabzeichens.Helmut Heiber: »Joseph Goebbels«. Colloquium Verlag, Berlin 1962.2. v. r.: Kaisersohn Prinz August Wilhelm.Wilhelm von Schütz, 1766 bis 1847.Mit Goebbels und einer Freundin Else Jankes.

Wolfgang Malanowski
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