Zur Ausgabe
Artikel 69 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KARRIEREN Meister aller Klassen

Nach dem Rückzug aus der Parteiführung denkt die PDS-Ikone Gregor Gysi über eine Zukunft in der Politik nach - gern auch als Regierender Bürgermeister von Berlin. Von Hans-Joachim Noack
Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 12/2001

Im Dezember 1989 ist er erst wenige Tage im Amt, als ein wichtiger Mann nach ihm verlangt. Am Telefon warnt der Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, den Chef der gerade aus der Taufe gehobenen SED-Nachfolgepartei PDS, einen damals kaum bekannten Anwalt namens Gregor Gysi.

Habe der Genosse die Absicht, die marode Massenorganisation eines gescheiterten Zwangsregimes in seinem Lande vollends »aufzulösen«, analysiert der nervöse große Bruder, bedeute das den Exitus nicht nur der DDR. Für den braven Deutschen, der sich seinerzeit noch bescheiden als »kleiner Berliner Advokat« empfindet, ist das verständlicherweise »ein bisschen zu viel Verantwortung«.

So erinnert er sich jedenfalls. Ein knappes Jahrzehnt nach dem Niedergang der Sowjetunion und ihrer Vasallen schildert Gysi in einer autobiografischen Rückschau, die am vergangenen Donnerstag von seinem sichtlich begeisterten Spezi Oskar Lafontaine präsentiert wurde, die heiße Phase der Wende**. Was geschah da wirklich?

Erich Honeckers hinreichend verhasste Staatspartei schlicht übernommen zu haben, beharrt der Verfasser, erwies sich schon des gefährdeten Weltfriedens wegen als unvermeidlich. Neben dem Machthaber im Kreml

beschwor ihn etwa der Ostexperte der SPD, Egon Bahr, die Prozesse in seiner vom Chaos bedrohten DDR nicht entgleisen zu lassen. Und vor allem von Willy Brandt sei er für die Art, in der er diesen höllischen Job versah, ausdrücklich belobigt worden.

Folglich wäre seine PDS, die in den ersten Wochen noch das Kürzel SED in ihrem Firmenschild trug, bloß als Notbehelf geboren? Dass die locker formulierten Geständnisse zumindest die Stunde Null der überlebenden Postkommunisten in ein wenig schmeichelhaftes Licht rücken, scheint Gysi kaum zu stören.

Mögen solche Details auch die schwankende Identität der »Partei des Demokratischen Sozialismus« zusätzlich belasten: Der Öffentlichkeit zu vermitteln, wie sehr ihn hoch kompetente Politiker aus beiden Lagern in der wild bewegten Zeit des Umbruchs als Gesprächspartner schätzten, glaubt der Chronist der historischen Wahrheit schuldig zu sein. Aber nicht zuletzt auch sich selbst.

Zuvörderst geht es Gysi nämlich um Gysi und die ihm von der Geschichte auferlegte Pflicht, aus der er eine bis in die Gegenwart hinein reichende Ausnahmestellung ableitet: Keine Frage für ihn, wer im vereinigten Deutschland den enormen Schwierigkeitsgrad der oft beschworenen inneren Einheit authentischer als jeder andere verkörpert. Natürlich er!

»Über viele Jahre haben sich an mir die Geister geschieden«, notiert der streitlustige Dr. jur. gleich im Vorwort seines nahezu 400 Seiten umfassenden Opus mit spürbarem Wohlbehagen. Dass er einerseits zwar »Aggression und Ablehnung« auf sich zog, aber dafür auch jede Menge »Zuneigung, fast Liebe« erfuhr, soll ihm erst mal einer nachmachen.

Und wahrscheinlich ließe sich aus dieser von Gysi beanspruchten Rolle in der Tat ein spannendes Buchkonzept entwickeln, doch der Autor hat Probleme. Das in die unterschiedlichsten Richtungen ausufernde Konglomerat spiegelt seine augenblickliche persönliche und in Sonderheit politische Situation.

Was darf man von einem Mann erwarten, der in seiner PDS immer noch zu den Schlüsselfiguren gehört, aber zugleich auch als Aussteiger gilt? Den Parteivorsitz gab er ja schon im Winter 1992 auf, und spätestens seit es ihm gefiel, im Herbst vergangenen Jahres den Chefsessel in der Bundestagsfraktion zu räumen, hegen die Genossen Zweifel. Lässt sich da ein leicht gelangweilter Privatier vernehmen - oder was führt er im Schilde?

Auf den ersten Blick sieht es danach aus, als wisse er das selbst nicht so genau. Er habe seinen »Standort markieren, eine Art

Zwischenbilanz ziehen wollen«, sagt Gysi

merkwürdig unschlüssig, und so ähnlich liest sich dann der Text. Sibyllinisch schwadroniert er etwa in einem endlos mäandernden Eingangsstatement über die zahlreichen Motive seines Abschieds von der Hierarchie.

Die Gründe dafür seien »komplexer Natur«, raunt der gravitätisch schreibende Schnelldenker, der nur selten auf die für ihn typische feine Ironie zurückgreift. »Die Politik hat mich aufgefressen«, diktiert er seiner Sekretärin schon auf Seite 16. An sich ist das ein ziemlich bemitleidenswerter Zustand - für den er danach allerdings keinerlei Belege mehr anbietet.

Ganz im Gegenteil. Bei aller Verbitterung, mit der der von den Zeitläuften ins große Weltgeschehen gespülte kleine Rechtsanwalt insbesondere seine »Ächtung« als vermeintlicher Stasi-Spitzel beklagt: Sehr viel stärker prägt sich am Ende seiner Essays über die erste Dekade nach dem jähen Zusammenbruch der alten Ordnung ein anderer, der kühl auf seine Chancen fixierte und von klaren Interessen gelenkte Gregor Gysi ein.

Es sei ihm wichtig, mit dem Buch nicht nur herauszufinden, was in ihm vorgehe, sondern er wolle »das auch zeigen«, sagt der Abgeordnete in seinem Berliner Büro - ein wie beiläufig eingestreuter Halbsatz, der den Zweck seiner Unternehmung enthüllt: Der wie eh und je vor Ehrgeiz lodernde Altstar der PDS möchte den Landsleuten beweisen, wie sehr er im abgelaufenen Jahrzehnt dazugelernt hat.

Passé vor allem die Frühphase, in der er sich in Deutschland Ost zum Anwalt aller vermeintlich und tatsächlich Übervorteilten und Entrechteten aufschwang. Das will er zwar auch noch sein, weshalb er sich im besten Stück seines Bandes vehement für die einstigen Eliten der DDR einsetzt, die er von der Konkurrenz aus dem Westen um alle Chancen gebracht sieht.

Aber nur die Belange seiner an den Rand gedrückten Mitmenschen im dahingegangenen Arbeiter-und-Bauern-Staat zu vertreten, reicht ihm nicht mehr. In der PDS wird seit langem darüber gestritten, ob die Partei in der neuen und vereinigten Republik überhaupt schon »angekommen« sei: Gysi ist es.

»Eine Gesellschaft«, heißt der offenkundige Kern seiner Botschaft, »kann man nur als deren Teil und nicht als Fremdkörper zu ändern versuchen« - und das will er vorführen. Kaum ein Ossi, suggeriert der Sohn eines ehemaligen DDR-Kulturministers, der nun unentwegt seinen Wandel zum »Bundesbürger« herausstreicht, hat dieses noch um sein Selbstverständnis ringende große Deutschland besser begriffen als er - und genau genommen auch nur die wenigsten Wessis.

Kann es da verwundern, wenn der von ihm und Freunden wie Lothar Bisky oder André Brie entsprechend gesteuerte Reformkurs der PDS auf schwachen Füßen steht? Folgt man Gysis Befund, hat die Partei »nur eine Chance": Misslingt es der Mehrheit weiterhin, alle diejenigen zu »marginalisieren«, die zu dogmatischideologischen Denk- und Verhaltensstrukturen zurückzukehren beabsichtigen, droht ihr das Desaster.

Die Bestätigung zähen Hickhacks zwischen den Modernisierern und ihren Widersachern wäre allein freilich noch kaum der Rede wert. Die Analyse bezieht ihr Gewicht aus dem fast schon feurig zu nennenden Eifer, mit dem der Mann der ersten Stunde warnt.

Doch wie glaubwürdig ist sein Zorn? Immerhin haftet Gregor Gysi der leise Verdacht an, er wolle mit seiner Kritik eine nachgeschobene Rechtfertigung abliefern. Je prekärer die Situation seiner Partei, desto plausibler der Wunsch, sich abzuseilen - und der gelenkige ehemalige Vorturner macht im Grunde auch kein Hehl daraus.

Er sei es seit langem leid, sich »immer passgerecht verhalten zu müssen«, sagt der von der »taz« als »Kugelblitz« bespöttelte PDS-Kombattant. Um »endlich frei zu sein«, erwog er bereits vor dem Herbst vergangenen Jahres, die »funktionale Anbindung« an seinen schlingernden Verein in jedem Fall aufzugeben.

Der 53-jährige Gregor Gysi am Scheideweg. Ausführlich befasst sich der quirlige Anwalt mit seiner Zukunft. Er braucht den Neubeginn, um »unbewusste Ängste vor dem Altwerden« zu kompensieren. Dass ihm dieser Kick noch einmal in der Politik beschert werden könnte, will er keineswegs ausschließen.

Nur, wie soll er das eine mit dem anderen in Einklang bringen - seine fortdauernden Gelüste mit der zumindest vom Image her engen Fesselung an eine Partei, die zumal im Westen des Landes für Karrieren eher als Hemmschuh gilt? Tut man Gysi Unrecht mit der Vermutung, sein Buch solle auch dazu beitragen, sich dieser Bürde peu à peu zu entledigen?

Ihm vorzuwerfen, dass er dabei auf seine Genossen keinerlei Rücksicht mehr nähme, wäre gewiss übertrieben. Doch die stille Entschiedenheit, mit der er sich doppelstrategisch subkutan von den sprichwörtlich »roten Socken« absetzt, um dafür seine Akzeptanz außerhalb der Partei zu steigern, lässt sich kaum übersehen.

Aufreizend führt Gregor Gysi vor Augen, wie flexibel er ist. Im Juni vergangenen Jahres traf er sich so in Saarbrücken mit dem SPD-Outsider Oskar Lafontaine, »um die Perspektive linker Politik in Deutschland zu erörtern«. Man aß im benachbarten Elsass und besprach »die gesamte Situation«.

Nein, die viel zitierte neue Partei kam dabei nicht zu Stande - und der Gast aus Berlin legt in seinem Buch auch Wert auf die Zusicherung, er werde sich an einer »Zerschlagung« der PDS oder gar ihrem »Untergang« nie beteiligen. Doch sie mit solchem Vokabular öffentlich zu piesacken, passt ihm durchaus ins Kalkül.

Muss bei einer derartigen Leidenschaftslosigkeit nicht der nette und auf partnerschaftliche Kontakte bedachte Gysi umso stärker in den Blick fallen? Besonders mit den Repräsentanten des einstigen Klassenfeindes - vom Altkanzler bis zum künftigen Chef der Liberalen - geht der Erbfolger der Ost-Berliner Einheitssozialisten erstaunlich sanftmütig um.

Schließlich weiß es der zur Selbstverliebtheit neigende Jurist zu würdigen, dass ihm Helmut Kohl »gelegentlich sogar applaudierte«, und der Guido Westerwelle liegt ihm als Typ: Er sei davon überzeugt, schwärmt der Bundestagsabgeordnete in einem Kapitel, das von seinem Tête-à-tête mit den Wortführern der im Parlament versammelten Parteien handelt, »dass nicht nur ich ihn, sondern auch er mich mag«.

Trotz aller Schärfen im Streit um die Sachfragen möchte sich der großbürgerlich erzogene Sozi den Respekt vor Personen bewahren. Er will sich »nicht von Klischees oder Feindbildern leiten lassen«, weshalb er der »etwas verkniffenen deutschen Linken« dringend elegantere Umgangsformen empfiehlt.

Bei so viel Bemühtheit versteht es sich von selbst, wenn sich nun auch der politische Gegner, nachdem er den PDS-Granden jahrelang verfolgt hatte, aufgeschlossener zeigt. Stolz schildert der Autor, wie ihn nicht nur Oskar Lafontaine ins Vertrauen zog, um den »dauerhaften Widerspruch zwischen sich und Schröder« (den Gregor Gysi inzwischen als Staatsmann achtet) zu thematisieren. Desgleichen gestand ihm Wolfgang Schäuble, dass er Helmut Kohl schon am Beginn des letzten Bundestagswahlkampfs 1998 mahnte, mit ihm als Spitzenmann habe die Union keine Chance mehr.

Im Ernstfall, heißt das, suchen selbst die ausgebufftesten Profis seinen Rat, während er die jeweiligen Beziehungen am Ende eines dicken und allzu wohlfeil auf Klugheit getrimmten Buches zu einer ziemlich spektakulären Pointe zusammenfasst: Nach seiner Wahrnehmung sehen sich die wichtigsten politischen Köpfe hier zu Lande »nicht mehr in der Lage, miteinander zu reden« - aber mit ihm können alle.

Natürlich spricht sich das herum, und so war es für den selbst ernannten Adapter schlichtweg »faszinierend«, was er nach seinem Rückzug erlebte. Einfach toll, wie da etwa »Journalistinnen und Journalisten«, weil sie sich so an ihn gewöhnt hatten, beinahe schon »trauerten«.

Aber er bleibt ihnen ja erhalten. Munter berichtet Gysi darüber, was er außer einem partiellen Wiedereinstieg in den alten Beruf an öffentlichkeitswirksamen Nebenbeschäftigungen betreibt: Er arbeitet zurzeit für mehrere Publikationsorgane und verhandelt mit einigen TV-Sendern über die obligatorische Talkshow.

Und im Übrigen wird er »bis 2004 die Entwicklungen beobachten«. Nicht nur, was die Bestimmung zwangsläufiger gesamtgesellschaftlicher Zukünfte anbelangt, sondern auch im Hinblick auf sein eigenes Fortkommen erlauben die »Reste deterministischen, marxistischen Denkens«, deren sich der Verfasser noch vage bezichtigt, manche Deutungen.

Wie und an welchem Ort sich sein Drang am besten befriedigen lässt, dem schwierigen neuen Deutschland als ideenreicher, pfiffiger Integrator zu dienen, ist ihm seit langem klar. Selbstredend an dessen Nahtstelle, in der neuen Kapitale Berlin - als Regierender Bürgermeister im Roten Rathaus.

In Gregor Gysis Buch gibt es auf solche Sehnsucht nach einem Job »mit Pep« einige kaum noch verhüllte Hinweise, und im Gespräch will er die auch nicht leugnen. »Ich bilde mir ein«, sagt er leise bestimmt, »für diese Stadt so was ähnliches wie ''ne Vision zu haben.«

* Beim Begräbnis des SED-Dissidenten Robert Havemann am 17.April 1982 in Grünheide bei Berlin; das Foto hatten Stasi-Leutezerrissen, um es zu vernichten. ** Gregor Gysi: »Ein Blick zurück,ein Schritt nach vorn«. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 384Seiten; 39,90 Mark.* Mit FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle, SabineChristiansen, dem neuen PDS-Fraktionsvorsitzenden Roland Claus undSPD-Generalsekretär Franz Müntefering im Oktober vergangenen Jahresbeim Abschied Gysis als Fraktionschef.

Zur Ausgabe
Artikel 69 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel