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Kampfhunde Mendelsche Monstren

Die Innenminister der Länder wollen sich mit gemeingefährlichen Kampfhunden befassen, Bonns Grüne fordern ein Zuchtverbot.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Als Karlheinz Bellmann, 40, auf dem Heimweg von seiner Stammkneipe »Kuckuck« am Münchner Hasenbergl von zwei Jugendlichen angepöbelt wurde, saß ihm die Hand ziemlich locker. »Wichser« wollte er sich nicht nennen lassen, und so langte er dem 15jährigen Sigi eine ins Gesicht. Der gleichaltrige Freund des Jungen ließ darauf seinen Hund los und gab das Kommando: »Kill him!«

Das Tier, ein Pit-Bullterrier, war nahe dran, den Auftrag zu erfüllen. Auch als sein Opfer schon von Bißwunden übersät am Boden lag, ließ der Kampfhund nicht ab. Daß Bellmann überlebte, verdankt er wohl nur einem hinzugeeilten Zeugen. Der brachte die Jugendlichen dazu, das tobende Tier anzuleinen.

Kampfhund-Attacken zählen bundesweit fast schon ebenso zum Alltag wie das Schnappen des Zamperls nach dem Briefträger. Galten die aggressiven, schmerzunempfindlichen Züchtungen bislang vor allem als Statussymbol erfolgreicher Zuhälter, zeichnet sich nun ein neuer, besonders risikofreudiger Liebhaberkreis ab: Jugendliche mit Macho-Allüren aus geschädigtem Milieu, wie es der Münchner Stadtrat Curt Niklas (CSU) nennt.

Die Kläffer-Hochburg München hat deshalb letzten Monat auf Antrag von Niklas beschlossen, gegen all jene Hunde vorzugehen, die dem Bild vom treuesten Freund des Menschen besonders kraß widersprechen. »Für unerwünschte Hunde« soll die Hundesteuer in München um mindestens das Zehnfache angehoben werden. Geplant ist auch ein Beißkorb-Erlaß für den Bereich der städtischen Verkehrsbetriebe.

Die Rassenfrage, welche Hunde erwünscht sind und welche nicht, betrachten die Stadtpolitiker als gelöst. Auf ihrer schwarzen Liste stehen vor allem Bullterrier, Pit-Bullterrier, Staffordshire-Bullterrier, Dog-Argentino, Mastino und Molosser-Hunde. Kreisverwaltungsreferent Hans Peter Uhl erläutert: »Kennzeichnend für diese Hunde ist, daß sie beim Freiwerden des Kampftriebs äußerst kompromißlos vorgehen.«

Ob eine solche Definition ausreicht, ist zweifelhaft. Experten wie Walt Weisse, Mastino-Züchter und Vorsitzender des deutschen Molosser-Klubs, üben Kritik an der Münchner Liste: »Da werden Rassehunde mit kriminellen Bastardzuchten wahllos zusammengeworfen.«

Spöttisch weist Weisse darauf hin, daß auch harmlose Hausgenossen wie der Bernhardiner oder der Mops zu den Molossern zählen. Gegen die Ungleichbehandlung von Hunderassen will der Interessenvertreter »alle Rechtsmittel bis zur Normenkontrollklage und Verfassungsbeschwerde« einlegen.

An juristischen Unklarheiten liegt es auch, daß Initiativen zum Schutz vor Kampfhunden auf Länderebene - etwa in Niedersachsen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen - noch nicht zu Gesetzen geführt haben. Schleswig-Holsteins Innenminister Hans Peter Bull (SPD) will das Thema demnächst von der Innenministerkonferenz klären lassen.

Gerissenen Züchtern dürfte es ohnehin nicht schwerfallen, die Behörden auszuhebeln. Mit ein paar Fingerübungen auf der Mendelschen Klaviatur erschaffen sie stets neue Monstren - jüngste Ausgeburt ist der Bandog, made in Britain, laut Bild der »gefährlichste Hund der Welt«.

Der britische Tierschützer Tim Wass warnt eindringlich vor der Kreuzung aus Pit-Bull, Rottweiler, Bulldogge und Ridgeback: »Wenn man den Boxchampion Frank Bruno mit einem Bandog in ein Zimmer sperren würde, käme nur der Hund lebend wieder heraus.«

Damit Kreaturen wie der Bandog hierzulande erst gar nicht aufkommen können, wollen die Bonner Grünen das Züchten und Halten von Kampfhunden verbieten. Ein »Einsatz als Spür- und Suchhund« soll nur im Ausnahmefall und auch nur dann zulässig sein, wenn Herrchen im Besitz eines Waffenscheins ist. Der Parlamentarier Manfred Such, der die Gesetzesinitiative mit ausgearbeitet hat, ist zuversichtlich, »daß der Entwurf nach der Sommerpause im Bundestag diskutiert wird«.

Wenn es dazu kommt, werden sich die Experten heftig ineinander verbeißen. Wolfgang Apel, Geschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes, kennt schon jetzt fünf verschiedene Abwehrmodelle gegen die Kampfhundplage, darunter den seit Jahren debattierten »Hundeführerschein«. Als weitere Variante schlägt Apel »ein generelles Verbot der kommerziellen Hundezucht« vor.

Dann hätten auch die Tierheime wieder eine Chance, in ihren überfüllten Hundezwingern artgerechte Zustände zu schaffen. Dort konnten die Pfleger in jüngster Zeit vermehrt Bekanntschaft mit Kampfhunden schließen, die etwa nach Beißereien eingeliefert werden.

So manche wütende Bulldogge entpuppte sich als ziemlich handzahm. Der Hamburger Tierheimleiter Wolfgang Poggendorf berichtet: »Wir haben verantwortungsvollen Haltern schon öfter Kampfhunde vermittelt - die haben nie wieder gebissen.«

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