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KERNENERGIE Mengenlehre mit Müll

Die SPD schwächt ihre Vorbehalte gegen den Bau neuer Kernkraftwerke ab.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Noch wissen die Bonner Sozialdemokraten nicht, wie sie den Glaubenskrieg um die friedliche Nutzung der Kernenergie auf ihrem nächsten Parteitag und in den Wahlkämpfen 1980 führen und überstehen sollen. Doch sie wissen inzwischen, wie sie auf keinen Fall in diesen wahlentscheidenden Streit hineingehen dürfen: mit einem vagen Jein zur Kernkraft.

Forschungsminister Volker Hauff, bislang in der innerparteilichen Diskussion eher auf Vermittlung zwischen Atomfreunden und Nukleargegnern bedacht, wagte sich als erster vor: »Wir können es uns nicht mehr leisten, wie bisher unter dem Motto anzutreten: Mit Helmut Schmidt und Erhard Eppler für und gegen Kernenergie.«

Als hätte der Chor nur auf den Einsatz gewartet, erscholl das Echo vielstimmig zurück. Prominente Mitglieder der Energiekommission des SPD-Vorstandes formierten sich vergangene Woche Seite an Seite mit Wirtschaft und Wissenschaft zu einer lautstarken Pro-Atomkampagne. In Berlin rechneten Atomtechnokraten und der EG-Energiekommissar Guido Brunner auf einer internationalen Tagung gründlich mit Kernkraftgegnern ab; in Bonn legte der Kernprofessor Adolf Birkhofer im Auftrag der Bundesregierung dar, wie absurd die Ängste der Atomapokalyptiker seien (siehe Seite 173).

Für die SPD-Bundestagsfraktion nahm Kohle-Lobbyist Ulrich Steger, Abgeordneter aus Dorsten, den sozialdemokratischen Atomkritiker und Parteipräsiden Erhard Eppler an. Stegers Forderung: Jedes Jahr ein neues Kernkraftwerk.

Und schließlich verschickte der Vorsitzende der SPD-Energiekommission, Horst Ehmke, nach Abstimmung mit seinem Stellvertreter Hauff und ganz im Sinne von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der vergangenen Woche den Entwurf zu seinem Bericht -- ein klares Bekenntnis zur Kernenergie.

Das Ehmke-Papier, das Grundlage für einen Beschluß der SPD auf ihrem Berliner Parteitag im Dezember werden soll, ist bei allem höflichen Respekt vor Minderheitsmeinungen eindeutig geprägt vom Glauben an die Unersetzlichkeit der Atomenergie. Auszug: »Aus heutiger Sicht ist festzuhalten, daß ... auf Kernenergie nicht verzichtet werden kann ... und dies trotz aller Anstrengungen im Bereich nichtnuklearer Energiequellen und beim Energiesparen.«

Damit Bundeskanzler Helmut Schmidt sich im Wahlkampf nicht länger von seinem auf die Kernenergie fixierten Herausforderer Franz Josef Strauß den Vorwurf gefallen lassen muß, die SPD boykottiere den Atomkurs, räumt der Kommissions-Bericht Hürden weg, die noch der letzte Parteitag in Hamburg 1977 gegen eine allzu großzügige Bestückung der Republik mit Atommeilern errichtet hatte.

Weil das in Hamburg bindend verlangte Entsorgungszentrum in Gorleben nach dem Veto des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht in weite Ferne gerückt ist, schwächen Ehmke und Genossen die Bedingungen für die Genehmigung neuer Kernkraftwerke einfach ab: Künftig soll es genügen, wenn sogenannte Zwischenlager für den Atommüll in Auftrag gegeben werden, eine Übergangslösung, die so lange nötig ist, bis irgendwann einmal doch ein Entsorgungszentrum in Gorleben oder anderswo steht.

Zwar weiß Ehmke, daß »sicherheitstechnisch eine Endlagerung nach Wiederaufarbeitung allen anderen bislang vorgeschlagenen Konzepten weit überlegen« ist. Doch obwohl der Nuklearunfall in Harrisburg die Risiken der Kernenergie deutlich gemacht hat und die Chancen für eine schnelle und gefahrlose Entsorgung der Kraftwerke in den letzten zwei Jahren eher schwanden, empfiehlt der Bericht, die Voraussetzungen für den Ausbau der Atomenergie in der Bundesrepublik zu erleichtern: »Der Hamburger Beschluß muß ergänzt werden um eine breitere Zwischenlagerlösung.«

Mit seinem Kommissionspapier möchte Ehmke endlich auch die Partei auf den Kurs bringen, den die Regierung Schmidt/Genscher schon längst steuert. Die Sozialliberalen planen bis zum Jahr 2000 mindestens sieben Zwischenlager, verteilt über das gesamte Bundesgebiet. Dort sollen sich rund 10 000 Tonnen radioaktiver Brennelemente aus den Atomstromfabriken sta-

* Im Kernkraftwerk Obrigheim.

peln, bis vielleicht irgendwann der Bau einer Wiederaufarbeitungsfabrik und eines Endlagers im Gorlebener Salzstock beginnt.

Innenstaatssekretär Günter Hartkopf geht bei seinen Abfall-Rechnungen davon aus, daß im Jahre 2000 rund 50 000 Megawatt Atomstrom produziert werden -- etwa fünfmal soviel wie gegenwärtig. Wenn diese Annahme stimmt, dann türmt sich bis zur Jahrhundertwende eine radioaktive Müllhalde von rund 17 000 Tonnen auf. 2000 Tonnen dieses strahlenden Giftes können befristet in ausländischen Lagerbecken wie dem französischen La Hague plaziert werden; für etwa 5000 Tonnen wäre durch die Einführung einer neuartigen Kompaktlagermethode, die allerdings sicherheitstechnisch noch nicht genehmigt ist, Platz zu schaffen.

Den Rest aber, rund 10 000 Tonnen, sollen dann sieben Zwischenlager mit einem Fassungsvermögen von je 1500 Tonnen aufnehmen.

Keine Frage: Dieses Abweichen vom ursprünglichen Konzept erhöht das atomare Risiko. Denn was da 20, 30 oder gar 50 Jahre lang an verschiedenen Standorten vor sich hinstrahlt, muß weiter und häufiger transportiert werden als eigentlich geplant. Das Konzept vom Atompark der kurzen Wege hatte die Bundesregierung einst bewogen, Brennelementbecken, Wiederaufarbeitung und Lagerung des Atommülls im Salz an einem Ort zu konzentrieren und auf weitverstreute, dezentralisierte Lager zu verzichten.

Und es gibt noch mehr Unsicherheiten. Wohlweislich enden Hartkopfs Rechenübungen nämlich im Jahr 2000 -- doch selbst unter günstigsten Annahmen sind die Entsorgungsprobleme mit den geplanten sieben Zwischenlagern danach nicht gelöst.

Nukleare Kraftwerke mit einer Kapazität von 50000 Megawatt werfen alljährlich etwa 1500 Tonnen abgebrannter Brennelemente aus. Das ist in etwa so viel, wie die projektierte Wiederaufarbeitungsfabrik in Gorleben im Jahr verarbeiten soll. Unterstellt, die gigantische Fabrik wäre im Jahr 2001 tatsächlich voll produktionsbereit, dann könnte der bis dahin angesammelte Müllberg immer noch nicht abgebaut werden, erreicht wäre nur, daß er nicht weiterwächst.

Doch ist selbst diese Hoffnung trügerisch. Denn inzwischen rechnet niemand mehr damit, weder die Experten der Industrie noch Energiepolitiker wie Ehmke, daß in der Bundesrepublik jemals das größte Atomprojekt der Welt mit seiner bislang in dieser Dimension unerprobten Technologie gebaut wird. Wenn überhaupt, so kalkulieren Fachleute, wird frühestens im Jahr 2000 eine Mini-Wiederaufarbeitungsanlage mit einer Kapazität von etwa 350 Tonnen betriebsbereit sein.

Dies bedeutet für die Hartkopfsche Müll-Mengenlehre: Selbst wenn nach dem Jahre 2000 kein zusätzlicher Atommeiler gebaut wird, nimmt der Müllberg jährlich um 1150 Tonnen zu. Da bis dahin die sieben heute projektierten Zwischenlager gefüllt sind, müßte jedes Jahr ein weiteres Becken fertig werden.

Aber nicht nur der hochradioaktive Abbrand der Atommeiler, auch der schwach und mittelstark strahlende Abfall aus Kernfabriken und Krankenhäusern macht Bonn zu schaffen. Wo verseuchte Kittel und Geräte endgültig gelagert werden sollen, ist offen, die Landessammelstellen sind voll.

Wie ernst die Lage ist, zeigt eine Analyse aus dem Hause des hessischen Wirtschaftsministers Herbert Karry. Unter dem Datum des 30. Mai 1979 (Aktenzeichen IV b 78g 500 05 B 9 a) heißt es: »Hier ist der Engpaß noch viel dramatischer als bei den abgebrannten Brennelementen.«

So reichen nach einer Aufstellung des Bonner Innenministeriums die Lagerkapazitäten in Hessen und in Nordrhein-Westfalen derzeit nur für ein Jahr, in Rheinland-Pfalz vielleicht ein halbes Jahr länger; in Baden-Württemberg können spätestens 1982 Engpässe auftreten.

Zwar sind die Landesregierungen gesetzlich zum Bau regionaler Sammelstellen verpflichtet, Bonn hat jedoch -- wie beim hochradioaktiven Müll -- für Endlagermöglichkeiten zu sorgen. Lange Zeit hatte sich die Bundesregierung durchgemogelt, indem sie das alte niedersächsische Salzbergwerk Asse II unter dem Vorwand, es handele sich um ein Forschungsprojekt, als Bundesmüllplatz benutzte -- bis Albrecht letztes Jahr sein Veto gegen Gorleben durch eine Sperre der Asse ergänzte.

Seither sitzen die Länder auf ihrem Dreck. Rechtlich korrekt bat Forschungsminister Hauff inzwischen bei den Niedersachsen beantragt, die Asse nachträglich als Endlager für mittel- und schwachaktiven Atommüll zuzulassen. Wegen Albrechts Widerstand und der langwierigen Prozedur des atomrechtlichen Genehmigungsverfahrens wird es jedoch noch Jahre dauern, bis in dem Bergwerk wieder Müll in Massen abgeladen werden darf.

So lange wollen und können die Hessen nicht warten, die in Biblis das größte deutsche Atomkraftwerk und in Hanau die einzige Brennelemente-Fabrik verwalten.

Wenn die Entsorgung »zum Engpaß friedlicher Nutzung der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland geworden« ist, klagt das FDP-geführte Wiesbadener Wirtschaftsministerium, »so liegt dies in allen Fällen an der politisch motivierten Unlust der Bundesregierung oder der angesprochenen Landesregierungen (insbesondere Niedersachsens)«.

Die düstere, wenn auch aus taktischen Erwägungen übertriebene Prophezeiung aus dem Karry-Amt: »Falls diese Haltung nicht während der nächsten Monate durch eindeutige Entscheidungen geändert wird, kommt die friedliche Nutzung der Kernenergie im Bundesgebiet ab Winter 1979/80 zum Stillstand.«

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