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Briefe

MENS(CH) SANA
aus DER SPIEGEL 43/1968

MENS(CH) SANA

(Nr. 41/1968, Strafvollzug)

Es ist klar, daß einem Gefängnisinsassen gewisse Rechte abgesprochen werden, aber daß Herr Lepa die Verleihung des Sportabzeichens verweigert, ist doch wohl empörend. Da wird nun versucht, schon im Gefängnis die Leute an das Leben draußen zu gewöhnen, aber solche sturen Handlungen machen wirklich alle Versuche zunichte,

Garbsen (Nieders.) GERT HÜFNER.

In zweifacher Eigenschaft fühle ich mich berufen, zu dem Artikel Stellung zu nehmen: als stellvertretender Vorsitzender des Bundestags-Sonderausschusses Strafrecht und als jemand, der schon fünfmal die Leistungen für das Goldene Sportabzeichen erfüllt hat.

Einerseits mit großer Freude, andererseits aber auch mit großer Bestürzung habe ich gelesen, was sich in der Strafanstalt Wolfenbüttel wegen der Verleihung des Sportabzeichens an Strafgefangene ereignet hat. Mit Freude deshalb, weil es zeigt, daß es in unserem vielgeschmähten Strafvollzugswesen noch Leute wie Herrn Grützner gibt, die trotz der bekannten räumlichen, personellen und ausstattungsmäßigen Mängel in den deutschen Strafanstalten genügend Phantasie und Einsatzbereitschaft haben, um sinnvolle Resozialisierungsprogramme zu entwickeln und durchzuführen. Das liegt ganz auf der Linie der Strafrechts- und Strafvollzugsreform, die es als eines ihrer wichtigsten Ziele verfolgt, die Strafe und den Strafvollzug an dem Gedanken der Resozialisierung auszurichten. Denn eine Resozialisierung des Täters ist das beste Mittel, um zukünftige Straftaten zu verhindern.

Um so größer ist die Enttäuschung, wenn man erfährt, mit welcher spießbürgerlichen Borniertheit diese Bemühungen von Sportfunktionären torpediert werden. Anstatt es zu begrüßen, daß die Verleihung des Sportabzeichens in diesen Fällen zu der wichtigen und vornehmen Aufgabe beitragen soll, einen Gestrauchelten wieder in die Gemeinschaft zurückzuführen, wird mit selbstgefälligem und selbstgerechtem Gehabe durch die ausdrückliche Verweigerung des Sportabzeichens die Erreichung dieses Zieles erschwert.

Der Weg zu einem humanen Verständnis der Öffentlichkeit für die Probleme des Strafvollzugs scheint noch weit, sehr weit zu sein.

Bonn DR. ADOLF MÖLLER-EMMERT

MdB

Der Sport im Strafgefängnis Wolfenbüttel wird in der Sommersaison mit Unterstützung unserer Freunde vom Sportinstitut der Technischen Universität Braunschweig ausgebaut werden. Die Fairneß gebietet mir, den SPIEGEL-Lesern mitzuteilen, daß sich der Deutsche Sporthund in dieser Angelegenheit nicht mit der Auffassung des Vorsitzenden des Landessportbundes Niedersachsen identifiziert hat.

Ich bin zuversichtlich, daß ich den Gefangenen, die sich dem Vorbereitungstraining und den Leistungsprüfungen mit so viel Hingabe unterzogen haben, die Verleihungsurkunden und Sportabzeichen sehr bald überreichen kann. Dabei werde ich unser Hauptziel, den Sport als hervorragendes vollzugspädagogisches Mittel und als günstigen gesellschaftspolitischen Ansatzpunkt für eine Wiedereingliederung gestrauchelter Menschen in meiner Anstalt nutzbar zu machen, nicht aus den Augen verlieren.

Wolfenbüttel WOLFGANG GRÜTZNER

Oberregierungsrat

Was sich Sportfunktionär Lepa mit seinem widerwärtigen Verhalten geleistet hat, ist ein weiterer Beweis für die Unmöglichkeit, in gewissen Kreisen die Ignoranz und krasse Überheblichkeit des »Weiße-Weste-Denkens« abzubauen. Der Sportbund müßte es demnach als »Zumutung empfinden, daß dieser Mann weiterhin in der Sportorganisation tätig ist, wenn Herr Lepa, Vorsitzender des Landessportbundes Niedersachsen, aufgrund eines Verkehrsdeliktes das Gefängnis aufsuchen müßte. Fürwahr, die traurige Offenbarung des heute immer noch oder besser mehr denn je vorhandenen Minderwertigkeitsgedankens, das bestimmte Menschen von vornherein als »unzumutbar« abtut.

Göttingen GERD METTJES

In diesem Jahr habe ich zum sechstenmal die Bedingungen für das Sportabzeichen in Bronze erfüllt. Die auf mich zukommende »Ehrung« durch den Landessportbund Niedersachsen werde ich dankend ablehnen und darauf verzichten, in solch einer »Ge-

* Leiter der Strafanstalt Wolfenbüttel.

meinschaft ... wieder mitzumarschieren« (Schon seine Sprache verrät Lepas geistige Heimat).

Ich könnte mir gut vorstellen, daß eine ganze Reihe von Sportabzeichenbewerbern auf diesem oder ähnlichem Wege ihre Sympathie und Solidarität mit den fortschrittlichen Wolfenbütteler Resozialisierern und ihre Verachtung für die aufgeblasenen vorgestrigen Vergelter vom Schlage Lepas bekunden.

Hänigsen (Nieders.) ERICH BRAUN

Mir wurde unter der Nummer 06859 am 1. November 1967 das Silberne Sportabzeichen verliehen. Auch in diesem Jahr habe ich die Bedingungen für eine Wiederholung erfüllt. Sollte allerdings der eingangs zitierte SPIEGEL-Bericht stimmen und die Entscheidung des Ersten Vorsitzenden in dieser Sache aufrechterhalten bleiben, müßte ich mein Sportabzeichen an den Landessportbund zurückgeben.

Begründung: Durch die Haltung des Vorsitzenden Lepa wird ein vielversprechender Versuch der Resozialisierung von jungen Straffälligen und eine Phase der dringend erforderlichen Modernisierung im Strafvollzug torpediert.

Diese Haltung ist verantwortungslos, und ich bin nicht gewillt, sie passiv hinzunehmen und dadurch zu unterstützen! Ich hoffe, daß in dieser Angelegenheit noch nicht das letzte Wort gesprochen ist!

Tellmer (Nieders.) RAINER T. GEORGII

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