Zur Ausgabe
Artikel 76 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Briefe

Mensch oder Maschine
aus DER SPIEGEL 15/1980

Mensch oder Maschine

(Nr. 13/1980, Christian Schultz-Gerstein zu Klagen über die kulturfeindliche Jugend)

Es liegt nicht an den Klassikern, sondern an der unglaubwürdigen, mit unerträglichem Bildungsdünkel behafteten Vermittlung durch die Schule, wenn Jugendliche nach Alternativen suchen. Als studiertes Arbeiterkind habe ich immer wieder mit Erstaunen feststellen müssen, daß das sogenannte Bildungsbürgertum seine eigene Bildung nicht kennt. Es ist mir nie gelungen, ein Gespräch über den vielzitierten »Faust« zu führen, das sich über das Niveau eines unverbindlichen Geplauders erhoben hätte.

Mülheim (Ruhr) FRANZ FIRLA

Ästhetische Größe ist nicht deshalb zu verdammen, weil sie von den Herrschenden vereinnahmt wird. Es geht vielmehr darum, diese den Herrschenden zu entreißen (markantestes Beispiel ist der Versuch, Wagner aus dem braunen Sumpf zu ziehen) und zu retten, wenn die bestehende Kultur abgebrannt wird. Eine bessere Gesellschaft, aufgebaut auf Elvis und Robert Crumb, ist undenkbar. Das Beieinanderstehen im Plattenregal mit Mozart und Mahler wertet den Schwachsinn von Pink Floyd in keiner Weise auf.

Hamburg HENNING QUEREN stud. rer. pol.

Das find ich also echt Spitze vom SPIEGEL, daß der auch mal was Ordentliches schreibt über die Jugend und nicht nur über sie herzieht, wenn sie nicht mehr Goethe und Schiller und so'n Scheiß lesen wollen. Das bringt doch nichts. Überhaupt schnallt doch kein Mensch, was die überhaupt wollen mit ihrem Gesäusel, daß man schon keine Lust mehr drauf hat. Außerdem sind die ja schon längst tot. Das ist doch alles Schwachsinn und alles finsterstes Mittelalter. Damals hatten die vielleicht Zeit, so wüste Schinken zu schreiben wie die »Buddenbrooks« oder so. Aber heute ist eben keine Zeit mehr dafür, wenn kurz nach vier schon Barbapapa losgeht und etwas später die Plattenküche oder irgend ein Krimi. Und wenn man dann noch auf zwei oder drei Halbe in die »Krone« rüberrauscht, um sich mal auszusprechen, ist der Tag auch wieder futsch.

Was ich noch sagen wollte zu Goethe, Schiller und solchen Typen: Häufig wiederholen die sich auch, so daß es wirklich reicht, wenn in Deutsch mal eine Seite von denen kopiert wird.

Sindelfingen (Bad.-Württ.) DR. GÜNTER ARNS Lehrer, die Nöte einer Gymnasialklasse 12 artikulierend

Ich finde auch, daß ihr Schurnalist Christian Schultz-Gerstein recht hat das er sagt, das die reacktionären Bildungsbürger nur ihrer vergangenen Kultur nachtrauern. Diese repressionen machen mich ganz fix und foxi.

Berlin THOMAS MICKELEIT stud. jur.

Immerhin verschlägt es einem Hochschullehrer die Sprache, wenn aus der Redaktionsstube des SPIEGEL verkündet S.8 wird, Schüler und Studenten läsen nicht weniger als früher, sondern nur anders. Woher diese Weisheit? Die Namen der Kleinverlage, deren Bücher die Jugendlichen denen der Großverlage vorziehen sollen, sind ihnen noch unbekannter als die der Großverlage, deren Bücher sie eh nicht lesen. Ich kann es mir nur mit völliger Ahnungslosigkeit erklären, wenn behauptet wird, Schüler und Studenten widmeten ihre Zeit Ludwig Börne und Karl Kraus, wenn sie schon nichts von Goethe und Kleist wissen wollen. Sie tun weder das eine noch das andere. Gerade das Programm von 2001, das gegen die Bildungsmisere zitiert wird, bestätigt sie eher. Die zweite Kultur ist keine literarische Kultur mehr wie die sogenannte erste. Sie ist -- und das Programm von 2001 zeigt es selbst an -vor allem Schallplattenkultur.

Essen PROF. DR. HORST ALBERT GLASER Universität Essen, Fachbereich 3 Literatur- und Sprachwissenschaften

Nicht die leiseste Ahnung haben Sie, was es für eine Qual ist, sich mit diesen Trotteln (lies: »deutsche« Jugend) permanent abfinden zu müssen. Es schaudert mich, wenn man bedenkt, daß diese geistesbeschränkten Kreaturen einmal die politisch-wirtschaftlichen Positionen einnehmen sollen.

Werl (Nordrh.-Westf.) D. SWITKOWSKI Schüler, Jahrgangsstufe 12

In antiker und klassischer Literatur ist alles Herrschaftswissen kultureller »Großgrundbesitzer« enthalten. Diese elitäre Komponente kann jedoch nur dadurch gebrochen werden, indem diese Literatur, mithin dieses Herrschaftswissen, allen zugänglich gemacht wird, das heißt, das »ideologishe Familiensilber« zur Allgemeinbildung überführt wird. Der Prozeß der Menschwerdung, das Lösen aus der Vorgabe, Instrument einer herrschenden Klasse zu sein, Emanzipation schlechthin also, verläuft über eine Bildung, die besonders klassische Literatur vermittelt. Die Frage ist nicht »Bildungslücke -- ja oder nein?«, sondern »Mensch oder Maschine«.

Langenfeld (Nordrh.-Westf.) FRANK HOFFMANN Schüler der 12. Jahrgangsstufe

Schultz-Gerstein propagiert, und das ist das überaus Peinliche, das Haus, in dem er ein mittelmäßiges Buch veröffentlicht hat, nämlich den Frankfurter Versand 2001, und macht ihn zum größten Umschlagplatz für die Güter der zweiten Kultur.

Hamburg DAGMAR TSCHENSCHER

Christian Schultz-Gerstein trifft den Nagel auf den Kopf. Ich frage mich auch, wieviel Schüler für die »Literatur« verdorben worden sind, weil sie gezwungen worden sind, Thomas Mann und J. W. Goethe zu lesen, vor allem zu einem Zeitpunkt, als sie sich für ganz andere Dinge interessierten.

Gütersloh (Nordrh.-Westf.) MARTIN HEYD Student

Zur Ausgabe
Artikel 76 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.