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Briefe

MENSCHENKENNTNIS
aus DER SPIEGEL 4/1966

MENSCHENKENNTNIS

Zu der Titelgeschichte kann ich Sie nur beglückwünschen. Das war seit Wochen der interessanteste Beitrag.

Hamburg HARRY GRUNWALD

Fast möchte ich meinen, in der Redaktion der naturwissenschaftlichen Abteilung arbeiten fähigere Männer als in der Politik. Liest man die SPIEGEL -Story über die Verhaltensforschung, fällt einem ein Vergleich mit dem hervorragenden »Krebs-Artikel« nicht schwer.

Stuttgart MANFRED RUPRECHT

Zu Ihrem Artikel: Reader's-Digest -Niveau!

Münster KARL-F. MANTHEY

Ihr Artikel »Der Mensch und seine Instinkte« war sehr Interessant zu lesen. Nur finde Ich diese »Wirkgefüge der Instinkte« allzu deprimierend, weil hier nirgends Platz für den menschlichen Geist bleiben will.

Marburg JÖRG SCHMIDT

Sie scheinen der Selbstkritik zu ermangeln, sonst wäre Ihnen von vornherein klar gewesen, daß die jahrtausendealte Denkarbeit des Menschen in Religion und Philosophie nicht auf einigen Seiten Ihrer Zeitschrift widerlegt werden kann.

Wien DR. ANDREAS DENGLER

Ihre Titelgeschichte ist wieder einmal hochinteressant. Aber Ihr Bild dazu auf dem Umschlag paßt nicht dazu und sieht aus, als ob Sie auf das Niveau von Illustrierten herabsteigen wollen.

Wuppertal DR. MED. KLAUS FRESE

Ich konnte in dieser Woche folgende Beobachtung machen: Sehr viele SPIEGEL-Leser, die sonst gar nicht genug zeigen können, daß sie eben den SPIEGEL lesen, hatten beim Lesen der Ausgabe Nummer 53 das Titelblatt so gefaltet, damit auch ja keiner sah, daß der Betreffende den SPIEGEL in der Hand hatte.

Rumeln (Nordrh.-Westf.) ULF VON BORCK

SPIEGEL-Titelbild: Ein überoptimaler Auslöser?

München R. REHBERGER

Erbitte umgehend Ankauf der Originalzeichnung Ihres Titelbildes Nr. 53.

Weinheim (Bad.-Württ.) OTTO JULIUS ZAISER

Glücklicherweise hat die Natur die Auslöser nur an die Stellen gesetzt, an denen die ausgelösten Instinkte auch ein Befriedigungsobjekt finden können. Dagegen ist das als (Kauf-) Anreißer gedachte Titelbild gleichzeitig ein Auslöser für Instinkte, die an beschriebenem Papier nur schwer - und am Inhalt dieser Nummer schon gar nicht - abreagiert werden können. Wer weiß, wieviel unschuldige Mädchen das Opfer dieser verantwortungslos am falschen Platze ausgelösten Instinkte geworden sind? Tip für die Staatsanwaltschaft Hamburg: Statt Landesverrat, Ermittlungen wegen Beihilfe zur Notzucht (§§ 177, 49 StGB).

Tübingen HANS GEORG KRAUSE

... möchte ich Ihnen mitteilen, daß ich Ihr Titelbild sehr eindrucksvoll und graphisch gesehen ausgezeichnet finde. Sosehr ich mich bemüht habe, aber leider kann ich Ihr Titelbild nicht deuten. Auch konnte ich keinen Zusammenhang zwischen dem Titelbild und der Titelgeschichte finden.

Lübeck GEORG ANDERS

Herzlichen Dank für Ihre zwar nicht besinnliche, jedoch zum Nachdenken anregende Weihnachts-Titelgeschichte, die sich so erfrischend von den in dieser Jahreszeit gehandelten Druck-Erzeugnissen abhebt.

Im übrigen freue ich mich schon auf das aggressionswütige Geheul der Rechtgläubigen darüber, daß nicht nur des Menschen Körper vom Affen abstammt, sondern auch sein Sitten- und Moralgebaren tierischen Ursprungs ist.

Kassel THEODOR KURDZEL

Der Bericht über die Verhaltensforschung war für mich kein erfreuliches Neujahrsgeschenk.

Der Zusammenhang von Mensch und Tier ist offenkundig und kann nicht geleugnet werden. Aber hier sind die Dinge sehr einseitig dargestellt. Die Verhaltensforscher setzen naiv voraus, was erst zu beweisen wäre: daß eine völlige Analogie zwischen menschlichem und tierischem Verhalten besteht. Sie bleiben den Beweis dafür schuldig, ob auf dem Umweg über die Beobachtung

von Tieren zutreffende Erkenntnisse über den Menschen gewonnen werden können. Diese Methode, die das spezifisch Menschliche von vornherein ausklammert, läßt gar kein anderes Ergebnis zu als »der Mensch, das noch nicht definierte Tier«.

Die Verhaltensforscher - jedenfalls nach Ihrer Darstellung - sehen geflissentlich von solchen menschlichen Verhaltensweisen ab, zu denen bei Tieren schwerlich eine Entsprechung gefunden werden kann. Beispiel: das Verhalten der Verhaltensforscher selbst.

Schwäbisch Gmünd RUDOLF DINKEL

Pfarrer

Es heißt in Ihrer Titelgeschichte: »Aus dem vorderen Flossenpaar der Knochenfische formten sich - über die Vorderbeine von Fröschen und Echsen, über Maulwurfschaufeln, Gazellen-Sprungbeine und die Kletterarme der Affen - Hand und Arm des Menschen.« Dieser Satz ist einfach falsch. Die Vorderbeine von Fröschen, die Maulwurfschaufeln und die Gazellen-Sprungbeine spielen in der Entwicklung zur menschlichen Hand und zum menschlichen Arm keine Rolle, so schön diese Aufzählung auch klingen mag. Auf einer Tafel, die fast jedes Zoologiebuch enthält, werden wohl diese nebeneinander gezeigt, aber doch nur um anatomische Entsprechungen, nicht um einen phylogenetischen Zusammenhang klarzumachen.

Kronach (Bayern) DR. WILHELM FRANTZEN

Oberstudienrat

Weder die biologische Verhaltensforschung noch Ihr Bericht haben meines Wissens einen einzigen Beweis dafür geliefert, daß die berichteten Verhaltensweisen auf angeborenen Instinkten beruhen. Sie sollten sich einmal in den empirisch fundierten Lerntheorien und den darauf aufbauenden Sozialwissenschaften umtun!

Köln WOLFGANG KAUPEN

Es wird der Eindruck erweckt, als sei die Ethologie der Stein der Weisen, der menschliches Verhalten verständlich macht, insbesondere als habe die Ethologie die Bedeutung der Aggression entdeckt, während zum Beispiel die Psychoanalyse nur in unklarer Weise und etwas ratlos vom Todestrieb gesprochen habe. Dies ist durchaus unzutreffend. Freud hat vielmehr seine Hypothese vom Todestrieb aus seinem Studium des menschlichen Aggressionstriebes und seiner Schicksale entwickelt - lange vor Lorenz und Tinbergen. Man kann zwar sowohl beim menschlichen als auch beim tierischen Verhalten die Bedeutung der Triebe beobachten, aber ein wesentliches Faktum wird in Ihrem Artikel nicht genügend gewürdigt: Beim Menschen spielen Im Gegensatz zum Tier angeborene Verhaltensmuster praktisch keine Rolle. Menschliches Verhalten muß erlernt werden und stellt etwas grundsätzlich anderes dar als tierisches Instinktverhalten. Gewisse formale Übereinstimmungen und Analogien dürfen nicht zu dem Trugschluß verleiten, als handele es sich um das gleiche. Trotz gewisser äußerer Ähnlichkeiten ist zum Beispiel die Bandenbildung Halbstarker etwas ganz anderes und auch ganz anders motiviert als etwa das Balzverhalten bestimmter Vögel oder die Schwarmbildung der Heuschrecken. Der Mensch bildet im Gegensatz zu den Tieren im Laufe des individuellen Lebens eine psychische Struktur, die ungleich formbarer ist und auch sehr viel mehr Möglichkeiten enthält. Bei der Relevanz tierischen Verhaltens für das Verständnis menschlicher Motive dürfte man wohl über Analogien nicht hinauskommen.

Frankfurt DR. MED. LUTZ ROSENKÖTTER

Facharzt für Nervenkrankheiten

Der Tenor Ihres Artikels schien mir der zu sein, daß die Ethologie unseren jahrtausendealten Denkgebäuden endgültig den Todesstoß versetzt. Eine solche Behauptung ignoriert die Leistungen anderer Disziplinen (wie zum Beispiel der Soziologie und Anthropologie), die in imponierender und sachlicher Weise den qualitativen Unterschied zwischen »animalischer« und »menschlicher Natur« herausstellen.

Gifhorn (Nieders.) HANS-JOACHIM PETSCH

Konrad Lorenz sei auch im Namen all derer, die ihn aus jenen Tagen kennen, gedankt für die von hohem Niveau getragenen Vorträge auf dem Gebiet der Verhaltensforschung, gehalten vor seinen Mitgefangenen in Rußland, womit er dem trostlosen Leben hinter Stacheldraht einen Inhalt gab.

Nur ein einziges Mal scheint er mir - Gott schütze mich vor seiner Rache - an seiner Erkenntnis gezweifelt zu haben, als er bis zur Unkenntlichkeit verschwollen neben mir lag, da die Wanzen reichlichst von ihm genascht hatten, während sie mich (scheinbar) verschonten.

Holzminden (Nieders.)

DR. MED. OTTO SCHMITT

Kurz vor Abschluß eines Buches über »Psyche und Instinkt« stehend, einer Auseinandersetzung mit Arnold Gehlens und Karl Lorenz' Vorstellungen über den Menschen, fühle ich mich doch veranlaßt, Ihnen einige Bemerkungen über Ihren Aufsatz zuzuschicken, der dem Thema nach so sehr up to date zu sein scheint.

Karl Lorenz ist ein »großer alter Mann«, daran ist kein Zweifel. Seihe Beobachtungen - und die seiner vorzüglichen Mitarbeiter - überzieht er aber an bestimmten Stellen in höchst spekulativer Weise - wenn er sie nämlich auf den Menschen anwendet. Händehochheben ist eben keine »angeborene Unterwerfungsgeste«, sondern in wenigen Kulturen ein Zeichen dafür, daß man in den Händen keine Waffen trägt. Es hindert nichts beim Aggressor - es sei denn, er akzeptiert diese Geste im Rahmen gelernter Konventionen; wenn nicht, tötet er auch den die Hände Hochhebenden; es hat Fälle gegeben.

Der Mensch hat nämlich keine angeborenen Tötungshemmungen, und die Tatsache, daß er mit bloßen Händen ungern töten mag, wird wohl - falls das stimmt - damit zusammenhängen, daß das Töten mit der menschlichen Hand eine mühselige Sache ist. Der Berichter ist hier der Faszination des Gedankenganges erlegen - und nicht nur hier -, daß der Mensch »doch« sehr triebgebunden sei. Das macht den Aufsatz so merkwürdig: Es werden Erkenntnisse aufgebracht und als neu ausstaffiert, die nur durch das Abreißen des Fadens guter wissenschaftlicher Tradition, nämlich der Tradierung des Gewußten, neu erscheinen können.

Nicht Lorenz und andere (Lorenz selbst zitiert zum Beispiel Whitman 1898) haben jetzt oder vor Jahrzehnten die wichtigen Erkenntnisse über Instinkte gewonnen. Man lese bei August Weisman, Vorträge über Deszendenztheorie (Fischer Jena, erste Auflage 1902, 2. verb. 1904) unter »Die Instinkte der Tiere« (Seite 126) nach über »auslösende Reize« für (angeborene) Handlungen (diese Vorträge wurden ab 1867 gehalten)! Seit Freud war unbezweifelbar, daß es auch für den Menschen sehr konkrete »Auslösungen« gibt. Aber das, was theoretisch mit dem Begriff des »Antriebsüberschusses« (Alfred Seidel, Bewußtsein als Verhängnis, Bonn

1927) dann bei Gehlen bereits erreicht war, geht mit den Spekulationen über den großen Aggressionstrieb - der bei den uns am nächsten stehenden Tieren ja gar nicht nachzuweisen ist - wieder unter. Bereits gegen eine solche Regression der Theorie muß man sich wenden. Die vielen sonstigen Einwände, die - aus der Sicht der Reflextheorie und der neo-behavioristischen Schule gegen Ihre Ausführungen zu erheben wären, fallen demgegenüber weniger ins Gewicht.

Laer (Nrdrh.-Westf.)

PROF. DR. DIETER CLAESSENS

Ordinarius für Soziologie an der Universität Münster

Professor Lorenz hält es für möglich, daß sich die Pausbacken des Kinderkopfes eigens im Verlauf der Evolution als prägnantes Signal herausgebildet haben, das die Zuneigung der Eltern sichern soll. Nicht ganz so weit hergeholt ist die physiologische Deutung: Das eingelagerte Depotfett ("Bichatscher Fettpfropf") verstärkt die schwach ausgebildete Wangenmuskulatur des Kleinkindes als konstruktives Element, das beim Saugakt die Erzeugung des negativen Druckes in der Mundhöhle ermöglicht.

Düsseldorf HANS WILHELM THÖRNEB

Dank den Zoologen für ihre Arbeit und die zum Teil verblüffenden Ergebnisse! Nur die Sache mit dem Küssen will mir nicht recht gefallen. Bei der Erklärung, daß die Steinzeitmütter ihre Säuglinge mit vorgekauten Speisen fütterten, drängt sich unwillkürlich die Frage auf, warum dann die Männer auch küssen!

Dorfmark (Nieders.) DR. MED. H.-D. BEHRE

Die Schlüsse, die von einigen Umweltforschern gezogen werden, wirken teilweise nicht überzeugend. So zum Beispiel wenn behauptet wird, das Küssen der Menschen lasse sich erklären aus einer Wandlung eines Triebes aus der Steinzeit, wo die Mutter die Nahrung den Kindern vorgekaut habe! Man hört, es ist ein »weißer« Mann, der solche Schlüsse zieht. Bei den Farbigen, insbesondere den Asiaten, ist Küssen weithin unbekannt und gilt als unsittlich. Das Beispiel von den Hühnern, die sich in Gesellschaft der Völlerei ergeben, ist schlecht gewählt. Den »Futterneid« kennen viele Tiere. Besser wäre es gewesen, zu erwähnen, daß Ameisen »Lustkäfer« in ihrem Bau hegen, an deren Ausscheidungen sie sich berauschen und in dieser Rauschsucht unter Umständen so ausarten, daß ein ganzes Volk darüber zugrundegehen kann.

Oppenau (Bad.-Württ) M. GUGGER

Lorenz

Claessens

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