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DIRNEN Menschliche Töne

aus DER SPIEGEL 39/1966

Der Vorsteher des Finanzamtes

Frankfurt-Taunustor, Dr. Alexander Griebel, will »den Staat doch nicht blamieren«. Ministerialrat Karl Becker, Leiter der Steuerabteilung im Mainzer Finanzministerium, möchte die Finanzämter »nicht der Lächerlichkeit preisgeben«. Regierungsdirektor Werner Werth, stellvertretender Chef des Finanzamtes Düsseldorf-Süd, sucht zu vermeiden, daß seine Leute »kurzerhand eins über den Kopf kriegen«.

Diese Gefahren drohen Deutschlands Steuerbeamten auf dem Strich - und zwar, seit ihnen vor gut zwei Jahren aufgetragen wurde, sich dienstlich Dirnen zu nähern.

Damals dekretierte der Große Senat des Bundesfinanzhofes, Einkünfte aus gewerbsmäßiger Unzucht seien »sonstige Einkünfte« gemäß Paragraph 22 Ziffer 3 des Einkommensteuergesetzes und müßten versteuert werden.

Eine neue kräftige Geldquelle schien dem Fiskus erschlossen: Etwa 45 000 Frauen, die in Westdeutschland ganztägig oder - nebenberuflich - halbtags stricheln, wurden so auf einen Streich steuerpflichtig.

Und das blonde Mädchen Gerda, Bewohnerin der Quartiere Hinter dem Bahndamm zu Düsseldorf und mit

durchschnittlich 200 Mark Tageskasse nicht einmal Spitzenverdienerin der Branche, bemerkte damals, nun lohne sich »die ganze Mühe wohl nicht mehr«. Über den Daumen gepeilt, so hatte ihr ein sachkundiger Berater vorgerechnet, werde sie künftig jährlich mehr als 20 000 Mark Einkommen- und Kirchensteuer an den Staat abführen müssen.

Doch Gerda machte sich zur Unzeit Sorgen. Denn weitgehend blasse Theorie blieb, was der Bundesfinanzhof 1964 dekretierte:

Um die Mieterinnen des rot-gelb blau gestrichenen »Dreifarbenhauses« zu Stuttgart, einer Stätte der Begegnung zwischen etwa 70 Viertelstundenlöhnerinnen und ihrer Kundschaft, hat sich, nach Auskunft des Hausverwalters, bisher »kein Mensch vom Finanzamt gekümmert«.

Ebenso wie den etwa 60 Bewohnerinnen der Grau in Grau gehaltenen Schlichtbauten in der hannoverschen Ludwigstraße näherten sich auch den Gastgeberinnen im Düsseldorfer Monster-Etablissement Hinter dem Bahndamm (über 200 Mädchen) noch kein Steuerbeamter dienstlich - sei es nun, weil die zuständige Oberfinanzdirektion keine speziellen Anweisungen erließ und deshalb »das Problem noch nicht auf den Tisch gekommen ist« (Finanzamt Hannover-Mitte); sei es, weil die Beamten »noch immer an dem Ding herumtüfteln und noch nicht recht wissen, wie wir das anstellen sollen« (Finanzamt Düsseldorf-Süd).

Weil »die Sache noch vollkommen In der Luft hängt« (so der Essener Steuerrat Blum), blieben die etwa 200 weiß-, schwarz- und braunhäutigen Anwohnerinnen der Stahlstraße zu Essen unbehelligt.

In Rheinland-Pfalz - so der Mainzer Ministerialrat Becker - gingen »unsere bisherigen Versuche, Dirnen als Steuerquelle zu erfassen, aus wie das »Hornberger Schießen«, und die Schleswig -Holsteiner gaben das Feuer erst gar nicht frei - Oberregierungsrat Chemnitz, Referent im Kieler Finanzministerium: »Unser Haus hat keine Neigung, gegen Dirnen steuerrechtlich vorzugehen.«

Für Münchens Oberfinanzdirektion sind leichte Mädchen nur mehr »eine steuerliche Randerscheinung«. Und In Frankfurt, dem Arbeitsfeld vielgeliebter Luxus-Damen vom Schlage der unlängst gewaltsam aus dem Berufsleben gerissenen Helga Matura, verschickte das Finanzamt Taunustor zwar einige Steuererklärungen. Erwartungsgemäß blieben sie aber unbeantwortet, und die Behörde ließ es gut sein.

Schöpft der Fiskus doch einmal aus der »Kloake«, wie der Heilige Thomas von Aquin die Prostitution vor 700 Jahren einmal nannte, so brachten ihn zumeist »Zufälle« (Regierungsdirektor Braun vom Finanzamt Karlsruhe-Stadt) darauf:

In mehreren Städten West- und Süddeutschlands erweckten vermögend gewordene Lebemädchen durch Grundstücks- oder Aktienkäufe das Interesse der Finanzbehörden.

In Berlin führte ein allzu pedantischer Liebhaber ein Mädchen vom Strich der Steuerfahndung zu: Für seine eigene Steuererklärung hatte der Freier als Spesenbeleg auch die Zimmerrechnung einer Absteige sowie die Anschrift der Dame aufgehoben, mit der er dort genächtigt hatte.

Spezifische Eigenarten ihres ambulanten Gewerbes sind es, die das Gros der deutschen Dirnen dem fiskalischen Zugriff entziehen.

So war die blonde Gerda auf Hamburg-St. Pauli tätig gewesen, bevor sie sich in Düsseldorf hinter dem Bahndamm einmietete. Davor war Gerda in Braunschweig anschaffen gegangen, und nach dem dritten Arbeitsplatzwechsel in knapp drei Jahren tut sie es neuerdings in Deutschlands Südwesten.

»Normale Bürger haben wir steuerlich erfaßt«, umreißt Regierungsdirektor Asmuß vom Finanzamt Mannheim -Neckarstadt die Schwierigkeiten, die sich aus dieser branchentypischen Wanderlust ergeben: »Aber diese Personen kennen wir ja gar nicht.«

Und wer sie wirklich kennt, muß schweigen. Das Gesundheitsamt, das als einzige Behörde »eine vollständige Kartei der gewerbsmäßigen Prostituierten« hat - so ein Sprecher der Berliner Finanzverwaltung -, »gibt dem Finanzamt keine Amtshilfe und beruft sich auf ärztliche Schweigepflicht«.

Auch in Hamburg verwehrte die Gesundheitsbehörde der öffentlichen Hand Einblick in die öffentlichen Häuser. Über die Zimmervermieter der weltweit renommierten Herbertstraße konnten die Finanzämter dann aber doch rund 240 Gunstgewerblerinnen namhaft machen. Alle 240 erhielten eine Steuererklärung, 24 antworteten und zahlten. Daraufhin verschickte die Behörde über 150 Zahlungsaufforderungen, und noch einmal wurden zehn Mädchen zahlungswillig - sieben davon allerdings erst, nachdem man ihnen Ratenzahlung zugestanden hatte. So durfte eine auf dem Strich ergraute Endfünfzigerin ihre Steuerschuld in Wochenraten à 50 Mark abstottern.

»Menschlichen Tönen« schreibt Oberinspektor August Zahn vom Finanzamt Hamburg-Neustadt-St. Pauli diese Anfangserfolge zu: »Wir weisen die Mädchen auf die Möglichkeit hin, gewisse Beträge von den Steuern absetzen zu können.« Dazu gehören Ausgaben für Reizwäsche, für Modeschmuck, aber auch für Perücken.

Herbertstraße in Hamburg

Perücken sind absetzbar

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