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REGIERUNG Merkels Milieu

Früher gab es das Girlscamp - jetzt hat die Bundeskanzlerin vor allem Männer um sich geschart. Es ist eine merkwürdige Truppe aus strebsamen Neulingen und alten Hasen, die das Kanzleramt beherrschen. Eines aber ist wie früher: Der Boss ist eine Frau. Von Ralf Neukirch
aus DER SPIEGEL 2/2008

Christoph Heusgen öffnet vorsichtig die Tür und blickt im Raum umher. Er sieht die Kanzlerin, den Regierungssprecher, dann entdeckt er die Frau, die er sucht. Heusgen geht leise zu Beate Baumann, er bückt sich und zeigt ihr seine Notizen.

Heusgen ist Angela Merkels außenpolitischer Berater. Baumann ist die Büroleiterin der Kanzlerin. Sie sitzt gerade im 22. Stock des Deutschen Hauses in New York, in der deutschen Vertretung bei den Vereinten Nationen. Merkel führt ein Gespräch mit Journalisten über die weltpolitische Lage.

Baumann hört konzentriert zu. Ein Journalist will wissen, ob der Klimaschutz das wichtigste außenpolitische Thema für Merkel sei. Baumann schüttelt den Kopf. »Nein«, sagt Merkel, »es gibt Iran, den Nahen Osten, Nordkorea.« Baumann entspannt sich, es war die richtige Antwort.

Dann liest sie die zwei Absätze, die Heusgen ihr hinhält. »Das ist super«, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf den ersten Absatz. »Und das hier?«, fragt sie und blickt Heusgen an. Heusgen flüstert ein paar Sätze. »Okay, sehr schön«, sagt Baumann. »Das machen wir so.« Heusgen verschwindet so leise, wie er gekommen ist.

Merkel muss am Abend ihre erste Rede vor den Vereinten Nationen halten. Es ist ein wichtiger Auftritt, es geht um Klimaschutz,

die Reform des Sicherheitsrats und Iran. Die Rede ist in großen Teilen von Heusgen und seinen Mitarbeitern geschrieben worden.

Das letzte Wort aber hat Baumann. Sie entscheidet alle wichtigen Dinge, die Merkel betreffen. Sie hat die zentralen Reden Merkels der vergangenen zehn Jahre redigiert. Heusgen weiß sehr genau, wer im Kanzleramt das letzte Wort hat. Manchmal sogar das allerletzte Wort nach der Bundeskanzlerin.

Baumann und Heusgen gehören zu Merkels Kerntruppe. Einige Abteilungsleiter zählen noch dazu, der Kanzleramtschef und der Regierungssprecher. Es ist nicht mehr das Girlscamp, die Frauengruppe, die einst mit Merkel berühmt wurde. Die Männer sind jetzt in der Mehrheit, aber der Boss im Kanzleramt ist eine Frau, Beate Baumann.

Schon das zeigt, dass die Bundeskanzlerin eine ganz eigene Truppe um sich geschart hat, eine Mischung aus Klugheit, Härte, Leisetreterei und, wie zur Würze, einem Schuss Schröderscher Verspieltheit. Das alles zusammen ergibt Merkels Milieu.

Die drei Männer gehen so behutsam miteinander um, als wären sie Teilnehmer eines Seminars für ordentliche Manieren. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm reicht dem Abteilungsleiter für Europapolitik, Uwe Corsepius, einen Teller mit Weihnachtsgebäck. Corsepius nimmt ein Plätzchen und sagt auf eine Frage lächelnd: »Das kann der Christoph vielleicht noch besser erläutern.«

»Der Christoph« ist Christoph Heusgen. Die drei Spitzenbeamten informieren im Briefing-Raum des Bundespresseamts über das Gipfeltreffen zwischen der Europäischen Union und Afrika. Sie fallen sich nicht ins Wort, sie kämpfen nicht um den längsten Redeanteil. Sie benehmen sich reichlich untypisch. Wilhelm, Corsepius und Heusgen gehören zum kleinsten Kreis von Merkels wichtigen Beratern. Der Chef der wirtschaftspolitischen Abteilung, Jens Weidmann, zählt noch dazu, der Leiter des Planungsstabs, Matthias Graf von Kielmansegg, und Ronald Pofalla, der Generalsekretär der CDU und Merkels engster Vertrauter außerhalb des Kanzleramts. Sie sind Merkels Boygroup.

Heusgen ist ein freundlicher Schlaks mit rahmenloser Brille und graumelierten Locken. Er ist 52 Jahre alt, wirkt aber deutlich jünger. Fast alle Männer in Merkels Umgebung haben diese Jugendlichkeit, dieses Bubenhafte im Gesicht. Solange sie nicht reden, wirken sie merkwürdig unerwachsen, mehr wie Jungen als Männer.

Heusgens Stimme ist sanft, was durch den Singsang seiner rheinischen Heimat noch betont wird. Er ist für die kniffligen Themen zuständig, er kümmert sich um das Verhältnis zu China und Russland, den Konflikt mit Iran, den Nahen Osten. Er redet viel von wertegebundener Außenpolitik und davon, dass deutsche Außenpolitik europäisch verankert sein müsse. Heusgen spricht so, wie sich die Neokonservativen in den USA den europäischen Wischiwaschi-Diplomaten vorstellen.

Seine Bilanz sprach aus Merkels Sicht für ihn. Er hatte als Stabschef von Javier Solana, dem Außenbeauftragten der Europäischen Union, die Außenpolitik der EU maßgeblich mitgeprägt: vom militärischen Einsatz in Mazedonien bis zur erfolgreichen Vermittlung bei der orange Revolution in der Ukraine.

Merkel kannte Heusgen kaum, als sie ihn zu ihrem Chefberater machte. Ähnlich war es bei Weidmann und Corsepius, den anderen wichtigen Abteilungsleitern. Weidmann war Abteilungsleiter bei der Bundesbank, Corsepius hatte schon unter Helmut Kohl und Gerhard Schröder im Kanzleramt gearbeitet.

Man kann sich vorstellen, an welche Männer Merkel dachte, als sie ihr Team zusammenstellte. An Roland Koch zum Beispiel, der alles und jeden am liebsten brutalstmöglich erledigt. Oder an Gerhard Schröder, den ein Hormonstoß bei seinem TV-Auftritt am Wahlabend endgültig die Kanzlerschaft kostete.

Merkel kennt diese Männer, die mit den Händen in den Hosentaschen am liebsten über sich selber reden. Sie hat ihnen zahllose Niederlagen zugefügt. Aber sie hat auch gelitten unter ihnen.

Ihre Berater verkörpern den gegenteiligen Männertyp. Sie sind zurückhaltend, fast weich. Sie sind klug, aber nicht gefährlich. Bei einer Dopingkontrolle müsste keiner von ihnen einen erhöhten Testosteronwert fürchten.

Weidmann ist ein sympathischer 39-Jähriger mit einem Sinn für Ironie. Er trägt einen grauen Anzug, maßgeschneidert, was im Kanzleramt als frivol gelten würde, wenn es jemand merkte. Weidmann sitzt in seinem Büro und versucht, sich kleinerzureden, als er ist.

Während der Krise beim europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS hat Merkel sich vor allem auf seinen Rat verlassen. Weidmann ist wichtiger als der Wirtschaftsminister, aber das würde er nie so sagen. Dabei sitzen Weidmann und seine Kollegen auf Positionen, auf denen sich viele ihrer Vorgänger so schnell wie möglich den Funktionszusatz »Neben-» sichern wollten: Nebenaußenminister, Nebenwirtschaftsminister. Das ist unter Merkel undenkbar. Die Kanzlerin soll glänzen, nicht die Berater.

»Wir haben alle keine eigene machtpolitische Agenda«, sagt Weidmann. Er lächelt viel, vor allem wenn er über die Zusammenarbeit mit Heusgen und Corsepius redet. Sie gehen manchmal zusammen essen, sie reden über die Arbeit und über ihre Kinder. Die drei haben sich versprochen, Konflikte freundschaftlich beizulegen. Bislang funktioniert das.

Das ist bemerkenswert, weil die Konflikte zwischen den Spitzenbeamten fast schon zum Selbstverständnis des Kanzleramts gehören. Kohls Abteilungsleiter mussten zeitweise gezwungen werden, miteinander zu sprechen. Die Zahl der Selbstdarsteller auf den Spitzenposten des Amts ist traditionell hoch.

Die Männer in Merkels Nähe sind anders, uneitel - oder sie lassen sich ihre Eitelkeit zumindest nicht anmerken. »Es ist keine nach außen gerichtete Eitelkeit«, sagt einer von ihnen. »Wir befriedigen unsere Eitelkeit aus anderen Quellen.«

Aus der Fürsorge der Kanzlerin beispielsweise. Einmal musste sie Heusgen kurz abfertigen, als er zu ihr ins Büro kam, weil sie einen dringenden Termin hatte. Am folgenden Morgen bekam er eine SMS von der Kanzlerin: Es sei gestern etwas kurz gewesen, sie würde sich gern ausführlicher mit ihm über das Thema unterhalten.

Merkels Berater dürfen nur nach innen stark sein. Das ist der Preis, den sie für

ihre Nähe zur Macht zahlen müssen. Als Schröder Kanzler war, musste ein Abteilungsleiter gehen, weil er im Regierungsflugzeug gepöbelt und lautstark Kaviar verlangt hatte. Bei Merkel käme niemand auf die Idee, nach Kaviar zu brüllen.

Der Weg zu Beate Baumann führt vorbei an versenkbaren Stahlgittern und Sicherheitskontrollen in den mächtigen Betonkubus des Kanzleramts. Im Mittelteil, dem sogenannten Leitungstrakt, surrt ein runder Aufzug wie aus einem Science-Fiction-Film der siebziger Jahre in den siebten Stock. Hier ist das Herz der Macht, hier residieren Merkel, Baumann und der Kanzleramtschef.

Beate Baumann begrüßt den Besucher in ihrem Vorzimmer. Es herrscht eine unwirkliche Ruhe im Kanzlertrakt, die Teppiche schlucken die Schritte der Mitarbeiter, und von den anderen Büros dringt kein Laut herüber. Das Leben draußen wirkt ziemlich fern.

Plötzlich steht die Kanzlerin in der Tür. Sie trägt einen apricotfarbenen Blazer, eine schwarze Hose und schwarze Slipper. »Ich dachte, Sie seien schon weg«, sagt Baumann. Sie trägt ebenfalls einen apricotfarbenen Blazer, eine schwarze Hose und schwarze Slipper. »In ein paar Minuten«, sagt Merkel. »Ich muss noch etwas mit Ihnen besprechen.«

Merkel und Baumann sehen sich meist drei- bis viermal am Tag, manchmal nur für wenige Minuten. Ihre Büros liegen an einem Gang, zwischen ihnen sitzt Baumanns Stellvertreter Thomas Romes. Die Türen zwischen den Büros sind immer offen.

Baumanns Nähe ist wichtig für Merkel. Niemand kennt sie so gut wie sie, keiner hat einen solchen Einfluss auf die Kanzlerin. Dass die beiden Frauen an diesem Tag gleich gekleidet sind, ist Zufall, aber es sagt etwas aus über das Verhältnis der beiden.

Vor mehr als 15 Jahren haben sie sich kennengelernt, Merkel war Familienministerin und gerade zur stellvertretenden Parteivorsitzenden aufgestiegen. Sie fremdelte noch in der CDU und suchte einen Mitarbeiter für das Konrad-Adenauer-Haus. Christian Wulff, der heute Ministerpräsident von Niedersachsen ist, empfahl Baumann, die Anglistik und Germanistik studiert hatte und in der Jungen Union aktiv war.

Die Frauen verstanden sich auf Anhieb. Sie waren sich schon äußerlich ähnlich: praktische Kurzhaarfrisur, kein Make-up und ein eher spröder Charme. Sie verbindet zudem eine gemeinsame Abneigung gegen alles Aufgesetzte und Zeremonielle.

Baumann hat sich einen nüchternen Blick auf die Politik bewahrt. Wenn die 44-Jährige über gewisse Rituale spricht, die unter den Männern in der Politik üblich sind, bekommt ihre Stimme einen belustigten Ton. Das kennt man auch von der Kanzlerin.

Baumann redet schnell und präzise, sie hat keine Zeit zu verschenken. Geschwafel hasst sie, auch da gleicht sie ihrer Chefin. Baumann ist es egal, mit wem sie sich anlegt, wenn sie Merkel schützen will.

Im Wahlkampf hat sie einmal den damaligen CDU-Generalsekretär Volker Kauder aufgefordert, eine Presseerklärung richtigzustellen. Kauder tobte, er sei gewählter Abgeordneter und habe schließlich das Mandat eines Parteitags. Am Ende hat er klein beigegeben.

Merkel spricht jede wichtige Entscheidung mit ihrer Büroleiterin ab. Als der Dalai Lama um ein Treffen mit Merkel bat, plädierte Baumann dafür, ihn ins Kanzleramt einzuladen. Die außenpolitischen Experten im Amt hätten einen anderen Ort bevorzugt.

Baumann setzte sich durch, wie so oft. Die Folge ist das, was Außenminister Frank-Walter Steinmeier als »schwerwiegende Turbulenzen« im Verhältnis zu China beschreibt.

Mit Baumann ist Merkel weit gekommen, aber es hat auch Nachteile, dass sie sich vor allem auf ihre Büroleiterin verlässt. Die Kanzlerin ist keine begabte Rednerin, ein guter Redenschreiber könnte ihren Auftritten vielleicht ein bisschen Glanz verleihen. Baumann sorgt vor allem dafür, dass Merkels Reden auch den Merkel-Sound haben. Dabei ist dieser Sound, eine Mischung aus Politikerjargon und Volkshochschulrhetorik, Teil des Problems.

Die Frauen sind sich so ähnlich, dass Baumann Merkels Schwächen verstärkt, statt sie auszugleichen. Merkel hatte sich lange geweigert, an ihrem Äußeren etwas zu ändern. Sie schminkte sich nicht für kurze Statements, sie kleidete sich in unvorteilhaften Farben, es waren Dinge, auf die es ihrer Meinung nach nicht ankam.

Baumann, ein ähnlicher Frauentyp, bestärkte sie in dieser Sicht. Dafür musste Merkel einen Preis zahlen.

Dennoch hat Merkel ihre Macht mit Baumanns Hilfe schneller gefestigt als jeder

andere Kanzler seit Konrad Adenauer. In der Union traut sich niemand mehr, gegen ihre Politik aufzumucken. Das erleichtert das Regieren, beschränkt es aber zugleich.

Das System Baumann hält nicht nur Kritik von Merkels Machtuniversum fern, sondern auch Anregungen, Ideen, Alternativen. Es ist ein perfektes System für eine Kanzlerin, die die Tagespolitik reibungslos abwickeln will, aber nicht mehr.

Vor einiger Zeit trat ein CDU-Sprecher nach einer Fraktionssitzung auf Merkel zu, um mit ihr eine Pressemitteilung abzustimmen. »Das kann ja wohl nicht sein, dass Sie das jetzt auch noch machen«, zischte Baumann und zog dem Mann die Pressemitteilung aus der Hand. »Das machen wir jetzt nicht.«

Der Wutausbruch galt nicht dem Sprecher, sondern Merkel. Beate Baumann ist die Frau, der selbst die Kanzlerin gehorcht.

Thomas de Maizière will zum Abflugsgate, aber der Sicherheitsbeamte besteht auf dem üblichen Verfahren. Er soll seine Jacke ausziehen und durch das Röntgengerät schicken. Für den Chef des Kanzleramts gelten die Regeln eigentlich nicht. De Maizière winkt ab, als seine Referentin die Sache klären will. »Lassen Sie, wir machen das schnell so.«

Der Sicherheitsbeamte merkt nicht, mit wem er es zu tun hat. De Maizière ist einer der wichtigsten Minister der Regierung, aber ein ziemlich unbekannter.

An der kleinen Flughafenbar bestellt er sich ein alkoholfreies Bier. Es ist schon Abend, er hätte jetzt gern ein richtiges Pils, aber er muss noch ins Büro. Auf seinem Tisch liegen jede Menge Akten. Es sei für ihn kein Problem, dass er oft nicht erkannt werde, sagt de Maizière. Ein Kanzleramtsminister mache seine Sache dann ordentlich, wenn er nicht auffalle.

So, wie er es sagt, klingt es nicht kokett. De Maizière ist freundlich, aber zurückhaltend, ja spröde. Seine rechteckige Brille lässt ihn streng wirken. Er redet sehr ruhig, ein Mann für den politischen Small Talk ist er nicht. De Maizière sieht sich gern als den Typ, der wichtige Dinge effizient und geräuschlos erledigt.

Er kann die Funktion des Kanzleramtschefs und seine Rolle in der Großen Koalition sehr eloquent beschreiben. Der Chef BK, wie sie ihn alle nennen, muss die Interessen der Ministerien ausgleichen, er muss vermitteln und Entscheidungen vorbereiten. Das ist ziemlich unglamourös, aber wichtig.

Es lief gut, als es darum ging, möglichst unauffällig zu regieren. Die Rede eines Umweltministers glätten, eine Grundsatzposition zum Mindestlohn vorbereiten, diese Dinge. Es lief, solange beide Regierungsparteien nicht wussten, wohin sie eigentlich wollten, als es für Merkel das wichtigste Ziel war, keine Angriffsfläche zu bieten.

Seit einiger Zeit ist das anders. Die SPD rückt nach links, und die CDU weiß noch nicht, wie weit sie nachrücken soll.

De Maizière leert sein Glas und kommt auf die Politik im Allgemeinen zu sprechen. Plötzlich klingt er lebhafter, engagierter. Es geht um Dinge wie Führung und Wahrhaftigkeit. Man spürt eine Sehnsucht nach mehr als dem täglichen Planen, Koordinieren und Verwalten. De Maizière war in Sachsen auch Finanz-, Justiz- und Innenminister. Er ist ein Politiker, der in Berlin die Arbeit eines Beamten erledigt. Für einen Mann mit seinen Ambitionen ist das zu wenig.

Er wäre für Merkel gern das, was Steinmeier für Schröder war. Steinmeier war der Architekt der Agenda 2010, er hat die wichtigen strategischen Fragen mitentschieden. Doch Merkel braucht keinen Strategen, weil sie vor allem taktisch agiert.

Am Anfang dachte de Maizière, er könne mehr bewegen. Beate Baumann hat ihm dann nach und nach klargemacht, wer der Chef ist. De Maizière musste die Rollenverteilung schließlich akzeptieren.

Thomas Steg presst die Lippen zusammen und guckt in die Ferne. Über seiner Nase steigen zwei Falten steil nach oben. »Die Bundeskanzlerin«, sagt er, und seine Miene wird noch ein wenig ernster, »die Bundeskanzlerin hat in dieser Woche - manchmal gibt es Phasen, da ist das außerordentlich segensreich - nach innen gewirkt und weniger nach außen agiert.« Dann lächelt Steg. Er liebt sprachliche Pirouetten, er zelebriert seine Auftritte.

Was Merkel und ihren Männern an Eitelkeit fehlt, das macht Steg locker wieder

wett. Er ist der einzige wichtige Mitarbeiter, den Merkel nicht persönlich ausgesucht hat. Selbst wenn man es nicht wüsste, merkte man es sofort, schon an den markanten Gesichtszügen.

Steg ist stellvertretender Regierungssprecher, und der wird von der SPD gestellt. Er war in den vergangenen Jahren der eigentliche Sprecher der rot-grünen Regierung.

In der Schar der netten, beflissenen Merkel-Leute fällt Steg auf. Er ist auch nett, aber auf eine wölfische Art. In Steg spiegelt sich Schröder, so wie sich Merkel in ihren Mitarbeitern spiegelt.

Ulrich Wilhelm, der Regierungssprecher, mag Steg nicht. Der erwidert Wilhelms Gefühle. Wilhelm ist ein smarter Münchner, der aussieht wie ein Skilehrer. Er hat eigentlich keinen Grund, auf Steg eifersüchtig zu sein.

Wilhelm hat einen besseren Zugang zur Kanzlerin. Merkel vertraut ihm und hört auf seinen Rat. Was ihm fehlt, ist das Stückchen Verschlagenheit, das man als Sprecher manchmal braucht.

Auch Merkel ist aufgefallen, dass die interessanten Formulierungen, die die Medien aufgreifen, oft von Steg kommen. Er kann einer Geschichte Spin geben, die Tatsachen so drehen, dass sie in einem etwas anderen Licht erscheinen. Wilhelm tut sich damit schwer.

Steg hat Unionsfraktionschef Volker Kauder öffentlich zurückgepfiffen, als der in einem Interview Vorschläge zur Gesundheitsreform machte. Er hat die CDU-Minister Wolfgang Schäuble und Franz Josef Jung im Namen der Kanzlerin gerügt. Wenn Merkel eine öffentliche Diskussion beenden will, dann geschieht das in der Regel über Steg.

Das sei Zufall, sagt Steg, und so beteuert es auch Merkels Umgebung. Es handelt sich allerdings um eine Menge Zufälle. Steg hat etwas von der spielerischen Art, mit der Schröder Politik betrieben hat. Als Wilhelm in der Bundespressekonferenz auf den Parteienstreit um das Arbeitslosengeld angesprochen wurde, sagte er: »Wir sprechen hier für die Bundesregierung und können deshalb nur zu Gegenständen des Regierungshandelns als solchen Stellung nehmen.«

Das stimmt formal, aber man hätte natürlich trotzdem eine Botschaft der Kanzlerin transportieren können. Das Spielerische geht Merkels Leuten ab.

Steg wird nie zu den ganz engen Vertrauten Merkels zählen. Am Ende bleibt er ein Mann des anderen Lagers. Aber er fasziniert Merkel, weil er ein Überlebender jener Zeit ist, als das Kanzleramt ein wilder, unberechenbarer Ort war.

Merkel hat das Kanzleramt zu einem Ort der Stille gemacht. Ihre Machtmaschine schnurrt, jeder kennt seinen Platz, das oberste Ziel heißt Funktionieren. Das ist effektiv. Aber manchmal ist ein bisschen Wildheit spannender.

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