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Hausmitteilung Merkwürdigkeiten in der Welt

aus DER SPIEGEL 51/1990

Manipuliert der SPIEGEL Dokumente? Wurden Unterlagen und Beweisstücke verändert - und damit gefälscht -, so daß sie ins gedruckte Bild passen? Selbst treueste SPIEGEL-Leser konnten letzte Woche irritiert sein: In einem Teil der Auflage war ein wichtiges Dokument sinnentstellend verändert.

Im Bericht über den Fall Lothar de Maiziere war von einer Stasi-Karteikarte die Rede, auf der ein Stasi-Mitarbeiter mit dem Decknamen Czerni unter der Berliner Adresse Am Treptower Park 31 verzeichnet ist - der Adresse de Maizieres. Auf der Abbildung der Karteikarte waren in manchen SPIEGEL-Exemplaren andere Hausnummern zu sehen.

Am vergangenen Donnerstag verbreitete sich Die Welt auf ihrer Seite 1 über sogenannte »Merkwürdigkeiten« der SPIEGEL-Veröffentlichung. Auf der abgebildeten Karteikarte, schrieb das Blatt, seien »in einzelnen Ausgaben des Magazins« unterschiedliche Hausnummern angegeben: »Die Veränderungen wurden offenkundig mit einem Stift vorgenommen.«

Als Die Welt dies schrieb und dazu »die verschiedenen SPIEGEL-Varianten der Adresse des angeblichen Stasi-Agenten« abbildete, war ihr - wie einer Vielzahl deutscher Zeitungen, den Nachrichtenagenturen und Funk- und Fernsehsendern - bereits eine Erklärung der Druckerei von Gruner + Jahr in Itzehoe, wo der SPIEGEL gedruckt wird, zugegangen. Sie machte detailliert klar, was wirklich geschehen war: _____« Eine Kopie des Original-Dokumentes »Stasi-Karteikarte » _____« Czerni« wurde im Rahmen der drucktechnischen Bearbeitung » _____« von einem Scanner digitalisiert. Die über den Scanner » _____« erzeugten Digital-Daten waren auf dem Bildschirm-Monitor » _____« des Bildverarbeitungssystems der Druckerei teilweise » _____« schlecht lesbar. Diese Teile wurden zur Wiederherstellung » _____« der Lesbarkeit retuschiert. Hierzu gehörte die Hausnummer » _____« 31 ebenso wie etwa auch die Worte »Am Treptower Park« in » _____« derselben Zeile. Bei diesem drucktechnisch notwendigen » _____« Vorgang interpretierte die mit dieser Aufgabe befaßte » _____« Retuscheurin die Ziffer 3 als die Ziffer 5. » _____« Diese Fehlinterpretation wurde nach Ausdruck und Versand » _____« einer kleinen Teilauflage durch Mitarbeiter des » _____« SPIEGEL-Verlages erkannt und von der Druckerei beseitigt. » _____« Gruner Druck stellt abschließend fest, daß diese » _____« Verwechslung auf menschliches Versagen und nicht auf den » _____« Einfluß Dritter oder gar den des SPIEGEL zurückzuführen » _____« ist. Gruner Druck bedauert diesen Vorfall! »

So bedauerlich der Vorfall ist, so wenig gibt er Grund zu Verdächtigungen. Die von Gruner Druck beschriebene Retusche ist eine im Druckgewerbe übliche, eine metiernotwendige Technik, die allein der Qualitätsverbesserung des Druckbildes dient; sie wird überall angewandt und hat, wie jeder Fachmann weiß, nichts mit inhaltlicher Veränderung zu tun.

Mitarbeiter der Druckhäuser in Itzehoe und Nürnberg (wo eine Teilauflage des SPIEGEL gedruckt wird) versuchten zunächst, den Fehler im SPIEGEL 50/1990 durch mechanische Korrektur auf den Druckzylindern zu beheben. Auch dieses Korrekturverfahren ("Sticheln") wird in allen Druckereien der Welt angewandt, sollte aber bei der Reproduktion von Dokumenten besser unterbleiben.

Schließlich wurde der fehlerhafte durch einen neuen Druckzylinder mit der richtigen »Czerni«-Hausnummer 31 ersetzt. Als Folge der verschiedenen Korrektur-Stadien kamen SPIEGEL-Exemplare mit unterschiedlichen Zuständen der Karteikarten-Abbildung in den Handel. Bedauerlich, aber nichts Böses dahinter.

Der SPIEGEL stellt also fest: Die Stasi-Karteikarte nennt als »Czerni«-Adresse »Am Treptower Park 31«, die Adresse de Maizieres. So und nicht anders stand es auf der Druckvorlage, die der SPIEGEL an Gruner Druck gab (siehe Abbildung) und die dort einem menschlichen Versagen anheimfiel.

Festzuhalten ist: Die Welt hat ihren Artikel, der offenkundig den SPIEGEL einer Fälschung verdächtigen sollte, wider besseres Wissen veröffentlicht.

Nachzutragen bleibt: Die in der Welt veröffentlichte Abbildung der »verschiedenen SPIEGEL-Varianten« zeigt Spuren einer retuschierenden Bearbeitung, die offenbar von der Welt vorgenommen wurde - gewiß drucktechnisch notwendig zwecks Verbesserung der Lesbarkeit.

Der SPIEGEL bat Die Welt letzte Woche, ihm die für ihre Veröffentlichung als Druckvorlage benutzten Originalseiten der verschiedenen Ausgaben zur Ansicht und Nachprüfung zu überlassen. Die Bitte wurde nicht erfüllt.

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