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Atomschmuggel Methode Mausefalle

Ein Münchner Fall zeigt: Mit gewagten Tricks locken Fahnder Nuklearhehler und heizen so den Markt an.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Der Mann hat schütteres blondes Haar, ist etwa 1,65 Meter groß, kleidet sich dezent und vermeidet aufdringliche Gesten. Walter Boeden sieht unauffällig aus. Wer mit ihm zu tun hatte, erinnert sich allenfalls an eine Eigenart: Er blinzelt heftig, wenn er seine Brille abnimmt.

In einem Attache-Koffer hat Boeden stets Tarnpapiere parat - zuweilen versteckt er auch elektronisches Lauschgerät darin. Stilecht für einen Spezialisten, der von seinem Arbeitgeber als »nicht offen ermittelnder Polizeibeamter« (noeP) geführt wird, fährt Boeden einen Jaguar.

Der Untergrundmann gilt als beste Spürnase des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA). Der Karrierebeamte vom Dezernat 62 (Allgemeine Ermittlungen) hat nicht nur in seiner Behörde einen legendären Ruf. »Ein hervorragender Mitarbeiter«, schwärmt auch sein oberster Chef, der bayerische Innenminister Günther Beckstein.

Becksteins Supercop spielte im Münchner Plutoniumfall vom 10. August vergangenen Jahres eine zentrale Rolle. Ein Spanier mit dem Decknamen »Rafa«, V-Mann des Bundesnachrichtendienstes (BND), hatte drei Schmuggler mit 363 Gramm des Bombenstoffes Plutonium von Moskau nach München gelotst. LKA-Mann Boeden hatte sich dem Trio zuvor als Kaufinteressent präsentiert.

Die Masche hat Boeden schon häufiger erprobt. Allein im vergangenen Jahr gingen bei seiner Behörde 118 Hinweise auf illegale Atomgeschäfte ein. Weil wirkliche Interessenten für den Strahlenstoff aber fehlen, trat Fahnder Boeden oft in der Rolle des Käufers auf.

Ein fragwürdiges Geschäft: Untergrundagenten vom Typ Boeden haben den illegalen Markt für Nuklearmaterial vornehmlich aus dem Osten weitgehend selbst geschaffen, obwohl sie ihn eigentlich trockenlegen sollen.

Boeden dirigierte den Plutoniumdeal von München, und der stets eingeweihte BND vermerkte, daß »hierbei letztlich auf Antrieb des LKA bzw. seines verdeckten Ermittlers gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen« werde.

Durch den Vermerk erfuhren, so die Süddeutsche Zeitung, am 26. Juli vergangenen Jahres sowohl Staatsminister Bernd Schmidbauer als auch dessen Chef Helmut Kohl von den laufenden Operationen Boedens. Nur an einem lief die Information vorbei: BND-Präsident Konrad Porzner (SPD) wurde, mit einem BND-intern »Aktion Bypass« genannten Manöver, übergangen - durch seinen damaligen Vize Paul Münstermann (CSU).

Seit etwa drei Jahren kämpft Boeden an geheimer Front gegen Atomschmuggler. Seine Tricks sind nicht immer fein: Wer ihm ungefährlichen Atomtrödel bringt, wird so lange bedrängt, bis er richtigen Stoff herbeischafft.

»Verdammt übel«, sagt ein bayerischer Kaufmann, habe Boeden ihm mitgespielt: »Der hat versucht, mich fertigzumachen.« Sein Fall zeigt beispielhaft, welch zwielichtiges Spiel Ermittler auf dem Nuklearmarkt wagen.

Fahnder Boeden hatte sich in jenen grauen Markt einschleusen lassen, auf dem dubiose Geschäftsleute mit allerlei raren Metallen wie etwa Osmium oder Scandium und sogenannten seltenen Erden handeln. In dem bizarren Basar vermuten Fahnder von jeher auch Desperados, die bereit und fähig sind, für viel Geld Nuklearmaterial aus dunklen Quellen zu beschaffen.

Im Frühjahr 1993 stieß Boeden, diskret vermittelt durch einen als »Finanzmakler Dr. Blum« getarnten LKA-Kollegen, auf den bayerischen Kaufmann, der sich als Osmium-Händler durchschlug. Schon beim ersten Treffen, standesgemäß im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten, hielt sich Boeden nicht lange bei den legalen exotischen Stoffen auf. Bald schon fragte Boeden nach Cäsium, Plutonium und vor allem nach Californium 252, einem radioaktiven Transuran, das etwa zur Zündung von Atomsprengköpfen verwendet wird.

Boeden gab sich bei den Treffen als Geschäftsführer der »Intertrade« mit Sitz im pompösen Marmorbau Elisenhof in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs aus. Diese Firma existiert nicht. Er sei, flunkerte er dem Osmium-Händler vor, Bevollmächtigter einer Käufergruppe aus dem Nahen Osten und deutete dabei den Irak an. Bei späteren Gesprächen, meist im schummrigen italienischen Restaurant »Camarina«, führte Boeden eine charmante Intertrade-Mitarbeiterin namens Maybach ein, die fortan telefonisch Kontakt zu dem bayerischen Kaufmann hielt.

Den beiden angeblichen Intertrade-Leuten fiel es leicht, den zunächst zaudernden Geschäftsmann in den Griff zu bekommen: Boeden bekam spitz, daß der Händler vor dem finanziellen Ruin stand.

»Der Boeden«, sagt der Händler, »hat meine Notlage brutal ausgenutzt. Der hat alles über mich gewußt. Ich war am Ende, ich konnte nicht mehr. Dann bin ich halt zusammengebrochen.«

Der Pleitier bat seinen angehenden Partner Boeden schließlich um einen Kredit über 30 000 Mark. Der Fahnder lehnte ab, schlug aber ein lukratives Geschäft vor. Mit Hilfe seiner Verbindungen _(* Am 6. April 1993 in Bremen. ) in der Szene solle der Kaufmann nukleare Ware besorgen.

Am 23. April 1993 stellte Boeden auf Briefbögen der fiktiven Firma Intertrade Auftragsbestätigungen aus. Er wollte Plutonium und Californium, die Bestellung listete Mengen und Spezifikationen auf, ordentlich unterzeichnet von Boeden und Maybach.

Boeden wies als Sicherheit eine Bonitätsbescheinigung der Hypobank-Filiale am Münchner Flughafen vor, die für 1,78 Millionen Dollar (damals 2,84 Millionen Mark) geradestehen wollte - eine Million Dollar war der Kaufpreis, den Boeden bot. Der Händler sollte eine halbe Million Dollar Provision kassieren. So wäre er, sagt der Mann, »mit einem Schlag aus dem Schlamassel« gewesen.

Boeden lockte und drohte: Einem früheren Geschäftspartner vertraute der bedrängte Osmium-Händler damals an, er werde von einem Auftraggeber »erpresserisch bedrängt« und müsse »das Ding unbedingt landen«, weil er »sonst vor die Hunde« gehe.

Der Agent tat, als ob er selbst Angst hätte: »Wenn die Sache nicht läuft«, so Boeden drei Wochen vor dem geplanten Abschluß, »schicken meine Käufer Leute. Dann kracht''s.« Dabei könne es auch dem Kaufmann »an den Kragen« gehen.

Zugleich führte Boeden seinen Beschaffer aber auch nobel zum Essen aus und spornte ihn mit der Aussicht auf eine strahlende Zukunft an. Das Californium-Geschäft sei der Einstieg in andere lukrative Handelsbeziehungen, auch legale: »Wir brauchen«, schwadronierte er, »jeden Monat 10 000 Tonnen Zement, Fleisch, Konserven, alles.«

Als endlich der Countdown zu laufen schien und russische Komplizen des Vermittlers eine Probeprise Californium nach Helsinki schaffen wollten, war er freudetrunken und rief einen Mithelfer an: »Am Freitag gibt''s den warmen Regen.«

An jenem Freitag, dem 13. August 1993, kam dann statt des erhofften Dollarsegens die Kripo, 15 Mann stark, um den überraschten Händler wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz festzunehmen. Am selben Tag und in derselben Sache wurden auf dem Flughafen der finnischen Hauptstadt Helsinki zwei Finnen und zwei russische Kuriere mit 6,5 Milligramm Californium im Gepäck verhaftet. Die Münchner Presse meldete einen »Schlag gegen die Atom-Mafia« - wieder ein Erfolg für den Superfahnder Boeden.

Während das Quartett von Helsinki von finnischen Gerichten zu 50 Tagen Haft verurteilt wurde, geschah dem bayerischen Beschaffer so gut wie nichts. Schon einen Tag nach der Festnahme holte ihn sein Münchner Anwalt Thomas Pfister aus dem Polizeigefängnis heraus, später wurden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft eingestellt.

Offenbar wurde gegen ihn gar nicht ernsthaft ermittelt, an einem aufsehenerregenden Prozeß in Deutschland hatten Boeden und seine Kollegen wohl wenig Interesse. Anwalt Pfister drängte sich »deutlich der Verdacht auf«, daß sein Mandant »für einen inszenierten Präventivschlag der Polizei benutzt« worden sei.

Ihm selbst sei, beteuert der Händler, erst später klargeworden, daß man ihn »hereingelegt« habe. Stutzig sei er allerdings schon bei der Vorbereitung des Deals geworden, als ihn Boedens Mitarbeiterin Maybach zur Hauptfiliale der Dresdner Bank am Münchner Promenadeplatz führte. Maybach zeigte ihm Bargeld in Schließfach Nummer 37: lauter druckfrische Dollarnoten in Banderolen mehrerer Banken gebündelt. »Das war schlechtes Ködergeld«, ahnte der Gelockte: »Das hat nach Behörden gerochen, irgendwie.«

Ohne das Vorzeigegeld der Banken könnten Ermittler wie Boeden kein heißes Geschäft einfädeln, denn damit verschaffen sie sich Glaubwürdigkeit. Die Dresdner Bank in München und die altehrwürdige Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank, die Boeden schon mit Garantien von - je nach Umfang des Deals - bis zu 276 Millionen US-Dollar ausgestattet hatte, sind die beliebtesten Geld-Adressen der Behörden. Sogar auswärtige Ermittler wie ein Stuttgarter Nuklearia-Spezialist mit Decknamen »Keller«, ein verdeckter Ermittler des LKA Baden-Württemberg, besorgen sich Bankzertifikate in München.

Bargeld als Köder ist vor allem im Einsatz gegen Drogenkriminelle üblich und auch sinnvoll, um an Hintermänner heranzukommen. Doch in keinem der Fälle von Atomschmuggel konnte bislang mit der Methode »Mausefalle« die Struktur von Nuklear-Hehlerbanden aufgedeckt werden.

Die Technik von Boeden und Kollegen wird nun den Parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Bundestages beschäftigen, der vergangene Woche in Bonn die Arbeit aufnahm und die Hintergründe des Plutoniumbluffs von München durchleuchten soll. Die Abgeordneten werden von dem Agenten wissen wollen, wer dafür verantwortlich ist, daß der Bombenstoff in Deutschland landete.

Als Zeuge soll Boeden zudem in Kürze im Plutoniumprozeß vor der 9. Großen Strafkammer des Landgerichts München erscheinen, die gegen das festgenommene Schmugglertrio verhandelt. Vor ihm ist in dieser Woche noch einmal V-Mann Rafa dran, der zum zweitenmal als Zeuge aussagen soll.

Der Spanier ist ein ganz anderer Typ als sein Kollege Boeden. Rafas Haare sind rot gefärbt, im Ohr trägt er einen Brillanten. Vor allem aber hat Rafa - anders als Boeden - kräftig an dem München-Scoop verdient - mindestens 160 000 Mark. Von der ersten Rate des BND-Lohnes hat sich der spanische Ex-Polizist bereits ein großes Chalet außerhalb von Madrid gekauft, ein dickes Konto bei der Deutschen Bank unterhält er zudem. Aus Bayern erwartet er schließlich noch eine sechsstellige Restzahlung.

Boeden hingegen bleibt außer dem Lob seines Ministers wenig. Nach Dienstschluß muß der Beamte sogar seinen Jaguar wieder abgeben. Y

* Am 6. April 1993 in Bremen.

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