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BUNDESVERMÖGEN Methode Parkinson

aus DER SPIEGEL 21/1963

Aus der Fachpresse erfuhr des Bundes jüngster Schatzminister, der Christsoziale Dr. Werner Dollinger, daß seine Beamten den Kapitalwert des Bundesvermögens stillschweigend um rund eine Million Mark vergrößert haben.

Dollinger hielt sich gerade zur Erholung in Ägypten auf, als die Geschäftsleitung der bundeseigenen Firma Prakla, Gesellschaft für praktische Lagerstättenforschung GmbH Hannover,

am 4. März brieflich im Bonner Schatzministerium um die Genehmigung zur Übernahme eines Konkurrenzunternehmens nachsuchte. Die zum Verkauf stehende Firma war die Seismos GmbH aus dem Besitz der Thyssen-Gruppe.

Dollingers Prakla-Männer, die sich gewerblich mit der geophysikalischen Erforschung von Bodenschätzen beschäftigen (Jahresumsatz 1961: 31 Millionen Mark), wollten die Chance nutzen, ihren einzigen westdeutschen Konkurrenten, der ebenfalls in aller Welt nach Öl und Erzen forscht, zu schlucken und auszuschalten.

Die Seismos GmbH gilt als die älteste geophysikalische Prospektionsgesellschaft der Welt. Trotz eines Stammes hervorragender wissenschaftlicher Mitarbeiter und trotz bedeutsamer Lizenzen und Patente hatte das mangelhaft organisierte Unternehmen jedoch innerhalb zweier Jahre einen Verlust von mehr als einer Million Mark erlitten. Über die »Bank voor Handel en Scheepvaart, Rotterdam« bot deshalb der Thyssen-Konzern die Firma für eine Million Mark feil.

Die Bonner Schatzbeamten fragten im Bundesfinanzministerium nach, ob gegen den Erwerb der Privatfirma durch die bundeseigenen Prospektoren haushaltsrechtliche Bedenken bestünden. Das Finanzministerium stimmte dem Erwerb unter der Bedingung zu, daß keine Haushaltsmittel dafür erforderlich seien.

Da die Prakla imstande war, den Kaufpreis aus eigenen Mitteln bar zu bezahlen, konnte Dollingers Ministerialdirektor Freiherr von Süskind-Schwendi am 16. März die Genehmigung erteilen. Zwei Tage später beschloß der Prakla -Verwaltungsrat den Erwerb.

Als Werner Dollinger Anfang April aus Ägypten zurückkam, war er mithin, ohne es zu wissen, auch Herr über das neue Bundesunternehmen samt einer französischen Schwestergesellschaft namens »Catg«. Sein Stellvertreter, der inzwischen als Finanzminister nach Schleswig-Holstein abgewanderte Staatssekretär Qualen, hatte von der Transaktion so wenig erfahren wie sein Chef.

Erst auf öffentliche Proteste in Fachzeitungen hin ("Handelsblatt": »Verstaatlichung!") schreckte des Bundes treuhänderischer Konzernherr auf. Der Kauf ließ sich jedoch nicht mehr rückgängig machen, das Parkinsonsche Gesetz von der Akkumulation verwaltbarer Materie hatte sich erfüllt.

Um seine Beamten wieder auf die Hauptaufgabe seines Hauses, die Privatisierung staatlichen Wirtschaftsbesitzes, zu vergattern, verfügte Dollinger, was seinem Vorgänger offensichtlich niemals als notwendig erschienen war: Zu- und Verkäufe von Bundesvermögen bedürfen künftig der Genehmigung des Ministers.

Bundesschatzminister Dollinger

Von Seismos nichts gewußt

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