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»Mich läßt niemand im Regen stehen«

SPIEGEL-Redakteurin Valeska von Roques über die US-Politikerin Geraldine Ferraro *
Von Valeska von Roques
aus DER SPIEGEL 39/1984

Über den Haaren der Geraldine Ferraro lag ein feiner Schleier aus winzigen Regentropfen. Regen troff über ihren Wettermantel und weichte das erste Blatt ihres Redemanuskripts derart auf, daß es später, beim Umblättern, zerriß.

Es goß gründlich in Portland, einer Großstadt im Bundesstaat Oregon. Aufgereiht nach ihrem politischen Rang standen hinter Frau Ferraro allerlei Würdenträger der Demokratischen Partei. Etliche von ihnen hatten einen Schirm dabei und wären sicher nur zu gern mit der Kandidatin ans Rednerpult getreten, um ihn schützend über deren Haupt zu halten.

Aber eben das wollte die wohl nicht. Wahlkampf ist Symbol-Kampf: Eine Geraldine Ferraro ist nicht aus Zucker gemacht.

Ohne jede Hast, eher spielerisch nahm sie den Regenhut auf, den sie mit ans Rednerpult gebracht hatte, wendete ihn wie selbstvergessen ein paarmal hin und her, während sie barhäuptig die durchnäßte Menge vor ihr mit ein paar Bemerkungen über das »prächtige Wetter von Oregon« für sich erwärmte.

Schließlich setzte sie sich doch den Hut auf: »Mir soll doch niemand nachsagen, man könne mich draußen im Regen stehenlassen.«

Das sagt ihr niemand mehr nach, und die Leute wußten es: Gleich am Anfang des Wahlkampfes überstand Geraldine Ferraro, 49, eine scharfe Presseinquisition ihrer Finanzverhältnisse. Dabei zeigte sie so viel Gelassenheit, daß die Journalisten, die sie eben noch gejagt hatten, ihr am Ende applaudierten. Die Frau ist wetterfest.

Ihre Karriere ist selbergemacht. Ihre Mutter, eine verarmte Witwe aus einer italienischen Einwanderer-Familie, nahm Heimarbeit an, um ihre Tochter auf ein katholisches Mädcheninternat schicken zu können. Das Jurastudium zog Geraldine Ferraro an der Abenduniversität durch, während sie tagsüber ihren ersten erlernten Beruf, den einer Volksschullehrerin, ausübte.

John Zaccaro, mit dem sie jahrelang verlobt war, heiratete sie erst nach dem Abschlußexamen. Am Abend der Hochzeit erklärte sie ihm, sie wolle - im Beruf - ihren Mädchennamen weiterführen: aus Dankbarkeit ihrer Mutter gegenüber.

Geraldine Ferraro blieb zu Hause, bis das jüngste ihrer drei Kinder sieben Jahre alt war. Dann nahm sie ihre Karriere wieder auf und wurde Staatsanwältin in ihrem New Yorker Stadtteil Queens, zuständig für »besondere Opfer": geschändete Kinder und mißhandelte Frauen.

Sie setzte harte Strafen für die Täter durch. Den Opfern zeigte sie Empfindsamkeit und Wärme, die damals in Gerichtssälen nicht üblich waren: Als in einer Verhandlung ein sechsjähriges Mädchen, das weinend zusammenbrach, seine Vergewaltigung noch einmal schildern sollte, nahm die Staatsanwältin das Kind auf den Schoß.

In Geraldine Ferraro mischen sich Härte und kühles Vorteilsdenken mit menschlicher Wärme. Sie blieb Hausfrau und Mutter, 24 Jahre lang mit dem gleichen Mann verheiratet und machte zugleich Karriere. Sie zeigt Gefühl, ohne kitschig zu wirken, sie tritt entschieden und zielstrebig auf, ohne bei Männern als aggressive Emanze anzuecken.

Ob aber das Urteil der Demokraten über das politische und soziale Klima der Vereinigten Staaten insgesamt stimmte, als sie es wagten, erstmals eine Frau zur Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten zu ernennen, das hat sich bisher in den Erhebungen der Meinungsforscher nicht klar genug abgezeichnet.

Nach einer jüngsten Umfrage führt Ronald Reagan vor Walter Mondale mit 55 zu 40 Prozent. Der Vorsprung könnte schrumpfen, wenn der auf jung geschminkte Ronald Reagan noch einmal ordentlich stolpert wie kürzlich mit seiner Bemerkung über die Bombardierung Rußlands.

Das hängt aber auch von den Führungsqualitäten Mondales ab. Zwar hat er sie, weiß sie aber nicht telegen vorzuführen: Seinen Auftritten haftet etwas Täppisches an. Als er auf der verregneten Versammlung in Portland ankam, trug er einen soliden, so recht für das Wetter geeigneten Gabardinemantel.

Doch bevor er ans Pult trat, zog Mondale erst seinen Mantel, dann sogar das Jackett aus. Nun stand er im Hemd im strömenden Regen - ein närrischer Versuch, den starken Kerl, den »tough guy«, zu markieren, der Wind und Wetter trotzt.

Auf einer Einkaufstüte aus Packpapier, die eine Frau als Regenhut und als politisches Plakat zugleich benutzte, war aus zerflossenen Filzstiftbuchstaben noch der Satz zu entziffern: »Wir wollen Walter. Aber wir brauchen Geraldine.«

Wohl wahr. Mit Mondale allein (und einem Mann als dessen Vize) wären die Demokraten schon jetzt ganz und gar aus dem Rennen. Denn nach wie vor muß Reagan mit dem »gender gap« rechnen, jener »Geschlechterkluft« zwischen Männern und Frauen in der Beurteilung von politischen Themen und Personen.

Seit 1920 dürfen Amerikanerinnen wählen. Doch erstmals bei der letzten Präsidentschaftswahl 1980 zeigte sich, daß die Frauen als Gruppe politisch anders denken und handeln als die Männer.

In weitaus geringerem Maß als diese - 46 zu 54 Prozent - gaben sie ihre Stimmen für Ronald Reagan ab. Während seiner ersten Amtszeit beurteilten sie ihn in wichtigen Fragen - Krieg und Frieden, Wirtschaft, Sozialpolitik - durchgehend kritischer.

Zum ersten Mal auch machten vor vier Jahren Frauen zudem in gleichem Maß wie Männer von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Unter Neuwählern, die Ronald Reagans Strategien besonders fürchten und auf die jetzt die Demokraten ihre schwachen Hoffnungen gründen, waren deutlich mehr Frauen als Männer zu finden.

Die französische Autorin Simone de Beauvoir nannte Frauen das »Zweite«, also das zurückgesetzte Geschlecht. Es ist auch in den USA - einer Nation, die sich auf Gleichheit gründet - noch längst nicht einfach zum anderen Geschlecht geworden, dem gleiche Lebenschancen eingeräumt werden. Aber die Fortschritte sind unübersehbar und nicht aufzuheben.

Getragen von einer pragmatischen Frauenbewegung, in der es keineswegs nur um die Selbstverwirklichung gelangweilter Hausfrauen aus der Mittelschicht ging, sind Amerikas Frauen in Männerdomänen vorgedrungen und behaupten sich dort. Von den fünf wichtigsten Mitarbeitern der Geraldine Ferraro sind drei Frauen.

Als sie Ende der 50er Jahre an der New Yorker Fordham-Universität Jura belegte, war sie eine von zwei Studentinnen unter den rund 200 Absolventen ihres Jahrgangs.

Heute sind 30 Prozent der Studenten an juristischen Fakultäten der USA Frauen. Ins mönchische Heiligtum des Obersten Bundesgerichtshofs mußte Ronald Reagan unter dem Druck der geänderten Verhältnisse eine Frau berufen, Sandra Day O'Connor.

Als Geraldine Ferraro im Jahre 1978 den Bossen der Demokratischen Partei in ihrem Wohnbezirk Queens, in dem sie seit Jahren für die Partei geackert hatte, vortrug, sie wolle sich um den frei werdenden Sitz des demokratischen Abgeordneten James J. Delaney bewerben, lachten die Männer sie aus.

Geraldine Ferraro erkämpfte sich den Sitz im Kongreß ohne die geringste Unterstützung der Demokratischen Partei vor Ort. In ihren sechs Jahren im Kongreß hat sie zugleich Fortschritte und schlimme Niederlagen für die Frauen Amerikas miterlebt.

Als sie die Heiligen Hallen auf dem Kapitolhügel in Washington zum ersten Mal als Mitglied des Repräsentantenhauses betrat, traf sie unter den 435 Volksvertretern ganze 16 Frauen an, 3,7 Prozent; in der nächsten Legislaturperiode waren es sechs mehr: immer noch wenig, aber ein Zuwachs von 38 Prozent.

Wie fast alle prominenten Frauen der Demokratischen Partei kämpfte Geraldine Ferraro mit großer Energie für die Annahme des Equal Rights Amendment, das die Gleichberechtigung der amerikanischen Frau endlich in die Verfassung schreiben sollte.

Im Juni 1982 scheiterte die Initiative, weil drei von den erforderlichen 38 Repräsentantenhäusern in den Bundesstaaten die Zustimmung verweigerten.

Trotz ihres Engagements für wichtige Themen der Emanzipation war Geraldine Ferraro sicher keine Feministin der ersten Stunde.

Als in den frühen 70er Jahren Frauen wie die damalige New Yorker Kongreßabgeordnete Bella Abzug noch für die Freigabe der Abtreibung kämpften, war von Geraldine Ferraro nichts zu sehen.

Sie war anderswo beschäftigt: In der ersten politischen Aktion, die sie anführte, ging es darum, einen geplanten Bau von Mietwohnungen in ihrem reichen Villenvorort Forest Hills zu verhindern.

In ihrer zweiten Legislaturperiode im Kongreß brachte sie dann Bella Abzug gegen sich auf. Die kämpfte damals dafür, daß Frauen und Angehörige von Minoritäten 50 Prozent der Delegierten auf dem Wahlparteitag stellen. Ferraro war dagegen, Abzug setzte sich durch.

Doch selbst in der Niederlage steckte Kalkül. Das Establishment der Partei schloß Ferraro ins Herz. Ihre politische Karriere im Kongreß hat sie mit der klaren Berechnung eines politischen Profis gemacht, der nach den Regeln spielt, die er vorfindet: zu seinem eigenen Vorteil.

Die Wahl der Ausschüsse, in die sie sich als erstes berufen ließ, verriet nicht soziales Anliegen, sondern politischen Eigennutz.

Weil es ihr darum ging, die Gunst ihrer Wähler in New York zu erhalten, arbeitete sie im unbedeutenden Ausschuß für Postangelegenheiten. Ihre erste politische Großtat in diesem Gremium: Sie konnte durchsetzen, daß die Postleitzahl einer vornehmen Gegend von Queens, in der sie ihre Geldgeber wußte, geändert wurde. Diese feinen Menschen fanden es nämlich anstößig, daß ihr Anschriftencode auch eine ärmliche Slumgegend Brooklyns umfaßte.

Weil sie aber Größeres im Sinn hatte, sicherte sich Geraldine Ferraro die

Gunst Thomas P. »Tip« O'Neills - der demokratische Mehrheitsführer herrscht über den Kongreß wie ein Kalif über sein Reich. Brav stimmte Ferraro nach den Wünschen des Meisters, artig entschuldigte sie sich, wenn es einmal nicht möglich war. Sie setzte ihren fraulichen Charme ein, von dem sie wußte, daß er ihn schätzte; sie bat ihn um Rat und befolgte ihn. Sie half ihm, seine Vormachtstellung gegen rebellische junge Demokraten zu verteidigen.

Tip O'Neill aber beförderte sie in immer einflußreichere Positionen, etwa den Haushaltsausschuß des Repräsentantenhauses. Ferraro wurde ein Star.

Nun konnte sie anfangen, etwas für Frauen zu tun. Ein gerade verabschiedetes Gesetz über private Rentenversicherung, von dem hauptsächlich Frauen profitierten, war im wesentlichen ihr Werk. In Reden, in der Kärrnerarbeit der Gesetzesaustüftelung, im Kampf um die Gleichberechtigung - Ferraros Handschrift wurde immer deutlicher sichtbar.

Und so zog Bella Abzug, als ihre ehemalige Kontrahentin von Mondale nominiert wurde, auf dem Parteitag eine dicke Zigarre aus der Tasche und sagte wie ein frischgebackener Vater: »Hurra, ein Mädchen.«

Hurra, eine Vizepräsidentin? Geraldine Ferraro kämpft derzeit auf verlorenem Posten, denn Reagans Wiederwahl ist wahrscheinlicher denn je. Und sie macht Fehler. Taktisch ungeschickt war es gewiß, sich mit dem katholischen Erzbischof von New York auf einen Disput darüber einzulassen, ob sie in der Frage der Abtreibung die Haltung der Kirche richtig darlege.

Zwar muß es sie auf die Dauer verletzen, daß, wo immer sie auftaucht, fanatische Abtreibungsgegner schon da sind, auf deren Plakaten sie beschuldigt wird, für den Massenmord von Babys verantwortlich zu sein. Doch ihr Versuch, auch ihnen Toleranz anzubieten, ging daneben: »Ich bin persönlich gegen die Sklaverei«, sagte Geraldine Ferraro kürzlich über ihre Feinde aus dem Lager der Abtreibungsgegner, »aber ich habe nichts dagegen, wenn die Leute, die irgendwo weiter unten auf meiner Straße wohnen, Sklaven halten wollen.«

Das Bild, bizarr und schief, entsprach nicht ihrer wahren Meinung, statt Toleranz signalisierte es nur intellektuelle Erschöpfung. Doch derlei wird ausgeglichen durch ihre bemerkenswerte Fähigkeit, auch großen Mengen das Gefühl von engem, persönlichem Kontakt zu vermitteln. Viel dabei ist Handwerk - aber sie beherrscht es wie ein politisches Naturtalent.

Da unterbricht sie sich in einer langen ernsten Rede über Krieg und Frieden in der Welt und winkt einem kleinen Mädchen zu, das auf den Schultern seines Vaters über die Köpfe der Erwachsenen ragt und ein bißchen wild, seine Balance gefährdend, ein selbstgemaltes Schild schwenkt. »Hallo, du«, sagt die Kandidatin, »prima, daß du da bist. Aber zappel nicht so, sonst fällst du runter.«

Independence, Missouri, langjähriger Wohnsitz des demokratischen Präsidenten Harry S. Truman: Der Auftritt demokratischer Spitzenkandidaten an der örtlichen »Truman High School« hat Tradition.

Vor den rund 1000 Jugendlichen zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren schlendert Geraldine Ferraro locker auf die Bühne der Aula. Statt sich aber hinter das für sie aufgestellte Mikrophon zu stellen, setzt sie sich mit dem kleinen Hops, den sie als zierliche Person dafür braucht, auf die Rampe der Bühne. Und dann sagt sie:

»Ich habe gehört, daß ihr fiesen Typen zusammen mit euren Gemeinschaftskundelehrern knifflige Fragen an mich ausgeheckt habt. Deshalb will ich euch lieber meine halbstündige Wahlrede vorlesen.«

Solche Fopperei gewinnt die politisch traditionell gestimmten Teenager in der Aula. Und die Fragen, die sie natürlich doch beantwortete, hatten Gewicht. Abtreibung, Arbeitslosigkeit, Wettrüsten, Umwelt: Alles kam vor. Einer aus dem Pressetrupp murmelte: »So was fragen wir sie nie.«

Nicht alles ließ sich aus den vorbereiteten Versatzstücken beantworten, die jeder Kandidat für hohe politische Ämter in den USA im Gehirn speichert und hersagt, wenn es nötig wird.

Da fragte ein Achtzehnjähriger, er dürfe nun zum ersten Mal wählen, was denn eigentlich der Unterschied zwischen Republikanern und Demokraten sei.

»O weh«, sagte Geraldine Ferraro mit einem Blick auf ihre Uhr, »ich glaube, jetzt muß ich gehen. Das ist mir zu schwierig.« Aber dann fragte sie zurück: »Was hältst du vom nuklearen Wettrüsten?«

Der Junge, ein bißchen verdattert: »Weiß ich nicht, darüber kann ich nicht nachdenken. Ich muß zuviel Hausarbeiten machen.« Zustimmendes Gelächter in der Aula.

Geraldine Ferraro: »Okay. Du solltest die Republikaner wählen, die kümmern sich eben vorwiegend um ihr eigenes Vorankommen.« War das nun die Herablassung einer Erwachsenen? Nicht ganz - Ferraro nahm die Blamage für den Jungen aus der Abschlußklasse aus der Truman High School zurück: »Ich weiß, so denkst du nicht wirklich. Ich wollte nur sagen, daß sich die Demokraten eher mit den Fragen befassen, die unsere gesamte Gesellschaft betreffen.«

Und doch kommt es vor, daß sie mit ihrer New Yorker Schlagfertigkeit bei ihren eigenen Parteifreunden aufläuft.

Bei einer Wahlveranstaltung in Mississippi versuchte sie, den höchsten Beamten für Landwirtschaft in diesem Staat, einen gewichtigen Senior der Demokratischen Partei im Süden, mit sachkundiger Plauderei über die Zucht von Blaubeeren zu beeindrucken.

Der 67jährige hörte der um fast 20 Jahre jüngeren Frau mit sichtbar geringem Interesse zu. Schließlich unterbrach er sie und sagte:

»Können Sie eigentlich auch Blaubeerkuchen backen?«

»Klar«, schoß Geraldine Ferraro zurück, »können Sie es?«

Die Antwort des Alten stammte aus einer noch nicht allzu fernen Vergangenheit Amerikas: »Bei uns im Süden kochen Männer nicht.«

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