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Universitäten Miese Moral

Medizin-Professoren in Hamburg drücken sich vor der Lehre: Fast alle unterrichten zuwenig.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Die Kommission trug einen unverfänglichen Namen - »Lehre in der Klinik«. Nur wenige Medizin-Professoren der Hamburger Universität interessierten sich für das Gremium, kaum einer wußte, was da im Konferenzraum des Ärztlichen Direktors besprochen wurde.

In dieser Woche legt die Arbeitsgruppe ihre Ergebnisse vor, und viele der Hochschuldozenten in Weiß werden ihr Desinteresse bereuen.

In einer bundesweit einmaligen Untersuchung hat die Kommission überprüft, inwieweit jeder einzelne Professor der Hamburger Hochschule seinen gesetzlich vorgeschriebenen Lehrverpflichtungen nachkommt. Ihr Fazit: Die Arbeitsmoral der Uni-Mediziner ist miserabel.

Zwar vermuten Experten seit Jahren, daß viele Mediziner an deutschen Hochschulen sich vor dem Unterrichten drücken. Das Ergebnis der Hamburger Inspektion übertrifft jedoch alle Befürchtungen: 88 Prozent der Medizin-Professoren lehren - entgegen den gesetzlichen Vorschriften - zuwenig: Von 77 Dozenten erfüllen gerade mal 9 ihr Soll gut. Im Durchschnitt schaffen die Hochschullehrer nur die Hälfte.

Die Studentenvertreter der Fakultät werfen den Profs »Lehrbetrug« vor und fordern Disziplinarverfahren gegen ihre Lehrer. Den angehenden Ärzten gehen nach eigenen Angaben pro Semester fast 2000 Unterrichtsstunden verloren.

Bereits 1993 hatte eine von Universitätspräsident Jürgen Lüthje eingerichtete Arbeitsgruppe grobe Lehrfaulheit im Fachbereich Medizin festgestellt. Doch damals hatten die Ermittler die Fakultät nur pauschal begutachtet.

Dieses Mal forschten die Initiatoren die Moral jedes einzelnen Medizin-Lehrers aus. Viele Professoren unterrichten nach den gewonnenen Erkenntnissen nicht einmal ein Drittel der pro Semester vorgeschriebenen Stunden. Der Geschäftsführende Direktor der Chirurgie, Professor Karl-Heinz Jungbluth, etwa leistet laut Kommissionsbericht gerade mal knapp zehn Prozent seiner Lehrverpflichtung ab; sein Kollege Egon Bücheler, Chef der Radiologie, kommt ebenfalls nur auf ein Zehntel.

Die Anzahl der Mußstunden ist in der »Verordnung über die Lehrverpflichtung« exakt festgelegt. Weil die Medizin-Professoren neben der Forschung auch Patienten in den Krankenhäusern betreuen, ist ihr Lehrdeputat ohnehin von acht auf vier Stunden pro Woche reduziert. Mediziner mit besonderen Aufgaben erhalten einen Extra-Bonus.

Die massiven Vorwürfe zu entkräften wird den Hochschullehrern schwerfallen; die Kommission ist vom medizinischen Fachbereich selbst eingesetzt worden und ausschließlich mit Hochschullehrern und Studenten aus der Fakultät besetzt. Um ihre Ergebnisse wasserdicht zu machen, gaben die Rechercheure 40 000 Mark aus der Uni-Kasse für Computer und studentische Hilfskräfte aus.

Den betroffenen Profs droht nun Ungemach. Ihr Dienstherr, die Hamburger Wissenschaftsbehörde, kann die Dozenten disziplinarisch belangen, ihnen gar das Gehalt kürzen.

Nach Ansicht von Hans-Werner Laubinger, Professor für Verwaltungsrecht an der Universität Mainz und Spezialist für Wissenschaftsrecht, machen sich die Professoren als Berufsbeamte einer Dienstpflichtverletzung schuldig, wenn sie nicht nach Vorschrift unterrichten. »Ich finde, es ist außerdem ein Skandal, wenn Professoren die Lehre schleifen lassen«, sagt Laubinger.

Uni-Präsident Lüthje gibt sich kulanter. Er will von seinen Medizin-Kollegen zwar ebenfalls volle Leistung einfordern, zugleich aber plädiert er auf mildernde Umstände: Schließlich seien die Professoren durch ihre Arbeit am Patienten in ihren Kliniken überlastet.

Die Studenten sehen das anders. Ute Watermann von der Fachschaft Medizin: »Würden die Professoren weniger Privatpatienten abrechnen, dann hätten sie mehr Zeit für die Lehre.«

Watermann verweist auf eine offizielle Erklärung des Hamburger Senats, wonach 15 Abteilungsdirektoren des Universitätskrankenhauses jährlich bis zu fünf Millionen Mark nebenher verdienen. Y

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Hamburger Medizin-Dozenten - Pflichtstunden u. tatsächl. Unterricht

[GrafiktextEnde]

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