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POLEN Mieteks Fahrt ins Glück

Jeden Freitag pendeln Busse aus dem ostpolnischen Siemiatycze nach Brüssel. Sie bringen Babysitter, Bauarbeiter und Gärtner zur Schwarzarbeit in die EU-Hauptstadt.
Von Claus Christian Malzahn
aus DER SPIEGEL 2/2003

Vor jeder Tour wandert der Berufskraftfahrer Mietek Kosk einige Viertelstunden am Ufer des Bug entlang, um Gräser, Beeren und Äste zu sammeln. Die Ernte verstreut er feierlich in seinem kirschroten Mercedes-Transporter, wie ein Priester, der seine Kirche weiht.

Ohne den Waldgeruch der Heimat im Kleinbus wagt Kosk sich nicht auf die Straße. Denn der Bug hat es in sich. Eine unheimliche, gewundene Route hat sich der Fluss hier im Grenzland durch den Lehmboden gegraben.

Die Strecke, die Kosk vor Augen hat, kennt dagegen keine Zeit raubenden Kurven und Kapriolen; nahezu kerzengerade führt sie von hier bis nach Belgien. Mehr als 20 Stunden Fahrt liegen vor ihm, 1600 Straßenkilometer vom ostpolnischen Städtchen Siemiatycze bis nach Brüssel.

Die Fahrkarte für ein besseres Leben kostet bei Kosk 300 Zloty, umgerechnet 75 Euro. Er fährt allein. Um wach zu bleiben, singt er: »Ach Siemiatycze, geliebte Heimat, warum muss ich nach Brüssel, um Arbeit zu suchen?«

Vor gut 20 Jahren, als sich über Polen der lange Winter des Kriegsrechts legte, suchten Solidarnosc-Aktivisten im liberalen Belgien Asyl. Immer mehr Verwandte zogen nach, heute pendeln etwa 5000 Polen allein zwischen Siemiatycze und Brüssel hin und her. Denn in der 15 600 Einwohner kleinen Stadt, etwa 30 Kilometer von der Grenze zu Weißrussland entfernt, gibt es nur wenig Arbeit.

Trotzdem kennt man in Siemiatycze kaum Arbeitslosigkeit. Die Bewohner harken die Gärten der Brüsseler Herrschaftshäuser, sie putzen silbernes Besteck in den Jugendstilvillen der wallonischen Bourgeoisie. Polnische Männer schreinern Bücherregale für Beamte der EU-Administration, polnische Frauen singen belgische Kinder in den Schlaf.

Wer einen Job in Brüssel hat, gibt ihn nie wieder her. Eine Arbeitsstelle wird höchstens verliehen, vermietet oder verkauft. Eine Putzfrau kommt so bei einer 40-Stunden-Woche auf einen Nettolohn bis zu 1500 Euro. An diesen still und schwarz verdienten Devisen hängt das kleine Glück im Osten Europas.

Den Aufschwung in Siemiatycze kann man am Stadtrand besichtigen, im »belgischen Viertel«, dem Quartier der Neureichen. Die Straßen sind glatt. Einfamilienhäuser wurden hier in den Neunzigern aufgereiht wie Perlen an einer Kette. Blitzweiße, hölzerne Hausfassaden strahlen in der Sonne. Sie dämmen die grausamen Winde zwar schlecht, die im Winter Siemiatycze überfallen. Aber die teuren Fassaden künden vom Wohlstand. »So lebt man auch in Kalifornien«, heißt es.

Im Wohnzimmer des Baustoffhändlers Eugeniusz Mudel stehen eine Hi-Fi-Anlage und ein Fernseher mit Flachbildschirm. Drei Jahre lang hat Mudel für einen Brüsseler Tischler geschreinert und gut verdient. In der belgischen Hauptstadt lebte er spartanisch wie fast alle polnischen Arbeitsemigranten. Er teilte sich ein Zimmer mit einem Bauarbeiter, verzichtete auf Restaurant- und Kinobesuche, mied Kneipen und Cafés. Stattdessen gab es Überstunden.

Mit dem Ersparten finanzierte er sein Geschäft in der Heimat. Heute verkauft er Tapeten und Lacke an die anderen »Belgier«, wie man die Polen aus Brüssel hier nennt. Alle haben ihren ganz privaten Traum, und Mudel liefert die Farbe dazu.

Doch der Aufschwung hat seinen Preis. Die Besitzer der Neubauten sind meist auf Montage in Brüssel. Tagsüber wirkt das Viertel geisterhaft leer. »Die Eltern kümmern sich viel zu wenig um ihre Kinder«, klagt Edyta Brzozowska, eine Lehrerin. »Sogar Drogenprobleme haben wir hier.« Eine ganze Generation werde inzwischen von den Großeltern großgezogen. Kaum jemand hat Zeit, das bessere Leben auch zu genießen.

»Ohne Belgien hätten wir große Probleme«, sagt Zbigniew Radomski. Seit Ende November ist er der neue Bürgermeister der Stadt. Der wichtigste Mann war er allerdings auch schon davor. Als Direktor des staatlichen Beförderungsbetriebs PKS kennt er keine Parteien, sondern bloß Fahrgäste.

Konkurrenten wie Kosk fürchtet Radomski. »Diese Privatfahrten sind sehr gefährlich, weil die Chauffeure meist übermüdet sind«, sagt der Direktor. »Damit müssen wir Schluss machen.« In seinen 49 Luxusbussen sitzen immer zwei Fahrer an Bord. Kosk sieht im Gebaren der Staatsfirma einen Anschlag auf die Marktwirtschaft. Sicherheit am Steuer? Alles nur vorgeschoben.

Er wittert alte Seilschaften, unlautere Geschäfte. »Ich möchte mal wissen, wo der Radomski ständig das Geld für die neuen Busse herhat«, sagt Kosk. Früher hat er die Funktionäre der verbotenen Solidarnosc-Bewegung von einem illegalen Termin zum nächsten chauffiert. Und wer verdient jetzt schon wieder das dicke Geld? Radomski, der bereits im Kommunismus der Herr der Busse war.

So hat sich Kosk die Zukunft von Siemiatycze nicht vorgestellt. Am sichersten fühlt er sich manchmal auf der Straße.

Freitag, acht Uhr morgens, fährt er los. Über seinem Zweireiher trägt Kosk eine graue Mercedes-Werksweste. Der Wagen ist voll getankt. Kosk liebt das Hecheln des Motors, wenn er den Wagen anlässt. Dann bringt er den Kühler in den Wind und kutschiert seine Gäste, einen Priester aus Masuren und einen Bauarbeiter aus Siemiatycze, mit dem Lauf der Sonne nach Westen.

Der Kleinbus wühlt sich durch die Wälder bis Warschau. Er schaukelt über westpolnische Hügel bei Posen, streift preußische Schlösser, von denen Putz blättert. Nach neun Stunden Fahrt, drei Pausen und viel schwarzem Tee ragen bei Einbruch der Dunkelheit Grenzpfähle aus der Erde: Deutschland.

Manche Fahrer müssen hier lange warten, doch Kosk hat nie Probleme. Wenn die Grenzer seine Papiere sehen wollen, grinst er breit und ruft: »I love Germany.«

Kosk mag Deutschland wirklich, seine Lieblingspolitiker sind Joschka Fischer und Helmut Kohl: »Beide waren für die Solidarnosc.« Doch mehr als öffentliche Toiletten an Autobahnraststätten bekommen seine Gäste in der Bundesrepublik nicht zu sehen.

Es nieselt, von Westen her zieht Nebel auf. Bei Hannover muss er halten, die milchgraue Suppe versperrt ihm die Sicht. Der Konkurrenz-Bus von der PKS, ein Luxus-Transporter mit Videoschirmen und 30 Passagieren an Bord, düst hier an ihm vorbei.

Drei Stunden später klart es auf. Hinter Bielefeld döst der Bauarbeiter ein, ab Mönchengladbach muss der Priester Kosk mit Liturgie wachhalten; dann singen sie patriotische Lieder gegen den Schlaf. Vier Stunden später erscheint im zitronengelben Laternenlicht Brüssel.

Kosk setzt seine Gäste ab, legt sich auf das Sofa bei Freunden. Vor seinen geschlossenen Augen rast noch kurz der Kilometerzähler, dann nickt er weg.

Während Kosk schläft, erwacht das polnische Brüssel. Die meisten Polen leben in St. Gilles, einem von Ausländern dominierten Altbauviertel. Hier kommt man fast ohne Französischkenntnisse aus: Es gibt einen polnischen Zuckerbäcker, eine Fleischerei mit polnischer Wurst, eine polnische Videothek.

Die meisten Neulinge aber steuern sofort die Rue Jourdan Nummer 80 an, ein unscheinbares Stadthaus mit brauner Fassade. Ein paar Frauen stehen vor der Tür. »Ich suche Arbeit«, flüstert die eine ihrer Nachbarin auf Polnisch zu. »Ich hab auch noch nichts«, antwortet die andere fröstelnd.

In Nummer 80 arbeiten Priester und Nonnen in der polnischen Mission. Doch die Kleriker schätzen es nicht, wenn man ihre Adresse zur Schwarzmarktbörse umfunktioniert - zumindest nicht, wenn das allzu laut geschieht.

Schwarzarbeit gilt auch in den Augen der Kirche als Sünde. Aber vermutlich gibt es Verfehlungen, die Priester Tadeusz Czaja stärker geißelt, wenn er von der Kanzel predigt. Seine Gottesdienste am Sonntag versäumt jedenfalls kaum jemand.

Über 3300 Polen besuchen im Lauf des Tages die vier Messen in der Kirche an der Place de la Chapelle. Offiziell sind in Brüssel 2120 Polen gemeldet.

Das mehr als 700 Jahre alte gotische Bauwerk ist das Herz der Exilgemeinde. Mehr als 90 Prozent aller Polen glauben Umfragen zufolge an Gott, und »in der Fremde wird der Glaube eher stärker als schwächer«, sagt Priester Czaja.

Auch Ewa Krauze besucht ab und zu die Gottesdienste, obwohl sie sich nicht als besonders fromm bezeichnen würde. Die 30-jährige Frau trifft in der Kirche Freunde, Bekannte - und Kunden. Seit zehn Jahren lebt die Friseurin in Brüssel. Anders als die meisten Landsleute will sie nicht zurück nach Polen. Sie spricht fließend Französisch und hat in ihrer Küche einen kleinen Salon eingerichtet.

Auf dem Frisierstuhl sitzt die 25-jährige Monika, die als Haushaltshilfe arbeitet. Für Waschen, Schneiden und Föhnen zahlt sie 15 Euro. Beim belgischen Coiffeur um die Ecke würde es mehr als das Doppelte kosten.

In der Welt von Ewa und Monika gibt es bisher weder Lohnnebenkosten noch Steuern. Aber in ein paar Monaten will Ewa Krauze einen Friseurbetrieb eröffnen, ganz legal.

Völlig problemlos ist das Leben in Brüssel gleichwohl nicht, auch wenn die Behörden Ausländern gegenüber weniger pedantisch sind als beispielsweise in Berlin. Als Ewas jüngere Schwester Marta vor ein paar Monaten den Putzjob einer Polin übernahm, forderte die eine Vermittlungsgebühr von 300 Euro. Marta weigerte sich. Am selben Abend wurde sie von drei Polen verprügelt. Die junge Frau informierte die Polizei. Und die belgischen Flics fanden die Täter. »Seitdem lässt man mich in Ruhe«, sagt Marta Krauze.

»Die Polizisten wissen, dass wir keine Verbrecher sind«, sagt Mietek Kosk. »Wir wollen bloß arbeiten und machen keinen Ärger.« Jetzt sitzt er im »Vera Napoli«, einer polnischen Disco in der Rue Théodore Verhaegen, vor sich eine Tasse Kaffee. Alkohol trinkt Mietek nur am Ufer des Bug und nie, wenn er fährt.

Ein kleines Bier kostet hier immerhin 2,50 Euro, ein Drittel des Stundenlohns der meisten Gäste. Dafür spielt der Discjockey den ganzen Abend polnische Schlager. Die Bässe wummern, doch Mietek Kosk hört gar nicht hin.

Er denkt an alte Zeiten. Dann ruft der Solidarnosc-Veteran plötzlich in die Musik hinein: »Das Schlimmste am Kriegsrecht war, dass ich nicht reisen durfte.«

Kosk starrt auf den nassen Asphalt der Rue Théodore Verhaegen. Am nächsten Morgen fährt er zurück zu seinem Fluss. CLAUS CHRISTIAN MALZAHN

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