Zur Ausgabe
Artikel 61 / 115

Rußland Milch und Honig

Hunderttausende Russen suchen Arbeit im Westen. Jetzt nimmt Bonn ausgewählte Gastarbeiter auf - offiziell nur zur Fortbildung.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Wer ins gelobte Land will, muß sich erst einmal vergattern lassen. »Verwenden Sie nie den Begriff Asyl, wenn Sie nach Deutschland wollen«, tönt eine strenge Beamtenstimme: »Wer einen Aufnahmeantrag stellt, darf acht Jahre nicht mehr zu uns.«

Wladimir Petrow ist des Deutschen kaum mächtig, aber er nickt heftig. So kurz vor dem Ziel will er sich den Weg ins D-Mark-Paradies nicht verbauen. Die Beamten von der Frankfurter Zentralstelle für Arbeitsvermittlung, die für eine Woche nach Rußland gekommen sind, um potentielle Gastarbeiter auszusieben, sind seine letzte Hoffnung.

Im heimischen Rüstungsbetrieb reichte die Arbeit im letzten Monat gerade noch für drei Tage. Die Suche nach einem krisenfesten Job endete für den gelernten Maurer mit einem Debakel: Dreistellige Dollarsummen hat er über Jahre hinweg in dubiose Agenturen für »Arbeitsvermittlung« investiert - ohne einer Antwort gewürdigt zu werden.

Grau, nur dürftig rasiert, steht Petrow mit weiteren 200 Hoffenden in den dunklen Gängen des Moskauer »Migrationsdienstes«. Eine Zeitungsannonce hat ihn auf diese Filiale des russischen Arbeitsministeriums aufmerksam gemacht, wo die Herren Schnell und Schaefer aus Frankfurt Interessenten aufklären.

Nach dreijährigen Verhandlungen öffnet Deutschland endlich das Tor für russische »Gastarbeitery": Zeitlich befristete Kontraktarbeit für jährlich 2000 Frauen und Männer will Bonn gemäß einer Regierungsvereinbarung mit Moskau vermitteln.

Seit die Arbeitslosigkeit in Rußland pro Monat um etwa zwei Prozent zunimmt und acht Millionen Russen mit ihrem Verdienst nicht einmal das Mindestmaß an Nahrungsmitteln kaufen können, verlassen Hunderttausende als Wirtschaftsflüchtlinge ihr Vaterland.

Scharenweise suchen als Touristen getarnte Grenzgänger die Märkte zwischen Belgrad und Peking heim, um dann zu Hause das Erworbene zu verhökern. Auf Baustellen und Äckern von Polen bis Griechenland konkurrieren russische Schwarzarbeiter inzwischen mit Türken, Ukrainern oder Afrikanern um die Dreckjobs, für die sich Einheimische zu schade sind.

Kein Wunder, daß in Moskau das Geschäft mit der Arbeitsvermittlung ins Ausland boomt. Mehr als 80 offiziell registrierte Privatagenturen machen Leichtgläubigen wöchentlich in der Zeitung Der Ausländer weis, sie wüßten genau, wo Milch und Honig flössen - nicht zuletzt in Deutschland.

Die Firma Metropolis verspricht 320 Dollar monatlich für Bulldozerfahrer in den Vereinigten Arabischen Emiraten; ein Konkurrenzunternehmen sucht Bauarbeiter für den Libanon; die Show-Agentur Wiktoria eine »neue Partie Ballerinen« für Nachtklubs in Holland und Schweden. Eine andere Firma fahndet nach Fußballern für Katar und einigen Dutzend Schweißern zum Zypern-Einsatz - »ohne Vorstrafen und Syphilis«.

Bewerber merken meist zu spät, daß viele Makler sie nur ausnehmen: Per Vorkasse (in der Regel 400 Dollar, das Vierfache eines durchschnittlichen Monatslohns) müssen sich die potentiellen Arbeitsemigranten in eine »Datenbank« einkaufen. Danach hören sie nichts mehr von den Agenten »mit hervorragenden Beziehungen nach Westeuropa und Übersee«.

Steckbrieflich gesucht wird seit Juni Oleg Sentschenko, Direktor der Agentur Neues Rußland: In großen Anzeigen versprach der Geschäftsmann die Vermittlung von Saisonarbeitern und Haushaltshilfen nach Deutschland, Belgien und Österreich. Gutgläubige trugen in nur drei Wochen Millionen Rubel ins Kontor, bevor der Direktor »sie und uns gleichermaßen sitzenließ«, klagt eine Agenturgehilfin: »In Wirklichkeit gab es gar keine Verträge mit ausländischen Arbeitgebern.«

Verzweifelt versucht die Regierung, den Schleppern das Handwerk zu legen. Strenge Lizenzvergabe für Vermittlerfirmen und offizielle Gastarbeiterverträge mit dem Ausland sollen den Strom der nach Westen drängenden Russen in geordnete Bahnen lenken. Doch nur Finnen, Deutsche und Schweizer zeigten sich bislang kooperativ - und auch die nur zögerlich.

Die Schweiz bietet den Russen eine Jahresquote von 200 Praktikanten. Nicht viel großzügiger waren die Deutschen. Das bereits vor drei Jahren angekündigte Abkommen zum Austausch von »Werkvertragsarbeitnehmern« ist bis heute nicht unterschrieben.

Mit dem jetzt vereinbarten Austausch, der einzelnen Arbeitsuchenden den begehrten Weg nach Westen öffnet, will sich Bonn politisch gefällig zeigen, ohne daheim Ressentiments gegen Ausländer zu nähren. Laut Vertrag geht es allein um »Fortbildung« zur »Unterstützung der russischen Reformen«.

Entsprechend streng sind die Bedingungen. Bewerber dürfen nicht älter als 40 Jahre sein, müssen eine mindestens zweijährige Berufserfahrung mitbringen und ausreichend Deutsch sprechen. Das Gastspiel darf zudem nicht länger als 12 bis 18 Monate dauern.

So wie im Fall von Marina Kaschtanowa und Helen Potalizina: Die beiden Russinnen durften im Juni als erste ihre Koffer packen - um sich als Saisonkräfte in einem Hotel am Starnberger See und einer Berghütte bei Trauchgau zu bewähren.

»Jede Arbeit« nehme sie an, »auch als Zimmermädchen in einem deutschen Hotel«, beteuert Ludmilla, Leiterin einer Laienkunstgruppe aus Kaliningrad. Lew Dawidowitsch Kilinski empfiehlt sich beim Vorstellungsgespräch als Zahntechniker. »Suchen wir wie wild«, begeistert sich Prüfer Schnell - bis er in Kilinskis Akten auf den erlernten Beruf eines Radiomonteurs stößt. Er habe sich, rechtfertigt sich Kilinski, wie in Rußland üblich per Crash-Kurs einen Zweitberuf verschafft. Der Mann ist für Schnell »nicht vermittelbar«.

Ein Zimmermann, der gerade mal Parkett legen kann, ein muffiger Boxer, der sein Glück als Masseur in Deutschland versuchen will, eine Köchin, die auf Befragen weder Schweinefleisch noch Pork buchstabieren kann - die Reaktion der Frankfurter Vermittler besteht oft nur aus Achselzucken und Kopfschütteln. Was beim Gastarbeiteraustausch mit Ungarn, Tschechien oder Polen bislang keinerlei Probleme machte, erweist sich im Falle Rußland als gravierend: mangelnde Berufsqualifikation und fehlende Sprachkenntnisse.

Über einen Dolmetscher formulieren die Frankfurter dann den niederschmetternden Bescheid: »Budjet jasyk, budjet pojesdka« ("Erst die Sprache, dann die Reise").

Nur 60 Eleven scheinen schließlich geeignet, den Anforderungen zu genügen: Sie sollen nach einem Jahr als »Sendboten deutschen Know-hows« ins marode Rußland zurückkehren.

Zwanzig Mädchen von der Moskauer »Stiftung der Barmherzigen Schwestern«, die in Schaefers Prüfungszimmer drängen, sind Erstabsolventen einer von Bayern finanzierten Privatschule für Altenpflege. Ein Jahr lang sollen sie in Münchner Altenheimen praktizieren, um dann nach Rußland zu tragen, was es dort nur sporadisch gibt: Fürsorge für notleidende Rentner.

»Vergebliche Mühe«, winkt ein Migrations-Mann sarkastisch ab, »bestenfalls fünf von denen kommen wieder. Die suchen nicht Ausbildung in Barmherzigkeit, sondern schlichtweg einen deutschen Ehepartner.«

Manchen Russen, der zum Schaffen nach Deutschland darf, erwartet ein hartes Brot. Ein Landwirt aus dem Bayerischen heuerte Igor Glebow aus Rostow direkt als Treckerfahrer an und legte dann der Frankfurter Zentralstelle für Arbeitsvermittlung seinen Vertrag vor: Glebow, so gelobte der Bauer handschriftlich, solle mit seiner Hilfe »Land, Kultur, Leute und unsere Lebensart« kennenlernen, eigenes Zimmer mit Bad und zum Wochenende gar den Familien-Pkw erhalten.

Doch das Lohnangebot (1000 Mark brutto) weckte den Argwohn der Prüfer: Laut Gastarbeitervertrag sind die Russen deutschen Arbeitnehmern gleichzustellen; ihnen steht der tarifliche Mindestlohn zu.

Schwierig könnte es auch für Maurer Petrow werden. Eine im Brandenburgischen angesiedelte Hochbau GmbH hatte den zu Hause in der gehobenen fünften Kategorie eingestuften Handwerker per Vorvertrag als Hilfsmaurer eingestellt: für 2200 Mark brutto, bei sechstägiger Arbeitszeit. Vom Verdienst sollte der Russe täglich 45 Mark für Verpflegung und Unterkunft abgeben - blieben zum Schluß bestenfalls 850 Mark.

Daß die klägliche Bonner Hilfe nicht zur billigen Arbeitskraftbeschaffung für deutsche Firmen ausartet, können die Frankfurter nur mit Stichproben verhindern. Um beim Deutschland-Trip überhaupt 8000 bis 10 000 Mark anzusparen, so befürchten die Experten, nähmen die Russen jede Ausbeutung klaglos hin: »Warum sollten die sich beschweren?«

Einstweilen hat nur Fanil Gabdratijew, 36, aus dem fernen Baschkirien Chancen, zum Vorzeigebeispiel der deutsch-russischen Vereinbarung zu werden. Der Baschkire landete - mit gutem Lohn und Auskommen - in einem kleinen württembergischen Landwirtschaftsbetrieb.

In zwölf Monaten will der Chef ihn in einer Zunft ausbilden, die es bislang in Rußland gar nicht gibt: Gabdratijew wird »qualifizierter Hopfenbauer«. Y

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 61 / 115
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.