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KULTURPOLITIK Milchmann vor der Tür

aus DER SPIEGEL 48/1965

Der Saal war voll, aber die Künstler wollten nicht beginnen. Die Mitwirkenden des »Jazz und Lyrik«-Abends in der Ost-Berliner Kongreßhalle machten ihren Auftritt vom Erscheinen eines Mannes abhängig, der mit einer Ehrenkarte bedacht, aber gleichwohl nicht hereingelassen worden war: Wolf Biermann, schnauzbärtiger DDR-Chansonnier und Bänkelsänger.

Der »Francois Villon 1965«, wie das »Sonntagsblatt« den auch im Westen bekannten Renommierbarden beschrieb, kam - am letzten Oktobersonntag - nur bis zur Tür. Kriminalpolizisten fingen ihn vor der Kongreßhalle ab und führten ihn zur Wache. Dort wurde ihm eröffnet, er habe Hausverbot.

Glaubhaft versicherte Wolf Biermann, davon wisse er nichts. Die Polizisten brachten ihn zur Kongreßhalle am Alexanderplatz zurück, wo inzwischen der »Jazz und Lyrik«-Abend mit Verspätung doch noch begonnen hatte - die Veranstalter hatten den Künstlern vorgelogen, Biermann sei nach Hause gegangen.

Und wieder kam der Bänkelsänger nur bis ins Foyer: Dort verlas ihm der Kongreßhallen-Direktor von einem Papier die Botschaft, gegen ihn sei tatsächlich seit einem

Jahr Hausverbot erlassen. Biermann wiederholte: »Ich weiß davon nichts.« Der Direktor erläuterte: »Ich weiß es auch erst seit heute.«

Das war der jüngste, bisher vertuschte Vorfall der sozialistischen Dauer-Affäre Biermann, die seit mehreren Monaten immer deutlicher die Zerrissenheit der DDR-Kulturpolitik kennzeichnet. Stets aufs neue wird der Chansonnier von Funktionären örtlicher Partei- und Staatsjugendgruppen eingeladen, seine ketzerischen Lieder zu singen (siehe Kasten Seite 69), und ebenso regelmäßig verhindern andere SED-Funktionäre die Auftritte.

Für die 7. Arbeiterfestspiele der DDR im Juni in Frankfurt/Oder zum Beispiel kündigte das Festprogramm zwei große Lieder- und Chanson-Abende mit Ketzer Biermann an, die dann in letzter Minute abgesagt wurden. Westdeutsche und Schweizer Interessenten, die Biermann zu Gastspielen in den Westen holen wollten (wo inzwischen Biermanns Verse in Buchform erschienen sind*), bekamen dagegen Bescheid, der Künstler sei bis Jahresende »ausgebucht«.

Am Fall Biermann hat sich In der sowjetzonalen Einheitspartei die Grundsatzdiskussion entzündet,

- ob es für den Aufbau des Sozialismus besser sei, wenn die DDR-Kunst und -Kleinkunst bei der bisher bevorzugten »Illustration eines Wunschdenkens bleibt, wie der Mensch zu sein hat« (so der andersdenkende Defa-Regisseur Egon Günther), oder

- ob es richtiger wäre, die SED-Welt so zu zeigen, wie sie wirklich ist (was außer Bänkelsänger Biermann manche andere Kulturkommunisten für zweckmäßig halten).

Besonders in den Kinostücken der Staatsfilmgesellschaft Defa flimmert neuerdings immer häufiger eine etwas realistischere Gesellschafts- und Geschichtsbetrachtung auf (SPIEGEL 47/ 1965). Seit Wochen liegt Im SED-Hauptquartier ein fertiger Film des Regisseurs Kurt Maetzig ("Ehe im Schatten") zur ideologischen Begutachtung vor, der - nach einem bisher unveröffentlichten Roman des DDR-Schriftstellers Manfred Bieler - die politischen Willkürurteile der DDR-Justiz in den ersten Nachkriegsjahren behandelt. Symptomatischer Titel: »Das Kaninchen bin ich.« Einspruch gegen das Lichtspiel erhob unter anderen der Abteilungsleiter im Kulturministerium Bruno Haid, der zwischen 1955 und 1958 stellvertretender DDR-Generalstaatsanwalt war und offenkundig fürchtete, ins Schußfeld der Vergangenheitsbewältiger von der Defa zu geraten.

Und Dichter -Peter Hacks - der wie Bänkelsänger Biermann erst Mitte der fünfziger Jahre aus der Bundesrepublik In die DDR übersiedelte - schrieb fürs Theater einen ähnlich selbstkritischen Stoff wie Manfred Bieler für den Film. Hacksens »Moritz Tassow«, der zur Zeit vor ausverkauften Häusern in Ost-Berlin gespielt wird, kritisiert unumwunden

die fragwürdigen Praktiken bei der Kollektivierung der Landwirtschaft.

Als Schutzengel über dieser avantgardistisch anmutenden DDR-Kunstrichtung schwebt - nach Ansicht der Künstler selber - kein anderer als Walter Ulbricht nebst Staatsratssekretär Otto Gotsche. Der Parteichef und sein Paladin, sonst alles andere als liberal, sind offenbar bestrebt, den Anschluß an die vergleichsweise weitherzige Kulturpolitik anderer Ostblockstaaten nicht zu verpassen. Der Ulbricht-Vertraute Gotsche war es denn auch, der dem Barden Biermann vor einem Jahr eine Westdeutschland-Tournee (SPIEGEL 52/1964) ermöglichte, obschon der Chansonnier wegen seiner aufmüpfigen Gesänge bereits aus der SED ausgestoßen worden war.

Biermanns Gegner, über die künftige Kultur-Parteilinie noch im Zweifel, versuchen unterdessen den unliebsamen Bänkelsänger mit Haus- und Reiseverboten administrativ zu zermürben, totzuschweigen und bange zu machen. ZK-Mitglied Horst Sindermann drohte: »Der Herr Biermann soll sich nicht wundern, wenn eines Tages statt des Milchmanns andere Leute vor seiner Tür stehen.«

* Wolf Biermann: »Die Drahtharfe«. Verlag

Klaus Wagenbach, Berlin; 1965; 78 Seiten; 5,80 Mark.

DDR-Bänkelsänger Biermann: Schutzengel in der Partei

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