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AUSSENPOLITIK Milde Töne

Will das sozialistische Regime in Kuba die Bindung zu Moskau lockern? Die Castro-Insel bemüht sich um engere Kontakte zu Bonn. *
aus DER SPIEGEL 3/1985

Solch ein Rindvieh, schwärmt der Mann im olivgrünen Drillich der kubanischen Revolutionäre, werde es wohl nicht wieder geben. Weit mehr als 10 000 Liter Milch im Jahr habe die verdiente Kuh »Weißer Euter« geliefert. Nun sind ihre Gene der »Königin Amalie« eingepflanzt worden - ein Prachtkalb und Hoffnungsträger der Revolution.

Ramon Castro ist Viehzüchter, er hat seinem jüngeren Bruder Fidel die Revolution überlassen. Der Besucher indes, den Ramon am Montag letzter Woche östlich von Havanna stundenlang über die Vorzeige-Farm »Valle de Picadura« (50 000 Hektar, 31 000 Milchkühe) schleppte, hätte lieber den anderen Castro-Bruder gesprochen.

Helmut Schäfer, der außenpolitische Sprecher der Bonner FDP-Fraktion, soll im Auftrag von Außenminister Hans-Dietrich Genscher erkunden, was hinter dem von den Kubanern geäußerten Wunsch steckt, die Beziehungen zur kapitalistischen Bundesrepublik zu vertiefen. Bonn hofft, daß Fidel Castro, der seit Monaten die westeuropäischen Staaten umwirbt, die Abhängigkeit der Zuckerinsel von Moskau lockern will.

Doch der Maximo Lider, der vor drei Monaten den SPD-Vorsitzenden mit großem Pomp empfangen hatte, ließ den Genscher-Emissär bis zuletzt im Ungewissen, ob er ihn überhaupt sehen wollte. »Wenn der für Willy Brandt neun Stunden Zeit hatte«, klagte der Kuba-Reisende Schäfer dem Fidel-Freund und ZK-Sekretär Jesus Montane sein Leid, »müßte er doch für mich neun Minuten übrig haben.«

Aber auch so fand der Bonner Emissär in Havanna hochrangige Gesprächspartner. Neben dem für Außenpolitik zuständigen ZK-Sekretär Montane, einem Castro-Mitkämpfer aus den frühen Tagen der Revolution, warben auch Parlamentspräsident Flavio Bravo und Kubas einflußreicher Vizepräsident Carlos Rafael Rodriguez bei Schäfer um bessere Kontakte zur Bundesrepublik. Vize-Außenminister Jorge Bolanos erinnert gar an die seit Jahren aus Havanna vorliegende Einladung für Genscher.

Aber der traut sich nicht. Den reisefreudigen Bonner Vizekanzler plagen Berührungsängste. Genscher: »Alles würden mir die Amerikaner verzeihen, nur eine Reise nach Kuba nicht.«

Um keine Nebenkriegsschauplätze mit dem Bündnisführer Washington zu eröffnen, lassen die Bonner ihre Beziehungen zu Kuba schmoren. Dieser Kleinmut steht im Widerspruch zu Genschers Glaubenssatz, die Staaten der Dritten Welt aus dem Ost-West-Konflikt herauszuhalten. Die Comandantes in Havanna begreifen ihr Inselreich, 90 Meilen südlich von Florida, zwar als sozialistischen, aber auch blockfreien Staat. Daß sie in letzter Zeit ihre enge Anbindung an Moskau zu lockern und mehr politischen und wirtschaftlichen Spielraum zu gewinnen suchen, hat schon Willy Brandt bei seinem Besuch erfahren.

Kein Zweifel: Die altgedienten Guerrilleros in Havanna, die ihre Revolution einst nach ganz Lateinamerika exportieren wollten, sind vorsichtig geworden. Zu tief sitzt der Schock der US-Invasion in Grenada aus dem vorletzten Jahr. Zu drückend lasten wirtschaftliche Probleme auf der von den Ostblockstaaten subventionierten Insel.

Genschers Kundschafter Schäfer hat denn auch »keine harschen Töne« gegen die Amerikaner vernommen. Selbstlos und nicht als verlängerter Arm der Sowjets, so Kubas Führer, stünden sie zu Angola und Nicaragua; die Sandinisten in Managua könnten im Falle einer US-Intervention nicht mit kubanischem Beistand rechnen. »Jeder«, so Carlos Rafael Rodriguez zu Schäfer, »muß sich selbst verteidigen.«

Die milden Töne aus Havanna wollen die Bonner gegen die Sowjets nutzen. Die, so Genschers Beamte, könnten sich nicht länger als »natürliche Verbündete« der Blockfreien aufspielen, wenn selbst das sozialistische Kuba schon vorsichtig nach anderen Spielräumen sucht.

Umgekehrt erhoffen sich auch die Kubaner einiges von engeren Kontakten zu Westeuropa. Denn den EG-Ländern, die sich nie an der Handelsblockade gegen die Castro-Insel beteiligt haben, trauen die Kubaner zu, ihren US-Verbündeten von schärferen Sanktionen gegen ihren Staat abzuhalten.

Das Auswärtige Amt ist bereits dabei, die Kubaner beim Wort zu nehmen und für blockfrei zu erklären. Trotzdem laufen seit Monaten die Kontakte nicht mehr wie gewünscht. Der Grund: Die Bonner bestehen darauf, daß die Kubaner bei allen Abkommen mit der Bundesrepublik eine Berlin-Klausel akzeptieren, die für blockfreie, nicht aber für Ostblock-Länder gilt.

Der Unterschied: Die Sowjets und ihre Alliierten dürfen in Verträgen mit den Westdeutschen von »Berlin(West)« sprechen. Alle anderen müssen die Gültigkeit staatlicher Abkommen auch für das »Land Berlin« anerkennen.

In Kuba hat der Bonner Formalismus bereits zu absurden Folgen geführt. Eine von westdeutschen Kirchen und dem Auswärtigen Amt zugesagte Spende für die Restaurierung einer Kirche ist blockiert, weil die Kubaner unter massivem Druck der Sowjets und der DDR die von den Bonnern geforderte Berlin-Formel nicht akzeptieren. Zudem platzte eine Buchausstellung in Havanna, weil die Kubaner für West-Berlin einen Extrastand forderten.

Der Abgeordnete Schäfer konnte den Streit vor Ort nicht schlichten. »Er ist kein Verhandler«, bemerkte ein Bonner Diplomat spitz, »er soll nur die Position erläutern: Wir bleiben hart.«

Irgendwann werden selbst Genschers Tüftler den Kompromiß finden. Schließlich haben die Kubaner schon mehrere Formulierungsvorschläge präsentiert, um die Berlin-Blockade zu überwinden. »Es ist Blödsinn«, erregt sich der Kuba-Reisende Schäfer, »die Kubaner auf diese Weise links liegenzulassen.«

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