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NACHRUF MILDRED SCHEEL †

aus DER SPIEGEL 21/1985

Nennen Sie mich bloß nicht Landesmutter«, mahnte sie die Journalisten 1974 beim Einzug in die Villa Hammerschmidt. Die damals 41 jährige Röntgenärztin, die bis zu ihrer Heirat mit Walter Scheel selbständig gelebt hatte, wollte lieber »Dr. med.« als »First Lady« sein.

Mit saloppen Sprüchen und drei Kindern brachte sie frischen Wind in den Amtssitz, der ihr als Plattform für ihre Lebensaufgabe recht war: Noch im selben Jahr gründete sie die »Deutsche Krebshilfe e.V.«, die sich, »unbürokratisch und direkt«, der Tumorkranken annehmen sollte.

Für die Ziele dieses gemeinnützigen Vereins - bessere Behandlung und Nachsorge Krebskranker, weitere Erforschung der Krankheit - reizte die Mammographie-Spezialistin in der Öffentlichkeit aus, was sie an natürlichen Gaben mitbrachte: drastische Fröhlichkeit, hartnäckigen Optimismus, Freude am Helfen.

Überzeugt vom Sinn der Krebsfrüherkennung, machte sie mit der Sammelbüchse die Runde, bei Rentnern wie bei Großindustriellen. Im Dienst ihrer Sache schreckte sie auch vor »Bild«-Aktionen nicht zurück, stellte sich mit Peter Alexander auf die Bühne, taufte Tanker, ließ sich von Andy Warhol porträtieren und nahm von den Burdas den »Bambi« entgegen.

Das machte die »Krebshilfe« zu einer reichen, »überzeugend stabilen Bürgerbewegung« (so eine Selbstdarstellung von 1983): Innerhalb von zehn Jahren kamen über 200 Millionen Mark Spendengelder zusammen.

In ihrem Engagement scheute sich Deutschlands populärste Ärztin (und dreimalige »Frau des Jahres") auch nicht, die eigenen Kollegen zu schelten: In einer Mediziner-Zeitschrift machte sie 1979 ihrem Unmut über den mangelnden Fortbildungseifer der Ärzte Luft. Die Bundesärztekammer reagierte verstimmt: Frau Scheel habe »rund 60 000 Ärzte beleidigt«, und zwar »auf das schwerste«.

Das unkonventionelle Auftreten der Mildred Scheel, das »Deutsche Ärzteblatt« rügte es als »Personality-Show«, hatte in der Öffentlichkeit so viel Echo gefunden, daß die Standesfunktionäre sich publizistisch in den Schatten gestellt sahen.

Obwohl sie sich, nach eigenem Bekunden, gern unbeliebt machte, hatte die Präsidentin der Deutschen Krebshilfe an diesem Streit doch zu schlucken - zumal ihr vorgeworfen wurde, die Krebsangst eher noch zu schüren. »In die Hunderte«, so hatte sie auf einem Symposium berichtet, gehe die Zahl an sie gerichteter Briefe, in denen Patienten über verschleppte Krebsdiagnosen klagten.

Kritik gab es auch am Programm der Krebshilfe. Der Verein gehe mit dem üppigen Geldzufluß nicht sinnvoll um, hieß es, und finanziere zweifelhafte Projekte. Auch würden, obwohl kein Durchbruch in der Krebstherapie in Sicht sei, zu große Hoffnungen geweckt.

Die Krebshilfe-Präsidentin selber hatte, im Verlauf eines Jahrzehnts, einen strategischen Schwenk vollzogen: Ihr anfängliches Vertrauen in medizinische Großapparate, in Kobaltbomben und Computer-Tomographen, wich; mehr Gelder flossen in die Betreuung Krebskranker und in die Krebsnachsorge.

Im Prinzip aber blieb Mildred Scheel dabei: »Früherkennung und rechtzeitige Behandlung sind die wirksamsten Waffen gegen Krebs.«

In ihrer Zuversicht sollte sie sich getäuscht sehen. Auf die Frage, was für sie das größte Unglück sei, hatte sie vor vier Jahren geantwortet: »Jung zu sterben.« Als ihren »Traum vom Glück« hatte sie damals den »Sieg über den Krebs« bezeichnet, als ihren größten Fehler »Ungeduld«.

Nach einer zweiten Operation - 1984 - mußte sie erkennen, daß auch sie ein Opfer war. Am 2. Februar 1985 noch warb sie, beherzt wie stets, in einer Fernsehsendung für die Krebshilfe. Sie starb am Montag letzter Woche, im Alter von 52 Jahren, an Darmkrebs.

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