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DEUTSCHE BANK Millionen als Handgeld

Mehr als eine Milliarde Mark will die Deutsche Bank ausgeben, um fähige Leute in ihrer Neuerwerbung Bankers Trust zu halten. Doch der Deal ist umstritten.
Von Christoph Pauly und Wolfgang Reuter
aus DER SPIEGEL 50/1998

Frank Newman liebt Glanz und Glamour und vor allem Geld. Noch im Sommer gönnte sich der Chef des amerikanischen Geldinstituts Bankers Trust für 9,8 Millionen Dollar ein feines Appartement in der New Yorker Fifth Avenue. Um seinen Kontostand muß er sich auch künftig nicht sorgen.

Zufrieden lächelnd saß Newman dabei, als Rolf Breuer, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, am Montag vergangener Woche mitteilte, daß sein Haus den US-Konkurrenten übernehme. Newmans Kooperationsbereitschaft wird mit einem Handgeld von zehn Millionen Dollar honoriert.

Es sind nicht die einzigen Kosten, die der Deutschen Bank mit dem Neuerwerb entstehen. Auf die 17,1 Milliarden Dollar, die Breuer für die achtgrößte US-Bank zahlt, kommt noch kräftig was drauf.

Während Tausende von Angestellten, vor allem in den USA, wegen der Fusion um ihren Arbeitsplatz fürchten, plagen den Bankvorstand in Frankfurt ganz andere Sorgen: Er rechnet damit, daß viele Experten des Investmentbankings dem neuen Giganten den Rücken kehren.

Um die dringend benötigten Fachleute zu halten, will ihnen Breuer, so die offizielle Version, rund 700 Millionen Mark Prämien ausschütten. In Wahrheit jedoch lockt die Deutsche Bank mit über einer Milliarde Mark. Das sagte Breuer den Aufsichtsräten in der Sitzung, in der sie den Deal beschlossen.

Newman und vielen seiner Mitarbeiter kamen die großzügigen Deutschen gerade recht. Noch Anfang September hatte der Bankchef einen Rekordverlust von 488 Millionen Dollar allein für das dritte Quartal bekanntgegeben. Doch die triste Realität schien der Bankboß zu ignorieren. Während sich seine Mitarbeiter nach dem Verkündigungstermin auf ein arbeitsreiches Wochenende einstellten, düste Newman mit Gattin Lizabeth im Firmenjet für ein verlängertes Wochenende nach Paris.

Diese Episode, aber auch eine Galanacht in der Carnegie Hall, die Bankers Trust auf Anregung Newmans sponserte, führten zu heftigen Debatten im Aufsichtsrat des US-Instituts. Nicht nur wegen der hohen Verluste - anderen amerikanischen Banken erging es im dritten Quartal ähnlich - schien Newmans Erfolgssträhne beendet. Doch die Deutsche Bank sichert dem 56jährigen jetzt ein glückliches Ende seiner Karriere.

Monatelang hatte Breuer auf den geeigneten Moment gewartet, um sich einen gestandenen Partner für den umkämpften amerikanischen Markt zu sichern. Als die Bankers-Trust-Aktie von über 130 Dollar auf unter 60 Dollar sank, griff er zu.

Breuer will die Deutsche Bank mit allen Mitteln auf der anderen Seite des Atlantiks etablieren. Nun entsteht der weltgrößte Finanzkoloß mit einer Bilanzsumme von knapp 1,3 Billionen Mark und fast 100 000 Mitarbeitern.

Doch vielen Angestellten des neuen Superinstituts macht der Zusammenschluß angst. In den Filialen der Deutschen Bank herrscht Unruhe. Auf einer bundesweiten Betriebsräteversammlung lehnten 430 Arbeitnehmervertreter die Übernahme des US-Konkurrenten ab. Seit die Bank ankündigte, das Massengeschäft abzutrennen, fürchten 17 000 Mitarbeiter um ihren Job.

Auch im Aufsichtsrat ist manchem die Fusion nicht geheuer. »Es geht nicht an«, sagt Gerhard Renner, Gewerkschafter der DAG und Mitglied in dem Gremium, »daß die Inlandsbank ständig gemolken wird, um unkalkulierbare Auslandsrisiken abzudecken.« Schon bei der Übernahme der britischen Investmentbank Morgan Grenfell zahlte die Deutsche Bank reichlich Lehrgeld.

Auch die Aktionäre sind nicht zufrieden und können sich auf viele Analysten stützen. »Zu teuer«, sagen sie über den Kaufpreis für die US-Bank. Der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie sackte seit Bekanntwerden des Deals um 11,6 Prozent ab.

Die Fusion könnte sogar noch teurer werden. »Wir können nicht ausschließen, daß ein Dritter unseren Kaufpreis überbietet«, sagt Josef Ackermann, Mitglied des Bankvorstands in Frankfurt. »Aber wir haben vorgesorgt, daß dies nicht so einfach ist.« Wie sich die Bank schützen will, welche »poison pills« sie ausgelegt hat, will Ackermann nicht preisgeben. Vor allem aber müht sich das Finanzinstitut, gute Leute zu halten. Nicht nur Newman, auch seine mitverhandelnden Top-Manager, allen voran die beiden Investmentbanker Yves de Balmann und Mayo Shattuck sowie Mary Cirillo, Chefin des Billionen-Geschäfts mit der Wertpapierabwicklung, erhalten ein Handgeld von mehreren Millionen Dollar. Dafür arbeiten sie bei den Übernahmeverhandlungen mit den Deutschen zusammen.

Auch andere Top-Manager von Bankers Trust freuen sich auf üppige Summen. Im Gegenzug müssen beispielsweise Ted Virtue, Chef des Firmenkunden-Geschäfts, und Robert Ferguson, Chef der wichtigen australischen Bank-Tochter, dem neuen Institut die Treue halten.

Wenn es der Deutschen Bank nicht gelingt, die besten Kräfte in den USA an ihren Plätzen zu halten, ist die Übernahme von vornherein zum Scheitern verurteilt. »Bei beiden Banken steht die Kundenbeziehung im Vordergrund«, sagt Ackermann. Und das heißt: Wenn die Fachleute gehen, nehmen sie im schnellebigen Investmentbanking nicht nur enge Mitarbeiter, sondern auch ihre Kunden gleich mit.

Die Gefahr einer massenhaften Abwanderung ist groß, weil das Image der Deutschen Bank vor allem in New York nicht das beste ist. In den vergangenen Jahren hatte die Bank ganze Teams mit hohen Garantiegehältern zu sich gelockt, um möglichst schnell auf dem größten Finanzplatz der Welt zum Erfolg zu kommen.

Als die Strategie scheiterte, heuerten Stars wie der High-Tech-Guru Frank Quattrone anderswo an. Normale Angestellte wurden mitleidslos gefeuert. Binnen weniger Monate setzte die Deutsche Bank Hunderte von Bankern vor die Tür. Es war amerikanisches »hire and fire« pur.

In den Handelsräumen und Büros von Bankers Trust sowie der Deutschen Bank in London und New York rechnen jetzt wieder viele mit Entlassung. Die Bank will einerseits fähige Leute halten, andererseits aber 5500 Mitarbeitern kündigen.

»Viele gute Leute suchen bereits einen neuen Job«, sagt eine Wertpapierhändlerin der Deutschen Bank in London. Allerdings ist mit einer großen Kündigungswelle nicht vor Ende Januar zu rechnen. Dann werden an der Wall Street und in der Londoner City die Boni für das vergangene Jahr ausgezahlt. Oft machen die ein Mehrfaches des Fixgehalts aus. Danach heuern die Leute, Söldnern gleich, bei der Konkurrenz an.

Doch so lange will sich die Nummer eins der Finanzwelt nicht Zeit lassen. Breuer drängt zur Eile. Über neue Aufgaben für 200 Führungskräfte sei schon entschieden worden, versicherte er den Aufsichtsräten. »Wir haben Arbeitsgruppen zur Integration unserer Geschäftsbereiche gebildet«, so Ackermann, »die sollen den Betroffenen möglichst schnell ein Angebot machen.«

Wenn sie an Bord bleiben, können vor allem die Mitarbeiter von Bankers Trust mit einer reichen Bescherung rechnen - im Gegensatz zu ihren neuen Kollegen. »Ich gehe nicht davon aus, daß man einem Mitarbeiter der Deutschen Bank etwas dafür zahlen muß, daß er bei uns bleibt«, sagt Ackermann, der selbst schon erfolglos von anderen Banken umworben wurde.

Viele Angestellte in den Filialen des deutschen Traditionshauses müssen sogar mit Gehaltseinbußen rechnen. Etwa 17 000 Mitarbeiter, die für das Massengeschäft mit den Privat- und Geschäftskunden zuständig sind, sollen in einem neuen Kreditinstitut eingesetzt werden, das die bisherige Direktbank-Tochter Bank 24 mit dem Privatkunden-Geschäft der großen Mutter zur »Deutschen Bank 24 AG« vereint. Damit entwickelt die Deutsche Bank für Kunden und Mitarbeiter eine Dreiklassengesellschaft.

Ganz unten stehen die Mitarbeiter der neuen Billigbank. Sie kümmern sich weiterhin um das Massengeschäft, allerdings in einheitlichen Uniformen: Die Damen können zwischen kurzen und langen Röcke oder Hosenanzügen in Blau wählen. Auch moderne Selbstbedienungszonen »in elegantem de Lucci-Look« (Deutsche Bank) sollen die neue, kundenfreundliche Bank zieren.

Die Service-Banker sollen auch samstags arbeiten und statt ihres bislang noch tariflich zugesicherten Weihnachtsgeldes eine keinesfalls garantierte Leistungsprämie erhalten. Stimmen die Gewerkschaften der Verschlechterung nicht zu, droht der zuständige Vorstand Tessen von Heydebreck, mit der neuen Bank nicht in den Arbeitgeber-Verband einzutreten - und so den Tarifvertrag auszuhebeln.

Aus Sicht der Gewerkschaft HBV ist das Erpressung. In Magdeburg drohten die Betriebsräte, bei der Einführung des Euro Dienst nach Vorschrift zu leisten - und Überstunden nicht zuzustimmen.

Derweil versuchen viele Mitarbeiter, in die neue Mittelschicht aufzusteigen und bei den geplanten Zentren für das Private Banking unterzuschlüpfen. Dort betreuen höherqualifizierte Banker die betuchtere Kundschaft. Nur wer über ein Depot von mehr als 100 000 Mark oder ein Vermögen von 150 000 Mark verfügt, ist willkommen.

Mit wachsendem Mißvergnügen betrachten die Mitarbeiter in den Filialen schon heute die stattlichen Gehälter der Investmentbanker, der inoffiziellen Oberschicht im Bankgewerbe. »Den Leuten von Bankers Trust wird jetzt sogar noch etwas draufgelegt«, sagt Betriebsrat Wolfgang Monden: »Und wir, die Mitarbeiter in den Filialen, müssen es bezahlen.«

CHRISTOPH PAULY, WOLFGANG REUTER

[Grafiktext]

Große Scheine und Kleingeld Jahresgehälter bei Banken in Mark INVESTMENTBANKING Top-Investmentbanker international bis zu 30 Millionen Top-Investmentbanker Deutschland bis zu 3 Millionen VORSTAND Vorstandsmitglied Deutsche Bank ca. 2 Millionen SPEZIALISTEN * Leiter des Rentenhandels 700000 bis 1200000 Erfahrener Wertpapierspezialist 300000 bis 600000 FÜHRUNGSKRÄFTE * Hauptabteilungsleiter 249000 bis 312000 Abteilungsleiter 147000 bis 199000 UNTERE GEHALTSTARIFE * Bankkaufleute Einstiegsgehalt 42536 bis 44252 Schalterangestellter 10 Berufsjahre 61373 Quellen: Geschäftsbericht Deutsche Bank, Russell Reynolds Associates, Kienbaum und Partner, Gewerkschaft HBV * in Deutschland

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Jahresgehälter bei Banken in Mark

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Große Scheine und Kleingeld Jahresgehälter bei Banken in Mark INVESTMENTBANKING Top-Investmentbanker international bis zu 30 Millionen Top-Investmentbanker Deutschland bis zu 3 Millionen VORSTAND Vorstandsmitglied Deutsche Bank ca. 2 Millionen SPEZIALISTEN * Leiter des Rentenhandels 700000 bis 1200000 Erfahrener Wertpapierspezialist 300000 bis 600000 FÜHRUNGSKRÄFTE * Hauptabteilungsleiter 249000 bis 312000 Abteilungsleiter 147000 bis 199000 UNTERE GEHALTSTARIFE * Bankkaufleute Einstiegsgehalt 42536 bis 44252 Schalterangestellter 10 Berufsjahre 61373 Quellen: Geschäftsbericht Deutsche Bank, Russell Reynolds Associates, Kienbaum und Partner, Gewerkschaft HBV * in Deutschland

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Jahresgehälter bei Banken in Mark

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