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CHINA / BÜRGERKRIEG Millionen Helden

Alles, was der Feind bekämpft, müssen wir unterstützen; alles, was der Feind unterstützt, müssen wir bekämpfen. Mao Tse-tung
aus DER SPIEGEL 35/1967

Überall im Riesenreich der Mitte kämpfen Chinesen gegen Chinesen, Kommunisten gegen Kommunisten. Aber zwischen Freund und Feind kann kaum noch einer unterscheiden -- denn aller Schlachtruf ist Mao.

Im Namen des gelben Gottes stürmten im zweiten Jahr der Großen Proletarischen Kulturrevolution in der Messestadt Kanton zehntausend Rotgardisten mit Äxten, Messern, Steinen und Pfeilen auf andere Rotgardisten los: Sie beschuldigten einander, die Weisheiten des Oberrevolutionärs Mao falsch ausgelegt zu haben.

Auf der Walstatt der Schlacht um Worte blieben -- so meldeten Wandzeitungen der Gardisten -- fünfhundert Tote.

Sie hingen an Bäumen und Laternenpfählen. Sie lagen an Flußufern und Rinnsalen -- mit abgehackten Händen und Füßen, abgeschnittenen Nasen, Ohren und Lippen. Mit Fabrikloren aus einem nahen Stahlwerk wurden Tote und Verwundete vom Kampfplatz gefahren.

Die Massaker dehnten sich auf die Provinzen Kwangtung und Fukien aus. »In allen Gebieten« der Volksrepublik China kam es -- so die »Volkszeitung«, das Sprachrohr der chinesischen Kommunisten -- »zu verrückten neuen Angriffen«.

Chinas größte Stahlwerke um Anshan (Mandschurei) sind durch Schlachten zwischen Rotgardisten, Miliz, Arbeiterbataillonen und Armee lahmgelegt. Auf den Ölfeldern von Tatscheng in Ostchina rebellierten 13 000 Arbeiter gegen Peking. In der Provinz Tschekiang brach ein Bauernaufstand aus. Die Provinz Szetschuan, Chinas Kornkammer mit über 70 Millionen Menschen, befindet sich als »unabhängiges Königreich« -- so das KP-Zentralorgan -- in den Händen von Mao-Gegnern, gegen die vergebens Artillerie eingesetzt wurde.

Tausende Tote gab es bei Krawallen und Straßenschlachten von Jünnan bis Tibet. Allein in den letzten Tagen kamen Bürgerkriegs-Meldungen aus Mukden, Harbin, Tschangtschun, Kinn, Schanghai, Wuhan, Tschungking und Lhasa.

Die Große Proletarische Kulturrevolution, die Mao vor anderthalb Jahren gegen Parteibürokratismus und Revisionismus entfesselte, trat in ihre dritte und kritische -- Phase:

> In der ersten Phase des Machtkampfs zwischen den roten Gelben verschiedener Schattierung eroberten die Maoisten Peking und den Propagandaapparat der Partei.

> In der zweiten Phase gelang es Mao, den Funktionärsapparat zu unterhöhlen und große Teile des Landes mit Hilfe von Rotgardisten-Terror unter revolutionären Druck zu setzen.

> In der dritten Phase leisten Parteibürokratie und Bevölkerung wachsenden Widerstand.

Seither treibt China dem Chaos zu, seither wiederholt sich jenes Bild, das China in seiner Geschichte oft geboten hat, wenn eine dekadente Dynastie zerbröckelte: Lokalfürsten suchen ihren Herrschaftsbereich vor den Wirren des totalen Nachfolgekampfes zu bewahren -- wenn nötig, mit Waffengewalt.

Maos Kulturrevolution artet immer mehr in offenen Bürgerkrieg aus -- einen Kampf, in dem der gelbe Gott zu unterliegen droht. Denn der Befreier Chinas kann heute nicht einmal mehr auf jene Bataillone zählen, die er als Reserve in die Entscheidungsschlacht warf: die 2,5 Millionen Soldaten der Volksbefreiungsarmee,

Das wurde erstmals offenbar, als die »Armeezeitung« in Peking »alle Soldaten« beschwor, »genau zwischen Freund und Feind zu unterscheiden«. Das wurde vollends klar im Verlauf eines Geschehens, für das die nüchterne Hongkonger »Far Eastern Eco-

* Bei einem Tanz zu Ehren von Mao Tsetung.

nomic Review« die Bezeichnung »Geschichte des Jahres« wählte: der Wuhan-Zwischenfall.

Wuhan am Jangtsekiang ist Chinas fünftgrößte Stadt und eines seiner wichtigsten Industriezentren. In Wuhan schwamm Mao vor einem Jahr fünfzehn Kilometer durch den Strom. In Wuhan fochten Maoisten und Anti-Maoisten seit Monaten erbitterte Kämpfe aus. Allein zwischen April und Juni gab es 240 blutige Krawalle.

Die Mao-Feinde behielten die Oberhand -- und sie sperrten zeitweilig sogar die

Jangtse-Brücke, über die Chinas wichtigste Nord -- Süd -- Bahn Verbindung führt.

Ende Juli entsandte Mao zwei seiner treuesten Spitzenfunktionäre nach Wuhan: Geheimpolizeichef Hsieh Futschi, derzeit Nummer vier in der gelben Machtpagode, und Wang Li, Chefredakteur der »Volkszeitung« und oberster Propagandachef der Partei.

Die beiden sollten Wuhan zurückgewinnen. Doch der Militärbefehlshaber von Wuhan, General Tschen Tsa-tao, lieferte die beiden Maoisten einer tobenden Volksmeute aus, die von einer Anti-Maoisten-Organisation namens »Millionen Helden« geleitet Wurde.

Geheimpolizei- und Propagandachef wurden mit dem Schandsymbol -- weißen Papierhüten auf den Köpfen -- durch die Straßen getrieben, geschlagen und gedemütigt.

Dann setzte General Ttschen die beiden Botschafter aus Peking fest. Erst nach ultimativer InterVention aus der Hauptstadt kamen sie frei.

Später schickte Peking Fallschirmjäger und Kanonenboote gegen die Rebellen-Stadt. Zwar meldete die »Volkszeitung«, die »Revolte« sei niedergeschlagen, General Tschen gefangen -- aber gleichzeitig berichtete sie von Immer neuen Kämpfen. Bis zur letzten Woche war völlig ungewiß, wer in Wuhan herrschte.

Seit dem Wuhan-Aufstand aber desertieren ganze Armee-Einheiten, um sich den Rebellen anzuschließen. Die Londoner »Times« sah Rotchina einer neuen Ära der Warlords -- der einstigen Bandengeneräle -- entgegentaumeln, die »Armeezeitung« warnte Soldaten und Milizionäre davor, »bedingungslos Befehle von falschen Führern entgegenzunehmen« -- vergebens.

Denn die örtlichen Militärkommandeure, die gegen Anti-Maoisten in Marsch gesetzt wurden, schlugen oft die falschen Feinde. Und die einfachen Soldaten konnten kaum entscheiden, wer richtiger oder falscher Führer war. Denn auch jene Offiziere, die das Chaos von ihren Regionen abwenden woll-

* Bei der Abgabe von Loyalitätserklärungen für Mao Tse-tung.

ten, beriefen sich bei ihrem Widerstand gegen Mao-Truppen auf den großen Mao.

Der junge Mao hatte einst verkündet, die Partei müsse stets dem Gewehr befehlen -- im China des Greises Mao befiehlt immer öfter das Gewehr der Partei. Viele Offiziere wollen das Land im Inneren nicht utopischen Ideen opfern und es nach außen nicht schutzlos sehen -- sie rebellieren.

Obwohl Mao selbst alle Kommandeure der Militärregionen zum Tag der Armee am 1. August

nach Peking lud, erschienen nur vier von 13 Befehlshabern in der Hauptstadt.

Und die Rebellion schreitet fort, obwohl die Kader rücksichtslos gesäubert wurden: 47 Generäle und fünf Vizeadmiräle sind der Kulturrevolution bereits zum Opfer gefallen. Der Generalstabschef der Armee und zwei seiner Stellvertreter, drei stellvertretende Marine-Oberbefehlshaber und die gesamte Artillerie-Führung, der Chef der Luftabwehr und sieben der acht stellvertretenden Befehlshaber der Luftwaffe wurden abgesetzt.

Denn die Luftwaffe, so enthüllte Radio Peking Anfang August, habe seit letztem Sommer zweimal versucht, Mao zu stürzen.

Trotz der Säuberungen fordern die Maoisten eine »völlige Reform der Armee«, da es in ihr eine »reaktionäre Richtung« gebe.

Die Armee hat sich erst in vier der 28 Provinzen Chinas mit Rotgardisten und Mao-treuen Parteifunktionären zu sogenannten Revolutions-Komitees vereinigt, die nach Maos Willen überall die Verwaltung an sich reißen sollen.

In allen anderen Gebieten -- den reichsten und wichtigsten Chinas -- herrschen entweder erklärte Mao-Feinde (wie in Sinkiang, der Mongolei, Tibet und Szetschuan), oder aber es herrscht das Chaos.

Fortschritte für. Mao und seine Revolution gibt es fast nirgends. Denn die »Handvoll Revisionisten«, deren Ausmerzung die Maoisten seit Beginn der Kulturrevolution fordern, sind in Wahrheit eine solide Mehrheit innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas.

Deswegen konnte sich Mao auch bisher nicht einmal seines Hauptfeindes endgültig entledigen -- des »chinesischen Chruschtschow«, Staatspräsident Liu Schao-tschi.

Längst wurde Liu von Rotgardisten als abgesetzt bezeichnet -- aber er ist immer noch Staatsoberhaupt. Kein Volkskongreß -- das allein dafür zuständige Gremium -- hat ihn je gestürzt, kein Zentralkomitee ihn seiner Parteiämter entkleidet. In beiden Körperschaften ist Mao in der Minderheit.

»Die Mehrheit«, tobte denn auch die »Volkszeitung«, »die sich gegen die obersten Interessen der breiten Massen wendet, ist im Grunde eine Minderheit.«

Doch bei einer Abstimmung bliebe die Mehrheit siegreich -- und deshalb riskiert Mao lieber den Burgerkrieg, der alles zu zerstören droht, was Rotchina in zwei Jahrzehnten erreicht hat.

»Die gegenwärtige Große Kulturrevolution«, ließ Mao verkünden, »ist nur die erste. Ihr werden unausweichlich noch andere folgen -- zwei, drei oder auch noch mehr.«

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