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FERNSEHEN / WERBE-LIZENZ Mindestens 100

aus DER SPIEGEL 43/1969

Bundespostminister Stücklen hat mich immer rausgeschmissen«, erinnert sich der Hamburger Werbeberater Karl Lesch, 58. Bei Stücklen-Nachfolger Werner Dollinger wurde dem Hanseaten offenbar sanfterer Umgang zuteil: »Dollinger ist der beste Postminister, den wir je hatten.«

Lesch preist Dollinger ("Herr Lesch ist weder mein Freund noch mein Duzfreund") nicht von ungefähr. Denn der Bonner Minister bat noch in den letzten Tagen seiner Macht dem Hamburger Werbeberater, der sein Geld mit TV-Expertisen verdient, zu einem bundesweiten Renommee verholfen.

Lesch, der sich selbst als »hauptberuflichen Anwärter auf ein Privatfernsehen« bezeichnet und sich rühmt, schon 1954 als erster Deutscher überhaupt eine Fernseh-Lizenz beantragt zu haben (Lesch: »Die schrieben mir damals, dazu sei die Bundesrepublik noch nicht souverän genug"), hatte im Oktober wieder mal nachgefaßt und für seine »Fernseh und Rundfunk Versuchs-GmbH«, Sitz Kiel, beim Bundespostministerium eine »Versuchssendelizenz« im neuentwickelten »12-Gigahertz-Bereich« beantragt.

Leschs Routine-Vorstoß ("Ich kenne Dollinger seit zehn Jahren") führte unverhofft zu einem Briefwechsel zwischen Bonn und Kiel. Dollinger schilderte in einem 15-Zeilen-Brief die Wünsche der Versuchs-GmbH und fragte den Kieler Landeschef Helmut Lemke, »ob von Ihrer Seite Einwendungen dagegen erhoben werden«. Lemke hatte im Antwortschreiben an Dollinger »gegen eine von Ihnen zugeteilte Versuchsfrequenz« nicht viel einzuwenden; denn -- so der Brief aus der Staatskanzlei -- ein eigenes Landesgesetz, um »eine Lizenz zu erteilen oder zu versagen, besteht nicht«.

Und den TV-Dauer-Anwärter Lesch ließ Dollinger in einem Brief wissen, »daß die Deutsche Bundespost bereit ist, im Rahmen der Möglichkeiten die technischen Voraussetzungen für Ihr Vorhaben zu schaffen«.

Die gesetzlichen Voraussetzungen für ein privates Fernsehen indessen sind bislang außerhalb des Saarlandes (siehe Seite 117) nirgendwo geschaffen worden. Gleichwohl mußte der ebenso legere wie dilettantische Briefwechsel den Eindruck erwecken, daß in Lemkes Land, in dem sich einst der TV-Interessent Springer den damaligen Landtagsvizepräsidenten Arthur Schwinkowski für 2000 Mark monatlich als Fernsehberater heuern konnte, alles möglich sein könnte.

SPD-Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Wischnewski bezeichnete Dollingers Kabinett-Stück vor der Bundespressekonferenz als »skandalösen Vorgang« und »Handstreich«. Und Medien-Experten machten sich auf die späte Aktivität des scheidenden Ministers einen Wilheim-Busch-Reim: »Und er brät noch schnell ein Ei, und dann kommt der Tod herbei.«

Während Bonns Dollinger am Freitag letzter Woche die Nord-Schau wieder abdrehte ("Eine Genehmigung zum Errichten und Betreiben einer Fernseh-Rundfunksendeanlage im 12-Gigahertz-Bereich ist nicht erteilt worden"), bereitete sich Lesch in Hamburg auf seine Schirmherrschaft vor: »Der Durchbruch muß geschehen.«

Über Sendemasten in Wedel, Lauenburg, Itzehoe, Flensburg, Rendsburg, Kiel, Lübeck und Husum möchte der TV-Planer die Bevölkerung in Hamburg und Schleswig-Holstein mit Farb-Programmen und mit »unaufdringlicher Werbung« versorgen. Leschs Negativ-Beispiel aus Amerika: »Hätte Beethoven »Camel« geraucht, wäre die Unvollendete vollendet worden.«

Unvollendet bleibt vorerst auch der norddeutsche TV-Traum. Doch obschon bislang ohne Lesch-Papier aus Bonn, wirbt der TV-Dauer-Anwärter unverdrossen ("Ich bin ein großer Optimist") schon jetzt um weitere Partner aus Presse und Wirtschaft. L. »Ich habe schon genügend Interessenten -- mindestens 100.«

Als Gesellschafter gewann er vorläufig freilich nur einen: die Hamburger Vertriebsgesellschaft »Miwell«, die einen 10-Prozent-Anteil an Leschs »Versuchs-GmbH« hält und vorderhand Mikro-Wellen-Öfen verkauft. Für Lesch ist auch das ein interessanter Partner: »Ich interessiere mich eben für alle Arten von Wellen.«

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